Walkaway

Können wir aus der Welt, die wir kennen, einfach aussteigen ? Der amerikanische Blogger, Journalist und Schriftsteller Cory Doctorow hat mit seinem Roman Walkaway eine spannende Dystopie geschrieben, in der es genau darum geht: die Aussteiger*innen gehen einfach weg. Sie suchen ihre Rettung im Default, einer neutralen Zone, dort gibt es eine Welt ohne Geld und Bewusstsein auf einem Computerchip.

„Das Bier war selbstleuchtend und biolumineszent. Hubert Etcetera fragte sich besorgt, was wohl in den transgenen Jesusmikroben stecken mochte, die fähig waren, Wasser in Bier zu verwandeln.“

Alles beginnt mit einer ausschweifenden Party, die ziemlich detailreich geschildert wird. Doch die Schattenseiten zeigen sich schnell: die Menschen werden überwacht. Jobs gibt es ohnehin nicht mehr, nur die Superreichen profitieren vom System. Seth, Hubert (der noch 18 andere Namen hat), und Natalie lernen sich auf der Party kennen. Als überraschend ein gemeinsamer Freund stirbt, bleibt ihnen nur noch die Flucht in die neutrale Zone, die gleichzeitig einen Bruch mit den bisherigen Lebensgewohnheiten bedeutet. Für die Superreichen (die sogenannten „Zottas“) sind die Menschen des Walkaway Terrorist*innen. Aber Seth, Hubert und Natalie werden gut aufgenommen. Sie lernen Limpopo kennen, eine erfahrene Walkaway, die ihnen die grundlegenden Regeln der Gemeinschaft erklärt.

Die Technik ist soweit fortgeschritten, dass man alles lebenswichtige, mit einem 3D-Drucker kostenlos herstellen kann. Kleidung, Ausrüstung und Gerätschaften. Die Walkaways sind aus kapitalistischen Zusammenhängen ausgestiegen. Es gibt kein Geld, es gibt kein Belohnungssystem, es gibt keine Anführer*innen. Manche Neuankömmlinge tun erst einmal gar nichts, aber auch das ist für die Gemeinschaft in Ordnung. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie mithelfen wollen. Ohne Zwang und ohne Verpflichtungen. Jede*r sucht sich in dieser utopischen Gesellschaftsform einen Job, der zu ihm passt, weil er dadurch der Gemeinschaft hilft. Die globale Bewegung ist so anziehend, dass immer wieder neue Menschen dazustoßen. Wenn die Zottas die Aussteiger*innen angreifen und ihre Unterkünfte zerstören, gehen die Walkaways einfach weg. Sie können an anderen Orten ihr Leben wieder aufbauen.

Seth, Hubert Etcetera und Natalie nutzen ihre Chance, um sich bei den Walkaways neu zu erfinden. Sie geben sich neue Namen und versuchen sich an die neue Gemeinschaft zu gewöhnen. Das geht nicht ohne Reibereien und Konflikte. Ich hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Doctorow unglaublich viel über Gruppenprozesse und die dahinter liegenden soziologischen Theorien weiß. Das hat mir gefallen, sorgt aber auch für einige Längen. Hinzu kommt, dass Doctorow viele Begriffe neu erfindet, die den Lesefluss zunächst etwas einschränken. Hat man aber den etwas holprigen Anfang geschafft, entwickelt sich der Roman zu einem Pageturner, in dem Doctorow viele unerwartete Ereignisse einbaut. Überraschend wird Natalie, die im Walkaway „Iceweasel“ heißt, von ihrem Vater, einem reichen Zotta, entführt. Er versucht seine Tochter umzuerziehen, damit sie sich die Ideale der Walkaways aus dem Kopf schlägt und genau wie ihre Herkunftsfamilie lebt. Aber damit ist Iceweasel nicht einverstanden und sie bekommt unerwartet Hilfe. Den Walkaways ist es durch intensive Forschung gelungen, neue Technologien auf bisher unbekannte Weise zu nutzen. Ihnen gelingt es, das Bewusstsein eines Walkaways in eine Cloud zu laden. Obwohl sein Körper bereits verstorben ist, wird sein Geist unsterblich. Diese Idee erinnerte mich schon stark an Hologrammatica. Waren in dieser Science-Fiction-Welt aber immerhin noch andere Körper als „Gefäße“ für das eigene Bewusstsein vorgesehen, die man nach Belieben tauschen kann, wird in Doctorows Version ganz auf die Körper verzichtet. Ein kleiner Preis für die Unsterblichkeit

Leider wirken einige Passagen des Romans, besonders am Anfang, doch sehr theoretisch, gerade wenn es um die Konstitution einer neuen Welt geht, hat Doctorow sich von vielen verschiedenen soziologischen Theoretiker*innen inspirieren lassen, deren unterschiedlichen Beschreibungen der Wirklichkeit sich nicht ganz nahtlos in die Welt des Romans einfügen. Nach diesem eher holprigen Anfang, wird die Geschichte aber spannend, sobald die drei Protagonist*innen im Walkaway sind. Besonders gefallen hat mir die Selbstverständlichkeit mit der vermeintliche Grenzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgelöst werden. Namen, Körper, Gender, Begehren, sind nicht statisch, sondern können von den Walkaways ganz neu interpretiert werden.

Walkaway ist eine sehr spannende und gut gemachte Dystopie, die viele gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt und in einen neuen Zusammenhang stellt. Lässt man sich von den ersten 200 Seiten nicht abschrecken, kann man mit diesem Roman sehr viel Spaß haben.

Cory Doctorow – Walkaway. Übersetzt von Jürgen Langowski. Heyne 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr auf

Zeichen und Zeiten

let us read some books

Mikka liest

Wir, die wir jung sind – Alles für die Company

„We that are young, shall never see so much, nor live so long“, das sind die letzten Verse aus Shakespeares Stück King Lear und Wir, die wir jung sind ist auch das Debüt der indischen Schriftstellerin Preti Taneja, die den ursprünglichen Klassiker der englischen Literatur in das moderne Indien des 21. Jahrhunderts verlegt. Man muss den preisgekrönten Roman aber nicht als Shakespeare-Adaption lesen, auch als düstere Familientragödie im Bollywood-Setting funktioniert der Roman ziemlich gut.

In Tanejas Version ist König Lear der ehemalige Maharadscha Devraj Bapu, ein Wirtschaftsmogul, Chef der „Company“ und Patriarch einer einflussreichen Familie. Ihm gehören Shoppingzentren, Hotels und Textilfabriken. Er handelt mit Autos, Waffen, Beton. Menschenrechte, Arbeitsrechte, umweltpolitische Standards oder der Kaschmirkonflikt, sind ihm dabei einerlei. Alles, was ihm Geld bringt, ist legitim. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Bapus Erfolg kommt nicht von ungefähr: er bedroht Journalist*innen und besticht Politiker*innen und natürlich kommt er damit durch. Wöchentlich hält er in seinem Palast Saufgelage für junge, aufstrebende und machthungrige Karrieretypen, die auch ein Stück vom Kuchen haben wollen und die für ihre Ziele, nicht nur sprichwörtlich, über Leichen gehen.

Doch es droht eine Zeitenwende im Königreich. Devraj hat in Anbetracht seines Alters beschlossen, die Firma unter seinen Erben aufzuteilen. In Frage kommen seine drei Töchter Gargha, Rada und Sitha. Gargha ist eine kluge Unternehmerin, die schon viel für die Firma getan hat und am meisten Erfahrung besitzt. Sie hat kein Problem damit, denselben Weg einzuschlagen, den ihr Vater ihr vorgelebt hat. Korruption gehört zum guten Ton. Rada ist für die Firmen-PR verantwortlich, sie ist materialistisch und verschwenderisch und genießt das Leben im Palast des „Königs“. Natürlich haben beide Töchter auch noch Ehemänner, die ebenfalls noch ein Wörtchen mitzureden haben. Nur Sita ist eine Ausnahme. Sie hat in England studiert, ist nicht verheiratet und das Nesthäkchen der Familie. Außerdem ist sie Feministin und Umweltaktivistin und ist schon allein deshalb für ihren Vater eine eher schwierige „Lieblingstochter“. Um einer arrangierten Ehe zu entgehen, läuft sie von Zuhause weg und setzt damit eine Kette von Ereignissen in den Gang, die zur absoluten Tragödie führen.

Denn es sind nicht nur die Frauen, die darauf warten, endlich aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht und damit an die Spitze der Company zu gelangen. Der langjährige Geschäftspartner von Devraj, Ranjit Uncle, seines Zeichens verantwortlich für Sicherheitsfragen in der Company, hat einen ganz anderen Plan. Er hat zwei Söhne, die sich seiner Meinung nach, auch gut an der Firmenspitze machen würden. Sein ehelicher Sohn Jeet ist in illegalen Kunsthandel verstrickt und versteckt die Treffen mit seinen Liebhabern vor seinem Vater, der natürlich schon längst über die Geheimnisse seines Sohnes Bescheid weiß. Zwischenzeitlich verschwindet Jeet von der Bildfläche und versteckt sich im Slum. Dort verzichtet er auf alle Privilegien und ist quasi obdachlos. Seine asketische Lebensweise kann ihn aber auch nicht retten.

Jivan ist Ranjits unehelicher Sohn aus einer Affäre mit einer Tänzerin, die Indien verlassen hat und in die USA ausgewandert ist. Am Anfang des Romans lernen wir Jivan kennen, für den das Leben in Indien so exotisch, wie verführerisch ist. Ohne von den familiären Streitigkeiten und Differenzen zu wissen, ist er nach Indien gekommen, um sich ein wenig von seinem stressigen Studium zu erholen und nach dem Tod seiner Mutter in sein altes Heimatland zurückzukehren. Das in der Company bereits ein Job auf ihn wartet, kommt ihm sehr gelegen. Ohne lange zu fackeln, setzt er sich bereitwillig ins gemachte Nest.

Alle potenziellen Firmenerb*innen kennen sich sehr gut. Rada, Gargha, Sita, Jeet und Jivan können auf eine gemeinsame Kindheit zurückblicken, sie sind zusammen im Palast aufgewachsen und werden nun zu Konkurent*innen. Am Ende wird der Patriarch dem Wahnsinn verfallen – und damit ist Taneja wieder nah am Original, inklusive Blendung eines untergebenen Dieners.

Taneja schreibt manchmal etwas blumig, immer sehr nah an ihren Figuren. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Figur erzählt. Oft ist der Text mit verschiedenen Wörtern Hindi durchsetzt, was mir sehr gefällt. Leider kann man nicht alle Begriffe im Glossar finden und nicht immer sind sie indirekt übersetzt, wie in diesem Beispiel.

‚Jivan, weißt du wovon sie redet? Seht nur – unser Foreign Return kennt nicht mal die Grundzüge des Mahabharat!‘

‚Kinderkram‘, sagt Jivan. ‚Ich kann zählen, wie viel du mir schuldest und das genügt mir.‘

‚Diese Dinge solltest du aber kennen‘, sagt Radha. Laut unseres ortsansässigen Weisen Bubu, hamare apne India mein, yeh chize pata honi chahiye, nahin toh sab toot jayega. Kapiert? Armer Jiju. Ich will’s dir erklären. In unserem Indien sollte man diese Dinge kennen, sonst ist alles verloren. Nein, ‚toot jayega‘ bedeutet ,alles geht kaputt‘. Wie auch immer. (S.284)

Obwohl der Patriarch auf die Firma verzichtet hat, kann er nicht leben, ohne sich weiterhin einzumischen. Um die Erfolgsstrategie seiner Töchter zu untergraben, tourt er durch das Land, um vor seinen korrupten Töchtern zu warnen, die die Company ins Verderben stürzen würden, wie unerfahrene Frauen das eben so tun. Seine 90-jährige Mutter ist mit von der Partie und sorgt so für Neid und Missgunst unter den Schwestern. Gleichzeitig beginnt der alte Mann seinen Verstand zu verlieren und sein Geheimdienstchef Rajit Uncle hat nur auf den richtigen Moment gewartet. Und dann geht wirklich “alles kaputt“. Der Machtkampf zwischen den Generationen und Geschlechtern spitzt sich unaufhörlich zu und endet in einer grausamen Familien- und Naturkatastrophe. Zur Eröffnung eines neuen Hotels in der politisch umkämpften Kaschmirregion, zieht ein gewaltiger Sturm auf. Nicht alle Mitglieder der Familie werden den Sturm überleben.

Neben literarischen Anspielungen von Shakespeare über Wolf, bietet der Roman viele interessante Einblicke in politische und historische Ereignissen in Indien (Nationalismus, Kashmirkonflikt etc.). Viele Figuren sind sehr überspitzt dargestellt und zwischendurch werden ihre Verfehlungen sehr ironisch übertrieben.

Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft, zeigt sich anhand der Schwierigkeiten der Töchter, die nicht immer ihr Glück finden werden. Am Ende des Romans sind die meisten Protagonist*innen gestorben.

Preti Taneja erzählt sehr intensiv, ausdrucksstark und mit einem guten Gespür für Timing und Dramatik. Die Geschichte ist farbenprächtig erzählt und ist gleichzeitig auch eine Herausforderung. Thematik und Länge werden nicht jedem liegen, mir hat der Roman sehr gefallen.

Preti Taneja – Wir, die wir jung sind. Aus dem Englischen von Claudia Wenner. C. H. Beck 2019. 628 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

Eine weitere Rezension findet ihr hier:

Literaturreich

Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger hat ein Problem. Er kann seine Miete nicht mehr bezahlen. Der shoppingsüchtige Schauspieler aus dem 7. Wiener Bezirk hat Steuerschulden und sein Engagement wurde nicht verlängert. Außerdem hat sich seine Freundin Stephi in einen anderen verliebt, mit dem sie jetzt gemeinsam an der Uni Heidelberg Vorträgen zur Altphilologie lauschen darf. Was vielleicht auch daran lag, dass Lorenz auf ihre Frage nach Kindern mit „Ja, irgendwann später“ geantwortet hat. Außerdem hat Lorenz sich auch nur leidlich für ihr Dissertationsthema über Totenkulte in der Antike interessiert. Mit seinem letzten Geld setzt Lorenz sich in ein Taxi und lässt sich zu seinen drei Tanten Hedi, Wetti und Mirl und seinem Onkel Willi kutschieren. Zuhause bei der Familie Prischinger hat das Heimatgefühl sehr viel mit der Kochkunst der Tanten zu tun. Der vegetarisch lebenden Stephi wurde schon früher gerne Bauchspeck zum Frühstück gebraten und kaum kommt Lorenz an, übertreffen sich die Tanten darin, den Lieblingsneffen zu bekochen und ihn ansonsten in Ruhe zu lassen („Auf dem Ofen brodelte das kochende Wasser, als wollte es die Erdäpfel aus dem Topf vertreiben.“) . Dass er sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, schieben sie unter anderem seinem Vater in die Schuhe, der den Jungen ohne Ende verhätschelt hätte. Festlich gespeist wird trotzdem, während sich die Tanten beim braten, kochen, abschmecken, schnibbeln und frittieren über das Leben unterhalten und hoffen, dass der Junge noch einmal die Kurve kriegt (mit über 30 ist Lorenz zwar schon sehr erwachsen, aber Zuhause bleibt man eben immer das Kind). Als überraschend Onkel Willi verstirbt (man kann ihn zum Glück noch in die Kühlung vom benachbarten Fleischer schieben), stehen Lorenz und seine Tanten vor einem Problem. Willis letzter Wunsch war, in seinem Heimatland Montenegro begraben zu werden. Das Ersparte für die Überführung hat Hedi allerdings der gemeinsamen Tochter gegeben, die in ein veganes Start-Up investiert hat. Das Geld ist weg, es muss improvisiert werden und dann geht es fast schon kapitalismuskritisch („Die Überführung ist für die Reichen, die Straße für die Armen“) los. Der tiefgefrorene Onkel Willi, Lorenz und seine Tanten, fahren in einem Panda von Wien nach Montenegro.

Erzählerisch changiert die Geschichte zwischen dem Roadtrip und verschiedenen Episoden aus dem Leben der drei Tanten, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Daher auch der Untertitel: Die Manen sind Geister der Verstorbenen aus der antiken Mythologie, die bis in die Gegenwart Einfluss auf das Leben der Hinterbliebenen haben. Gestorben wird immer und so erfahren die Leser*innen nach und nach von den Verlusten der Tanten. Dramaturgisch geschickt, führt Vea Kaiser die verschiedenen Erzählstränge des Familienepos zusammen, die allerdings hin und wieder auch ein sehr genaues Lesen erfordern. Schon der erste Rückblick erinnert an Romane von John Irving, dem us-amerikanischen Großmeister der vertrackten Familiengeschichte. Das Familienmotto der Prischingers lautet „Keiner wird zurückgelassen“. Nanerl, der Zwillingsbruder von Hedi, hat das Motto geprägt. Die Geschwister wachsen in der Nachkriegszeit auf einem nieder-österreichischen Bauernhof im Waldviertel auf, auf dem Hof leben russische Besatzungssoldaten und (deswegen Irving) ihre dressierten Bären. Für Nanerl ist das eine traumhafte Situation, er möchte einmal einen eigenen Zirkus haben. Wie ein kleiner versteckter Hinweis, ist der Bär auch auf dem Cover des Buches zu sehen. Als Leser*in weiß man recht schnell, dass Nanerls Zirkusliebe nicht gut enden wird. Einen Rückblick später, wird der Beginn der Romanze von Willi und Hedi geschildert. Hedi ist ins Kloster eingetreten um für ihre Sünden zu büßen, Willi hatte einen Autounfall und verliebt sich in seine Pflegerin, die Beziehung funktioniert, weil sie die „stillschweigende Übereinkunft trafen, einander zu verstehen, ohne alles voneinander zu wissen.“

Ein ziemlich schöner Satz, der exemplarisch für den Roman steht, der sich auf unterschiedlichen Ebenen entfaltet. Die Erlebnisse aus der Gegenwart und die Frage um die vermeintliche Schuld aus der Kindheit, werden Erlebnisse aus den 1970er Jahren entgegengestellt, in denen sich bereits die Schrulligkeit der Tanten zeigt. Hedi hat Willi geheiratet und dem Kloster den Rücken gekehrt, Mirl ist in einer unglücklichen Beziehung zu Gottfried und Wetti putzt im Naturkundemuseum. Die Tanten haben nie wieder über ihre Kindheit gesprochen. Bis Willi stirbt und Lorenz in einer absolut unerwarteten Situation, den Fährmann für den Toten mimen muss.

Rückwärtswalzer ist ein absurder Roadtrip mit durchaus grotesken Elementen (anders lässt sich eine langsam auftauende Leiche auf einer 1000 Kilometer Route durch den Balkan kaum beschreiben) und entwickelt sich überraschend zu einem Pageturner. Die Schicksalsschläge der Tanten zeigen eine ungeahnte Tiefe und nehmen unvorhergesehene emotionale Wendungen, die das Verhalten der alten Damen in der Gegenwart verständlicher machen. Und die ansprechende extra Portion Spezialwissen zur griechischen Antike (Vea Kaiser hat Altgriechisch, Latein und Germanistik studiert) und die Konstruktion und Auflösung des Familiengeheimnisses der Familie Prischinger, machen die Erzählung zu einem intelligenten und handwerklich geschickt gemachten Roman. Vea Kaiser liefert beste Unterhaltung auf ziemlich hohem Niveau. Eine absolute Leseempfehlung.

Vea Kaiser – Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger. Kiepenheuer & Witsch 2019.

Im Anschluss an ihren Roman habe ich mir direkt ihr Debüt Blasmusikpop vorgenommen. Habt ihr schon einen Roman von Vea Kaiser gelesen?

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Leselust

Buchrevier

Leipziger Buchmesse 2019

Vor wenigen Tagen ist die Leipziger Buchmesse 2019 zu Ende gegangen. Vom 21. März bis zum 24. März fand das jährliche Literaturevent statt. Da ich seit dem 01. Februar Referendarin bin, konnte ich dieses Mal auch als Fachbesucher_in an der Messe teilnehmen. Das bedeutete allerdings auch, dass ich nur am Samstag auf der Messe war, denn Donnerstag und Freitag musste ich noch arbeiten. Freitagnachmittag setzten wir uns in den Zug nach Leipzig und hatten eine gemütliche Anreise. Unterwegs habe ich angefangen den Roman Wir, die wir jung sind zu lesen und bin bisher sehr begeistert.

Samstag ging es los. Ich hatte mir zwar einige Termine notiert, wollte aber vor allen Dingen einfach mal entspannt über die Messe spazieren. Bela B. habe ich leider nicht getroffen, aber immerhin stand ich neben seinem Bild. Das ist ja auch schon mal etwas.

Mein erstes Highlight war die Übertragung von Druckfrisch. Dennis Scheck, der immer recht unterhaltsam Bücher Rampen runterschubst, konnte mich auch live überzeugen. Seine Kritik war immer auf den Punkt und sehr kurzweilig. Das Publikum war recht gemischt, aber eben auch sehr weißhaarig. Vielleicht liegt das am Format. Neben den typischen Größen wie Philipp Roth und David Foster Wallace gehörte zu Schecks „Best of“ auch Theodor Fontane und Roberto Bolaño, „Der Geist der Science-Fiction“ von letzterem klang interessant. So richtig ausgewogen war die Liste allerdings nicht. Unter den 36 Literaturtipps waren gerade einmal 12 Frauen*. Das fiel mir schon während der Veranstaltung auf. Wer sich noch Anregungen zu aktueller Literatur von Autor*innen holen möchte, findet auf Nicoles Blog eine ganze Reihe spannender Empfehlungen.

Schaut ihr Druckfrisch oder das Literarische Quartett oder sind solche Sendungen für euch uninteressant?

Auch für Lehrer*innen bietet die Buchmesse einiges. Im Vorbeigehen entschied ich mich für ein spontanes Abo der Zeitschrift Der Deutschunterricht aus dem Friedrich-Verlag, weil es nicht nur Sonderkonditionen für Referendar*innen gab, sondern auch noch einen deutlichen Messerabatt. Juchhu!

An die Lehrer*innen unter euch, sofern es welche gibt, kennt ihr die Zeitschrift?

Mittlerweile gehört es schon fast zu meiner Buchmessetradition, dass ich am Leser*innentreffen von Lovelybooks teilnehme. Es ist immer eine schöne Möglichkeit, nach der ganzen Rennerei durch die verschiedenen Hallen, eine kleine Pause einzulegen. Dieses Jahr waren vier Fantasyautor*innen zum Communitytreffen eingeladen: Laura Kneidl (Krone der Dunkelheit u.a.), Liza Grimm (Helden von Midgard), Lukas Hainer (Das dunkle Herz) und Kai Meyer (Arkadien, Die Seiten der Welt, Die Krone der Sterne, Die sieben Siegel und noch viel mehr). Die Podiumsdiskussion war gut gemacht. Meyer verglich die fantastische Literatur mit Malerei und stellte fest, dass es in der fantastischen Literatur deutlich „mehr Farben“ geben würde. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Denn gerade Fantasyliteratur ist nicht für ihren avantgardistischen Aufbau und ihre poetische Darstellung bekannt. Einzige Ausnahme in der deutschsprachigen Fantasy ist da sicherlich Walter Moers, der auch zu meinen Lieblingsschriftsteller*innen zählt. Fans warten schon seit Jahren auf die mythenmetzsche Fortsetzung Das Schloss der träumenden Bücher. Dieses Buch wäre auch mit Abstand auf den meisten Wunschlisten der Lovelybooksleser*innen zu finden, wie Marina von Lovelybooks hervorhob. Ich lese übrigens gerade Der Bücherdrache (erschienen im März 2019) von Walter Moers und hoffe, dass ich bald eine Rezension schreiben kann.

Kai Meyer erwähnte auch das Motiv der Heldenreise, das sich nicht nur in der fantastischen Literatur findet, aber hier eben besonders ausgeprägt sei. Gerade durch Klassiker der Fantasy wie Herr der Ringe seien Kartendarstellungen genrespezifisch geworden und dadurch letztlich auch Teil der Jugend- und Subkultur. In den 1980ern hätte die Karte aus Herr der Ringe in jedem Zimmer gehangen, stellte Meyer fest, auch bei Leuten, die das Buch gar nicht gelesen haben. ;) Auf die Frage nach Verfilmungen der eigenen Romane, reagierten die Autor*innen zurückhaltend. Lukas Hainer erinnerte an die nicht sehr gelungene Verfilmung von Tintenherz, mit der Cornelia Funke wohl auch nicht zufrieden gewesen sei. Kai Meyer, der ja auch schon eine ganze Weile dabei ist, ließ sich dazu hinreißen, anzumerken, dass eine Verfilmung auch nicht die „Königsklasse“ der literarischen Adaptionen sei. Im schlimmsten Fall ginge es Schriftsteller*innen so wie George R.R. Martin mit Game of Thrones. Hätte Martin nicht die Verpflichtung an der Serie mitzuwirken, wären seine Romane schon längst fertig. Zudem würde es auch keinen Spaß machen, den Text zu einem bereits fertigen Film zu schreiben. Gerade die Fantasyliteratur zeichnet sich aber dadurch aus, dass es häufig ganze Reihen gibt (man denke nur an Harry Potter), aber auch hier würde die Stimmung in den Verlagen eher kippen. Neben „Hardcore“leser*innen gäbe es für Gelegenheitsleser*innen heutzutage einfach zu viele andere Möglichkeiten der Unterhaltung und dadurch weniger Interesse an langen Reihen und für Autor*innen sei es auch sehr „wohltuend“ (Lukas Hainer) eine Reihe einfach abzuschließen.

Im Anschluss an die Diskussion gab es noch Buchgeschenke von Lovelybooks. Während in den letzten Jahren häufig Leser*innen einfach nur reinschneiten, um kostenlos Bücher abzugreifen und wieder verschwanden, musste man sich dieses Mal bis zum Ende der Veranstaltung gedulden. Richtig so! Leider gab es wenig Möglichkeiten mit den anderen Communitymitgliedern ins Gespräch zu kommen, das war etwas schade. Und auch die Buchauswahl war nicht meins. Ich freue mich über Geschenke, aber ich erwarte sie nicht. Und drei Romane zu bekommen, die nur zu einem Drittel meinen Lesegeschmack treffen, ist dann doch nicht optimal. Zum Glück habe ich Heike von Irve liest getroffen, die mit mir ein Buch getauscht hat und ein anderes Buch habe ich einfach verschenkt und damit hoffentlich jemandem eine Freude gemacht.

Auf der Messe halte mich gerne bei den antiquarischen Büchern auf, aber in diesem Jahr war kein passendes Buch für mich dabei (es war ja auch schon Samstag). Dafür habe ich beim Verbrecher Verlag direkt den Roman Schäfchen im Trockenen von Antje Stelling mitgenommen. Die Schriftstellerin wurde in diesem Jahr mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet. Ich freue mich schon sehr auf den Roman. Außerdem habe ich von Reprodukt direkt die Graphic Novel Pirouetten von Tillie Walden mitgenommen, auf die ich schon längere Zeit ein Auge geworfen habe. Apropos antiquarische Bücher: die Messe scheint gelernt zu haben. Der Compact-Stand war dieses Jahr mit deutlich reduzierter Fläche in der Nähe der Antiquariate vertreten und anders als im letzten Jahr marodierten am Samstag keine deutlich erkennbaren Nazis über die Messe. Man kann ja, wenn man will.

Neben Druckfrisch und dem Lovelybooksleser*innentreffen hatte ich noch einen weiteren Programmpunkt auf dem Zettel. Die us-amerikanische Schriftstellerin Fatima Farheen Mirza war auf der Messer und hat aus ihrem Debütroman „Worauf wir hoffen“ gelesen. Ich kam direkt pünktlich zu Beginn der Veranstaltung und durfte auf dem Boden sitzen. Ganz vorne. Fatima Farheen Mirza, geboren 1991, studierte eigentlich Medizin. Das Creative Writing – Studium in Iowa war ein Ausgleich zu ihrem Erststudium, im Moment lebt sie in New York.

In ihrem Debüt erzählt sie eine Familien- und Coming-of-Age-Geschichte. Amar ist der einzige Sohn und ganzer Stolz seiner Familie, aber er rebelliert gegen seine muslimischen Eltern. Nach einem Streit läuft er von Zuhause weg. Seine Schwester Hadia nimmt nach und nach seinen Platz an. Am Tag ihrer Hochzeit, drei Jahre später, kehrt Amar unerwartet zurück. Inspiriert wurde Mirza durch ein Bild, dass ihr eines Tages während eines Schreibworkshops in den Sinn kam. Eine Familienfeier findet statt, alle warten auf den Sohn – warum kommt er nicht? Warum will er vielleicht nicht kommen? Was hat dazu geführt, dass niemand etwas über ihn weiß? Es geht um versteckte und offene Beziehungsdynamiken in Familien. Außerdem hob die Schriftstellerin hervor, dass es im Leben häufig kleine und unbewusste Momente gibt, die letztlich große Auswirkungen auf die Gestaltung des eigenen Lebens haben. Ich war von Mirza und dem Roman so begeistert, dass ich im Anschluss direkt in die Messebuchhandlung gestürmt bin, um Worauf wir hoffen einzukaufen und es mir signieren zu lassen. Als ich zurückkam, war sie aber schon verschwunden. Zum Glück habe ich sie noch am dtv-Stand getroffen und sie vorsichtig gefragt, ob sie vielleicht noch das Buch signieren möchte. Sie hat sich gefreut und ich mich natürlich auch. ;)

Wart ihr dieses Jahr auf der Buchmesse? Was waren eure Highlights?

Glister

Morbide Stimmung und verschwundene Kinder – in John Burnsides Roman Glister wird das Alltägliche mit Szenen aus Alpträumen vermischt. Es ist alles so merkwürdig daneben in dieser schottischen Stadt, die Innertown heißt und in der fast keine normalen Menschen wohnen. Die Polizei ist überfordert und die ganze Stadt liegt in einer merkwürdigen Schockstarre, die niemand so richtig nachvollziehen kann. Aber es wird relativ schnell klar, dass Innertown zu den Lost Cities gehört, quasi als Nicht-Ort irgendwie existiert, umgeben von zerstörter Natur und bevölkert von Menschen mit kaputten Familienstrukturen.

Das Fabrikgelände, der Ort, der hier zum Spielen einlädt, ist wahrscheinlich auch der Ort, der dafür gesorgt hat, dass es allen so miserabel geht. Krebserkrankungen nehmen zu. Die Abfälle der Chemiefabrik haben die Gegend über Jahre vergiftet, mutierte Tiere bevölkern die Umgebung, tote Fische schwimmen in den Flüssen, es sollen sogar C-Waffen hergestellt worden sein. Früher gehörte die Fabrik einem Herrn G. Lister und so klärt sich auch der merkwürdige Titel des Romans auf. Allerdings gehörte ihm nicht nur die Fabrik, auch auf einer geheimnisvollen und unheimlichen Maschine im Keller des verlassenen Geländes findet sich sein Name. Ob diese Maschine ein Hinrichtungsapparat ist oder ein Portal in eine andere Dimension beherbergt, das extra für die Kinder gemacht wurde, das kann der verstorbene Erzähler Leonard leider nicht mehr sagen.

„Ich dachte, das Leben sei eine Sache und der Tod eine andere, aber das dachte ich nur, weil ich noch nichts über den Glister wusste.“

In dem verlassenen Landstrich läuft einiges schief. Der Sanierungsbevollmächtigter Smith kassiert enorme Summen um die Vergiftung des Bodens durch die Fabrik zu vertuschen und hat die Stadt in der Hand. Fast alle, die noch einen Job haben, sind von ihm abhängig, denn er verwaltet über seine Firma, Gelder, die der verlorenen Stadt zustehen. Außerdem besticht er den einzigen Polizisten von Innertown, Morrison, der so sehr an Smith und den vermeintlichen Wohlstand den dieser Mann bringen soll, glaubt, dass er korrupt wird. Morrisson vertuscht in Smiths Auftrag, dass er die Leiche eines Fünfzehnjährigen gefunden hat. Aber das fällt niemandem auf. Die Eltern der verschwundenen Kinder sind genau so apathisch und teilnahmslos wie der Rest der Bevölkerung. Arbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme durch die Fabrikabfälle, beginnender Wahnsinn – es gibt vieles, was die Menschen in Innertown lähmt und unglücklich macht.

Anstatt eine Aufklärung der Verbrechen zu fordern, bilden sich nach und nach urban legends. Die Kinder und Jugendlichen haben schon immer aus Innertown weg gewollt und nun haben sie es eben geschafft, das bessere Leben warte eben überall auf sie, nur nicht hier. Es sind bereits fünf Jugendliche verschwunden, aber niemand stört sich daran. Aber die Kinder und Jugendlichen, die noch da sind, können den Erwachsenen bald nicht mehr glauben.

Auch Leonard glaubt den Geschichten nicht. Er ist anders als die anderen. Er glaubt an das Gute oder an Erlösung, was auch immer das heißen mag und er will sich nicht mit dem Status Quo abfinden. Und wie so oft in dieser Erzählung, die mit vielen religiösen Elementen angereichert ist, verschiebt sich die Erzählebene. Die Geschichte beginnt mit dem „Buch Hiob“, es endet mit der „Feuerpredigt“. Ein Junge verschwindet an Halloween, also dem Tag, an dem die Toten mit den Lebenden Kontakt aufnehmen können. Die Jugendlichen erzählen sich, dass er den Teufel beschwören wollte und deshalb im vergifteten Wald gewesen wäre. Leonard weiß nicht, was er glauben soll. Bis auch sein bester Freund verschwindet. Leonard versucht sich mit Literatur über den Tag zu retten, er liest Dickens und Proust und hat Sex mit seiner on-off-Freundin Elspeth. Aber das hilft nicht. Deswegen hält er sich oft in der alten Fabrik auf, streift immer wieder über das verlassene Gelände, denn die Fabrik und das ganze vergiftete Areal ist “ alles an Kirche […], was wir haben“.

„Danach, am Montag, soll eigentlich wieder Schule sein, aber kein Mensch geht hin. Das ist nur eine der kleinen Gesten, die uns zur Verfügung stehen: Am Tag, nachdem wieder einer von uns verschwunden ist, gehen wir nicht zur Schule, sondern streifen durch Stadt oder Fabrikgelände, stehlen, was irgendwie wertvoll aussieht, und zerschlagen den Rest. Es verrät das schlechte Gewissen der Behörden, dass unser Treiben keine Folgen hat. Sie fühlen sich schuldig, weil sie wissen, dass sie uns im Stich lassen.“ (S. 154)

Doch bei Sachbeschädigung bleibt es nicht. Aus lauter unterdrückter Wut bringt eine Clique von Teenagern einen Mann um. Er ist nicht der Mörder der verschwundenen Kinder, er ist ein Außenseiter, der ein bisschen wunderlich ist und noch nie richtig zu Innertown dazugehört hat.

Glister ist kein Roman, der sich leicht lesen lässt. Leonard scheint der einzige zu sein, der noch an Vergebung und Hoffnung für den verlassenen Ort glaubt, an dem jeder Schuld auf sich geladen hat, durch

„die Sünde der Unterlassung, die Sünde, unseren Blick abzuwenden und nicht zu sehen, was direkt vor unserer Nase geschieht. Die Sünde, nicht wissen zu wollen; die Sünde, alles zu wissen und nichts dagegen zu tun. Die Sünde, etwas auf Papier zu wissen, es aber nicht ins Herz vorlassen zu wollen.“

Glister ist ein absolut gelungener Roman, poetisch, zornig, hochgradig philosophisch, gesellschaftskritisch und absolut spooky. Die einzige Erlösung, so scheint es, liegt darin, die Erzählungen nicht aufhören zu lassen: „alles wird, und dieses Werden ist die einzige Geschichte, die nie zu Ende geht. […] Dabei wissen alle, es ist weder dieses noch jenes, sondern nur der Ort, an dem die Geschichten beginnen und enden.“

John Burnside – Glister. Aus dem Englischen von Bernhard Robbe. Penguin 2018. 285 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert. Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Gefährten

Nach Kristian wünsche ich mir einen Mann ohne Schnickschnack, wie ein Roggenbrot, wie ein blauer Himmel. Doch gleichzeitig wünsche ich mir immer auch etwas Heftiges, etwas Überwältigendes, was die Seele dazu treibt, sich immer weiter zu drehen. (Alma, S.327)

Alma und Kristian, Camilla und Charles, Edward und Alwilda sind Freund*innen und leben in Kopenhagen. Eine durchgängige Handlung gibt es nicht. In verschiedenen Episoden folgen die Leser*innen der Clique durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehungen zueinander. In den verschiedenen inneren Monologen wird herumgewitzelt, Literatur empfohlen und jede Befindlichkeit und Gemütsregung genussvoll ausgebreitet. Es geht um die Freund*innenschaft zueinander, die eigene Unzulänglichkeit und den Tod. Eine eigene Familien gründet niemand, stattdessen beschäftigen sich die Gefährten und besonders die Frauen in den Paarbeziehungen vor allen Dingen mit sich selbst und mit ihren Eltern. 

Die Gefährten sind Mitte Vierzig. Kristian ist Arzt, Alma ist Lehrerin, Edward ist Künstler und Camilla, Charles und Alwilda schreiben. Früher war Alwilda mal mit  Edward zusammen, aber nach dem gemeinsamen Suizid seiner Eltern verlässt sie ihn. Edward kauft sich daraufhin einen Hund. Camilla steht im Zentrum der Erzählung. Sie ist mit Charles zusammen, der an einem Rückenleiden erkrankt ist, an der Krankheit wird die Beziehung auch scheitern. Alwilda ist Camillas beste Freundin, sie kennen sich seit ihrer frühesten Jugend. Camillas Mutter ist an Krebs erkrankt und ihre Tochter kümmert sich um sie. Nach ihrem Tod kauft sich Camilla ein Pferd. 

Besonders gefallen haben mir die zahlreichen literarischen Anspielungen und Verweise auf andere Texte. Und das geht von der englischen Romantik über Harry Potter bis zu Pu, dem Bären. Der Roman beginnt damit, dass Kristian und Alma in North Yorkshire auf den Spuren der Lake Poets, also Wordsworth und Coleridge, reisen. Kristian denkt über die Brontë-Schwestern nach und entdeckt sogar Parallelen seiner eigenen Ehe mit der wirklich sturmgebeutelten Beziehung von Catherine und Heathcliff in Wuthering Heights.

„Sie wirkte wie eine Gefangene, und ich fühlte mich unterlegen. Wie die magerste Gurke im Einmachglas“ (Kristian, S. 40)

Aber auch Alma und Camilla reisen noch einmal gemeinsam durch England. Camilla ist eine eifrige Vielleserin. Iris Murdoch, Thomas Bernhard, Vladmir Nabokov und John Fowles gehören zu ihren Lieblingsschriftsteller*innen. Wenn sie Alma ihre Bücher leiht und diese sie nicht sehr bald zurückbringt, fühlt sie sich nicht gut. Während der gemeinsamen Reise schwelgen die Freund*innen in den Texte von Virginia Woolf und Sylvia Plath. Überhaupt ist das Thema Suizid immer wieder im Text präsent, mal sehr unterschwellig, mal ganz direkt, zum Beispiel wenn Camillas Cousine sich daran erinnert, dass ihre Mutter (Camillas Tante) ebenfalls einen Suizidversuch überlebt hat. 

Der Text kommt sehr leichtfüßig und poetisch daher, auch wenn man das bei der beschriebenen Tiefe und Tragik der Themen kaum glauben kann.  Immer wieder ist der Roman neben den tragischen Momenten auch von einer unglaublichen Komik durchzogen. Übrigens wird keine der Paarbeziehungen bis zum Ende des Romans aufrechterhalten. Auch wenn in Camillas Fall nicht einmal eine andere Frau auftauchen muss. In den inneren Monologen der Gefährten bleibt sehr viel Zeit für Erinnerungen an Gespräche, Statements zu Verhaltensweisen der anderen und insgesamt findet  ein reger und sehr unterhaltsamer Austausch über Älterwerden, Sex, Liebe, Ehebruch und Angst um die Welt an sich statt. 

Das klingt nach einem großen Durcheinander und einem ziemlich traurigen Buch. Aber das ist es nicht. Christina Hesselholdt hat einen mitreißenden, hochliterarischen und sehr klugen Roman über das Leben geschrieben, in dem viel Schweres sehr leichtfüßig, berührend und auf komisch abgründige Weise erzählt wird. Die Kapitelüberschriften wie „Wenn die Asche Augen hätte“ gehen in eine ähnliche Richtung. Ein absurdkomisch und tragisches Kapitel,  in dem Edward beschließt die Asche seiner Mutter auf dem Meer zu verstreuen, ihm dann allerdings ein Windstoß die Asche ins Gesicht pustet und er noch sehr lange an den staubigen Geschmack seiner Mutter denken muss, ist da nur ein Beispiel. Auch die prägnante und bissige Beschreibung von Camillas und Charles‘ Ehe gehört dazu. 


„Charles und meine Ehe geht mit der Ära Osama bin Ladens einher, im September 2001 waren wir so verliebt, dass wir erst am Vormittag des 12. begriffen, was am 11. geschehen war, und die Auflösung unserer Beziehung vollzog sich in den Tagen um bin Ladens Tod. Zwei Bilder rahmen unsere Ehe ein: 1. Körper in freiem Fall 2. Ein zerschossenes Gesicht.“ (Camilla, S. 136)


Als Camilla, die mal wieder eine neue Wohnung sucht, in der auch ihre vielen Bücher untergebracht werden können, auf einen schreibenden Makler trifft, lässt sich Camilla zu der Aussage hinreißen, dass es „auf dieser Welt bald mehr Schriftsteller gibt als Leser.“ (S.154). Wenn schon alles im Leben schief läuft und sowieso alles zu Ende geht, muss sich über ein Ende der Literatur glücklicherweise niemand Sorgen machen.

Christina Hesselholdt ist in Dänemark bereits mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt worden und zählt zu den wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen dänischen Literatur. Gefährten ist ihr erstes Buch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Christina Hesselholdt – Gefährten. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Hanser Berlin 2018. 448 Seiten.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Nacht und Tag Blog

Letteratura

Dunkle Zahlen

Der Anfang sorgt schon für viele Fragezeichen und eine ganze Menge Freude, wenn man auf besondere Geschichten steht. Und besonders ist der Roman Dunkle Zahlen von Matthias Senkel, der 2018 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, in jedem Fall. Laut Klappentext geht es um die internationale Programmierer-Spartakiade 1985 in Moskau, bei der die kubanische Nationalmannschaft spurlos verschwindet. Die Übersetzerin Mireya macht sich auf, die Nationalmannschaft zu suchen. Die Erwartungshaltung ist relativ klar, doch dann ist von der Nationalmannschaft überhaupt keine Rede mehr. Stattdessen sorgt Matthias Senkel für eine Überraschung nach der nächsten…

Ohne genaue Einführung beginnt der erste Textabsatz. Ein gewisser Motja wird von zwei Annuschkas darum gebeten, Teewasser für eine größere Gesellschaft aufzusetzen – was er auch tut, indem er in eine Maschine mit dem Namen GLM zwei Zahlen eingibt. Die nächste Seite zeigt einen schwarzen Bildschirm mit russischem Programmcode und der Erklärung, dass es sich hier um den Startbildschirm der Literaturmaschine GLM-3 handelt, die quasi auf Knopfdruck „das unvollendete Poem Dunkle Zahlen“ ausspuckt. Jetzt erst folgen Titelseite, Verlagsangabe, sowie der Vermerk „Deutsch von Matthias Senkel“ . Wir sollen also glauben, dass es sich hier um einen computergenerierten Roman aus dem russischen handelt, der lediglich von Matthias Senkel übersetzt wurde. Große Liebe!

Fast märchenhaft beginnt der Roman mit einem gefangenen Hecht, der dem jungen Leonid drei Wünsche verspricht, sofern er ihn wieder ins Wasser wirft. Leonid rettet dem goldenen Hecht das Leben. Im zweiten Kapitel geht es mit der angekündigten Spartakiade los, dann ist das Kapitel schon wieder zu Ende und wir springen nach Leningrad ins Jahr 1948. Hier treffen wir auf den jungen Leonid Ptuschkow, einen wissbegierigen Schüler, der in seinem Notizheft mathematische Operationen improvisiert. Zurück im Jahr 1985 muss Mireya Fuentes, die Dolmetscherin des kubanischen Teams der Programmierer-Spartakiade, feststellen, dass die Kader-Auswahl zwar in Moskau gelandet, aber aus unbekannten Gründen mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne gestellt wurde. Und dann wird es immer wilder. Nach einem enzyklopädieartigen Einschub über den Begriff der „dunklen Zahlen“, folgt eine Biografie des fiktiven Dichter-Programmierers Gavriil Efimović Teterewkin und kurz darauf wird im Kapitel „Nachwort“ (irgendwo in der Mitte des Buches!) von einem Zusammentreffen des „vermeintlichen Großneffens“ Teterewkins, Rodion Woronin, mit Lenin und Maxim Gorki auf der Ferieninsel Capri berichtet. Inklusive Bildmaterial. Hat man als Leser*in gerade Wikipedia aufgerufen um festzustellen, ob es Teterewkin wirklich gibt, folgt ein Wikipedia-Artikel im Text.

Doch die Erzählstränge werden wieder auf der Spartakiade zusammengeführt: der sowjetische Trainer, den Mireya kurze Zeit später während einer Versammlung im Untergeschoss des Hotels „Kosmos“, wo die Programmier-Spartakiade stattfindet, zusammen mit den anderen kennen lernt, ist niemand anders als Leonid Ptuschkow, der im bisherigen Romanverlauf erst als junger Mann auftrat! Er ist Programmierer, aber auch Dichter und macht sich an die Entwicklung einer golemartigen Textmaschine.

Und zwischendurch begreift man gar nicht mehr, welche Figur zu wem gehört. Aber nicht schlimm. Eine Figurenübersicht gibt es irgendwo ab Seite 300. Also weiter im Text: im Jahr 1999 treffen wir die Zwillinge Sjarhej und Palina Aljaksejewna Morschakin, Ex-Teilnehmer der Programmierer-Spartakiade, inzwischen Inhaber der Softwarefirma CSM. Ihr Hobby: Das Sammeln seltener Spielautomaten und historischer Rechner. Ein mysteriöser Schweizer hat ein ganz besonderes Objekt für sie: Eine echte GLM! Also das mysteriöse Gerät, das schon auf den ersten Seiten den Kaffee erwärmt hat.

Zurück im Jahr 1985 wird deutlich, dass während der Spartakiade alle Teilnehmer*innen engmaschig überwacht wurden. Das wusste auch Leonid, der sich im folgenden Kapitel im Jahr 2023 Tonbandaufnahmen dieser Überwachung anhört. Und es stellt sich heraus, dass die Spartakiade selbst eher in den Bereich potemkinsche Dörfer gehört:  als Vorsitzender der Programmierer-Spartakiadenkomitees arbeiteten Dmitri und Jewhenija zusammen, die im Auftrag des Geheimdienstes die Aufgaben der teilnehmenden Kader so gestaltete, dass komplexe Missionen wie etwa die Kalkulation von Raketenabfangmanövern von diesen unbewusst gelöst wurden. Und auch die GLM kommt wieder zum Einsatz: sie soll dazu dienen, die Urheber von politischen Witzen ausfindig zu machen. Wozu braucht man eine Rasterfahndung, wenn die GLM die Urheber von politischen Witzen innerhalb von Sekunden ausfindig machen kann? Die totale Überwachung.

„Erst dann wird es möglich, jeden Bürger lebensumspannend zu begleiten, seine Taten und Äußerungen automatisch auszuwerten, um jederzeit ein Gesamtbild seiner Gesinnung erstellen zu können und unverzüglich zu korrigieren, damit Verstöße gegen die öffentliche Ordnung überhaupt nicht erst zustande kommen.“ (S.307)

Logisch, dass im Text jetzt ein Witzearchiv und ein Abkürzungsschlüssel folgen. Aber bevor es langweilig wird, entwickelt Senkel noch eine vierte Handlungsebene: der belgische Geheimagent Dupon, getarnt als Mitarbeiter von IBM, wird 1987 in Paris mit einem Spezialauftrag betraut und macht sich auf den Weg nach Moskau, dort soll er eine geheimnisvolle rote Kladde transportieren.

Habe ich diesen Roman komplett verstanden? Error. Nada. Fehlanzeige. Hatte ich sehr viel Spaß diesen wahnwitzigen Text zu lesen? Ja, in jedem Fall! Die erzählerische Experimentierfreude von Senkel ist einfach grandios, auch wenn ich manchmal etwas zwischen den Seiten verloren gegangen bin.

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen. Matthes & Seitz Berlin 2018. 481 Seiten.

Weitere Rezensionen findet ihr hier: