Life-Update :)

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Hallo ihr Lieben,

hier ist lange Zeit nichts mehr passiert. Ich habe geheiratet und ich war im Urlaub. In Wien, Paris und Berlin. Und es war wunderschön. Ich habe den schönsten Buchladen der Welt in Paris gefunden, ich habe mich allerdings daran gehalten, keine Fotos zu machen.  ;) Ich habe im Cafe Central Sachertorte gegessen und war in der österreichischen Nationalbibliothek. Ziemlich cooles Ding.

Ich bin jetzt auch auf Instagram. Vorerst findet ihr Lama- und Bücherbilder, vielleicht bald noch andere Sachen.

Ich hoffe, dass ich euch spätestens nächste Woche neue Rezensionen präsentieren kann. Die Unglückseligen und The BfG liegen noch auf meinem Rezensionsstapel.

Bis dahin wünsche ich euch ein schönes Wochenende! :)

Eva

 

 

[Rezension] Old Filth – Ein untadeliger Mann

Es ist wirklich bemerkenswert, dass Jane Gardam mit Mitte 80 ihr Debüt auf dem deutschen Buchmarkt gibt. Dabei ist Ein untadeliger Mann bereits 2004 erschienen und begeistert vom Publikum aufgenommen worden. Der Roman ist Teil einer Trilogie. Auch wenn das Cover eher an ein Sockenmuster erinnert, lasst euch davon nicht täuschen.

Ein untadeliger Mann

Edward Feathers, genannt „Old Filth“ (ein Akronym für Failed in London, Try Hongkong), ist auch mit achtzig noch ein ausgesprochen gut aussehender Mann. Der ehemalige Kronanwalt kann auf ein wechselvolles Leben zurückblicken. Seine Frau Betty ist vor Kurzem gestorben und oberflächlich betrachtet, geht sein Leben weiter wie zuvor. Doch etwas stimmt nicht.

Nach Bettys Tod arbeiteten der Gärtner und die Zugehfrau weiter für Filth. Der disziplinierte Charme, der Filth sein Leben lang ausgezeichnet hatte, hatte es gut überstanden. Jedenfalls hatte es den Anschein. Im Rückblick war Filth jedoch bewusst, dass er hinter seiner äußerlichen Abgeklärtheit psychisch zusammengebrochen war, und dass ein psychischer Zusammenbruch bei jemandem, der die Schauspielerei verinnerlicht hat (wie ein Kronanwalt), unsichtbar sein kann. Für den Betroffenen ebenso wie für alle anderen. (S.20)

Als ausgerechnet ein früher Konkurrent, sein Erzrivale Verneering aus Hongkonger Zeiten, ins Anwesen nebenan einzieht, beginnt Edwards tadellose Fassade langsam zu bröckeln. Old Filth beschließt, dass sein Leben noch nicht zu Ende ist. Er setzt sich eines Morgens ans Steuer seines Autos und fährt los. Eine überraschende Reise in die Vergangenheit beginnt, die einige tragische Wendungen bereithält, die mich überrascht haben.

Old Filth ist eine lebende Legende. Im Inner Temple wird von ihm mit Hochachtung gesprochen. Sein Benehmen ist tadellos, seine Arbeit als Anwalt exzellent, sein Ruf eilt ihm voraus. Doch es gibt viele Dinge, über die Edward Feathers noch nicht einmal mit seiner Frau Betty sprechen konnte. Sie weiß nicht, woher sein charakteristisches Stottern kommt, das ihn immer wieder überfällt, wenn er nervös ist. Aber das ist nicht das einzige Geheimnis. Seine Kindheit in Malaysia, sein distanzierten Vater und die schrecklichen Erlebnisse in einer Pflegefamilie in Wales blieben zwischen Betty und Ed unausgesprochen. So wie vieles in Edwards Leben nur angedeutet bleibt und auf tiefere Traumata verweist. Jane Gardam schreibt mit psychologischem Fingerspitzengefühl und voller Ironie, aber die spannenden Details verbergen sich oft zwischen den Zeilen.

Es geht nicht nur um unausgesprochene Geheimnisse. Es geht auch um verdrängte Sexualität. Im Internat, das Edward später besucht, ist die Angst vor einer zu engen „Freundschaft“ zu seinem Kumpel Ingoldby offensichtlich. Edwards erste große Liebe ist eigentlich lesbisch und en passant erfahren wir, dass Bettys und Edwards Ehe kinderlos blieb, die Eheleute teilten sich nicht einmal ein Schlafzimmer.

Die Gründe für diese Schwierigkeiten liegen in Edwards Kindheit. „Auch Rechtsanwälte, glaube ich, waren einst Kinder“ lautet die Inschrift einer Statue im Inner Temple Garden in London. Edward ist ein Raj-Waise. So wurden im Empire die Kinder der Kolonialbeamten genannt, die „nach Hause“ in die sogenannte zivilisierte Welt geschickt wurden. Offiziell um eine gute Ausbildung und die richtigen Werte vermittelt zu bekommen, denn in den Kolonien und das wusste man ja, ging vieles drunter und drüber. Am Ende hätten sich die Weißen Kinder der Kolonialherren noch mit den Einheimischen angefreundet oder schlimmer noch, eine Beziehung angefangen und ihre Verbindung ins Heimatland verloren. In dem Aufsatz Sexuality, Gender and Empire beschreibt Philippa Levine sehr deutlich, was eine solche Entwicklung tatsächlich für das Empire bedeutet hätte:

„The control of White colonial sexuality was just as critical as the managing of indigenous mores. […] The collapse of racial difference – in the scientific parlance ot the time, palbably achievable if the races intermingled sexually – could spell not just the end of European superiority or distinctiveness but, more pressingly, the end of Empire.“ (S.154)*

Damit die Rollen von Kolonialherren und Untergebenen klar geordnet bleiben konnten, mussten die Kinder deshalb sehr früh ihre Eltern verlassen und allein mit dem Trauma des Heimatverlustes umgehen. Edward ging es da nicht anders. Seine Pflegefamilie hat allein finanzielles Interesse an den Raj-Waisen, der Alltag ist von Gewalt geprägt und über Gefühle wird nicht gesprochen. Erst im Internat erfährt er so etwas wie Anerkennung, die auch nur von kurzer Dauer ist. Und auch die Freundschaft mit Ingoldby und eine Ersatzfamilie für Edward bleiben Wunschträume, als sein bester Freund zum Militär geht und Edward sich ihm anschließt. Es scheint ein typisches Muster in Edwards Leben zu sein: er wird immer wieder von denen verlassen, die ihm etwas bedeuten. Von außen allerdings, lässt er sich nichts anmerken. Und um so tragischer bleibt es, dass Edward erst am Ende seines Lebens seine Vergangenheit aufarbeiten kann.  

Ein untadeliger Mann hat mich sehr beeindruckt. Jane Gardam schreibt gekonnt und witzig die Lebensgeschichte eines Mannes, die mit der Kolonialgeschichte Englands verbunden ist. Isabel Bogdan, die selbst erst vor kurzem ihr literarisches Debüt gab, ist für die gelungene Übersetzung verantwortlich. 

Ein grandioser Roman, der geschickt die Waage zwischen tragischen und unterhaltsamen Momenten hält. Ich freue mich jetzt schon auf den zweiten Teil Eine treue Frau, der die Geschichte aus Bettys Perspektive erzählt. Im dritten Teil soll Veneering zu Wort kommen. Ich bin gespannt.

Jane Gardam – Ein untadeliger Mann (= Old Filth, 2004). Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin 2015.

ISBN: 978-3-446-24924-0

* Levine, Philippa: Sexuality, Gender, and Empire. In: Gender and Empire. Hrsg. von Philippa Levine. Oxford University Press 2004. S. 134-155.

Weitere Rezensionen findet ihr auf literatourismus und Papiergeflüster.

 

[Rezension]Dadadada – Der Dada-Almanach

„Wir haben beschlossen, unsere mannigfaltigen Aktivitäten unter dem Namen Dada zusammenzufassen. Wir fanden Dada, wir sind Dada, und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen. Wir stehen hier ohne Absicht, wir haben nicht mal die Absicht, Sie zu unterhalten oder zu amüsieren.“

(Richard Huelsenbeck, vorgetragen im ,Cabaret Voltaire‘ im Frühjahr 1916)

Der Dadaismus hat dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Eine Bewegung, die sich den Unsinn, das Spiel mit Buchstabenmassen und Wortbausteinen und die Faszination für die Verweigerung von Sinn auf die Fahnen geschrieben hat. Und deren poetisches und ästhetisches Anliegen sich in der typographischen Gestaltung von Gedichten und Lautbildern manifestierte.  Im Manesse Verlag ist dieses Jahr der Dada-Almanach erschienen, der Lautgedichte, Manifeste und Textbilder dieser aberwitzigen Bewegung in einem gelungenen und wunderbar gestalteten Sammelband zusammenführt.

IMG_20160528_110754Doch was ist Dada eigentlich? Mein erstes Dada-Gedicht begegnete mir irgendwann in der Grundschule. Die Karawane/Zug der Elefanten von Hugo Ball. „jolifanto bambla o falli bambla“ – diesen Unsinn fabrizieren erwachsene Menschen? Ich war ziemlich beeindruckt und wollte auch Künstler_in werden.

Dadaist_in zu werden, ist relativ einfach. Tristan Tzara, ein Mitgründer der Bewegung, empfiehlt, ein paar Wörter aus einer Zeitung auszuschneiden, alles wild durcheinanderzuschütteln und neu zusammenzusetzen. Zack, entsteht ein Dada-Gedicht und im besten Fall ist man „ein unendlich origineller Schriftsteller mit einer charmanten, wenn auch von den Leuten unverstandenen Sensibilität.“ (S. 9)

Aber Dada ist noch mehr. Die Bewegung des Nicht-Sinn-machen-wollens betreibt überzeugend inkonsequent (immerhin handelt es sich hier um Dada) ein ästhetisch Spiel gegen die herrschende Norm. Dada hat keine moralische Haltung, Dada ist politisch, aber nur im subversiven Sinne. Denn „Kein System haben wollen ist ein neues.“ (Dr. Serner). Richard Huelsenbeck sagt, Dada könne man nicht erklären, nur erleben. Dada war auch ein Wasser zur Stärkung der Haarpracht, denn der Zürcher Toilettenartikelhersteller Bergmann & Co hatte sich zufällig schon den Produktnamen reservieren lassen. Hugo Ball schreibt dazu: „Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“

Und im Dada-Almanach sind die unterschiedlichsten Spiel- und Schreibarten der Dadaisten versammelt. Es gibt Lautgedichte, Textbilder, Liebesoden, Krippenspiele, Prosa, aber auch Totentänze und Lamentos, die daran erinnern, dass der Ursprung des Dada eben nicht im Nichts liegt, sondern in der persönlichen Konfrontation mit der Sinnlosigkeit einer Welt im Kriegszustand. Weil alle Wörter sinnlos werden, arbeiten sich die Dadaist_innen an den Wörtern ab und stellen dadurch auch herrschende Normen und Welterklärungsmodelle in Frage. Denn es gibt sie, die große Literatur. Es gibt Goethe und Schiller und trotzdem erschießen sich die Menschen im Krieg. Warum ist die Welt so wie sie ist?

„Jede Sache hat ihr Wort, da ist das Wort selber zur Sache geworden. Warum kann der Baum nicht Pluplusch heissen, und Pluplubasch, wenn es geregnet hat? Und warum muss es überhaupt etwas heißen? Müssen wir denn überall unseren Mund dran hängen? Das Wort, das Wort, das Weh gerade an diesem Ort, das Wort, meine Herren, ist eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges.“

(Hugo Ball, Eröffnungs-Manifest. 1. Dada-Abend in Zürich, 14. Juli 1916)

Was passiert mit einem Wort, wenn es aus seinem Sinnzusammenhang befreit wird? Einige Dadaist_innen wurden später Surrealist_innen und versuchten sich an der „ecriture automatique“, da gab es Dada schon nicht mehr. Auch diese Entwicklung wird im Dada-Almanach anhand der Biographien der „Dada-Leader“ dargestellt. Und da gibt es einige: Propagandada, Dadasophen und den Oberdada. Und alle trafen sich im März 1916 im „Cabaret Voltaire“ um Lautgedichte und Antikriegslieder vorzusingen.

Der Dada-Almanach bieten einen gelungenen Ausschnitt dieser kurzen Zeit. Ich habe das Buch unglaublich gerne gelesen und kann nur noch einmal auf die hochwertige und ästhetisch ansprechende Gestaltung des Bandes verweisen. Und das aller Schönste: man braucht kein Manifest oder keine Theorie. Man lässt sich einfach in die Wortkunstwerke der Dadaist_innen fallen und genießt diese wunderbare Lektüre.

Weitere Rezensionen findet ihr auf frischgelesen und nettebücherkiste. 

Dada-Almanach. Textbilder, Lautgedichte und Manifeste. Vom Aberwitz ästhetischer Contradiction. Herausgegeben von Andreas Puff-Trojan und H. M. Compagnon.

Manesse 2016.

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal von Randomhouse angefragt. Vielen Dank!

Gratis Comic Tag 2016 – 5 Lesetipps

 

Heute könnt ihr in ausgewählten Comicläden ein paar tolle Schätze abgreifen und damit der Branche zu ein bisschen Aufwind verhelfen. Und das ist auch dringend nötig, denn längst lesen nicht mehr nur Besserwissernerds Texte mit wunderbaren Zeichnungen. Alle sollten Comics lesen, egal wo. Damit ihr das ohne Probleme umsetzen könnt, habe ich mal in meinem Bücherregal geguckt, was für Schätze sich da noch verstecken. Meine fünf Tipps für diesen Tag findet ihr weiter unten.

Doch warum überhaupt die Festlichkeit? Es ist Gratis Comic Tag und einen Überblick über alle geplanten Aktionen zu diesem Tag der Freude und der Kunst gibt es hier. Außerdem heißt es doch sowieso eigentlich Graphic Novel (das wusste schon Seth Cohen) und trotzdem gibt es immer noch Menschen, die ernsthaft glauben, dass Asterix oder Tim und Struppi das einzige sind, was das Genre zu bieten hat und die sich vielleicht auch deshalb, gar nicht so richtig an ein Comic heranwagen. Aber Comics sind eben mehr als Funny Animals oder Calvin und Hobbes (nichts gegen Calvin und Hobbes). Auch Pablo Picasso hat die Großmutter der heutigen Graphic Novels, die KrazyKat-Comics (1913-1944) von George Herriman ziemlich abgefeiert. Und die ganzen coolen Hipsterliteraten wie F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein und E. E. Cummings fanden die Mieze auch ziemlich gut. Charlie Chaplin soll die Katze ebenfalls sehr geliebt haben. Tja und dann kam der historische Downfall.

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In den 1950er Jahren änderte sich die Stimmung gegenüber dem Genre maßgeblich. In der Schmutz- und Schund-Kampagne in Deutschland, wurden Comics als Übel der Gesellschaft konstruiert, das die unschuldige Jugend moralisch mit POOOW und BOOOM verwahrlosen lasse. Während Wilhelm Buschs Werk noch schnell zur richtigen und gehobenen Literatur auserkoren wurde, die sich satirisch lustig macht, waren KrazyKat-Comics bald unterste Schublade. Das passte zu kritischen Stimmen aus Übersee, denn 1954 erschien das Standardwerk zur Verdammung des Comics: Seduction of the Innocent. Verfasser war der Psychologe Fredric Wertham, der an einem Fallbeispiel eines jugendlichen Mörders durchexerzierte, dass allein Kino, Fernsehen, die schrecklichen Medien und besonders die Comics, für die Taten verantwortlich waren. Außerdem konstruierte er noch schnell eine Leseschwäche herbei, die alle Kinder und Jugendlichen befiele, sobald sie nur noch Sätze in Sprechblasen lesen würden. 2012 stellte sich heraus, dass Wertham  sich seine ganze Studie nur ausgedacht hatte, aber das wusste man in der BRD der 1950er Jahre natürlich nicht. Da ging man eher dazu über, Comics öffentlich zu verbrennen und schön auf das populäre, aber „schmutzige“ Medium Comic draufzuhauen. Im Anschluss an die Debatte gründete sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Schriften, die Zensur übte, wenn die Comics zu „gewalttätig“ waren. Erst in den 1970er Jahren gewann der Comic auch die wissenschaftliche Aufmerksamkeit, die ihm schon längst hätte zu Teil werden müssen.

Heute ist deshalb der Tag, an dem das Comic gefeiert werden soll. Mir ist ganz egal, ob ihr Comic oder Graphic Novel sagt, wenn ihr heute nur einmal dieses wundertolle Medium in die Hand nehmt. Da ich noch einige tolle Comics auf meinem SuB liegen hatte, habe ich mich in den letzten Tagen mal durch meinen Besitz gelesen und präsentiere euch jetzt ein paar interessante Graphic Novels, in denen es auch wirklich keine Superhelden geben wird. Versprochen. Denn die Comics, die ich euch vorstellen möchte, gehören für mich sowieso zur Belletristik und deswegen auch auf diesen Blog.

1. Flix – Faust. Der Tragödie erster Teil.

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Goethes Faust sollte man doch kennen. Was Flix hier aus dem Klassiker herausholt, ist schon beeindruckend. Der Künstler stellte auch schon in seinem Debüt die Frage „Who the fuck is Faust?“ und in diesem Werk beantwortet er die Frage auf naheliegende Weise. Heinrich Faust ist Taxifahrer in Berlin, Gretchen eine Muslima, die eigentlich Margarethe heißt (weil ihr Vater eine Vorliebe für die Schreinemakers hat) und das ganze Drama um Fausts Seele geht nur los, weil Meph und Gott eine Wette um eine – Entschuldigung!- zwei Kisten Ramazotti am laufen haben. Ich habe seitenweise gelacht, weil Flix Comics voll toller, skurriler und liebenswerter Einfälle sind. Don Quijote ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

2. Jiro Taniguchi – Die Sicht der Dinge

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Als Yoichi die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, kehrt er das erste Mal nach 15 Jahren in seine Heimatstadt zurück. Der Grafiker hatte es all die Jahre vermieden, nach Hause zu kommen, weil er einen stillen Groll gegen seinen Vater mit sich herum trägt. Laut Yoichis Sicht der Dinge, hat sein Vater durch seine Langeweile und seinen Alltagstrott dafür gesorgt, dass seine Mutter das Haus verlassen musste. Während der Totenwache und intensiven Gesprächen mit seinen Verwandten, geht Yoichi auf, dass er viele seiner Ansichten revidieren muss. Die ruhigen Bilder, der konzentrierte Text – Taniguchi lädt dazu ein, die besondere Atmosphäre des Friseursalons der Kindheit von Yoichi auf sich wirken zu lassen. Eine traurige Geschichte, bei der ich mir ein kleines Schniefen am Ende nicht verkneifen konnte.

3. Sid Jacobson/ Ernie Colón – Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie

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In enger Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam, haben die beiden Zeichner Sid Jacobson und Ernie Colón, das Leben von Anne Frank in einem Graphic Novel verewigt. Auszüge aus ihrem Tagebuch, Originalfotografien und Dokumente sind mit in dieses intensiv recherchierte und fesselnd geschriebene Werk geflossen. Annes Geschichte steht in einem Netz aus Geschichten. Es beginnt mit der Heirat ihrer Eltern in Frankfurt, die Erlebnisse während des Nationalsozialismus, die gemeinsame Flucht nach Amsterdam und die Jahre im Versteck bis hin zum Tod der Familie in unterschiedlichen  KZ’s. Annes Vater wird der einzige Überlebende bleiben. Vielleicht mutet es für einige Leser*innen merkwürdig an, eine so ernsthafte Geschichte als Graphic Novel zu lesen. Ich finde ihn sehr  gelungen und kann den Band nur empfehlen.

4. Adrian Tomine – Halbe Wahrheiten

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Ben Tanaka ist Anfang 30 und ziemlich orientierungslos. Seinen Freunden geht es ähnlich, die haben auch alle was mit Kunst und Film studiert. Ben leitet zwar ein Kino, aber privat läuft es nicht so gut. Seine langjährige Freundin Miko muss für einen Filmjob nach New York und auf einmal sind alle anderen Frauen interessanter als sie.

Halbe Wahrheiten hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, viele Szenen kamen mir so vertraut vor, obwohl ich nicht Ben bin. Halbe Wahrheiten spiegelt ein Lebensgefühl des ewigen Nicht-Ankommens, egal, wie viel man schon beruflich erreicht hat. Gleichzeitig werden lakonisch Fragen nach kultureller und sexueller Identität aufgeworfen, die von Adrian Tomne ziemlich brilliant in Szene gesetzt werden. Must-Read.

5. David Small – Stiche. Erinnerungen.

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David Smalls autobiographische Graphic Novel besticht schon durch die besondere Optik. Schwarz-weiß-Grau. Im Leben von David gibt es keine Farben. Er ist sechs, zwölf, vierzehn, fünfzehn als im ungeheuerliche Dinge widerfahren. Es sind besonders die atmosphärischen Zeichnungen, die auch noch Tage nach der Lektüre, nachwirken. Davids Leben ist ein Alptraum, ein Krankenhaus-Horrorfilm. Wenig Text, dafür aussagekräftige Zeichnungen, in denen die verstörende Welt der Wissenschaft der 1950er Jahre wieder lebendig wird. David ist derjenige, der unter den Experimenten seiner Familie zu leiden hat, die es nicht besser wussten und ihre eigenen Geheimnisse mit sich herumtragen. Schaurig und düster. Absolut empfehlenswert.

Was sind eure Lieblingscomics? Welche Comics darf man im Moment nicht verpassen?

Und wie feiert ihr diesen besonderen Tag?

Ich freu‘ mich über eure Kommentare und wünsche euch einen schönen Gratis Comic-Tag. :)

Flix: Faust. Der Tragödie erster Teil. Carlsen 2014.

Jiro Taniguchi: Die Sicht der Dinge. Carlsen 2008.

Sid Jacobson/ Ernie Colón: Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie. Carlsen 2010.

Adrian Tomine: Halbe Wahrheiten. Reprodukt 2008.

David Small – Stiche. Erinnerungen. Carlsen 2009.

[Rezension]Ein <3 für Sci-Fi – Sleeping Giants

Sleeping Giants ist der Debütroman von Sylvain Neuvel und ein absoluter Lesegenuss, wenn euer Herz für gute Science-Fiction schlägt. Einziger Wehrmutstropfen: Sleeping Giants ist nur der Auftakt der Reihe The Themis Files und Band 2 soll erst im nächsten Jahr erscheinen.

„I don’t believe in fate, but somehow ,small world‘ doesn’t begin to do this justice.“

(DR Rose Franklin)

Der Roman besteht aus  Interviews, Akten und Zeitungsartikeln, in denen es Neuvel gelingt, eine unnachahmliche Spannung aufzubauen. Im Prolog erfahren wir von einem kleinen Mädchen, das urplötzlich in ein Erdloch rutscht und sich unversehens in einer gigantischen Roboterhand wieder findet. Wer sie gebaut hat, aus welchem Material sie besteht – niemand weiß genaueres. Und die Geschichte wird vertuscht. Einige Jahre später wird  Rose zur Leiterin eines streng geheimen Forschungsprojektes, an dem nicht nur verschiedene internationale Unternehmen, sondern auch das Militär mitwirken. Denn überall auf der Welt tauchen gigantische Körperteile auf, die sich zu einer einzigen Figur zusammensetzen lassen. Und diese Figur lässt sich steuern…

„We always look forward.
We never look back.
But this thing . . . it’s different.
It challenges us. It rewrites history.
It dares us to question what we know about ourselves.
About everything.“

cover_jpg_rendition_460_707Zugegeben, Neuvel erfindet das Genre nicht neu und bedient sich hier und da literarischer Inspirationen. Ein riesiger Kopf der gefunden wird? In Castle of Otranto (1764) von Horace Walpole wird der Sohn des Helden Manfred von einem mysteriösen Riesenhelm erschlagen, im Labor der Forscher und in der Art ihrer Experimente fühle ich mich an Mary Shelleys Frankenstein (1818) erinnert und wem diese Referenzen zu weit weg erscheinen, der erinnere sich noch mal schnell an die Anime-Serie Neon Genesis Evangelion, die seit 1995 Maßstäbe in der Komplexität von Animes setzte. Auch in der Serie kommen überdimensionierte Kampfroboter vor, die allein von den sogenannten „Children“ gesteuert werden können. Ihnen gemeinsam ist, dass sie keine Mutter mehr haben und in dieselbe Schulklasse gehen.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Sleeping Giant in Neuvels Debüt. Die Piloten scheinen aus bisher noch unbekannten Gründen ausgewählt zu werden, so als würde sie sich der Roboter selbst aussuchen – und das führt im Laufe der Ereignisse zu ungeahnten moralischen und ethischen Fragestellungen, die von den Mitgliedern des Forscher*innenteams recht unterschiedlich beantwortet werden.

Neuvel schreibt unglaublich fesselnd und erst nach und nach enthüllen sich die unterschiedlichen politischen Verstrickungen und Geheimpläne der Regierung (Akte X lässt grüßen). Auch wenn ich sonst kaum Science-Fiction lese, bin ich nach dem ersten Band absolut begeistert. Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung sich diese Serie entwickeln wird, aber ich freue mich riesig auf den nächsten Teil.

Sylvain Neuvel –  Sleeping Giants. Book One of The Themis Files. 320 Seiten.

Penguin Random House 2016.

ISBN: 978-0-718-18169-7

 

[Rezension] „Jeder Mensch ist anders!“ – Schuld war Elvis

Hebrons Leben stand von Anfang an unter einem Stern, den man nicht unbedingt schlecht nennen konnte, aber ihn als gut zu bezeichnen, würde ihren folgenden Lebensjahren nicht gerecht werden. (S. 7)

Als ich das erste Mal den Roman in einer Buchhandlung gesehen habe, wusste ich, dass ich unbedingt dieses Buch lesen musste. Mir gefiel der Titel, das Cover, vielleicht war ich gerade noch durch das 1950er Jahre – Seminar an der Uni inspiriert und dachte, dass „irgendwas mit Elvis“ schon passt. Eigentlich geht es aber nicht um Elvis, sondern um eine ziemlich verkorkste Familie.

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In Rebecca Maria Salentins Debüt Schuld war Elvis wird auf knapp 500 Seiten eine Familien- und Entwicklungsgeschichte beschrieben, die in den 1970er Jahren in der Eifel beginnt. Anfang und Ende des Romans bestehen aus demselben Satz, so als habe sich auf den 500 Seiten nichts geändert: „Und Hebron schrie.“ (S.2, S. 506).

Doch es ändert sich eine Menge in Hebrons Leben und in ihrer Beziehung zu ihrer chaotischen Familie. Damit die Leser_innen nicht den Überblick verlieren, gibt es eine Ahnentafel der Familien Hunger und Apelstejn auf den letzten beiden Seiten. Das ist gerade in der Mitte des Buches wirklich hilfreich, denn Hebrons Leben ist so besonders und die Verstrickungen ihrer Familie komplexer als ich zunächst dachte.

„Es gibt keine zwei vergleichbaren Leben! Niemals! Jeder Mensch ist anders!“, wird natürlich jetzt jeder aufschreien, ebenso empört wie überzeugt. Und ja, er hat recht, und nein, hat er nicht.

Es gibt eine Andersartigkeit, die selbst unter anderen anders ist. Und unter dieser Andersartigkeit hatte Hebron von Anfang an zu leiden. “ (S. 7)

Hebrons Mutter Meggie hat Pech mit den Männern. Hebrons Vater ist kurz nach ihrer Geburt nach Israel abgehauen und ihr ganzes weiteres Leben lang, wird Hebron eine männliche Bezugsperson fehlen. Meggie schafft es zwar, immer wieder schwanger zu werden, aber eine offizielle Hochzeit mit einem der potentiellen Partner gibt es nie. Das sorgt für Gesprächsstoff in der Kleinstadt Düren und dafür, dass Hebron sehr früh in ihrem Leben nicht nur große Schwester, sondern viel zu oft auch Ersatzmama sein muss. Denn Meggies Männer kann man allesamt in der Pfeife rauchen (und Meggie eigentlich auch). Hebrons erster Ersatzpapa, der Vater ihrer Zwillingsbrüder, verstirbt tragisch bei einem Autorennen. Der nächste Mann, der als Ersatzvater in Frage kommen könnte, ist der Gartenarbeit zugewandt und hegt und pflegt zwar mit Hingabe seine Hanfplantage, findet Kinder aber eher anstrengend. Und wer der Vater vom mopsigen, aber glücklichen Francis ist, verrät Meggie gar nicht erst.

Zum Glück gibt es noch helfende Tanten, aber Fanny, Penny, Peggy, Sally, Daisy und Betty können ihrer verkorksten Schwester  nicht jedes Mal aus der Patsche helfen. Als Hebron die Situation nicht mehr aushält und ihr Suizidversuch ungehört verpufft, macht sie sich auf die Suche nach ihrem Vater und fährt kurzer Hand nach Israel.

Allerdings handelt es sich hier eher um das Grundgerüst der Handlung. Immer wieder800px-Elvis_Presley_1970 werden die Geschichten der Großeltern, der Onkel und Tanten und der ganzen Familie Hunger um Hebrons Leben herumgestrickt, denn natürlich gehört alles zusammen. Das ist manchmal etwas viel und driftet leider schnell ins Anekdotenhafte ab. Der Erzählmodus ist dabei gleichbleibend ironisch. Mit einem leichten Augenzwinkern werden die Streiche der Zwillingsbrüder Wim und Billy, ihre Raufereien mit ihren Cousins Geronimo und Casanova oder aber Hebrons erste Leseversuche, die allein durch den Anblick von Elvis  auf einer Illustrierte und Hebrons Instant-Verliebtheit, zu Stande kamen, beschrieben.

Das kann über 500 Seiten etwas zu launig werden und hat leider dafür gesorgt, dass mich die Geschichte stellenweise nicht ganz überzeugen konnte. Egal ob Kriegserlebnisse, Suizidversuche, eine unmögliche Mutter und eine tragische Kindheit, der heitere Erzählmodus bleibt bestehen und wirkt dabei auf Dauer etwas ermüdend. Da hätte es für mich nicht die gefühlt zehnte Erzählung über Hebrons Onkel‘ (ebenfalls Zwillinge) sein müssen, obwohl mich gerade dieser humoristische Erzählstil am Anfang noch begeistert hat. Zudem kommt Salentin wirklich in jedem Kapitel von einer kleinen Geschichte über eine Anekdote zu einer anderen Nebensächlichkeit um erst langsam wieder zu Meggie und Hebron zurückzukehren, die für mich eindeutig den Hauptteil des Romans ausmachen.

Geht es allerdings um Hebrons eigene Suche nach ihrem Vater und ihr Aufeinandertreffen mit Samuel Apelstejn gefällt mir der Roman ausgesprochen gut. Bei einer Figur wie Hebron ist natürlich damit zurechnen, dass die Begegnung nicht einfach wird und dass es so etwas wie ein Happy End gar nicht geben kann, aber vielleicht einen Neuanfang.

Rebecca Maria Salentin: Schuld war Elvis. C. Bertelsmann 2015. 506 Seiten.

ISBN: 978-3-570-10212-1

Ich habe den Roman als Rezensionsexmplar beim Bloggerportal angefragt. Vielen Dank!

[Rezension] Hart und zart – Das kalte Licht der fernen Sterne

Winter ist Schwarzweiß: Rabenschwarz und Schneeweiß. Winter sind Spuren, Fäkalien, Blut und Urin auf dem weißen Schnee. Winter sind verschwundene Wege, die nach starken Schneefällen freigeschaufelt werden müssen. Winter ist der hohe schwarze Himmel und das kalte Licht der fernen Sterne. (S. 24)

 

Anna Galkinas Debüt ist keine Gute-Nacht-Geschichte für Zartbesaitete. Hinter einer poetischen Erzählweise verbergen sich Geschichten, die manchmal schön, aber häufig auch sehr schrecklich sind.

9783627002244_1448893006000_xxlDie Leser_innen lernen Nastja kennen. Zwanzig Jahre nachdem sie ihre Heimat verlassen hat, kehrt sie zurück. In kurzen Episoden blickt sie zurück auf die 1980er Jahre und ihre Jugend in Moskau. Nastja erzählt Geschichten aus ihrem Leben, die verstören können. Wenn es zwischen ihr und ihrer Mama kracht, dann droht diese ihrer Sechsjährigen Tochter gerne damit, sie in eine Erziehungsanstalt zu schicken. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Oma lebt sie in einem winzigen Haus, ohne fließendes Wasser und Plumpsklo im Garten. Die Oma achtet akribisch darauf, dass sich auf den Zeitungen, die als Toilettenpapier verwendet werden, ja keine hochrangigen Politker befinden. Nicht auszudenken, wenn das Politbüro davon Wind bekäme! Es sind diese absurden Begebenheiten, die den Roman zu einem besonderen Leseerlebnis werden lassen.

Nastja beobachtet genau und berichtet ihre Erlebnisse als wäre sie eine unbeteiligte Person. Sie erzählt von der Lehrerin, die sehr nett ist. Zu allen Kindern, nur nicht zu ihrem eigenen Sohn, denn am Ende würde der Eindruck entstehen, dass sie ihn bevorzugt. Deswegen knallt sie seinen Kopf auf den Tisch bis er Nasenbluten hat. Und es gibt nicht nur schreckliche Lehrer_innen. Während Nastja darauf wartet, dass ihre große Liebe Thomas Anders von Modern Talking endlich nach Moskau kommt und ihre Mutter einen Club für Poesieliebhaber gründet und einen Mann sucht, kreisen die erzählten Episoden um Nastjas Alltag oder Geschichten von Bekannten und Freundinnen. Und um eins vorweg zu nehmen: die meisten Männer kommen ganz schlecht weg. Sie trinken, sie sind übergriffig und sie verhalten sich ekelhaft. In Kapiteln, die gerade einmal vier Seiten lang sind, verstecken sich hinter den scheinbar alltäglichen Begebenheiten, die wahren Tragödien des Lebens. Korruption, Gewalt in der Familie, Eltern, die Alkoholiker sind und Abtreibungen als Initiationsritus zum Erwachsen werden.

Besonders auffällig ist das „Schlampentrio“, das Nastja kennen lernt. War ich anfangs noch froh, dass sie endlich Freundinnen findet, entpuppt sich die Begegnung nur als eine weitere Reise in die Untiefen menschlicher Grausamkeit. Besonders zwei Begegnungen sind unglaublich extrem und zeigen die gesamte moralische Verwahrlosung der Beteiligten. Es geht um Massenvergewaltigung und Folter. Und das kam für mich unerwartet und steht doch nur im Kontext von den vielen unterschiedlichen Grausamkeiten und Übergriffen, die Nastja erlebt.

Aber es geht eben nicht nur um diese Gewalt. Der Roman zeigt Gewalt als eine Facette des Lebens, die unkommentiert neben vielen anderen Ereignissen steht. Dabei ist Das kalte Licht der fernen Sterne auch ein Coming-of-Age-Roman, denn es geht darum, wie schwierig es ist, erwachsen zu werden.

Als Nastja dann den ukrainischen Soldaten Dima kennen lernt, könnte sich das Blatt wenden. Dima will mehr als Sex und das ist immerhin schon eine Überraschung für Nastja. Die Liebe erscheint als winziger Hoffnungsschimmer, wie eine Seifenblase über einem Misthaufen. Und das lohnt sich auf jeden Fall zu lesen.

 

 

Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne. Frankfurter Verlagsanstalt 2016.

ISBN: 978-3-627-00224-4