„Buch-Date“ – Kinder der Hoffnung

Was ist noch gleich ein „Buchdate„? Beim Buchdate, initiiert von Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram, geht es darum, ein Buch empfohlen zu bekommen und Bücher zu empfehlen. Nialebt hat mir Bücher empfohlen und ich habe ihr Bücher empfohlen. Ich habe mich für Kinder der Hoffnung von Marc Levy entschieden.

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Marc Levy erzählt in Kinder der Hoffnung die Geschichte einer Gruppe französischer Jugendlicher, die sich in den 1940er Jahren der Résistance anschließen und gegen die deutschen Besatzer und die mit den Deutschen kollaborierende französische Miliz kämpfen. Marc Levy erzählt eine sehr persönliche Geschichte, denn es ist die Geschichte seines Vaters, der den Holocaust überlebte. Die Handlung spielt in Toulouse, das bis 1942 in der sogenannten „zone libre“ lag. Der Ich-Erzähler, der sich in der Widerstandsgruppe Jeannot nennt und sein jüngerer Bruder Claude, wollen natürlich bei den Aktionen der Résistance dabei sein. Anfänglich noch voll jugendlichem Idealismus, merken sie erst nach und nach, in welche Gefahr sie sich begeben. Es beginnt mit Flugblätteraktionen und das Leben im Widerstand ist ein faszinierendes Spiel. Die Jugendlichen lehnen den vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Besatzern ab. Doch dabei bleibt es nicht. Die Jugendlichen politisieren sich schnell, denn die Reaktionen auf ihre anfänglich so spielerische Rebellion lassen nicht lange auf sich warten.

Als er an diesem Abend nach Hause kommt, kann Caussat nicht ahnen, dass er drei Tage später denunziert und verhaftet sein und zwei Jahre in den Kerkern der Zentrale in Nîmes verbringen wird. Delacourt weiß nicht, dass er in wenigen Monaten von der französischen Polizei in einer Kirche von Agen, in die er sich geflüchtet hat, zu Tode geprügelt wird. Clouet ahnt nicht, dass er in einem Jahr in Lyon erschossen wird. […] Du siehst, für die Freunde hat alles wie ein Kinderspiel angefangen, ein Spiel von Kindern, die nicht die Zeit hatten, erwachsen zu werden. (S. 20)

Die Résistancegruppe, der sich Claude und Jeannot angeschlossen haben, beschließt, radikaler vorzugehen. Sie legen Bomben in Verwaltungsgebäude der Miliz, sie töten einen deutschen Offizier für jeden ermordeten Kämpfer der Résistance, sie jagen Fabriken in die Luft und sie beschädigen Züge, die Kriegsmaterial an die Front bringen sollen. Und andere Jugendliche aus Spanien und Italien kommen dazu, die schon länger unter dem Faschismus ihrer Heimatländer leiden müssen. Als die Gruppe schließlich denunziert und verhaftet wird, werden viele von ihnen hingerichtet. Gerichtsverhandlungen sind ohnehin nur noch Farce, das Todesurteil ist schon geschrieben. Die Überlebenden sollen nach Dachau transportiert werden, weil die Alliierten näher rücken. Nur wenige überleben den Transport. Als ein Freund im Sterben liegt, nimmt Jeannot ihm das Versprechen ab, eines Tages die Geschichte der Widerstandsgruppe zu erzählen. Sie darf nicht in Vergessenheit geraten.

Marc Levy hat ein erschütterndes Buch geschrieben. Und trotzdem liest es sich so leicht und locker wie ein spannender Abenteuerroman. Das ist zumindest irritierend. Doch mit dieser Irritation spielt Levy. Es finden sich lustige Szenen in seinem Text, es geht um jugendliche Trotzphasen, erstes Verliebt-Sein, Freundschaft und gleichzeitig werden die Schrecken des Krieges nicht vergessen.

„Der Krieg war nie wie im Film, das kannst du mir glauben. Keiner meiner Kameraden hatte etwas von einem Robert Mitchum, und wenn Odette auch nur ansatzweise Beine wie Lauren Bacall gehabt hätte, dann hätte ich sicher versucht, sie zu küssen, statt wie ein Idiot vor dem Kino zu zögern. Zumal sie am nächsten Tag an der Ecke Rue des Acacias von zwei Nazis erschossen wurde. Seither habe ich etwas gegen Akazien.“ (S.21)

Trotzdem liest sich das Buch  wie eine gelungene Verfilmung und ist genau so emotional erzählt. Das war für mich gewöhnungsbedürftig und macht doch den Reiz dieses Romans aus, in dem erlebte Grausamkeiten irgendwann zur Normalität und Lebensrealität der Jugendlichen werden. Da vergisst man leicht, dass die jüngsten Widerstandskämpfer gerade sechzehn Jahre alt waren und die meisten von ihnen gestorben sind. Marc Levy ist es gelungen, ein Buch zu schreiben, das sehr unterhaltsam ist und gleichzeitig den Zweiten Weltkrieg nah in unsere Gegenwart holt, in dem er die Jugendlichen beschreibt, die keine anderen Träume oder Wünsche zu haben scheinen, als Jugendliche heute. Das gefällt mir sehr. Dass die Résistance und das Leben im besetzten Frankreich ansonsten – abgesehen von Abenteuerfaktor und konspirativen Treffen – wenig detailliert beschrieben wird, ist dann nur noch ein kleines Manko des Romans.

Marco Levy – Kinder der Hoffnung.

Aus dem Französischen von Bettina Runge und Eliane Hagedorn.  Knaur 2008.

ISBN: 978-3-426-66301-1

[Rezension] Harte Matches & Poserprosa – Hool

Die neue deutsche Literatur ist hart, Gewaltdarstellungen sind irgendwie ästhetisch schön und dann hauen sich Hooligans auf die Nase und wilde Tiere tauchen auf. Noch vor der Veröffentlichung landete Hool von Philipp Winkler auf der Longlist und dann auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ein erfolgreiches Debüt also, das für mich allerdings nicht ganz aufgeht.

Hool ist ein unglaublich harter Roman, der sich um das Leben von Heiko Kolbe und seinen Jungs dreht. Heiko ist Fan von Hannover 96 und wenn er sich mit seinen Jungs trifft, dann gibt es ordentlich was auf die Mütze. Heiko ist ein Hooligan und gehört zu der Gruppe sympathischer Zeitgenossen, die sich in ihrer Freizeit mit verfeindeten Hooligans, also gewalttätiger Fans anderer Vereine, treffen, um sich gegenseitig auf die Nase zu hauen. Es geht um Blut und Schweiß und Kampf und wenn Heiko gerade nicht andere Leute verhaut, jobbt er im Boxclub oder sitzt in der trostlosen Kneipe „Timpen“, um sich mit anderen verkrachten Existenzen auszutauschen. Das Gymnasium hat er abgebrochen.hool-1

Für Heiko gibt es nur das nächste Match und den Wunsch, endlich mal wieder was richtig großes an den Start zu bekommen, der Nachwelt ein Zeichen zu hinterlassen. Heiko ist ziemlich wütend, aber das kommt ja auch irgendwo her. Seine Mutter ist eines Tages sang- und klanglos aus der Wohnung der Familie verschwunden und hat die Kinder bei ihrem Mann gelassen. Der Alkoholiker hat sich daraufhin eine philippinische Frau aus dem Urlaub mitgebracht, die auch gleich als Ersatzmutter vorgestellt wird. Keine einfache Ausgangslage. Heikos Schwester ist die einzige, die den sozialen Aufstieg geschafft hat. Heikos Exfreundin nimmt zu viel Heroin. Und man ahnt es schon, der Junge hat eigentlich keinen schlechten Kern, aber sucht sich leider die falschen Freunde aus. Heiko verbringt seine Zeit beim Bodybuilding und bei den Matches und schimpft auf „Homos“ und „Flachwichser“. Sind nämlich alles keine echten Männer, zumindest nicht in Heikos Hooligan-Fußballwelt. Da werden noch eine vielbeschworene Härte und geheime Rituale gefeiert. Rechts ist Heiko nicht, er will die Politik aus dem Sport raus halten.  Aber das sehen nicht alle so.

Natürlich springen die Hools als Ersatzfamilie ein. Ulf, Kai, Axel und Jojo sind Heikos Familie, sie stehen zusammen für Hannover 69. Doch man wird älter. Die Jungs werden ruhiger, wollen sich aus der Szene zurück ziehen. Die eigene Familie, eine schwere Verletzung nach einer Schlägerei – es gibt viele Gründe. Heiko kann damit nicht umgehen. Ohne den Männerbund der Hools und die Fußball- und Matchrituale steht er vor dem Nichts.

„Du hast deine Familie, dein Haus, deinen scheißweißen Gartenzaun. Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt.“ (S.234)

Heiko zieht zu Armin, einem verwahrlosten Zeitgenossen, der in seiner Freizeit Hundekämpfe veranstaltet und dessen Lebenstraum es ist, einen eigenen Tiger zu halten.

Und spätestens hier, muss ich mich fragen, warum in nahezu jeder dritten Rezension zu Hool, hymnisch das „Authentische“ und „Echte“ dieser Geschichte beschrien wird. Ich weiß ja nicht, wo und wie ihr lebt. Aber Tiger im Garten zu halten, hat für mich nun mal wirklich nichts Echtes. Vielleicht wird das A-Wort so dringlich bemüht, weil  Hool eine Geschichte von „ganz unten“ ist, über kaputte Familien, Gewalt und Szenezugehörigkeit als einzigen Ausweg aus dem trüben Alltagsgrau. Auch das steckt im Text. Dabei ist Heiko keines Falls der stumpfe Gewaltmensch, der er vorgibt, bei den Matches zu sein.

Wenn es um die Schlägereien der Hooligans geht, überschlägt sich der Text. Der parataktische Stil sorgt für Tempo und Action und eine anfängliche Schnelligkeit, die sich leider nicht durch den ganzen Text zieht. Hat man einmal das erste Match hinter sich gelassen, wird alles sehr viel ruhiger erzählt.

Ein letzter Aufschrei. Der Wald verstummt. Dann prallen Körper aufeinander. Fäuste und Beine werden geschwungen. Ein Kölner vor mir. Ne Faust kommt mir entgegen. Ich nehm den Schwung mit. Tauche unterm Schlag durch. Werf mich gegen ihn. Er fällt nicht, zu stabil der Ficker. Ist am Prusten. Um mich herum fliegen sie vorbei. Verhakt. Verkantet. Im Schwitzkasten. Schlagend. (S.15)

Für mich sind die besten und tollsten Szenen von Hool, neben den Matches, alle, die im Zusammenhang mit Arnims Tigeraktion steht. In dem Moment, wo dieser schräge Kerl auftaucht, schlägt der Text von einer poetisch überformten Sozialstudie in eine andere Richtung um. Heiko und Arnim haben sich gefunden, wenn auch ihre Freundschaft nicht komplikationsfrei abläuft. Sie  sind sich auf unheimliche Weise ähnlich. Arnims Faszination für das Wilde, Animalische, Unkontrollierte, entspricht Heikos Wunsch nach dem echten Leben, der echten Faust im Gesicht. Ein zurück zu Natur und einem mystifizierten Urzustand, das archaisch anmutet und gleichzeitig rasant komisch erzählt wird.   Niedersachsen ist, nimmt man alle Szenen aus dem Roman zusammen, zwar ein unglaublich deprimierendes Stück Erde – aber Träumer wie Arnim sorgen wenigstens für Abwechslung. Arnim zwar eine sehr große Schraube locker, aber er glaubt noch an die guten Dinge im Leben. Das sind für ihn die Natur und wilde Tiere.

Neben dem Tiger, gibt es auch noch einen Geier, der Siegfried heißt. Und Siegfried, dieser riese Vogel, hockt tagein und tagaus auf einem Sessel und wartet. Als Heiko ihm ein Fenster öffnet, schafft er es nicht, wegzufliegen. Die Szene geht ans Herz und steht für so vieles in dieser Geschichte. Für Heikos verkorkste Existenz, für sein Gefangen-Sein in diesem Leben. Ein wütender, abgehängter, junger Mannes. Klasse Thema, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt bisher einen deutschsprachigen Roman über Hooligans und ihre Motivation sich für die Szene zu engagieren, gegeben hat. Ich glaube nicht.

Trotzdem gibt es einfach einige Sätze, bei denen ich unwillkürlich lachen muss und nicht, weil es gerade um Arnims Tigereskapaden geht. Ich muss lachen, weil Hool auch aus Poserprosa besteht, die vielleicht nur jemand schreiben kann, der gerade ganz viel Authentizität eimerweise auf’s Papier kippen will. Das hakt an einigen Stellen ein wenig.

„Selbst an trüben Tagen kann man meistens noch bis zum Kaliberg sehen, der je nach Wetter anders aussieht. Mal weiß wie Pommessalz, mal grau wie Beton.“ (S.29)

„Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte.“ (S.174)

„Die Nässe kriecht mir wie eine sexuelle Belästigung unter die Klamotten.“ (S.151)

Eigentlich mag ich den Pommessalzsatz. Aber ich traue harte-Schale-weicher-Kern-Heiko nicht zu, dass er auf einmal Pommessalz als Referenzgröße für klimatische Veränderungen wählt. Dafür muss man vielleicht anders denken als Heiko, der sich gerne haut. Das sind meine Unterstellungen gegenüber dieser komplexen Figur, die keinesfalls ein stereotyper Schläger ist. Heiko ist auch ein Kümmerer, aber besonders schlau oder sprachlich versiert erscheint er eben nicht. Das sind Kleinigkeiten, aber sie bringen mich ein bisschen aus dem Leseflow. Und dass Heiko dauernd nach „Zichten“ fragt und seine Schwester als alte „Schrappnelle“ bezeichnet, ist dann auch ziemlich lustig. Aber wie gesagt, das sind Kleinigkeiten.

Hool ist ein tolles Debüt, aber nicht so rund, wie ich es anfänglich gedacht habe. Weniger Poserprosa und mehr von Arnim, diesem gruselig-schrägen Tierliebhaber, das hätte mir ein bisschen besser gefallen. Trotzdem lohnt es sich, Hool zu lesen. Besonders wegen Arnim, Siegfried und dem „Tijer“.

Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag 2016.

ISBN: 978-3-351-03645-4

[Rezension] Viel zu viel Vergangenheit – Straus Park

Gerade erst waren die Niederlande und der flämische Sprachraum Thema auf der Buchmesse in Frankfurt. Wenn ihr verschlungene Familiengeschichten mögt, solltet ihr diesen Roman lesen.

Sie zog ihn auf einen antiken Teppich, und immer wieder schmeckte er nicht nur sie, sondern auch den Staub von viel zu viel Vergangenheit. Er wäre auf ewig in ihr geblieben, hier, auf dem kratzigen Gewebe oder egal wo sonst, aber sie war schnell und er begriff, dass danach alles vorbei sein konnte. (S.10)

straus_park_bearbeitetSex mit Kunsthistorikerinnen ist für Amos Grossman eine neue Erfahrung. Auch wenn der Erbe einer jüdischen Familie wirklich kein Kind von Traurigkeit ist. Von seiner ersten Ehefrau hat er sich scheiden lassen, obwohl er damals noch an die große Liebe glaubte. Die gemeinsame Tochter sieht er sporadisch. Als wir ihn kennen lernen, hat er nur noch Sex mit seiner Geschäftspartnerin Alison und klagt sein Leid regelmäßig einem Therapeuten. Zu seiner Familie hat er kaum Kontakt,sein Geschichtsstudium(Harvard!)  hat er abgebrochen, nachdem seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Amos verwaltet den ehemaligen Familiensitz  am Straus Park und hütet das Erbe. Ansonsten wankt er ziellos durch sein Leben und bevor die Midlife-Crisis unbarmherzig an seiner Tür klopft,   begegnet er einer verführerisch schönen Kunsthistorikerin und verliebt sich. Denn diese Frau, das ist sie endlich. Die eine, echte, wahre Liebe.

Es gibt eine Art Liebe, dachte er, eine weichgespülte Variante, die gedeiht, weil man weiß, dass sie bald zu Ende geht. Kamikazeliebe, kurz und dumm. Nicht die Art von Liebe, der Amos Grossmann in handtuchbreite Schuhläden in der Lower East folgen würde. Er kannte sie nur allzu gut, diese weichgespülten Varianten. Für gewöhnlich zog sich Amos diese Art von Liebe zu, wie man sich eine Erkältung zuzieht. (S.84)

Julie Dane forscht über die Herkunft europäischer Kunstschätze aus dem 18. Jahrhundert in den USA. Amos verliebt sich sofort in die charmante Engländerin, die unerwartet vor seiner Tür steht, geht mit ihr Schuhe kaufen  und stellt den Kontakt zu anderen Kunstsammler*innen her. Es kommt zu einer stürmischen Affäre, deren leidenschaftliche Höhepunkte bereits am Anfang des Romans in epischer Breite ausgelotet werden. Das ist unterhaltsam.

Doch dann kippt die Szenerie. Bis hierhin ist alles simpel und nicht überraschend. Man kann es sich förmlich ausmalen, wie Julie und Amos mit ihren Café Lattes an der Upper West Side entlang schlendern und das Leben genießen. Das Julie daheim auf der Insel eigentlich liiert ist, stört wenig. Würde eine vertraute Stimme „xoxo, Gossip Girl“ kommentieren – es würde passen.giphy

Doch Paul Baeten Gronda legt spätestens im zweiten Teil des Romans einen düsteren Schatten auf diese Szenerien der Belanglosigkeit. Und damit habe ich nicht gerechnet. Der zweite Teil führt die Leser*innen ins Jahr 1937, zunächst nach Deutschland und dann in die Niederlande.

Friedrich Großmann war genau wie viele andere in seiner Position vor allem darauf aus gewesen, sich so deutsch wie möglich zu geben und hätte alles Jüdische am liebsten vergessen oder wenn möglich verleugnet. […] Dass der deutsche Staat sein Feind sein sollte, dass seine Landsleute ihn, einen Arzt und obendrein einen Kriegsveteranen, jemand, der ihre Kinder auf die Welt gebracht hatte – dass sie ihn ausspeien würden, das wollte er nicht glauben, wenn er es sich überhaupt vorstellen konnte. (S.143)

In Amsterdam leben Charlotte und Markus. Sie sind Amos‘ Großeltern. Charlotte hat ihren Vater Friedrich in Deutschland auf der Flucht vor den Nazis zurückgelassen. Es war ein Beschluss ihrer Familie, dass sie und ihr Ehemann als erstes nach Amsterdam gehen. Die Eltern werden nie nachkommen. Charlotte und Markus leben in verschiedenen Verstecken, sie kommen bei Freunden unter oder bei Freunden von Freunden. Markus droht an der Verfolgung zu zerbrechen, Charlotte hingegen will die Situation nach wie vor im Griff behalten können. Deshalb wirft sie sich einem NS-Offizier an den Hals und verrät ihm peu á peu, wo sich ihre Freunde verstecken – denn wenn sie ihn mit Informationen  versorgt, lässt er sie und ihren Mann hoffentlich in Ruhe. Außerdem gefällt ihr der Nervenkitzel und endlich winkt ihr als Geliebte eines Offiziers auch der soziale Aufstieg. Charlottes Geplauder sorgt direkt für Verhaftungen und Ermordungen, es sorgt dafür, dass ihre engsten Freunde direkt ins Lager abtransportiert werden.

„Ich will damit nur sagen, dass der Krieg nicht ewig dauern wird.“ Und als er nach diesen Worten ihren Hals küsste, scheu und behutsam, als ob er sie zerbrechen könnte, begriff sie nicht nur, was er vorhatte, sondern auch, dass er sie liebte. Otto Frei, der Mann, den man den Bluthund nannte und der eine Art Gerichtsvollzieher des Todes war, er liebte sie, eine jüdische Bäuerin aus Ketzin, die ihre eigenes Volk verkaufte. (S.209)

Paul Baeten Gronda erzählte eine Geschichte über Opfer und Täter, über Schuld und Leidenschaft, ohne dabei zu moralisieren. Dabei gelingt es ihm, immer wieder den Bogen in die Gegenwart zu spannen und Julie und Amos Liebesgeschichte in den Blick zu nehmen. Der Roman hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es geht um Liebe, Leidenschaft und Verrat. Vor allen Dingen geht es aber auch um jüdischen Kunstbesitz in der NS-Zeit und Spuren von viel zu viel Vergangenheit, die bis in die Gegenwart führen. Und man kann es sich denken: die Geschichten von Amos‘ und Julies Familien sind auf tragische Weise miteinander verbunden.

Paul Baeten Gronda: Straus Park. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas.
Luchterhand Verlag, München 2016
320 Seiten.

[Rezension] Krisenstimmung – Die Gesichter der Wahrheit

Bis 2007 wuchs der „keltische Tiger“ jedes Jahr. Doch die Finanzkrise traf Irland ziemlich hart. In Donal Ryans neuem Roman kommen 21 Menschen zu Wort, die mit der großen Politik eigentlich wenig am Hut haben. Sie beschreiben ihre Hoffnungen, Wünsche, Träume in diesen schwierigen Zeiten – und am Ende geht es um Entführung und Mord.die-gesichter-der-wahrheit-9783257069631

Pokey Burke ist für alles verantwortlich. Der ehemalige Chef der örtlichen Baufirma hat sich einfach aus dem Staub gemacht und die Bewohner*innen seines Heimatortes mit unfertigen Häusern und unbezahlten Gehältern zurückgelassen. Die Stimmung kocht schnell hoch in dieser kleinen Stadt und jeder der Akteur*innen hat eine etwas andere Sicht der Dinge. Doch dabei bleibt es nicht. Der drohende soziale Abstieg schlägt in Angst um und in Hoffnungslosigkeit.

„Ich habe gestern den ganzen Tag darüber nachgedacht, meinen Vater umzubringen. Es gibt Mittel und Wege, einen Mann umzubringen, ohne dass es nach Mord aussieht, besonders einen alten, gebrechlichen. Es wäre sowieso kein Mord, ich würde der Natur nur ein bisschen auf die Sprünge helfen. Es ist die pure Bosheit, die ihn am Leben hält.“ (S.14)

Da gibt es Bobby, der jeden Tag seinen alkoholabhängigen Vater besucht, nur um zu sehen, ob dieser noch lebt. Oder eben aus anderen Gründen.  Es gibt Bobbys Frau Triona, der alle irgendwann die Schuld geben. Und es gibt Frank, Bobbys Vater, der am Ende wirklich gar nichts für das ganze Schlamassel kann. Und obwohl es Probleme zwischen Vater und Sohn gibt, sind sich beide auch unglaublich ähnlich. Aber das merken die Leser*innen dann doch relativ spät. Ein Kind verschwindet, ein anderes Kind ist früher schon einmal verschwunden. Es kommen die örtliche Prostituierte zu Wort und  Leiharbeiter aus anderen Ländern, die von Pokey Burke über den Tisch gezogen wurden. Das ganze Dorf ist betroffen – und trotzdem werden schnell Gräben gezogen.

„Pokey Burke? Sie seufzte. Ich sah sie an und zuckte mit den Schultern. Sie verdrehte die Augen zur Decke. Dann lächelte sie mich an, aber es war ein Lächeln, das Tut-mir-Leid bedeutet. Ich verstand die Wörter nicht, die sie dann sagte, aber ihre Stimme war freundlich. Während die Frau auf ihren Computerbildschirm schaute, flüsterte Schornie hinter mir ganz laut: „Hey, Chef, sie sagt, dass es dich … gar .. nicht … gibt! Und alle Männer und Frauen in der Schlange lachten.“ (S.34)

Donal Ryan schreibt in einer schlichten, schnörkellosen, manchmal harten Sprache. Seine Protagonisten sind verzweifelt, wütend, hassen ihr Leben. Und sind irgendwo auch in ihren Möglichkeiten gefangen. Besonders die Figur Bobby ist interessant. Er gerät in eine Abwärtsspirale, die er kaum beeinflussen kann und es ist fast rührend, wie deutlich ihn seine Frau in einem späteren Kapitel verteidigt. So entdeckt man als Leser*in nach und nach ganz andere Seiten der Protagonist*innen, die sie in ihren eigenen Monologen verschwiegen haben oder nicht offenbaren wollten.Vom Aufbau her, erinnert der Roman an Marktplatz der Heimlichkeiten von Angelika Waldis. Ryan schafft dadurch eine atmosphärisch dichte Erzählung, die durch die Vielstimmigkeit seiner Protagonisten einen spannenden Blick auf ein Land in der Krise und auf einen schicksalhaften Abend wirft. Es ist der harte, unnachgiebige Sound dieses vielstimmigen Chores, der mich überzeugen konnte. Und es hat mich umso mehr gefreut, dass sich am Ende die anfänglichen losen Fäden zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen lassen.

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit. Diogenes 2016. 240 Seiten.

ISBN: 978-3-257-60718-5

„Buch-Date“

Ich mache beim Buch-Date mit, das von Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram erfunden wurde. Was heißt das? Ich darf drei Romane empfehlen und Nia darf sich aussuchen, welchen Roman sie lesen wird. Außerdem lese ich eine der drei Empfehlungen von Nia. Am 01. Dezember werden unsere Rezensionen zum Buch-Date veröffentlicht, das klingt nach Spaß. Außerdem soll man die Romane auch gut zu Weihnachten verschenken können. Los geht’s.

Zu erst einmal Nias Antworten im Fragebogen zum Buch-Date:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast? Wedora von Markus Heitz, Nightmares! von Jason Segel, Orknacht – Die Könige von Michael Peinkofer

Dein Lieblings-Genre? Fantasy und Horror

Deine drei liebsten Autor*innen? J.R.R. Tolkien, Markus Heitz,

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst? Romantik und alles, was mit „frechen Frauen“ oder schicksalsgebeutelten Heldinnen zu tun hat

Da ich, zugegeben, keinen der Autoren kenne und Fantasy und Horror nicht unbedingt meine Steckenpferde sind, werde ich da mal ein bisschen improvisieren. Es stellt sich zudem die Frage, welche Bücher wohl als Weihnachtsgeschenk geeignet wären. Andererseits – Bücher gehen doch fast immer. Meine Empfehlungen:

1.Delphine de Vigan – Nach einer wahren Geschichte

Eine Schriftstellerin in der Schreibkrise lernt eine neue Freundin kennen, aber nichts ist, wie es anfänglich scheint. Ich empfehle dir diesen Roman, weil er super geniales Buch. Meine Rezension gibt es  hier. Das Buch  ist toll, es macht Spaß, es hat subtile Gruselhorrorelemente, denn nicht umsonst wird King als Motto zitiert und es passt zu Weihnachten (ja?!), denn ich würde es sofort verschenken!

2. Sylvain Neuvel – Sleeping Giants

Eine gigantische Hand fällt auf die Erde und alles, was danach kommt, wird in unterschiedlichen Dokumenten festgehalten. Der Roman geht wahrscheinlich eher in die Science-Fiction-Ecke, aber er ist toll geschrieben und die Form, unterschiedliche Dokumente, Befragungen etc. sorgen dafür, dass er auch auf Englisch nicht zu schwer zu lesen ist. Allerdings ist er auch der Auftakt einer Trilogie – was ich aber nicht schlimm finde. Meine Rezension gibt es hier. Der Roman ist deshalb unglaublich weihnachtlich, weil das Cover so weihnachtssternmäßig glitzert. ;)

3. Alan BradleyFlavia de Luce.Mord im Gurkenbeet.

Die Serie gehört zu meinen All-Time-Favourites, einfach weil die Hauptfigur Flavia genial ist und ich das Setting mag. Alles very british, angesiedelt irgendwann in den 1950er Jahren, mit einer Menge schrägem Humor und spannenden Kriminalfällen. Mord im Gurkenbeet ist der erste Teil der Reihe, aber ich habe bisher alle Bände geliebt. Im ersten Teil findet Flavia eine Leiche, natürlich im Gurkenbeet. Es handelt sich ausgerechnet um den unbekannten Typen, mit dem ihr Vater am Abend zuvor eine Auseinandersetzung hatte. Also beginnt sie selbst zu ermitteln und wird dabei von der örtlichen Polizei nicht für voll genommen, aber die kennen Flavia auch noch nicht. Im Gegensatz zu ihren Schwestern ist die nämlich ziemlich auf Zack, was Kriminalfälle angeht. Außerdem finde ich es toll, dass Flavia erst 11 ist, aber sämtliche Gifte, die es gibt, auswendig kann. Das ist auch ein nicht zu unterschätzendes Talent. Meine Rezension zum 7.Teil gibt es hier.  Der Roman ist auch als Weihnachtsgeschenk geeignet, weil sich Lieblingsserien immer so gut verschenken lassen. Deswegen bekomme ich jetzt seit einigen Jahren immer den neuen Flavia-Roman von meinen Schwiegereltern zu Weihnachten. Ein Weihnachtsbuch also ;)

Liebe Nia, ich wünsche dir viel Spaß beim Aussuchen und bin gespannt auf deine Rezension :)  Und ich hoffe, es ist für dich etwas passendes dabei, denn es war für mich gar nicht so leicht mich zu entscheiden.

 

 

 

 

 

[Rezension] Fakt & Fiktion – Nach einer wahren Geschichte

Wenn ihr bisher noch keinen Roman von Delphine de Vigan gelesen habt, solltet ihr das schnellstmöglich ändern. Nach einer wahren Geschichte ist ein fantastisches Meisterwerk, poetische Reflexion und geniale Spielerei. Das funktioniert besonders gut, wenn man den Vorgängerroman Das Lächeln meiner Mutter kennt.

Das erste Buch, das ich von der französischen Schriftstellerin gelesen habe, war No & ich. Es geht um das Leben auf der Straße, um Freundschaft. Es ist eine schön erzählte, sehr berührende Geschichte, die letztlich auch de Vigan zum Durchbruch als Schriftstellerin verholfen hat. Ihr Nachfolgewerk war für mich sehr überraschend. Ein Buch zu dem ich keine Rezension geschrieben habe, weil ich es einfach für mich behalten wollte. Kennt ihr diese Romane, die ihr nur für euch lest und die ihr gar nicht besprechen oder beschreiben wollt? Das Lächeln meiner Mutter ist eine autobiographische Auseinandersetzung, die nicht leicht zu lesen ist. Delphine de Vigan spürt dem Leben ihrer Mutter nach, erkundet die Gründe für ihren Suizid und beginnt ihre Verwandten über das Leben ihrer Mutter zu befragen. Dabei macht sie auch vor eigenen schmerzhaften Erinnerungen nicht halt. Das Buch hat mich sehr beeindruckt. Und nicht nur mich. Wochenlang stand es auf Platz 1 der französischenBestsellerliste.

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[Rezension] Good Old Betty – Eine treue Frau

Diese Rezension behandelt den zweiten Teil einer großartigen Trilogie von Jane Gardam, deren Abschluss ich mittlerweile entgegenfiebere. Wenn ihr Teil 1 über Old Filth noch nicht kennt, solltet ihr lieber nicht weiter lesen.

Ein untadeliger Mann

 

Jane Gardams Trilogie macht süchtig, das vielleicht vorweg. Ich wollte nach Ende des ersten Teil sofort wissen, wie es weiter geht – Spoiler: denn bereits in Band 1 deutete sich zumindest an, dass Old Filth glaubt, seine Frau habe ihn mit seinem Erzrivalen Veneering  betrogen.

Gardams Schreibstil ist unglaublich elegant, sehr eloquent und ehrlicherweise lasse ich mich nur zu gerne von ihr in eine bestimmte Richtung manipulieren. Am Ende stellen sich viele Andeutungen oder Vermutungen als Fehlurteile heraus. Gleichzeitig bin ich wirklich überrascht über die vielen Details aus Bettys Leben von denen ihr Ehemann keine Ahnung hatte – oder die ihn nicht interessierten.

Betty ist eine beeindruckende Frau – das sage ich zumindest nach diesem zweiten Teil. Sie durfte keinen Beruf erlernen, denn das gehörte sich nicht für eine untadelige Frau ihres Standes. Als sie und Old Filth keine gemeinsamen Kinder bekommen können, bleibt ihr nur die Rolle der treusorgenden Ehefrau. Und das ist ihr einfach nicht genug. Gerade die Kinderlosigkeit ist für Betty eine große Belastung. Old Filth hat die Kinderlosigkeit im ersten Teil des Buches nie als störend erwähnt. Es ist unglaublich spannend, welche Leerstellen sich auf einmal in Old Filth Geschichte auftun, die er nicht erwähnt hat oder nicht erwähnen konnte.

Dachte ich nach dem ersten Band noch, dass Betty fürchterlich mit ihrem Ehemann umgeht und einfach kein Herz hat, könnte ich das Gleiche für Old Filth im zweiten Teil sagen. Beide Figuren haben schwere Schicksalsschläge zu verarbeiten und bleiben damit, trotz ihrer Ehe, sehr alleine.

Ich finde es faszinierend, dass Gardam so spielerisch mit unseren Meinungen und Urteilen umgeht. Der Roman macht unglaublich viel Spaß zu lesen. Kleine ironische Seitenhiebe durch den Erzähler und eine liebevolle Charakterzeichnung machen Gardams Stil aus und sorgen für ausgezeichnete Unterhaltung. Trotzdem bleibt die Grundaussage tragisch. Die Kinder des Empire sind für ihr Leben geprägt. Das Glück aller Beteiligten wird bestimmt von Etiketten, standesgemäßen Traditionen und dadurch so vielen kleinen Unfreiheiten, die Betty noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise treffen als ihren Mann. Ich frage mich, ob irgendeiner der Beteiligten wirklich glücklich werden kann mit den Traumatisierungen und der Einsamkeit, die sie alle mit sich herumtragen. Und auch wenn ich Old Filth im ersten Teil doch sympathisch fand, beginne ich mittlerweile daran zu zweifeln, dass die Ehe der beiden irgendwann einmal für Glücksgefühle gesorgt hat. Die beiden passen eigentlich nicht zusammen und das zeigt sich schon an der Art und Weise wie Filth um Bettys Hand anhält. Denn Betty ist eigentlich auch ganz anders.

Ich bin wahnsinnig gespannt, wie es im dritten Teil weiter geht. Welche Geheimnisse, Intrigen oder versteckte Seiten dieser drei Charaktere noch offenbart werden. Und ich freue mich darauf, Veneerings Sicht der Dinge zu lesen.

Jane Gardam: Eine treue Frau. Hanser Berlin 2016. 272 Seiten.