[Rezension] Good Old Betty – Eine treue Frau

Diese Rezension behandelt den zweiten Teil einer großartigen Trilogie von Jane Gardam, deren Abschluss ich mittlerweile entgegenfiebere. Wenn ihr Teil 1 über Old Filth noch nicht kennt, solltet ihr lieber nicht weiter lesen.

Ein untadeliger Mann

 

Jane Gardams Trilogie macht süchtig, das vielleicht vorweg. Ich wollte nach Ende des ersten Teil sofort wissen, wie es weiter geht – Spoiler: denn bereits in Band 1 deutete sich zumindest an, dass Old Filth glaubt, seine Frau habe ihn mit seinem Erzrivalen Veneering  betrogen.

Gardams Schreibstil ist unglaublich elegant, sehr eloquent und ehrlicherweise lasse ich mich nur zu gerne von ihr in eine bestimmte Richtung manipulieren. Am Ende stellen sich viele Andeutungen oder Vermutungen als Fehlurteile heraus. Gleichzeitig bin ich wirklich überrascht über die vielen Details aus Bettys Leben von denen ihr Ehemann keine Ahnung hatte – oder die ihn nicht interessierten.

Betty ist eine beeindruckende Frau – das sage ich zumindest nach diesem zweiten Teil. Sie durfte keinen Beruf erlernen, denn das gehörte sich nicht für eine untadelige Frau ihres Standes. Als sie und Old Filth keine gemeinsamen Kinder bekommen können, bleibt ihr nur die Rolle der treusorgenden Ehefrau. Und das ist ihr einfach nicht genug. Gerade die Kinderlosigkeit ist für Betty eine große Belastung. Old Filth hat die Kinderlosigkeit im ersten Teil des Buches nie als störend erwähnt. Es ist unglaublich spannend, welche Leerstellen sich auf einmal in Old Filth Geschichte auftun, die er nicht erwähnt hat oder nicht erwähnen konnte.

Dachte ich nach dem ersten Band noch, dass Betty fürchterlich mit ihrem Ehemann umgeht und einfach kein Herz hat, könnte ich das Gleiche für Old Filth im zweiten Teil sagen. Beide Figuren haben schwere Schicksalsschläge zu verarbeiten und bleiben damit, trotz ihrer Ehe, sehr alleine.

Ich finde es faszinierend, dass Gardam so spielerisch mit unseren Meinungen und Urteilen umgeht. Der Roman macht unglaublich viel Spaß zu lesen. Kleine ironische Seitenhiebe durch den Erzähler und eine liebevolle Charakterzeichnung machen Gardams Stil aus und sorgen für ausgezeichnete Unterhaltung. Trotzdem bleibt die Grundaussage tragisch. Die Kinder des Empire sind für ihr Leben geprägt. Das Glück aller Beteiligten wird bestimmt von Etiketten, standesgemäßen Traditionen und dadurch so vielen kleinen Unfreiheiten, die Betty noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise treffen als ihren Mann. Ich frage mich, ob irgendeiner der Beteiligten wirklich glücklich werden kann mit den Traumatisierungen und der Einsamkeit, die sie alle mit sich herumtragen. Und auch wenn ich Old Filth im ersten Teil doch sympathisch fand, beginne ich mittlerweile daran zu zweifeln, dass die Ehe der beiden irgendwann einmal für Glücksgefühle gesorgt hat. Die beiden passen eigentlich nicht zusammen und das zeigt sich schon an der Art und Weise wie Filth um Bettys Hand anhält. Denn Betty ist eigentlich auch ganz anders.

Ich bin wahnsinnig gespannt, wie es im dritten Teil weiter geht. Welche Geheimnisse, Intrigen oder versteckte Seiten dieser drei Charaktere noch offenbart werden. Und ich freue mich darauf, Veneerings Sicht der Dinge zu lesen.

Jane Gardam: Eine treue Frau. Hanser Berlin 2016. 272 Seiten.

[Rezension] Dreamteam -The BFG

 

Heute wäre Roald Dahl hundert Jahre alt geworden. Zum Geburtstag also eine Rezension zum Big Friendly Giant. :)

Manche Riesen sind eigentlich ziemlich klein. Zumindest im Vergleich zu anderen Riesen. Der BGF ist so ein kleiner Riese. Und dann ist er auch noch freundlich, ein Big Friendly Giant eben. Er ist nur acht Meter groß und dann auch noch Vegetarier. Das kann ja nicht gut gehen. Zumindest dann, wenn sich alle anderen Riesen von Kindern ernähren. Im Gegensatz zu diesen finsteren Gesellen hat der BFG eine ganz besonders schöne Aufgabe: er kümmert sich um Träume. Zufällig entdeckt ihn eines Nachts ein kleines Mädchen.  

Ich bin ein großer Roald Dahl-Fan. Ich fand James und der Riesenpfirsich in der Tim Burton Verfilmung klasse, ich liebe die Matilda-Verfilmung und ich habe sehr gerne The Witches gelesen. Roald Dahls Texte sind auch für Erwachsene und haben ein nicht zu unterschätzendes düsteres Potenzial, das gerade kleinere Kinder vielleicht auch verstören könnte. Da ist dieser Roman keine Ausnahme. Im BFG werden überall auf der Welt Kinder von Riesen gefressen. Und niemand kann etwas dagegen tun, denn die meisten Menschen wissen gar nicht, was da eigentlich vor sich geht. Die „human beans“, wie der BFG die Menschen passender Weise nennt, werden zum Teil einfach aus ihren Betten gefuttert.

the-bfg

Als die kleine Sophie, die in einem Kinderheim lebt, zufällig in der Nacht den BFG in ihrer Straße entdeckt, weiß sie zunächst auch nicht was vor sich geht. Die lange hagere Gestalt mit den überdimensionalen Ohren hält eine Art Trompete in jedes Fenster. Aber keine Angst, der Riese gehört ja zu den Guten.  Mit der Trompete pustet der BFG Träume in die Kinderzimmer, die er vorher gesammelt hat.  Er muss Sophie mitnehmen, denn niemand darf wissen, was er da macht. Sophie wird also entführt – aber das ist gar nicht so schlimm, denn im Kinderheim hat es ihr ohnehin nicht gefallen. Sie versteckt sich im Riesenohr vom freundlichen Riesen, der ins Riesenland galoppiert. Dort zeigt er ihr die wirklich finster schmeckenden „snozzcumbers“, denn das Riesenland ist nicht auf Vegetarier eingerichtet. Und der BFG mag das Leben im Riesenland auch gar nicht mehr. Er träumt von einem anderen Leben.

„I would dearly love to have an elefunt to ride on“, the BFG said dreamily. „I would so much love to have jumbly big elefunt and go riding through green forests picking peachy fruits off trees all day Long. This is a sizzling-hot muckfrumping Country we is living in. Nothing grows in it except snozzcumbers. I would love somewhere else and pick peachy fruits in the early morning from the back of an elefunt.“ (S.33)

Der freundliche Gigant versteckt Sophie vor den anderen Riesen; dem „Bloodbootler“, dem „Childchewer“, dem „Meatdripper“. Zusammen hecken Sophie und der BFG einen Plan aus, wie es gelingen kann, die Kinder vor den anderen Riesen zu retten.

The BFG ist eine unglaublich fantasievolle Geschichte. Neben den niedlichen Zeichnungen von Quentin Blake ist der Roman einfach ein sprachliches Highlight. Der BFG kann kein formvollendetes Englisch und es finden sich zahlreiche Sprachspiele und Wortwitze im Text.

Gerade die Stellen mit den Träumen haben mir sehr gefallen. Der BFG hat unglaublich feine und riesengroße (höhö!) Ohren. Damit kann er Träume hören, die wie Schmetterlinge durch die Luft fliegen und sie so einfangen. Natürlich spielt dieses besondere Talent auch im Kampf gegen die bösen Riesen eine wichtige Rolle.

Außerdem gefällt mir die Beziehung zwischen dem Riesen und Sophie. Obwohl der BFG Sophie einfach entführt, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Sophie und dem Riesen. Und dann ist es bald Sophie, die dem Riesen vielen Dinge zeigen kann. Mithilfe einer List und einer großen Portion Mut und der König von England, können Sophie und der Riese schließlich die Kinder retten. Das passt zu diesem modernen Märchen, in dem der BFG und Sophie sogar noch zu einem mitternächtlichen Dinner bei der Queen eingeladen werden. Und sich die gesamte Welt erkenntlich zeigt.

„The King of Arabia sent them a camel each.

The Lama of Tibet sent them a llama each. […]

Jersey sent them Pullovers.“ (S.197)

Ein passendes Ende für ein Kinderbuch, in dem Dahl zeigt, dass Freundschaft nicht auf eine bestimmte Körpergröße beschränkt ist. Eine schöne Idee. Groß und Klein helfen sich und besiegen die Bösen. Und das Schreiben an sich spielt auch noch eine wichtige Rolle. Sehr schön.

1985 hat der Roman den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Vier Jahre später kam eine Zeichentrickvariante des Films unter dem Titel „Der große freundliche Riese“ in die Kinos. In diesem Sommer hat sich Spielberg dem Stoff angenommen, das Skript stammt von Melissa Mathison, die auch das Skript zu E.T. geschrieben hat.

Übrigens erschien E.T. im selben Jahr, in dem Roald Dahls Roman erschien, 1982. Vielleicht hängt es mit der Entstehungszeit der Geschichte zusammen, dass am Ende neben der Queen und der genialen List der beiden,  auch ganz selbstverständlich das Militär bemüht werden muss, um die Insel und ihre Bewohner vor den Riesen zu retten. Ohne die Royal Air Force und die Army geht dann eben doch nichts.

Roald Dahl: The BFG. Illustrated by Quentin Blake. Penguin Random House UK 2016.

ISBN: 978-0-141-36132-1

[Rezension] Infausti sumus – Die Unglückseligen

Wenn eine Molekularbiologin, die auf der Suche nach Unsterblichkeit ist, einem Physiker aus der Goethezeit über den Weg läuft und vermutlich noch der Teufel seine Finger im Spiel hat, kommt ein ziemlich wilder und gleichzeitig wunderbarer Wissenschaftsroman heraus – der mich anfänglich allerdings einige Nerven gekostet hat. IMG_20160905_170007

Johanna Mawet steht mit beiden Beinen im Leben und hauptsächlich im Labor. Sie untersucht die Zellteilung von Zebrafischen und begibt sich dabei auf die Suche nach ihrem eigenen Stein der Weisen. Ihr Ziel ist eine Formel für die Unsterblichkeit. Unverhofft läuft ihr ein verwahrlost wirkender Typ im Hawaiihemd an der amerikanischen Ostküste über den Weg, der mit vertrautem Akzent spricht. Er behauptet, Johann Wilhelm Ritter zu sein. Ein Physiker aus der Goethezeit, der 1776 in Schlesien geboren wurde, den es tatsächlich gab und der vermutlich auch die ersten Akkus erfunden haben soll. Wenn er nicht gerade mit Goethe oder Herder abhing. Laut Wikipedia starb der Frühromantiker und Philosoph zwar 1810, aber nicht in Thea Dorns Roman. Hier hat Ritter das erreicht, was Johannas Zebrafischen noch nicht gelungen ist. Quasi Unsterblichkeit. Johanna ist skeptisch, kümmert sich aber um den verwirrten Mann, der so seltsam alterslos erscheint und gleichzeitig einen Sprachduktus wie Karl Moor pflegt. Wer ist dieser Kerl? Ein hilfloser Irrer oder hat er tatsächlich Recht, mit dem, was er da von sich gibt? Als Johann sich schließlich einen Finger abschneidet, um seine Unsterblichkeit zu beweisen, hätte es eigentlich mit Johannas Geduld vorbei sein müssen. Doch wächst da nicht so etwas wie ein Knubbel nach?

Johanna schickt, praktisch veranlagt wie sie ist, erst mal Ritters DNA ins Labor und lässt sie sequenzieren. Die Ergebnisse bestätigen sein Alter. Eine fulminante Entdeckung! Das könnte ein Sieg der Wissenschaft über die Natur werden. Kaum sind die Ergebnisse da, bleibt dem ungleichen Paar nur die Flucht vor den misstrauischen Kollegen. Nach Deutschland. Und Ritter kommt natürlich mit, denn zu dem Zeitpunkt ist er schon längst in die unerschrockene Kollegin verliebt. Hier  unterwirft sich Johanna gemeinsam mit dem Experten Johann, den Methoden des Galvinismus. Elektroschocks haben schließlich auch bei ihm zur Unsterblichkeit geführt. Johann ist mittlerweile zwar  nicht mehr von vielen seiner ehemaligen Forschungsansichten überzeugt, denn er glaubt, dass gewisse Grenzen  der Forschung nicht übertreten werden dürfen.  Für Johanna hingegen, die den ewigen Glauben an Fortschritt und Forschung wie eine Fahne hochhält, sind das unzumutbare Ansichten.

„Infausti sumus“, beschwor er sie. „Unglückselige. Unglückbringende. Heillos verloren. – Doch wären wir’s nicht, wie dürften auf der Gnade Geschenk wir hoffen?“ Kam ihnen ein zweiter nächtlicher Zug entgegen? Oder was rauschte sonst in ihren Ohren? „Hören Sie auf!“, brüllte Johanna, als müsste sie zehn Züge übertönen. „Hören Sie auf, von Gnade zu faseln! Der Gnade Geschenk! Nie wieder will ich diesen Christenkitsch hören! Ich habe ein für alle Mal genug von dieser… dieser Trostakrobatik, die irgendwelche Wüstenzyniker in die Welt gesetzt haben, damit noch der ärmste Schlucker ‚Halleluja!‘ ruft, wenn ihm das Genick gebrochen wird!“ […] „Aus der Tatsache, das bislang alle Menschen sterben mussten, folgt nicht, dass es auch gut ist, dass alle Menschen sterben. Sie sagen, das Leben wird sinnlos, wenn es kein Ende mehr hat. Ich sage, das Leben ist sinnlos, wenn es bloß entsteht, um im nächsten Augenblick schon zugrunde zu gehen.“ (S. 210)

Doch als die Experimente andauern und statt Unsterblichkeit nur Bewusstlosigkeit eintritt, gerät Johannas wissenschaftliches Weltbild ins Wanken. Kann es etwa sein, dass Johanns biblisches Alter doch mit einer viel gewaltigeren Kraft zu tun hat? Ist Johann einen Pakt mit dem Teufel eingegangen? Johanna weiß hier weniger als die Leser_innen – denn der Teufel ist schon von Anfang an als Erzähler im Text präsent und lässt kein Ereignis unkommentiert:

„Verehrte Leser, ich kapituliere: Dies Kapitel ist und bleibt ein Ragout.“

Faustisch also das Ganze. Trotzdem hat mich Thea Dorns Roman anfänglich einige Nerven gekostet. Der Stil ist zwar interessant und dem klassischen Vorbild nachempfunden, aber das ist auf Dauer eben doch sehr gewöhnungsbedürftig. Zudem spielt der Roman in unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen. Die Erlebnisse von Johann und Johanna in der heutigen Zeit, aber auch Johanns Erinnerungen an seine ersten wissenschaftlichen Experimente und seine eigene Suche nach der Urformel und an sein Familienleben.

Es wird relativ schnell deutlich, dass sich beide Forscher_innen mit ihren unorthodoxen Ideen ins soziale Abseits verfrachtet haben – Ritters Erlebnisse werden quasi von Johanna wiederholt. Zwangseinweisung inklusive. Es war unglaublich schwierig, sich auf die unterschiedlichen Erzählebenen einzulassen und gerade Ritters Sprachduktus lässt sich nicht gerade einfach lesen. Aber nachdem ich mir ein bisschen mehr Zeit für den Roman genommen habe, konnte ich ihn ab Seite 200 einfach nur genießen.

Thea Dorn weiß unglaublich viel über die Diskurse des 18. Jahrhunderts und bringt immer neue Motive mit in den Text. Abtreibung, Humangenetik, Immortalist_innen – das ist eine ganze Menge Stoff, der doch sehr leicht und ziemlich abgefahren erzählt wird. Je tiefer Johann und Johanna in die Unsterblichkeitsforschung eintauchen, desto spielerischer geht Dorn mit der literarischen Form um. Da tauchen auf einmal Comicsprechblasen im Text auf, ein Kongress wird in Dramenform beschrieben und eine kleine Fledermaus hat einen ganz besonderen Auftritt. Und dann macht der Roman nach den anfänglichen Längen auch endlich wieder Spaß.

Natürlich stehen sich auch Johanns und Johannas Auffassungen von Wissenschaften konträr gegenüber. Während Johann bedauert, dass er im jugendlichen Übermut ernsthaft gedacht hat, dass Unsterblichkeit ein hohes Ziel ist, verliert sich die eigentlich rationale Wissenschaftlerin Johanna in einer wahnhaften Suche nach der Unsterblichkeit. Da sind sexuelle Dienstleistungen für Kollegen nur der Weg zum Höhepunkt des Romans: dem Pakt mit dem Teufel.

Denis Scheck hat die Unglückseligen im Literaturmagazin als „Glücksfall für die deutsche Gegenwartsliteratur“ bezeichnet. Der Roman ist auf jeden Fall sehr unterhaltsam und ich habe bisher noch keinen vergleichbaren wunderbar wilden Wissenschaftsroman gelesen, der so viele unterschiedliche Themen unter einen ganz neuen Hut bringt.

Thea Dorn: Die Unglückseligen. Knaus Verlag 2016.

ISBN: 978-3-8135-0598-6

 

Life-Update :)

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Hallo ihr Lieben,

hier ist lange Zeit nichts mehr passiert. Ich habe geheiratet und ich war im Urlaub. In Wien, Paris und Berlin. Und es war wunderschön. Ich habe den schönsten Buchladen der Welt in Paris gefunden, ich habe mich allerdings daran gehalten, keine Fotos zu machen.  ;) Ich habe im Cafe Central Sachertorte gegessen und war in der österreichischen Nationalbibliothek. Ziemlich cooles Ding.

Ich bin jetzt auch auf Instagram. Vorerst findet ihr Lama- und Bücherbilder, vielleicht bald noch andere Sachen.

Ich hoffe, dass ich euch spätestens nächste Woche neue Rezensionen präsentieren kann. Die Unglückseligen und The BfG liegen noch auf meinem Rezensionsstapel.

Bis dahin wünsche ich euch ein schönes Wochenende! :)

Eva

 

 

[Rezension] Old Filth – Ein untadeliger Mann

Es ist wirklich bemerkenswert, dass Jane Gardam mit Mitte 80 ihr Debüt auf dem deutschen Buchmarkt gibt. Dabei ist Ein untadeliger Mann bereits 2004 erschienen und begeistert vom Publikum aufgenommen worden. Der Roman ist Teil einer Trilogie. Auch wenn das Cover eher an ein Sockenmuster erinnert, lasst euch davon nicht täuschen.

Ein untadeliger Mann

Edward Feathers, genannt „Old Filth“ (ein Akronym für Failed in London, Try Hongkong), ist auch mit achtzig noch ein ausgesprochen gut aussehender Mann. Der ehemalige Kronanwalt kann auf ein wechselvolles Leben zurückblicken. Seine Frau Betty ist vor Kurzem gestorben und oberflächlich betrachtet, geht sein Leben weiter wie zuvor. Doch etwas stimmt nicht.

Nach Bettys Tod arbeiteten der Gärtner und die Zugehfrau weiter für Filth. Der disziplinierte Charme, der Filth sein Leben lang ausgezeichnet hatte, hatte es gut überstanden. Jedenfalls hatte es den Anschein. Im Rückblick war Filth jedoch bewusst, dass er hinter seiner äußerlichen Abgeklärtheit psychisch zusammengebrochen war, und dass ein psychischer Zusammenbruch bei jemandem, der die Schauspielerei verinnerlicht hat (wie ein Kronanwalt), unsichtbar sein kann. Für den Betroffenen ebenso wie für alle anderen. (S.20)

Als ausgerechnet ein früher Konkurrent, sein Erzrivale Verneering aus Hongkonger Zeiten, ins Anwesen nebenan einzieht, beginnt Edwards tadellose Fassade langsam zu bröckeln. Old Filth beschließt, dass sein Leben noch nicht zu Ende ist. Er setzt sich eines Morgens ans Steuer seines Autos und fährt los. Eine überraschende Reise in die Vergangenheit beginnt, die einige tragische Wendungen bereithält, die mich überrascht haben.

Old Filth ist eine lebende Legende. Im Inner Temple wird von ihm mit Hochachtung gesprochen. Sein Benehmen ist tadellos, seine Arbeit als Anwalt exzellent, sein Ruf eilt ihm voraus. Doch es gibt viele Dinge, über die Edward Feathers noch nicht einmal mit seiner Frau Betty sprechen konnte. Sie weiß nicht, woher sein charakteristisches Stottern kommt, das ihn immer wieder überfällt, wenn er nervös ist. Aber das ist nicht das einzige Geheimnis. Seine Kindheit in Malaysia, sein distanzierten Vater und die schrecklichen Erlebnisse in einer Pflegefamilie in Wales blieben zwischen Betty und Ed unausgesprochen. So wie vieles in Edwards Leben nur angedeutet bleibt und auf tiefere Traumata verweist. Jane Gardam schreibt mit psychologischem Fingerspitzengefühl und voller Ironie, aber die spannenden Details verbergen sich oft zwischen den Zeilen.

Es geht nicht nur um unausgesprochene Geheimnisse. Es geht auch um verdrängte Sexualität. Im Internat, das Edward später besucht, ist die Angst vor einer zu engen „Freundschaft“ zu seinem Kumpel Ingoldby offensichtlich. Edwards erste große Liebe ist eigentlich lesbisch und en passant erfahren wir, dass Bettys und Edwards Ehe kinderlos blieb, die Eheleute teilten sich nicht einmal ein Schlafzimmer.

Die Gründe für diese Schwierigkeiten liegen in Edwards Kindheit. „Auch Rechtsanwälte, glaube ich, waren einst Kinder“ lautet die Inschrift einer Statue im Inner Temple Garden in London. Edward ist ein Raj-Waise. So wurden im Empire die Kinder der Kolonialbeamten genannt, die „nach Hause“ in die sogenannte zivilisierte Welt geschickt wurden. Offiziell um eine gute Ausbildung und die richtigen Werte vermittelt zu bekommen, denn in den Kolonien und das wusste man ja, ging vieles drunter und drüber. Am Ende hätten sich die Weißen Kinder der Kolonialherren noch mit den Einheimischen angefreundet oder schlimmer noch, eine Beziehung angefangen und ihre Verbindung ins Heimatland verloren. In dem Aufsatz Sexuality, Gender and Empire beschreibt Philippa Levine sehr deutlich, was eine solche Entwicklung tatsächlich für das Empire bedeutet hätte:

„The control of White colonial sexuality was just as critical as the managing of indigenous mores. […] The collapse of racial difference – in the scientific parlance ot the time, palbably achievable if the races intermingled sexually – could spell not just the end of European superiority or distinctiveness but, more pressingly, the end of Empire.“ (S.154)*

Damit die Rollen von Kolonialherren und Untergebenen klar geordnet bleiben konnten, mussten die Kinder deshalb sehr früh ihre Eltern verlassen und allein mit dem Trauma des Heimatverlustes umgehen. Edward ging es da nicht anders. Seine Pflegefamilie hat allein finanzielles Interesse an den Raj-Waisen, der Alltag ist von Gewalt geprägt und über Gefühle wird nicht gesprochen. Erst im Internat erfährt er so etwas wie Anerkennung, die auch nur von kurzer Dauer ist. Und auch die Freundschaft mit Ingoldby und eine Ersatzfamilie für Edward bleiben Wunschträume, als sein bester Freund zum Militär geht und Edward sich ihm anschließt. Es scheint ein typisches Muster in Edwards Leben zu sein: er wird immer wieder von denen verlassen, die ihm etwas bedeuten. Von außen allerdings, lässt er sich nichts anmerken. Und um so tragischer bleibt es, dass Edward erst am Ende seines Lebens seine Vergangenheit aufarbeiten kann.  

Ein untadeliger Mann hat mich sehr beeindruckt. Jane Gardam schreibt gekonnt und witzig die Lebensgeschichte eines Mannes, die mit der Kolonialgeschichte Englands verbunden ist. Isabel Bogdan, die selbst erst vor kurzem ihr literarisches Debüt gab, ist für die gelungene Übersetzung verantwortlich. 

Ein grandioser Roman, der geschickt die Waage zwischen tragischen und unterhaltsamen Momenten hält. Ich freue mich jetzt schon auf den zweiten Teil Eine treue Frau, der die Geschichte aus Bettys Perspektive erzählt. Im dritten Teil soll Veneering zu Wort kommen. Ich bin gespannt.

Jane Gardam – Ein untadeliger Mann (= Old Filth, 2004). Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin 2015.

ISBN: 978-3-446-24924-0

* Levine, Philippa: Sexuality, Gender, and Empire. In: Gender and Empire. Hrsg. von Philippa Levine. Oxford University Press 2004. S. 134-155.

Weitere Rezensionen findet ihr auf literatourismus und Papiergeflüster.

 

[Rezension]Dadadada – Der Dada-Almanach

„Wir haben beschlossen, unsere mannigfaltigen Aktivitäten unter dem Namen Dada zusammenzufassen. Wir fanden Dada, wir sind Dada, und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen. Wir stehen hier ohne Absicht, wir haben nicht mal die Absicht, Sie zu unterhalten oder zu amüsieren.“

(Richard Huelsenbeck, vorgetragen im ,Cabaret Voltaire‘ im Frühjahr 1916)

Der Dadaismus hat dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Eine Bewegung, die sich den Unsinn, das Spiel mit Buchstabenmassen und Wortbausteinen und die Faszination für die Verweigerung von Sinn auf die Fahnen geschrieben hat. Und deren poetisches und ästhetisches Anliegen sich in der typographischen Gestaltung von Gedichten und Lautbildern manifestierte.  Im Manesse Verlag ist dieses Jahr der Dada-Almanach erschienen, der Lautgedichte, Manifeste und Textbilder dieser aberwitzigen Bewegung in einem gelungenen und wunderbar gestalteten Sammelband zusammenführt.

IMG_20160528_110754Doch was ist Dada eigentlich? Mein erstes Dada-Gedicht begegnete mir irgendwann in der Grundschule. Die Karawane/Zug der Elefanten von Hugo Ball. „jolifanto bambla o falli bambla“ – diesen Unsinn fabrizieren erwachsene Menschen? Ich war ziemlich beeindruckt und wollte auch Künstler_in werden.

Dadaist_in zu werden, ist relativ einfach. Tristan Tzara, ein Mitgründer der Bewegung, empfiehlt, ein paar Wörter aus einer Zeitung auszuschneiden, alles wild durcheinanderzuschütteln und neu zusammenzusetzen. Zack, entsteht ein Dada-Gedicht und im besten Fall ist man „ein unendlich origineller Schriftsteller mit einer charmanten, wenn auch von den Leuten unverstandenen Sensibilität.“ (S. 9)

Aber Dada ist noch mehr. Die Bewegung des Nicht-Sinn-machen-wollens betreibt überzeugend inkonsequent (immerhin handelt es sich hier um Dada) ein ästhetisch Spiel gegen die herrschende Norm. Dada hat keine moralische Haltung, Dada ist politisch, aber nur im subversiven Sinne. Denn „Kein System haben wollen ist ein neues.“ (Dr. Serner). Richard Huelsenbeck sagt, Dada könne man nicht erklären, nur erleben. Dada war auch ein Wasser zur Stärkung der Haarpracht, denn der Zürcher Toilettenartikelhersteller Bergmann & Co hatte sich zufällig schon den Produktnamen reservieren lassen. Hugo Ball schreibt dazu: „Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“

Und im Dada-Almanach sind die unterschiedlichsten Spiel- und Schreibarten der Dadaisten versammelt. Es gibt Lautgedichte, Textbilder, Liebesoden, Krippenspiele, Prosa, aber auch Totentänze und Lamentos, die daran erinnern, dass der Ursprung des Dada eben nicht im Nichts liegt, sondern in der persönlichen Konfrontation mit der Sinnlosigkeit einer Welt im Kriegszustand. Weil alle Wörter sinnlos werden, arbeiten sich die Dadaist_innen an den Wörtern ab und stellen dadurch auch herrschende Normen und Welterklärungsmodelle in Frage. Denn es gibt sie, die große Literatur. Es gibt Goethe und Schiller und trotzdem erschießen sich die Menschen im Krieg. Warum ist die Welt so wie sie ist?

„Jede Sache hat ihr Wort, da ist das Wort selber zur Sache geworden. Warum kann der Baum nicht Pluplusch heissen, und Pluplubasch, wenn es geregnet hat? Und warum muss es überhaupt etwas heißen? Müssen wir denn überall unseren Mund dran hängen? Das Wort, das Wort, das Weh gerade an diesem Ort, das Wort, meine Herren, ist eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges.“

(Hugo Ball, Eröffnungs-Manifest. 1. Dada-Abend in Zürich, 14. Juli 1916)

Was passiert mit einem Wort, wenn es aus seinem Sinnzusammenhang befreit wird? Einige Dadaist_innen wurden später Surrealist_innen und versuchten sich an der „ecriture automatique“, da gab es Dada schon nicht mehr. Auch diese Entwicklung wird im Dada-Almanach anhand der Biographien der „Dada-Leader“ dargestellt. Und da gibt es einige: Propagandada, Dadasophen und den Oberdada. Und alle trafen sich im März 1916 im „Cabaret Voltaire“ um Lautgedichte und Antikriegslieder vorzusingen.

Der Dada-Almanach bieten einen gelungenen Ausschnitt dieser kurzen Zeit. Ich habe das Buch unglaublich gerne gelesen und kann nur noch einmal auf die hochwertige und ästhetisch ansprechende Gestaltung des Bandes verweisen. Und das aller Schönste: man braucht kein Manifest oder keine Theorie. Man lässt sich einfach in die Wortkunstwerke der Dadaist_innen fallen und genießt diese wunderbare Lektüre.

Weitere Rezensionen findet ihr auf frischgelesen und nettebücherkiste. 

Dada-Almanach. Textbilder, Lautgedichte und Manifeste. Vom Aberwitz ästhetischer Contradiction. Herausgegeben von Andreas Puff-Trojan und H. M. Compagnon.

Manesse 2016.

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal von Randomhouse angefragt. Vielen Dank!

Gratis Comic Tag 2016 – 5 Lesetipps

 

Heute könnt ihr in ausgewählten Comicläden ein paar tolle Schätze abgreifen und damit der Branche zu ein bisschen Aufwind verhelfen. Und das ist auch dringend nötig, denn längst lesen nicht mehr nur Besserwissernerds Texte mit wunderbaren Zeichnungen. Alle sollten Comics lesen, egal wo. Damit ihr das ohne Probleme umsetzen könnt, habe ich mal in meinem Bücherregal geguckt, was für Schätze sich da noch verstecken. Meine fünf Tipps für diesen Tag findet ihr weiter unten.

Doch warum überhaupt die Festlichkeit? Es ist Gratis Comic Tag und einen Überblick über alle geplanten Aktionen zu diesem Tag der Freude und der Kunst gibt es hier. Außerdem heißt es doch sowieso eigentlich Graphic Novel (das wusste schon Seth Cohen) und trotzdem gibt es immer noch Menschen, die ernsthaft glauben, dass Asterix oder Tim und Struppi das einzige sind, was das Genre zu bieten hat und die sich vielleicht auch deshalb, gar nicht so richtig an ein Comic heranwagen. Aber Comics sind eben mehr als Funny Animals oder Calvin und Hobbes (nichts gegen Calvin und Hobbes). Auch Pablo Picasso hat die Großmutter der heutigen Graphic Novels, die KrazyKat-Comics (1913-1944) von George Herriman ziemlich abgefeiert. Und die ganzen coolen Hipsterliteraten wie F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein und E. E. Cummings fanden die Mieze auch ziemlich gut. Charlie Chaplin soll die Katze ebenfalls sehr geliebt haben. Tja und dann kam der historische Downfall.

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In den 1950er Jahren änderte sich die Stimmung gegenüber dem Genre maßgeblich. In der Schmutz- und Schund-Kampagne in Deutschland, wurden Comics als Übel der Gesellschaft konstruiert, das die unschuldige Jugend moralisch mit POOOW und BOOOM verwahrlosen lasse. Während Wilhelm Buschs Werk noch schnell zur richtigen und gehobenen Literatur auserkoren wurde, die sich satirisch lustig macht, waren KrazyKat-Comics bald unterste Schublade. Das passte zu kritischen Stimmen aus Übersee, denn 1954 erschien das Standardwerk zur Verdammung des Comics: Seduction of the Innocent. Verfasser war der Psychologe Fredric Wertham, der an einem Fallbeispiel eines jugendlichen Mörders durchexerzierte, dass allein Kino, Fernsehen, die schrecklichen Medien und besonders die Comics, für die Taten verantwortlich waren. Außerdem konstruierte er noch schnell eine Leseschwäche herbei, die alle Kinder und Jugendlichen befiele, sobald sie nur noch Sätze in Sprechblasen lesen würden. 2012 stellte sich heraus, dass Wertham  sich seine ganze Studie nur ausgedacht hatte, aber das wusste man in der BRD der 1950er Jahre natürlich nicht. Da ging man eher dazu über, Comics öffentlich zu verbrennen und schön auf das populäre, aber „schmutzige“ Medium Comic draufzuhauen. Im Anschluss an die Debatte gründete sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Schriften, die Zensur übte, wenn die Comics zu „gewalttätig“ waren. Erst in den 1970er Jahren gewann der Comic auch die wissenschaftliche Aufmerksamkeit, die ihm schon längst hätte zu Teil werden müssen.

Heute ist deshalb der Tag, an dem das Comic gefeiert werden soll. Mir ist ganz egal, ob ihr Comic oder Graphic Novel sagt, wenn ihr heute nur einmal dieses wundertolle Medium in die Hand nehmt. Da ich noch einige tolle Comics auf meinem SuB liegen hatte, habe ich mich in den letzten Tagen mal durch meinen Besitz gelesen und präsentiere euch jetzt ein paar interessante Graphic Novels, in denen es auch wirklich keine Superhelden geben wird. Versprochen. Denn die Comics, die ich euch vorstellen möchte, gehören für mich sowieso zur Belletristik und deswegen auch auf diesen Blog.

1. Flix – Faust. Der Tragödie erster Teil.

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Goethes Faust sollte man doch kennen. Was Flix hier aus dem Klassiker herausholt, ist schon beeindruckend. Der Künstler stellte auch schon in seinem Debüt die Frage „Who the fuck is Faust?“ und in diesem Werk beantwortet er die Frage auf naheliegende Weise. Heinrich Faust ist Taxifahrer in Berlin, Gretchen eine Muslima, die eigentlich Margarethe heißt (weil ihr Vater eine Vorliebe für die Schreinemakers hat) und das ganze Drama um Fausts Seele geht nur los, weil Meph und Gott eine Wette um eine – Entschuldigung!- zwei Kisten Ramazotti am laufen haben. Ich habe seitenweise gelacht, weil Flix Comics voll toller, skurriler und liebenswerter Einfälle sind. Don Quijote ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

2. Jiro Taniguchi – Die Sicht der Dinge

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Als Yoichi die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, kehrt er das erste Mal nach 15 Jahren in seine Heimatstadt zurück. Der Grafiker hatte es all die Jahre vermieden, nach Hause zu kommen, weil er einen stillen Groll gegen seinen Vater mit sich herum trägt. Laut Yoichis Sicht der Dinge, hat sein Vater durch seine Langeweile und seinen Alltagstrott dafür gesorgt, dass seine Mutter das Haus verlassen musste. Während der Totenwache und intensiven Gesprächen mit seinen Verwandten, geht Yoichi auf, dass er viele seiner Ansichten revidieren muss. Die ruhigen Bilder, der konzentrierte Text – Taniguchi lädt dazu ein, die besondere Atmosphäre des Friseursalons der Kindheit von Yoichi auf sich wirken zu lassen. Eine traurige Geschichte, bei der ich mir ein kleines Schniefen am Ende nicht verkneifen konnte.

3. Sid Jacobson/ Ernie Colón – Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie

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In enger Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam, haben die beiden Zeichner Sid Jacobson und Ernie Colón, das Leben von Anne Frank in einem Graphic Novel verewigt. Auszüge aus ihrem Tagebuch, Originalfotografien und Dokumente sind mit in dieses intensiv recherchierte und fesselnd geschriebene Werk geflossen. Annes Geschichte steht in einem Netz aus Geschichten. Es beginnt mit der Heirat ihrer Eltern in Frankfurt, die Erlebnisse während des Nationalsozialismus, die gemeinsame Flucht nach Amsterdam und die Jahre im Versteck bis hin zum Tod der Familie in unterschiedlichen  KZ’s. Annes Vater wird der einzige Überlebende bleiben. Vielleicht mutet es für einige Leser*innen merkwürdig an, eine so ernsthafte Geschichte als Graphic Novel zu lesen. Ich finde ihn sehr  gelungen und kann den Band nur empfehlen.

4. Adrian Tomine – Halbe Wahrheiten

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Ben Tanaka ist Anfang 30 und ziemlich orientierungslos. Seinen Freunden geht es ähnlich, die haben auch alle was mit Kunst und Film studiert. Ben leitet zwar ein Kino, aber privat läuft es nicht so gut. Seine langjährige Freundin Miko muss für einen Filmjob nach New York und auf einmal sind alle anderen Frauen interessanter als sie.

Halbe Wahrheiten hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, viele Szenen kamen mir so vertraut vor, obwohl ich nicht Ben bin. Halbe Wahrheiten spiegelt ein Lebensgefühl des ewigen Nicht-Ankommens, egal, wie viel man schon beruflich erreicht hat. Gleichzeitig werden lakonisch Fragen nach kultureller und sexueller Identität aufgeworfen, die von Adrian Tomne ziemlich brilliant in Szene gesetzt werden. Must-Read.

5. David Small – Stiche. Erinnerungen.

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David Smalls autobiographische Graphic Novel besticht schon durch die besondere Optik. Schwarz-weiß-Grau. Im Leben von David gibt es keine Farben. Er ist sechs, zwölf, vierzehn, fünfzehn als im ungeheuerliche Dinge widerfahren. Es sind besonders die atmosphärischen Zeichnungen, die auch noch Tage nach der Lektüre, nachwirken. Davids Leben ist ein Alptraum, ein Krankenhaus-Horrorfilm. Wenig Text, dafür aussagekräftige Zeichnungen, in denen die verstörende Welt der Wissenschaft der 1950er Jahre wieder lebendig wird. David ist derjenige, der unter den Experimenten seiner Familie zu leiden hat, die es nicht besser wussten und ihre eigenen Geheimnisse mit sich herumtragen. Schaurig und düster. Absolut empfehlenswert.

Was sind eure Lieblingscomics? Welche Comics darf man im Moment nicht verpassen?

Und wie feiert ihr diesen besonderen Tag?

Ich freu‘ mich über eure Kommentare und wünsche euch einen schönen Gratis Comic-Tag. :)

Flix: Faust. Der Tragödie erster Teil. Carlsen 2014.

Jiro Taniguchi: Die Sicht der Dinge. Carlsen 2008.

Sid Jacobson/ Ernie Colón: Das Leben von Anne Frank. Eine grafische Biografie. Carlsen 2010.

Adrian Tomine: Halbe Wahrheiten. Reprodukt 2008.

David Small – Stiche. Erinnerungen. Carlsen 2009.