Wer ist B. Traven?

In Torsten Seiferts Debüt geht es um eine literarische Spurensuche, viele Abenteuer und ein großes Geheimnis.

Wer ist B. Traven

1947. Der junge Reporter Leon bekommt von seinem Chef eine heikle und ziemlich wichtige Aufgabe. Er soll herausfinden, wer der geheimnisvolle Schriftsteller B. Traven ist, ein Mann, um dessen Identität sich seit Jahren viele Mythen und Spekulationen ranken. Das Magazin Life hat schon ein Preisgeld für den Journalisten ausgeschrieben, dem es gelingt, Travens Identität zu enthüllen. Leons Chef will schneller sein als das Konkurrenzblatt und dafür gibt es einen einfachen Grund. In Mexiko wird gerade ein Roman von Traven verfilmt, der Klassiker Der Schatz der Sierra Madre mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle. Bevor der Streifen in die Kinos kommt, soll Leon liefern.

Auch wenn ich nicht verstehe, warum die Leute solch ein Gedöns um einen Schriftsteller machen. Sie wollen wissen, wann er aufsteht, wann er frühstückt, ob er trinkt, Golf spielt oder lieber Poker. Es ist ungerecht, dass ein Künstler mehr Beachtung findet als jeder andere, der seine Arbeit tut. (258)

Der Journalist fährt sofort nach Mexiko, denn auch Travens Assistent soll sich am Set befinden. Hinter vorgehaltener Hand wird sogar gemunkelt, der Assistent sei selbst der mysteriöse  Schriftsteller.  Aber statt sich in die Recherche zu stürzen, spielt Leon lieber mit Bogy Schach und macht Bekanntschaft mit einer schönen Frau, die sein Leben auf den Kopf stellt. Als er wieder nach L.A. zurückkehrt, lässt ihn die Suche nach Traven aber einfach nicht los. Leon macht sich wieder auf den Weg, dieses Mal nach Wien.

Torsten Seifert hat einen Abenteuerroman über einen unsteten Schriftsteller geschrieben, der mehrmals sein Leben und seine Namen änderte und dessen letzten Geheimnisse nicht geklärt werden konnten. Traven war ein Schriftsteller, der stets mehr Wert auf seine Anonymität legte, als auf Fans und Starkult um seine Person. Und das ist bemerkenswert. Immerhin hat er 12 Romane geschrieben, die in 24 Sprachen übersetzt wurden (Gesamtauflage: 30 Millionen). Eine bekannte Größe also, könnte man meinen. Aber Traven zog es vor, im Verborgenen zu bleiben. Ich habe den Fehler gemacht, mich im Vorfeld über Traven auf Wikipedia zu informieren – tut das lieber nicht, ihr werdet weniger Spaß an der Geschichte haben.

Neben dem literarischen Rätselraten und einigen Ausschnitten aus Travens Werk, gibt es eine Menge exotische Settings, die ganz im Stil eines klassischen Abenteuerromans unterhalten und auf Grautöne in der Figurenzeichnung (Leon selbst ist da eine große Ausnahme) verzichten. Da gibt es Bordellszenen in Mexico (inklusive eines Wrestlingkampfes) und für Leon eins auf die Nase, aber auch eine traumhafte Bibliothek in Wien. Mich erinnert diese Jagd an Vintage, auch wenn es Hervier gelingt, die Suche etwas eleganter zu gestalten.

Ich habe mir beim Lesen öfter gewünscht, ein Buch von Traven zur Hand zur haben, denn ich glaube, dass Seifert ganz bewusst mit Setting und Stil gespielt hat um eine Nähe zu den Originalen des mysteriösen Schriftstellers herzustellen. Das Ergebnis ist eine ziemlich stimmige und atmosphärische Erzählung geworden, die nach einem fulminanten Auftakt temporeich weiter geht. Habt ihr die Bücher von B. Traven gelesen? Neben dem zu erwartenden Abenteuerfaktor soll sich nämlich auch eine Menge Gesellschaftskritik hinter den Zeilen verbergen, ein Muss für einen politischen Menschen wie Traven, der seine Geschichten auch immer mit einer Kritik an den Ausbeutungsmechanismen des Kapitalismus verknüpfte.

Wer 40er-Jahre Flair liebt und einen spannenden Roman über eines der letzten Geheimnisse der Literaturgeschichte sucht, wird mit Wer ist B. Traven? bestens unterhalten. Herausragende Frauenfiguren gibt es leider nicht, immerhin gibt es die eine geheimnisvolle Dame, die sich noch als kleiner Lichtblick entpuppt. In Anbetracht der vielen handelnden Personen ist dieser Lichtblick allerdings sehr klein. Aber es gibt eine Sexszene in einer katholischen Kirche, das ist immerhin auch ein bisschen Abenteuer.

Noch ein Servicehinweis: Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert wurde 2017 zum Siegertitel des Blogbusterpreises gewählt. Aus über 250 Einsendungen haben die 15 Blogger*innen der Jury aus verschiedenen eingesandten Manuskripten eine Auswahl getroffen, die dann wiederum von einer Kritiker*innenjury bewertet wurde.

Torsten Seifert – Wer ist B. Traven? Tropen 2017.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

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Texthäppchen I

Ich habe einen Rezensionsstapel in meinem Zimmer, der immer höher wächst. Bald kann ich die Tür nicht mehr aufmachen. Deshalb habe ich mir das Mini-Format Texthäppchen überlegt, in dem ich euch ganz kurz sage, warum die Bücher grandios waren – oder eben nicht. Und bevor ich hinter einem Rezensionsstapel verschwinde, schreibe ich lieber ein paar Sätze zu den Romanen, bei denen es für mich nicht für eine länge Rezension gereicht hat, zu denen ich euch aber trotzdem etwas sagen möchte.

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Mirko Bonné – Nie mehr Nacht

Markus reist mit seinem fünfzehnjährigen Neffen in die Normandie, weil er für ein Kunstmagazin eine alte Brücke zeichnen soll, die 1944 bei der Landung der Allierten eine wichtige Rolle gespielt hat. Die Reise an die französische Küste wird unversehens zu einer Reise in die Vergangenheit und in die Abgründe von Markus‘ Leben. Genial geschrieben, schwebend und gleichzeitig verstörend, unglaublich tragisch und gleichzeitig spannend. Ein toller Roman, den ich sicherlich nicht so schnell vergessen werde.

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen

Walter Nowak schwimmt jeden Morgen seine Bahnen im Freibad, bis ihn etwas aus der Fassung bringt. Unbeweglich liegt er auf dem Boden seines Badezimmers, während seine Vergangenheit in einem langen Gedankenstrom an ihm vorbeizieht. Er erinnert sich an den Versuch für seine Mutter ein Elvis-Autogramm zu erstehen, an seine erste Frau Gisela, an ihren Schweinebraten (der Schweinebraten spielt eine wirklich wichtige Rolle!), seinen Sohn Felix, der ihm schon lange fremd geworden ist,  und er erinnert sich an die Diagnose, die ihm der Arzt gestellt hat…. Julia Wolf stand mit ihrem Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und hat beim Bachmann-Wettbewerb teilgenommen. Ich fand Walter Nowak sehr experimentell, lustig, ein bisschen traurig und wirklich toll geschrieben.

Olga Grjasnowa – Gott ist nicht schüchtern

Hamoudi und Amal, zwei syrische Flüchtlinge, die irgendwie ihren Weg nach Deutschland finden. Während Hamoudi eigentlich in Frankreich lebt, darf er nach einer Reise in sein Heimatland nicht mehr zurückkehren. Als der Chirurg im Krieg auch dazu gezwungen wird, Kämpfer des IS zu behandeln, plant er seine Flucht. Amal ist engagiert und setzt ihre Existenz aufs Spiel, weil sie sich für die Demokratie einsetzt. Amal und Hamoudi landen in Berlin, doch das heißt noch lange nicht, dass sie in Deutschland angekommen und sicher sind. Grjasnowa ist mit einem syrischen Schauspieler verheiratet, natürlich schreibt sie sehr engagiert, auch über die Grausamkeiten des Krieges. Das ist sehr bewegend. Die Figuren Hamoudi und Amal empfand ich hingegen als ein wenig stereotyp, das gefiel mir nicht so gut.

 

Was habt ihr als letztes gelesen?

 

Mirko Bonné – Nie mehr Nacht. Fischer 2013.

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen. Frankfurter Verlagsanstalt 2017.

Olga Grjasnowa – Gott ist nicht schüchtern. Aufbau Verlag 2017.

 

 

 

Good Night Stories for Rebel Girls

Alle zwei Monate treffe ich mich mit meinem englischsprachigen Bookclub. Wir lesen und diskutieren ein Buch, essen Kuchen und Kekse und da viele von den anderen Ladies schon Kinder haben, sind die lieben Kleinen auch mit von der Partie. Das hat vielleicht auch unsere letzte Buchauswahl beeinflusst. Unser  Oktoberbuch war „Good Night Stories for Rebel Girls“ und hier sind drei Gründe, warum ihr dieses Buch auch lesen solltet.

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  1. Das Buch ist empowernd, nicht nur für kleine Mädchen. Die Autor*innen stellen hundert Frauen* vor, die die Welt verändert haben. Der Grund ist einfach: die beiden Autor*innen haben festgestellt, dass es in den aktuellen Kinderbüchern mehr tierische Protagonisten gibt, als Heldinnen in der Hauptrolle. Wenn Frauen oder Mädchen vorkamen, dann häufig am Rande, ein Zustand, den die beiden mit ihrem Buch verändern wollten. Jede Geschichte beginnt mit dem gleichen Satz: “ Once upon a time, there was a girl named X … „. Auf nur einer Seite wird die Geschichte einer Forscherin, Sportlerin oder Künstlerin oder Politikerin oder Malerin oder Musikerin oder Spionin [oder oder oder] vorgestellt. Es geht immer um Frauen, die für ihren Bereich Großartiges geleistet haben. Und alle waren einmal kleine Mädchen. Identifikationspotenzial für die Kleinen und ein Aufhänger um weiter Wikipedia zu konsultieren für die Großen. Ich habe noch nie eine so tolle und inspirierende kulturgeschichtliche Sammlung über weibliche Pionier*innen gelesen, ganz im Sinne einer „Herstory“ (statt History, you know). Danke dafür.
  2. Elena Favilli und Francesca Cavallo haben ihr grandioses Buch über eine Kickstarter-Kampagne finanziert und dabei nebenbei einen Rekord gebrochen. Toll für die beiden und toll für uns, denn nur dank der Crowd können wir jetzt dieses super Buch in den Händen halten. Ich finde solche Projekte genial und ich glaube an die Crowd. Amen.
  3. Die Illustrationen sind der Hammer. Jedes Porträt sieht anders aus, denn an jedem Porträt hat eine andere Künstlerin gearbeitet und jedes Porträt wird durch ein Zitat ergänzt. Beim Durchblättern wollte ich mir am laufenden Band Zitate aufschreiben. Das Buch ist unglaublich bunt, über 60 Illustrator*innen aus unterschiedlichsten Ecken der Welt haben an dem Buch mitgearbeitet und machen es zu einem außergewöhnlichen Werk, das zudem bezahlbar ist.*

 

Feet, what do I need you for, when I have wings to fly?

Frida Kahlo, S. 58

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Ich könnte natürlich noch viele andere Sachen schreiben. Zum Beispiel, dass Frida Kahlo, einer meiner Lieblingskünstlerin vorkommt und Kate Sheppard, eine der Suffragetten, die Sängerin Maria Callas oder Jane Austen. Good Night Stories for Rebel Girls hat mich überzeugt, ihr könnt es für euch selbst kaufen oder für eure Nichten oder Töchter oder Neffen und Söhne. Es ist ein Buch, das nicht in einem Rutsch gelesen werden muss. Es ist zum Angucken, zum Nachlesen, zum Weiterdenken.

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Natürlich kann auf einer Seite nicht die gesamte Lebensgeschichte einer Frau abgebildet werden, aber darum soll es auch nicht gehen. Die Autor*innen beschreiben ihre Herangehensweise des Erzählens als „creative nonfiction“. In wenigen Sätzen wird das Leben einer Heldin skizziert, ob es jetzt Ada Lovelace ist, eine Mathematikerin, die Mitte des 19. Jahrhunderts das erste Computerprogramm schrieb, lange bevor es Computer gab oder um Astrid Lindgren, die Pippi Langstrumpf erfunden hat.  Es ist ein Buch, in dem es keine pinken Prinzessinnen gibt, die darauf warten, gerettet zu werden, sondern ein Buch, in dem die Girls zeigen, was alles möglich ist. Es ist ein Buch, dass jedes Mädchen lesen sollte.

It is important that girls understand the obstacles that lie in front of them. It is just as important that they know these obstacles are not insurmountable. That not only can they find a way to overcome them, but that they can remove those obstacles for those who will come after them, just like these great women did.

(Vorwort xii)

Elena Favili and Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 Tales of extraordinary Women. Particular Books (an imprint of Penguin Books) 2017.

Weitere Besprechungen findet ihr bei

 

*Als ich es für den Bookclub gekauft habe, musste ich 12 Euro bezahlen. Für ein Hardcover wirklich nicht zu viel.

Nachtlichter

Amy Liptrot hat mit ihrem Debüt Nachtlichter eine mutige Geschichte über die Einsamkeit in der wilden Natur der Orkneys geschrieben und liefert gleichzeitig tiefe Einblicke in das Leben nach ihrem Alkoholentzug.

NachtlichterDie Journalistin Amy Liptrot landet mit Anfang dreißig an dem Ort, an den sie eigentlich nie zurückwollte – in ihrer alten Heimat, den Orkneyinseln, einer abgelegenen Region im dünn besiedelten Schottland. Nur zwanzig der Inseln sind bewohnt, Cava, Faray, Fara, Eynhallows, Swona und Copinsay sind es nicht mehr. Sie sind  einsame Flecken Erde, „auf denen die leeren Häuser verfallen, den Elementen preisgegeben“, während die Felder sich langsam in Moore verwandeln. Warum Amy Liptrot ausgerechnet diese unwirtlichen Orte aufsucht, macht einen großen Teil der Faszination des Buches aus.

Auf der kleinen Insel Papay gelingt es Amy Liptrot für einen Moment innezuhalten. Als sie die Wellen beobachtet, wird ihr etwas klar: Alle Wellen können „nur eine bestimme Höhe erreichen, ehe sie abstürzen“. Es ist der Moment, der für sie einen Neuanfang markiert.

Während eine Welle zerschellt und Schaum in meine Richtung spritzt, wird mir klar, dass ich […] mich beim Trinken genauso gefühlt habe. (S.266)

Amy Liptrots Debüt zu lesen, gleicht gerade in den Anfangssequenzen einem voyeuristischen Akt. Es ist nicht ganz einfach zu lesen, wie viele Abstürze die Journalistin mitmachen muss und welche Schwierigkeiten ihr immer wieder begegnen, die in der Regel mit ihrer Alkoholsucht zusammenhängen. Das spannende und faszinierende an dieser Biografie ist hingegen, wie es Liptrot gelingt, in der Einsamkeit der Natur zu sich selbst zu finden. Während sie Basstölpel und Lummen beobachtet, Steinmauern baut und Schafe über die Weide trägt, merkt sie, dass das Leben in der Natur eine heilende Wirkung hat. Sie beschäftigt sich mit Nachtlichtern und Astronomie und kann über ihr Handy und ihren Laptop mit der Welt „da draußen“ kommunizieren. Erst hier entfaltet sich das, was der Observer  als „Sternstunde des New Nature Writing“ bezeichnet. Und um diesen krassen Kontrast zu verstehen, war der erste Teil, in dem Liptrot sich von Exzess zu Exzess quält, Jobs verliert, betrunken durch London auf der Suche nach Alkohol irrt und aus WG-Zimmern geschmissen wird, wahrscheinlich für die Schriftstellerin notwendig. Für die Leser*innen kann dieser Aufbau etwas langatmig werden.

Erst weit weg von der Zivilisation, an den wahrscheinlich einsamsten Orten der Welt, die sie seit ihrer Jugend verlassen wollte, findet sie zu sich selbst und lebt ein Leben wie ihre Eltern. Sie züchtet Schafe und lässt sich auf Papay nieder, einer Insel mit gerade einmal 70 Bewohner*innen. Hier schwimmt sie im Meer, fängt an zu schnorcheln und lebt sehr minimalistisch. Außerdem arbeitet sie für einen Umweltschutzverein und zählt den seltenen Wachtelkönig, einen bedrohten Vogel, den man nur nachts hören kann. Während sie versucht, den Vogel zu finden, reflektiert sie immer wieder ihre Situation und versucht zu verstehen, warum sie wieder im Nordwesten der Orkneys gelandet ist. Und dann spielt auch die Literatur wieder eine Rolle.

Schon vor meinem Sommerjob habe ich angefangen, Moby Dick zu lesen. Inzwischen lese ich das Buch schon so lange, dass es sich anfühlt, als befände ich mich selbst auf einer dreijährigen Walfangreise rund um die Welt; ich trage das Buch jeden Tag bei mir, schwer wie eine Harpune liegt es in meiner Umhängetasche. Ich bin der rasende Kapitän Ahab, nur jage ich anstelle eines Wals einen scheuen Vogel. (S.167)

Im englischsprachigen Raum scheint die Kategorie „New Nature Writing“ tatsächlich ein großes Ding zu sein. Ich habe mich ein bisschen an Wild -Der große Trip erinnert gefühlt, aber trotzdem schreibt Liptrot ganz anders, dafür nicht weniger faszinierend von ihrem Weg in ein glücklicheres Leben.

„Ich habe Diskolichter gegen Himmelslichter eingetauscht, aber ich bin immer noch von Tänzern umgeben. Ich werden von siebenundsechszig Monden umkreist.“ (S.269)

Amy Liptrot – Nachtlichter. Aus dem Englischen von Bettina Münch. btb 2017.

Das Bild habe ich letzte Woche in unserem Kroatienurlaub gemacht – ich habe es leider nicht nach Schottland geschafft. Aber Kroatien war auch sehr schön ;)

Ich habe den Roman bei vorablesen.de als Rezensionsexemplar bekommen, vielen Dank.

Buch-Date VI – Harun und das Meer der Geschichten

Anfang September haben Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende die neuen Dates ausgelost, die sich dieses Mal um Kinder-und Jugendliteratur drehen.

Unbenannt

Mir wurden drei Bücher von Wili empfohlen, nämlich

„Tranquilla Trampeltreu“ von Michael Ende

„Hörbe mit dem großen Hut“ von Otfried Preußler

„Harun und das Meer der Geschichten“ von Salman Rushdie.

RushdieIch habe mich für Rushdie entschieden und wurde nicht enttäuscht. Es geht um Harun, der „in der traurigsten aller Städte“ lebt, eine Stadt, die so traurig ist, dass ihre Bewohner sogar vergessen haben, wie sie heißt. Aber das stört Harun nicht, denn sein Vater Raschid ist Geschichtenerzähler und hat so viel Fantasie, dass selbst die traurigste Stadt zu einem wunderbaren Ort wird. Die Fans von Raschid nennen ihn „Genie der Fantasie“, seine Widersacher nennen ihn „Schah von Blah“, denn Raschids Geschichtenschatz geht nie zu Neige. Bis zu dem traurigen Tag, an dem Haruns Mutter Soraya mit dem  fiesen Nachbarn durchbrennt, der schon immer wenig von Raschid und seinem Können gehalten hat. Harun beginnt an den Fähigkeiten seines Papas zu zweifeln und Raschid bringt statt poetischen Worten nur noch ein „Krächz“ zustande.

Schon wieder meine Schuld, dachte Harun zutiefst zerknirscht. Mir allein ist das alles zuzuschreiben. Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind? Diese Frage habe ich gestellt und meinem Vater damit das Herz gebrochen. Also muss ich auch alles wieder ins Lot bringen. (S.24)

Während Raschid immer verzweifelter wird, macht Harun eine großartige Entdeckung. Die Fähigkeit seines Vaters, andere mit Geschichten zu verzaubern, stammt vom Erzählwasser aus dem Meer der Geschichten. Zufällig ist Harun wach, als ein Wasser-Dschinn gerade dabei ist, den Geschichtenhahn von seinem Vater abzudrehen. Angeblich ist Raschids Erzählwasserabo abgelaufen – aber das kann Harun nicht einfach hinnehmen. Zusammen mit dem Wasser-Dschinn Wenn macht er sich auf einem goldenen Wiedehopf, der eine Mischung aus Tier und Maschine ist, auf den weiten Weg nach Kahani, wo das Meer der Geschichten liegt, um die Gabe seines Vaters zu retten.

Verschiedene Teile des Meeres enthielten verschiedene Erzählformen, und da alle Geschichten, die jemals erzählt worden waren, sowie viele, die gerade erzählt und ausgedacht wurden, hier zu finden waren, stellte das Meer der Geschichtenströme die größte Bibliothek des Universums dar. Und da die Geschichten hier in flüssiger Form aufbewahrt wurden, behielten sie die wundersame Fähigkeit, sich zu verändern, sich in neue Versionen ihrer selbst zu verwandeln, sich mit anderen Geschichten zu vereinen und dadurch zu wieder neuen Geschichten zu werden, so dass das Meer der Geschichtenströme, im Gegensatz zu einer Bibliothek, weit mehr war als ein Lagerraum für Erzählungen. Denn es war nicht tot, sondern lebendig. (S.79)

Um genau zu verstehen, was schief gelaufen ist, muss Harun mit dem großen Walross sprechen, das in einer Behörde sitzt und für die Verwaltung der Erzählwasserabonnements zuständig ist. In Kahani stellt Harun schnell fest, dass nicht nur sein Vater bedroht ist. Das gesamte Meer der Geschichten wird vergiftet, also sind alle Geschichten der Menschheit in Gefahr. Zusätzlich wird Harun auch noch in eine „Prinzessin-Rettungs-Geschichte“ verwickelt.

Salman Rushdie ist ein toller Erzähler, der vordergründig ein Märchen erzählt, in dem der Kampf Gut gegen Böse ausgetragen wird und das doch noch eine weitere Ebene hat. Wie in Die unendliche Geschichte oder Die Stadt der träumenden Bücher beschreibt Rushdie, wie die Fantasie durch Bürokraten und Despoten unterdrückt wird und verschwindet. Rushdie hat das Buch auf der Flucht geschrieben, nachdem Ajatollah Khomeini 1988 gegen den Schriftsteller eine Fatwa ausrief, weil Rushdie Die satanischen Verse veröffentlicht hatte. Mittlerweile liegt das Kopfgeld auf Rushdie bei 4 Millionen Dollar, zum Jahrestag der Fatwa wurde es 2016 auf Betreiben verschiedener iranischer Medien noch einmal erhöht.

Vielen Dank für diese wunderbare Buchempfehlung, Salman Rushdies andere Romane sind auf jeden Fall auf meine zukünftige Leseliste gewandert. Golden House klingt nämlich auch sehr spannend und ist gerade erschienen. Danke :)

Salman Rushdie – Harun und das Meer der Geschichten (Harun and the Sea of Stories). Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler 1991.

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Sophie hat ihren Job verloren, kein Geld mehr, hockt in ihrer Wohnung und fängt an zu schreiben, zum Beispiel darüber, wie sie ihre geliebten Bücher in einem Second-Hand-Buchladen verscherbelt. Als der Teufel aus dem Badezimmer kam ist ein witziges Buch über eine unerschrockene Poetin, die ihre ganze Kreativität in die Waagschale wirft, um nicht (finanziell) unterzugehen.

Am Anfang steht eine Zahl: 17,70 bleiben Sophie noch bis zum Ende des Monats. Sie hat sich verkalkuliert. Als Schriftstellerin ist sie ohnehin knapp bei Kasse und der Wärmestrahler, den sie über den Winter aufgestellt hat, beschert ihr im Frühjahr eine hohe Stromrechnung, die fast ihre gesamte Sozialhilfe auffrisst. Permanent sitzt ihr der Teufel im Nacken, der sie in ihrer Wohnung besucht und sie verführen will, ihre wertvollen verbleibenden Euros auszugeben. Das klingt in erster Linie nach einer ziemlich dramatischen Situation, aber Sophie gibt nicht auf und schreibt stattdessen einen Roman, in dem sich die Realität endlich einmal (!) der Fantasie unterordnen muss. Ihre finanzielle Zwangslage ist zwar der Ausgangspunkt des Romans, aber durch ein Feuerwerk absurder Ideen, wirkt die Geschichte in erster Linie weder tragisch, noch traurig, sondern ist unglaublich witzig und mit einem guten Gespür für subtile Gesellschaftskritik geschrieben.

Der Arme Poet

Schon 1839 hatten es Künstler*innen nicht leicht, wie Carl Spitzweg auf seinem Bild „Der arme Poet“ ziemlich einleuchtend darstellt. Es regnet durch die Decke, die wenigen verbliebenen Bücher sind um das Bett versammelt und der arme Poet trägt eine Mütze, wahrscheinlich weil es ihm sonst in seinem Zimmer zu kalt ist. Sophie geht es ähnlich, allerdings schlägt sie sich mit den Phänomenen der Gegenwart herum. Sie lehnt es ab, ihre Mutter oder ihre Brüder in ihre finanzielle Notlage einzuweihen. Vor ihrer Familie kann sie schon gar nicht zugeben, dass sie mit Ende 30 immer noch keinen Job hat und ihre Karriere als Schriftstellerin nicht in die Gänge kommt. In dieser Situation hilft es wenig, dass immer wieder die Kommentare ihrer Mutter in ihren Gedanken auftauchen.

„Ach, Kind!“, kraquäkte meine Mutter, „ich hatte ja keine Ahnung, dass du so arm bist. Um das zu erfahren, muss ich also deine Bücher lesen … Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugelassen, dass du diese verflixte Literatur zu deinem Beruf machst.“ (S.17)

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Sophie Divrys Roman ist nicht nur so genial gut, weil es um eine Frau geht, die ihr Leben radikal dem Erfolg ihrer Kunst unterordnet. Divry thematisiert Phänomene der Gegenwart, die aktuell sind und jede_n treffen können: die absurden Forderungen der Arbeitsagentur, in der Sophie bald nur noch verwaltet wird; der Versuch, jeglichen Besitz (selbst Lieblingsbücher) noch irgendwie zu Geld zu machen und gleichzeitig das Gefühl, zu den Ausgeschlossenen und gesellschaftlich Abgestiegenen zu gehören. Ein Gefühl, das Sophie noch mehr quält, als der ständige Hunger.

 

 

 

Sobald einem die geringste Idee kommt, kann man sie sich schon nicht mehr leisten. Es fällt uns normalerweise nicht auf, aber letztendlich ist jede Handlung mit einer Ausgabe verbunden. Wer spazieren geht, steigert seinen Appetit. Wer sich mit Freunden trifft, muss unter Umständen einen ausgeben. Dabei braucht man gerade, wenn man knapp bei Kasse ist, Ablenkung und Unterhaltung. Es ist eine Trotzreaktion, ein rebellischer Instinkt, der einem zuflüstert: Wenn schon keine Arbeit, dann wenigstens Spaß… (S.27)

Abgesehen davon, dass ich selten einen so ehrlichen und authentischen Roman gelesen habe, wartet Divry mit einer Menge komischen und witzigen Ideen auf, die sich als künstlerische Rettungsanker erweisen. Da wehrt sich der Toaster mit Händen und Füßen dagegen, bei Ebay versteigert zu werden („Wie kannst du so grausam mich opfern? Warum mich morden, was hab ich getan? Mit welchem Recht, wer hat’s dir befohlen?“ (S.83)), ihr ebenfalls arbeitsloser Musikerfreund Hector hat eine Affäre, die Sophie bis ins Detail ausschmückt, denn Sex sells und irgendjemand muss ihr Buch ja kaufen, es werden die drei Schritte einer „effektiven Andiedeckestarrung“ vorgestellt und irgendwann kippt das Schriftbild in Richtung konkrete Poesie. Obwohl Thea Dorn ein ganz anderes Thema  verhandelt, fühlte ich mich allein durch den spielerischen und kreativen Umgang mit Sprache an ihren Roman Die Unsterblichen erinnert. Zudem besteht der Roman aus drei Teilen, denen jeweils unterschiedliche Motti vorangestellt sind, die an Texte aus dem Barock erinnern und zusammenfassen, was die Heldin als nächstes erleben wird. Das macht unglaublich viel Spaß und ist gleichzeitig sehr authentisch und treffend beschrieben.

Meine Familie hatte keine Ahnung, dass Arbeitslosigkeit nicht zu Beginn am schlimmsten ist. Am schlimmsten ist sie, wenn man sich genau diese Vorstellung zu eigen macht – dass nichts Neues mehr passieren wird, von meiner Rückstufung als Sozialleistungsempfängerin abgesehen. Diese Etappe, die erst lange meiner Entlassung erfolgte, blieb von meiner Familie unbemerkt. (S.130)

Zum Ende hin, können die vielen sprachlichen Experimente allerdings auch ein wenig ermüden. Zum Glück triumphiert die Kunst über die Arbeitslosigkeit, das ist wahrscheinlich das Schönste an diesem Roman. Und weil ich die Widmung so mag, erwähne ich sie hier auch noch schnell: „Dieses Buch widme ich den Unproduktiven, den Kindern, den Ausgehungerten, den Träumern, den Nudelessern und ,Niedergeschlagenen'“ – ich muss ehrlich sein, bereits auf der ersten Seite, hat Sophie Devry da bei mir einen Nerv getroffen. Vielleicht wegen der träumenden Nudelesser, ich weiß es nicht. Vor Kurzem hat Mareike über französische Badass-Schriftstellerinnen geschrieben, Sophie Divry gehört auf jeden Fall dazu.

Sophie Divry – Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczy. Ullstein 2017.

Ich habe den Roman auf vorablesen.de gewonnen, vielen Dank.

 

Vintage

Eine mysteriöse Gitarre, die Welt des Blues, ein abgerockter Elvisimitator, ein vergessenes Musikgenie und ein ungewisser Roadtrip, sorgen  in Vintage  für eine Menge Spannung.

VintageThomas ist Musiker und Gelegenheitsjournalist, als ihm der Deal seines Lebens präsentiert wird. Ein reicher schottischer Lord und passionierter Gitarrensammler tritt an Thomas heran und bittet ihn um Hilfe. Lord Winsley ist ein Musikliebhaber durch und durch. Er lädt Thomas in seine Residenz ein. Das Boleskine House , in der Nähe von Loch Ness, war lange Zeit der Wohnsitz von Jimmy Page, der das Anwesen in der Anfangszeit von Led Zeppelin erwarb. Die Atmosphäre hat trotzdem eher was von Graf Dracula, das liegt unter anderem daran, dass der Lord eine große Vorliebe für Aleister Crowley hegt. Aber da befindet er sich ja in guter Gesellschaft. Die Beatles, die Stones, Black Sabbath, Led Zeppelin und Bowie sollen sich alle mal eine Zeit lang mit dem britischen Okkultisten und seinen Schriften auseinandergesetzt haben.

Thomas Auftrag ist es nun, zu beweisen, dass es die Gibson Moderne, die legendärste Gitarre aller Zeiten, wirklich gegeben hat. Kann Thomas die Existenz der Gitarre beweisen, verspricht ihm der (dunkle) Lord eine Million. Ein Zehntel des Schätzwertes des Instruments. Das motiviert natürlich. Auch wenn seine Kollegen die Existenz dieser Gitarre anzweifeln.

André versorgte mich mit zahlreichen Details und Überlegungen dazu, wie die Moderne beschaffen sein könnte, beziehungsweise vor allem dazu, wie sie angesichts der damaligen Fertigungstechniken nicht beschaffen sein konnte. Ihm selbst war schon die eine oder andere Kopie untergekommen. Er erzählte mir von Sammlern, die jahrzehntelang vergeblich nach dieser Gitarre gefahndet hatten, und von anderen, die behaupteten, sie gefunden zu haben, sie aber nicht herausrückten. (S.65)

Thomas stürzt sich in die Recherche und reist auf den Spuren der Moderne einmal quer durch Amerika. Dabei trifft er auf unterschiedliche Menschen, die alle mit Musik zu tun haben und von dem Geheimnis um die mysteriöse Gitarre wissen. Wenn es um so viel Geld geht, ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis der erste Tote gefunden wird. Weiß Thomas, worauf er sich da eingelassen hat?

Ich mag Musik, aber ich kenne mich weder mit Blues, noch mit verschiedenen Gitarren richtig aus. Aber das hat mich gar nicht gestört. Hervier schafft es, in seinen Text unterschiedliche Bezüge zu echten Rockstars und Bluesstücken einzubauen. Neben dem spannenden Roadtrip hatte ich also das Gefühl, nebenbei noch Wissenswertes über Musikgeschichte lockerflockig präsentiert zu bekommen. Auf der Verlagsseite gibt es zusätzlich noch ein Mixtape, auf dem die unterschiedlichen Songs, auf die sich Hervier bezieht, angehört werden können. Das sind kleine Details, die ich wahnsinnig gerne mag. Nicht umsonst habe ich mich in meinem Studium auch  mit Popmusik beschäftigt und bin treue Spex-Abonnentin (ihr wisst, was ich meine…). Ein weiteres fancy Detail, das ich mag: die Kapitelüberschriften, die wie ein guter Song aufgebaut sind (Intro – Erste Strophe – Refrain – Zweite Strophe – Refrain – Dritte Strophe – Bridge – Solo (1. Teil) – Solo (2. Teil) – Refrain – Outro).

Vintage ist ein Rock- und Bluesthriller für Musiknerds und alle, die es werden wollen. Ziemlich cool, witzig, spannend und von einem Menschen geschrieben, der Musik liebt und sich verdammt gut auskennt. Das Ende setzt der ganzen Geschichte dann noch einmal die Krone auf und kam für mich absolut überraschend. Super Buch, super Musik. Für meinen Geschmack hätte der Roman ruhig noch ein bisschen dicker sein können. ;)

Grégoire Hervier – Vintage. Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs. Diogenes 2017.

 

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