Leben wie Lavinia – Pixeltänzer

Künstlerische Avantgarden der Vergangenheit und Start-Up-Kultur der Gegenwart – geht das zusammen? Wir folgen der Protagonistin Beta auf eine geheimnisvolle Schnitzeljagd durch Berlin und entdecken dabei eine fast vergessene Kunstform – den Maskentanz.

Berit Glanz hat ein Debüt geschrieben, das wunderbar konstruiert ist und zwei Welten zusammenbringt, die sehr viel mehr gemeinsam haben, als es zunächst scheint. Da ist das Berliner Start-Up, in dem Beta arbeitet mit der typischen Sprache, die diese Leute sprechen. Beta ist eine von ihnen. Sie sagt: „Ich bin Junior-Quality-Assurance-Tester, und im letzten Feedback-Gespräch hinter der Milchglasscheibe wurde mir eine Can-Do-Ausstrahlung bescheinigt.“ 

Was auch immer das heißen mag. 

Beta ist ein Techniknerd, in ihrer Freizeit druckt sie gerne Tiermodelle mit ihrem 3D-Drucker aus und für das Start-Up programmiert sie eine App. Die App heißt „Dawntastic“. Jeden Morgen wird der Nutzer von einem unbekannten User geweckt, man unterhält sich 5 Minuten, bevor man in seinen eigenen langweiligen Alltag startet. Dann verschwindet jede*r wieder im digitalen Nirvana. Beta nutzt die App selbst und trifft den merkwürdigen Nutzer „Toboggan“. Sie unterhalten sich über das Atari-Spiel „Pittfall“, bei dem man ein Männchen durch Treibsand lotsen muss. Wenn der Sand die Figur verschlingt, erscheint ein merkwürdiger Ton, an den sich beide erinnern, auch wenn es das Spiel nicht mehr gibt. Toboggan trägt eine bunte Maske und schickt Beta auf eine Schnitzeljagd durch die Zeit, indem er ihr Geschichten über eine expressionistische Künstlerin schreibt. Er versteckt die Geschichte der Künstlerin im Quellcode von Betas Blog. Ihr Name war Lavinia Schulz, sie hat wirklich gelebt und die Masken gebaut, die der Toboggan trägt. Das ist die andere Ebene des Romans.

Wie in einem Fortsetzungsroman erfährt Beta vom Leben dieser unangepassten Künstlerin und wird immer mehr in Lavinias Welt aus Tanz, Kunst und Armut hineingezogen. Vor knapp hundert Jahren setzte sich die junge Frau ebenfalls mit der großen Frage auseinander, wie viel Anpassung wichtig ist um ein wahrhaftiges Leben zu führen.

Ein Tipp: lest bitte nicht den Artikel bei Wikipedia, die Spoiler sind zu groß! Und das ist eigentlich lustig, denn der Toboggan selbst schickt Beta den Link zu dem Wikipedia-Eintrag über Lavinias Künstlergruppe. Lavinia hat versucht von ihrer Kunst zu leben, Masken entworfen und mit ihnen getanzt. Ihre Geschichte endet tragisch.

Beta fährt ins Museum nach Hamburg und betrachtet die Masken, die nur durch einen Zufall wieder gefunden wurden. Sie besucht den Geburtsort von Lavinia im Spreewald und fängt an, auch ihre eigene Arbeit zu hinterfragen. Wie kann man heute noch ein Zeichen setzen, so wie es die avantgardistischen Künstler*innen taten? Denn auch heute wären diese Zeichen notwendig. Gegen die Durchdigitalisierung der Welt, die Anforderungen des Marktes und des Kapitalismus und einer höher-schneller-weiter-Mentalität der Branche aus der Beta selbst kommt. Und natürlich fragt sie sich, ob sie überhaupt in den Urlaub gefahren ist, wenn sie nicht darüber postet. Wer sind wir ohne Selbstdarstellungen? Und wie haben Menschen früher diesen Drang nach Aufmerksamkeit befriedigt? Betrachtet man Lavinia, ist die Antwort klar. Lavinia war Teil der Künstlergruppe „Der Sturm“, 1918 trat sie nackt auf und provozierte die Kunstwelt mit ihrer Radikalität. 

Die Ideen, die Berit Glanz in ihrem Roman so mühelos verwebt, sind grandios und es ist auch ein wenig erschreckend wie nah sich das Leben in der Weimarer Republik und die Start-Up-Szene heute sein können. Beide Erzählstränge sind durch ihre Verknüpfung gelungen. Auch wenn man glaubt, einige Beschreibungen der Selbstvermarktung in der neuen Gründerszene so oder so ähnlich schon einmal gelesen zu haben, eröffnet sich den Leser*innen durch die Figur der Künstlerin Lavinia eine neue Ebene. Trotzdem bleibt die „work hard play hard“-Mentalität der Techszene und ihr ständiger Fokus auf Kosten-Nutzen-Rechnungen und leere Slogans, die die Mitarbeiter*innen motivieren sollen, eine erschreckend leere und sinnlose Angelegenheit. So weit, so erwartbar. Das eigene Leben wird zum Wohl der Firma, des Erfolgs, des Teams hinten angestellt. Da ist Beta mit ihren subversiven Ideen eine Ausnahme. Sie träumt, sie druckt Tierchen aus und sie hat viel Fantasie. Natürlich klaut sie aus einer Laune heraus, die neue Spielerei des Chefs. Sie entlässt den Computerfisch, dem gerade eine Minikamera installiert wurde, in die Spree, damit er einmal etwas richtiges sehen kann und nicht nur das Büroaquarium. Das war mit Abstand meine Lieblingsszene.

Außerdem hat Berit Glanz noch zusätzlich eine Webseite erstellt, auf der man Links und Infos über Lavinia zusammen mit Beta entdecken kann. Das habe ich so bisher noch nicht gesehen und macht richtig Spaß.

Beta versucht einen Ausbruch aus dem System, eine Minirebellion und so werden am Schluss auch die Erzählstränge zusammen geführt. Das ist schön, auch wenn mich die Auflösung um die Identität des Toboggan etwas enttäuscht zurückgelassen haben. Trotzdem bin ich sehr gespannt auf die kommenden Werke der Autorin.

Berit Glanz: Pixeltänzer. Schöffling 2019.

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Feiner Buchstoff

Poesierausch

Buch-Haltung

Der Verräter

Im Roman „Der Verräter“ entwirft Paul Beatty eine ziemlich finstere Dystopie. Ein Schwarzer wird zum Sklavenhalter und will gleich auch noch die „Rassen“trennung wieder einführen. Der Clou: es funktioniert prächtig.

„Ich finde ein bisschen Rassentrennung und Sklaverei haben noch niemandem geschadet“, stellt Hero am Anfang des Romans fest, als er sich vor dem Obersten Gerichtshof verantworten muss. Hero hat nämlich in dem heruntergekommenen Örtchen Dickens, Segregation und Sklaverei wieder eingeführt und damit gegen die Zusatzartikel 13 und 14 der amerikanischen Verfassung verstoßen. Die Artikel regeln die Abschaffung der Sklaverei (seit 1865) und die Gleichbehandlung (seit 1866). Hero ist schwarz. Vielleicht ist das ein Grund, warum der Roman von vielen us-amerikanischen Verlagen zunächst abgelehnt wurde.

Eigentlich verdient Hero sein Geld mit Melonen- und Marihuanaanbau. Sein Vater ist ein glühender Verfechter der Bürgerrechte. Als er von einem Polizisten erschossen wird, schreitet Hero zur Tat. Womit hat das Schlamassel denn angefangen? Genau, mit Bürgerrechten für alle. In seinem Heimatort, bisher eher Schandfleck der Umgebung und bewohnt von Latinos und Schwarzen, will Hero eine Besserung sehen. Bemüht um das Wohl seiner Mitmenschen, versucht er also die Errungenschaften von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung wieder zurückzunehmen.

Der selbsternannte „Niggerflüsterer“ bekommt Hilfe von Hominy Jenkins. Der ehemalige Kinderstar aus „Die kleinen Strolche“ kann mit dem zweifelhaften Ruhm, den er vor Ewigkeiten geerntet hat, nichts mehr anfangen. Als Hero ihn zufällig vor dem Selbstmord bewahrt, hat der Alte nur einen Wunsch: “ Peitsch mir mein wertloses schwarzes Leben aus dem Leib.“ Gesagt, getan. Hominy darf fortan Heros Sklave sein. Und Hero ist sich keiner Schuld bewusst. Durch die Einführung der Segregation, glaubt Hero der Welt einen großen Dienst erwiesen zu haben, denn so habe er sich und alle anderen „aus dem Gefühl der Kollektivschuld ausgeklinkt, die das dritte Cello, die Verwaltungssekretärin, die Regalauffüllerin, die Sie-ist-nicht-wirklich-attraktiv-aber-schwarz-Siegerin des Schönheitswettbewerbs davon abhält, am Montagmorgen bei der Arbeit jeden weißen Motherfucker über den Haufen zu schießen“.

Doch mit dem Privatsklaven und der donnerstäglichen Auspeitschung ist es nicht getan. Das Duo infernale geht noch weiter. Hominy wünscht sich einen ordentlichen Bus, in dem Schwarze hinten und Weiße vorne sitzen. Die Busfahrerin ist zunächst irritiert und stellt dann fest, dass die Fahrt ausgezeichnet klappt. Jeder sitzt an seinem Platz und verhält sich ruhig. Warum also bei Bussen aufhören? Auch das Bildungssystem ist in Dickens nicht das Beste, doch seit Hominy und Hero die „Rassentrennung“ wieder einführen und Schwarze auf öffentliche Schulen und Weiße auf Privatschulen gehen, profitieren alle. Und sogar die Kriminalitätsrate sinkt rapide. Aber wo ist die Grenze der Zumutbarkeit einer solchen Rolle rückwärts? Und ist es überhaupt eine Rückwärtsrolle, wenn sich doch alle Bewohner*innen von Dickens viel wohler fühlen?

Beattys Erzählweise ist unzuverlässig, schnell, wie von einem unsichtbaren Beat getrieben. Vor dem N-Wort darf man keine Angst haben, er benutzt es so oft, dass es schon fast unangenehm wird. Er nutzt philosophische Wahrheiten und soziologische und psychologische Erkenntnisse über die Entstehung von Rassismus und Vorurteilen und lässt sie gekonnt in den Text einfließen, zum Beispiel über die Figur von Heros Vater, der als Entwicklungspsychologe vorgestellt wird. Außerdem bedient Beatty sich aus einem Fundus popkultureller und literarischer Anspielungen, die doch immer wieder nur eins zeigen: Rassismus kommt in unendlich vielen Varianten vor. Er schreibt über Polizeigewalt und Zugehörigkeit und fordert heraus, festgeschriebene Identitäten genauer zu hinterfragen. Dabei zeigt er immer wieder, wie willkürlich vermeintliche Grenzen gesetzt werden.

„Der Verräter“ ist eine absolut geniale Provokation, die gleichermaßen schockiert wie auch über Alltagsrassismus und rassistische Strukturen aufklärt und dadurch zeigt, welche Spannungen in der US-amerikanischen Gesellschaft nach wie vor noch vorhanden sind. Man weiß als Leser*in nicht, ob man lachen oder erschütternd sein sollte. Der Roman wurde mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet.

Paul Beatty – Der Verräter. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Luchterhand 2015.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

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letusreadsomebooks

Auf der Suche nach dem Kolibri

Anders als das verspiele Cover vermuten lässt, verbirgt sich hinter dem Roman Auf der Suche nach dem Kolibri keine sentimentale Herzschmerzgeschichte. Stattdessen erzählt Dellaira eine romantische Geschichte, deren tragische und erschreckend aktuelle Hintergründe sich erst nach und nach und angenehm unverkitscht entfalten.

Die Geschichte wird von zwei Hauptprotagonist_innen getragen und abwechselnd aus Marylins und Angies Perspektive erzählt. Marylin ist eine alleinerziehende Mutter, die sich sehr darum bemüht, ihre 17-jährige Tochter Angie zu unterstützen und immer für sie da zu sein. Marylin selbst hatte keine glückliche Kindheit, sondern sollte als Kindermodel das Einkommen ihrer Mutter garantieren und am besten eine Karriere als Schauspielerin hinlegen. Eigene Hobbies, Freunde oder die Schule mussten hinter den hochtrabenden Plänen der Mutter zurückstecken. Als Marylin ihre große Liebe James kennen lernt, kann sie sich von ihrer Mutter befreien. Sie will Fotografin werden und selbst hinter der Kamera stehen. Doch dann stirbt James bei einem Autounfall und Marylin ist alleine. Angie fragt selten nach James, sie will Marylin nicht traurig machen, doch sie spürt, dass ihre Mutter ihr wichtige Details über den Tod ihres Vaters verschwiegen hat.

Durch einen Zufall erfährt Angie, dass der kleine Bruder ihres Vaters noch lebt. Ihr Onkel Justin ist gar nicht, wie von Marylin behauptet, auch bei dem schweren Verkehrsunfall ihres Vaters verstorben. Angie fackelt nicht lange. Zusammen mit ihrem Exfreund Sam (der jetzt nur noch ein Freund ist, aber wer weiß?) reist Angie nach Los Angeles und begibt sich auf die Suche nach ihrem Onkel, natürlich mit der leisen Hoffnung im Hinterkopf, dass ihre Mutter nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Lebte ihr Vater vielleicht die ganze Zeit in L.A.?

Auf der Suche nach dem Kolibri ist eine melancholische Coming-of-Age-Geschichte, die sehr viel mehr ist, als es zunächst den Anschein hat und die mich sehr überraschen konnte. Das Geheimnis um James‘ Tod und die Fragen, die Angie an ihre Familie hat, lassen Mutter und Tochter wieder zueinanderfinden. Die Geschichte hat mich sehr berührt und mitten ins Herz getroffen. Dellaira greift wichtige Themen auf. Neben der Suche nach dem eigenen Ich und der eigenen Rolle im Leben, geht es auch um Rassismus und die Folgen von rassistischen Ideologien. Marylin ist Weiß, James ist Schwarz, Angie ist ihr gemeinsames Kind.

Ich bedanke mich bei Lovelybooks und dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

/Werbung/ Ava Dellaira: Auf der Suche nach dem Kolibri. Übersetzt von Jessica Komina und Sandra Knuffinke. Magellan 2019.

Über die Autorin

Ava Dellaira hat schon als Kind mit dem Schreiben angefangen. Sie ist Absolventin des Iowa Writer’s Workshop und war Koproduzentin der Filmadaption von Stephen Chboskys Bestseller Vielleicht lieber morgen. Neben Drehbüchern schreibt sie auch Romane, ihr Debüt Loveletters to the Dead liegt noch auf meinem SuB und war ein internationaler Erfolg. Ava Dellaira stammt aus Albuquerque, New Mexico und lebt heute in Los Angeles.

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Der Bücherdrache

Zamonien ist mittlerweile fast 20 Jahre alt. Der Schöpfer dieses schönen Kontinents ist Walter Moers, dem wir nicht nur die Übersetzung der fantastischen Werke von Hildegunst von Mythenmetz zu verdanken haben , sondern der sich schon mit Käpt’n Blaubär in mein Leser*innenherz geschlichen hat. Auch sein neuestes Werk Der Bücherdrache spielt wieder in Zamonien und aufmerksame Leser*innen werden einige bekannte Schauplätze wiederentdecken.

Zamonien ist das Land der Literatur, der Literaturliebhaber*innen, der Schriftsteller*innen und der gefährlichen Bücher. In der Hauptstadt Buchhaim treffen sich alle, die mit Büchern im Weitesten Sinne zu tun haben. Das ist nicht immer ungefährlich. Manche Bücher haben Reißzähne, andere sind tödlich. Nur gewiefte Bücherjäger*innen können mit ihnen umgehen. Unter der Stadt erstreckt sich ein Tunnelsystem aus Katakomben und versteckten Gängen: im Labyrinth der träumenden Bücher haben sich schon viele Mutige verirrt. Die Geschichte um den Bücherdrachen Nathaviel spielt in einer ähnlich wilden Gegend – im Ormsumpf versucht ein Grüppchen wilder und ausgesprochen wagemutiger Buchlinge den sagenumwobenen Bücherdrache zu finden. Natürlich ist auch Hildegunst von Mythenmetz wieder mit von der Partie, allerdings fungiert der grandiose Schriftsteller als Gesprächspartner für seinen Buchling, Hildegunst 2.

Wir erinnern uns kurz zurück: alle Autor*innen in Zamonien haben einen Buchling, ein kleines und belesenes einäugiges Wesen, dessen Daseinszweck darin besteht, die Werke der großen Schriftsteller*innen auswendig zu lernen, damit sie nicht verloren gehen. Da kann man es als Buchling sehr leicht haben, wenn man jemanden repräsentiert, der nur ein Debüt verfasst hat und danach wieder von der Bildfläche verschwunden ist und den folglich das Orm, also der Musenkuss auf Zamonisch, nur einmal ereilt hat oder eben relativ schwer, wenn man die Werke von jemandem auswendig lernen muss, der am laufenden Band Geschichten produziert und dessen Orm sehr stark ist. Hildegunst 2 hat wie viele seiner zyklopenartigen Kolleg*innen eigentlich seine Daseinsberechtigung durch das Wiederholen der Texte von Mythenmetz gefunden. Aber hier geht es tatsächlich anders los: der unscheinbare Einäugige und seine Gang aus Buchlingsfreunden wird überraschend in ein Abenteuer verwickelt, denn auf ihn wartet im Ormsumpf ein Bücherdrache. Und warum sollen Buchlinge nicht auch endlich einmal die Helden einer Geschichte werden?

Um den Drachen Nataviel ranken sich viele Legenden und Spekulationen, denn er ist ganz tief in den Katakomben Buchheims versteckt. Nataviel ist ein mythisches Wesen, denn der Drache weiß auf fast alle Fragen eine Antwort, er spricht alle Sprachen Zamoniens und seine Schuppen bestehen aus alten Büchern. Außerdem ist er ein schlauer Gesprächspartner, der Dialog zwischen Hildegunst 2 und Nataviel hat mir unglaublich viel Spaß gemacht.

Die Illustrationen von Moers sind fantastisch und runden diese schöne Geschichte ab. Einziges Manko: sie war mit knapp 186 Seiten viel zu kurz! Ich hätte gerne noch mehr von Hildegunst 2 und seinen Freunden gelesen.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank!

Walter Moers: Der Bücherdrache. Ein Roman aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz. Aus dem Zamonischen übertragen und illustriert von Walter Moers. Penguin Verlag 2019.

Das Haus aus Stein

Durch die unheimlichen Windungen des Hauses aus Stein, durch in bläuliches Licht getauchte Geheimgänge, durch rasch sich öffnende und wieder schließende Türen, an denen es, ähnlich einem Drehkreuz, kein Zurück gibt, gelangst du ins Herz des Labyrinths. In das große, wahre Herz, hart wie eine Faust.

Das Haus aus Stein, S. 63

Die türkische Autorin Asli Erdoğan hat der deutschen Ausgabe ihres poetischen Textes Das Haus aus Stein ein spezielles Vorwort vorangestellt. Sie berichtet von einem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald und wie sehr sie dieser Besuch mitnimmt. Sie schreibt auch davon, dass ihre Erzählung schon zehn Jahre alt ist und am Anfang gerade einmal drei Seiten umfasste. Sie beschreibt die Erfahrungen von Gefangenschaft und Folter, die langsam das Ich und damit auch die Sprache und die Worte eines namenlosen Gefangenen zersetzen.

Im türkischen Original erschien der Text 2009, die Autorin wurde dafür 2010 mit einem der bedeutendsten Literaturpreise des Landes ausgezeichnet, ihre Werke sind in über 20 Sprachen übersetzt worden. 2016 wurde Aslı Erdoğan dann verhaftet, weil sie eine Kolumne für eine prokurdische Tageszeitung geschrieben hatte und sie deshalb unter „Terrorverdacht“ gestellt wurde. Sie war nach dem gescheiterten Militärputsch 132 Tage im Frauengefängnis Bakirköy-Istanbul inhaftiert worden, ohne zu wissen, wann sie wieder entlassen werden würde. Im Moment lebt die Autorin in Frankfurt im Exil.

In ihrem Vorwort thematisiert Erdoğan auch die Folgen dieses Gefängnis-aufenthaltes – einfachste Dinge des Alltagslebens sind nicht mehr normal und selbstverständlich. Das Vorwort liest sich deshalb auch wie eine Art Auftrag an sich selbst – nicht aufzugeben, Zeugnis abzulegen, weiter Worte für das Unaussprechliche zu finden.

Der Text Haus aus Stein ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, eher eine poetische Erzählung oder ein langes Prosagedicht. Es ist sehr schwer, den Inhalt zusammen zu fassen, denn der Text ist sehr dicht geschrieben und metaphorisch geschrieben. Das Haus aus Stein ist das Folterzentrum Sansaryn Han in Istanbul.

Die Erzählung beginnt mit einem Mann, er wird A. genannt und er ist ein wenig verrückt. Niemand weiß genau, was ihm passiert ist, am wenigsten die Menschen auf der anderen Straßenseite, die ihn beobachten, während sie im Café sitzen. A. gelingt es nicht mehr, ein normales Leben zu führen. Er war im Haus aus Stein. Seine Identität, seine Persönlichkeit ist wie ausgelöscht. Ihm wurde „die Haut des Lebens abgerissen“. Ausgehend von A. beschreibt die Autorin die verheerenden Folgen der Folter und des Gefängnisaufenthaltes auf das Seelenleben der Gefangenen., ihre Sprache ist dabei gewaltig und das ist keine übertriebene Beschreibung. Jede Metapher ist schockierend, während die Autorin doch klar macht, dass herkömmliche Worte für die Beschreibung der unmenschlichen Behandlung durch andere Menschen nicht ausreichen.

Als habe das Leben plötzlich eingefordert, erzählt, definiert und gezeigt zu werden, habe ich über der Vergangenheit blutleere Metaphern ausgeschüttet, zum Zerreißen angespannte Verben, ihre wahre Form erst noch suchende Bilder.

Das Haus aus Stein, S. 103

Im Vorwort schreibt Erdoğan, dass die Beschäftigung mit ihrem eigenen Gefängnisaufenthalt sie körperlich krank mache, sie aber keinen Weg sähe, ihre Erfahrungen nicht in ihrem Schreiben zu thematisieren. Als sie selbst aus dem Gefängnis entlassen wurde, stand sie vor dem Nichts. Ihre Text wurden zensiert, ihre Bücher dürfen nicht mehr erscheinen, ihr Computer wurde beschlagnahmt. Das Haus aus Stein ist weder ein Text, der sich leicht lesen lässt, noch ein Text, den man ohne Pause lesen könnte. Die Atmosphäre ist durchgehend beklemmend, die namenlosen Gefangenen können ihre Situation nicht überblicken, sind allein und versuchen in der Situation nicht den Verstand zu verlieren. Ein namenloser Chor wendet sich an vielen Stellen an ein anonymes Du:

„Auf dem Bauch kriechst du über herzgraue Steine, durch die leeren, kalten Korridore des Gedächtnisses, von einer Wand zur anderen und wieder zurück. Vom endlosen Abend bis zum Morgen des Fegefeuers kriechst du hin und her zwischen Himmel und Erde, zwischen Flammen und Eis.“

Haus aus Stein, S. 49

Erdoğans zeigt so in ihrer metaphorische Sprache bestürzende Szenen der Willkür und Gewalt. Wenn es den Leser*innen so geht und dieser Text selbst stellenweise „hart wie eine Faust“ wirkt und sprichwörtlich unter die Haut geht, wie muss es erst den Menschen in den Häusern aus Stein gehen?

Ich wünsche Erdoğan sehr viele Leser*innen für diesen schmerzhaften und wichtigen Text, eigentlich müsste ihn jede*r lesen. In der Türkei sind ihre Texte nicht mehr in den öffentlichen Bibliotheken zu finden.

Asli Erdoğan: Das Haus aus Stein. Aus dem Türkischen von Gerhart Meier. Penguin Verlag 2019.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

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Blauer Hibiskus

Blauer Hibiskus ist das Debüt der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, ihr erster Roman brachte ihr direkt eine Nominierung für den Man-Booker-Preis ein. Die titelgebende Pflanze des Romans ist ein ziemlich robustes Gewächs, ähnlich robust wie die 15-jährige Hauptfigur Kambili, die ihre eigene Stärke im Verlauf der Handlung erst noch entdecken muss. TW/CN: häusliche Gewalt

Einerseits ist Kambili eine wohlbehütete Tochter aus gutem Hause, die viele Chancen bekommt eine gute Schulbildung zu erhalten und die in einem gigantischen Anwesen mit Bediensteten im Luxus lebt, in einer Welt, die vielen Nigerianer*innen nicht zugänglich ist. Andererseits ist sie nicht frei, sondern der Willkür ihres Vaters ausgeliefert. Er ist ein erfolgreicher Fabrikant und Herausgeber einer systemkritischen Zeitung, der Zuhause im Namen eines fanatischen Katholizismus ein eigenes System der Unterdrückung errichtet hat. Er, der sich aus schwierigen Verhältnissen bis nach oben gearbeitet hat, verachtet seine ursprüngliche Kultur und den traditionellen Glauben der Igbo und verstößt sogar seinen eigenen Vater Papa-Nnukwe, der sich nicht missionieren lässt. Seine Kinder und seine Frau müssen seine Gewalttiraden ertragen, die manchmal für die Leser*innen ganz plastisch erzählt werden oder andeutungsweise Leerstelle bleiben. Kambili und Jaja haben eine „Augensprache“ entwickelt, mit der sie sich gegenseitig vor ihrem Vater warnen.

Zuhause ist ihr Vater ein Monster, während ihn die Dorfgemeinschaft achtet, die Opposition ihn schätzt und mit ihm zusammenarbeitet und er deswegen sogar mit Menschenrechtspreisen aus dem Ausland ausgezeichnet wird. Eine Situation, die für Kambili nur schwer zu ertragen ist. Wenn so viele Menschen ihren Vater verehren, dann ist sie ebenfalls stolz auf ihn und fühlt eine unglaubliche Bewunderung gegenüber ihrem Vater. Doch bei genauerem Hinsehen ist nur schwer nachzuvollziehen, wie ihr Vater seine grausamen Taten mit dem Wille Gottes und angeblichem Schutz vor Sünden rechtfertigt.

Kambili und ihr Bruder Jaja haben ein tägliches Arbeitspensum zu erfüllen, das aus Schule, Beten und dem Gang zur Kirche besteht. Gebete, die bis zu zwanzig Minuten oder länger dauern, sind in ihrer Familie normal. Es gehört auch zu Kambilis Alltag, dass sie und ihr Bruder hart von ihrem Vater bestraft werden, wenn sie nicht Klassenbeste werden. Jajas Finger wird von ihm gebrochen, Kambili schlägt er krankenhausreif, ihre Mutter erleidet eine Fehlgeburt, weil ihr Mann sie zusammenschlägt.

Im Dezember reist die Familie nach Abba, in das Heimatdorf des Vaters, um dort Weihnachten zu verbringen. Die Kinder dürfen Papa-Nnukwe für fünfzehn Minuten besuchen, sein Sohn besucht ihn nicht. Aus der Familie kümmert sich nur die Tante der Kinder um den alten Mann. Tante Ifomea ist Dozentin an der Universität von Nsukka und die letzte Hoffnung für Kambili und Jaja. Sie lebt zwar mit ihren drei Kindern in einfachen Verhältnissen und hat wenig Geld, aber sie beschließt ihre Nichte und ihren Neffen, sowie ihren Vater, für einige Tage bei sich aufzunehmen. Für Kambili und Jaja endlich eine Chance, in einer normalen Familie zu leben. Gleichzeitig erinnern die steigenden Öl- und Lebensmittelpreise, sowie die Demonstrationen an der Universität von Ifomea aber daran, dass Nigeria in den 90er Jahren kein politisch stabiler Staat ist. Die politischen Extreme zeigen sich auch immer wieder im Alltagsleben der Figuren. Einerseits sind grundlegende Gegenstände nicht mehr zu bekommen, andererseits ist das Land so reich wie noch nie und wenige profitieren so sehr wie Kambilis Vater.

Kambili, die das erste Mal unbeschwert ihr Leben genießen kann, verliebt sich bei ihrer Tante sofort in den gutaussehenden jungen Priester Pater Amadi, der sich um die Kinder des Viertels kümmert und eine andere religiöse Auffassung als ihr Vater hat. Langsam beginnt sie das System ihres Vaters und seine Lebensweise zu hinterfragen und sieht sich genau wie Jaja mit neuen Möglichkeiten und eigenen Entscheidungen für eine bessere Zukunft konfrontiert. Jaja wird einen blauen Hibuskus pflanzen. Hier findet Kambili auch – im wahrsten Sinne des Wortes – endlich ihre eigene Stimme und traut sich ihre Meinung zu sagen. Als Tante Ifomea ein Visum für die USA bekommt, ist Kambili klar, dass ihr unbeschwertes Leben ein Ende hat. Pater Amadi wird ebenfalls das Land verlassen und nach Deutschland gehen. Ein überraschendes Ereignis und seine tragischen Folgen verändern das Leben von Kambili für immer.

Adichies Anfangssatz „Bei uns zu Hause begann alles in die Brüche zu gehen, als mein Bruder Jaja nicht bei der Kommunion war und mein Vater sein schweres Messbuch durch das Zimmer schleuderte und die Keramikfiguren auf der Etagere zerbrachen“, ist nicht nur ein Hinweis auf spätere Ereignisse. Im englischen Original wird die Referenz auf den Vater der modernen afrikanischen Literatur, Chinuas Achebe, und seinen Roman When things fall apart besonders deutlich.

Plötzlich schien mir, als sei Jajas Trotz wie Tante Ifeomas besondere Züchtung von Blauem Hibiskus: selten, mit dem leisen Duft von Freiheit, einer anderen Freiheit als der, die die Menschen nach dem Putsch auf dem Gouvernment Square gefordert hatten, singend, in den Händen Zweige mit grünen Blättern. Die Freiheit, zu sein, zu handeln. (S.27)

Adichie wird von vielen Literaturwissenschaftler*innen als Vertreterin der „Afropolitan Literature“ gesehen, ein Begriff, der 2005 von der britischen Schriftstellerin Taiye Selasi geprägt wurde. Die Autor*innen repräsentieren eine neue Generation von Schwarzen „Weltenbürger*innen“, die nicht nur in Ländern wie Ghana oder Nigeria beheimatet sind, sondern sich auch in England oder in den USA zu Hause fühlen und damit herkömmliche Zuordnungen zu Nationalliteraturen ad absurdum führen. Chimamanda Ngozi Adichie wuchs im Südosten Nigerias, in der Universitätsstadt Nsukka, auf. Mit 19 verließ sie Nigeria, um in den USA Kommunikations- und Politikwissenschaften zu studieren, nachdem sie kurzzeitig an der Universität von Nigeria ein Medizin- und Pharmaziestudium begonnen hatte. Es folgt Kurse im kreativen Schreiben an der Johns Hopkins Universität, sowie ein Masterabschluss in Afrikanistik an der Yale-Universität. Insbesondere Adichies Roman „Americanah“ (erschienen 2013 und leider bisher noch ungelesen auf meinem SuB), thematisiert Fragen von Identität und Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit. Bisher sind von ihr die Kurzgeschichtensammlung „Die Hälfte der Sonne“ (2006), „We should all be feminists“ (2012) und „Liebe Ijeawele! – Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden“ (2017) erschienen. Heute lebt sie in Lagos und den USA.

In Beyoncés Track ***Flawless wird ein Satz von Ngozi aus ihrem TedTalk zum Thema Feminismus gesampelt, der ihre Definition einer Feminist*in wiedergibt. Er lautet: “ Feminist*in: eine Person, die an die politische, soziale und wirtschaftliche Gleichheit der Geschlechter glaubt“ – eine Person, zu der Kambili im Laufe der Geschichte erst noch werden muss.

Chimamanda Ngozi Adichie – Blauer Hibiskus (Purple Hibiscus 2003). Aus dem Englischen von Judith Schwaab. Fischer Taschenbuchbibliothek 2015.

Habt ihr schon Romane von Chimamanda Ngozie Adichie gelesen?

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Walkaway

Können wir aus der Welt, die wir kennen, einfach aussteigen ? Der amerikanische Blogger, Journalist und Schriftsteller Cory Doctorow hat mit seinem Roman Walkaway eine spannende Dystopie geschrieben, in der es genau darum geht: die Aussteiger*innen gehen einfach weg. Sie suchen ihre Rettung im Default, einer neutralen Zone, dort gibt es eine Welt ohne Geld und Bewusstsein auf einem Computerchip.

„Das Bier war selbstleuchtend und biolumineszent. Hubert Etcetera fragte sich besorgt, was wohl in den transgenen Jesusmikroben stecken mochte, die fähig waren, Wasser in Bier zu verwandeln.“

Alles beginnt mit einer ausschweifenden Party, die ziemlich detailreich geschildert wird. Doch die Schattenseiten zeigen sich schnell: die Menschen werden überwacht. Jobs gibt es ohnehin nicht mehr, nur die Superreichen profitieren vom System. Seth, Hubert (der noch 18 andere Namen hat), und Natalie lernen sich auf der Party kennen. Als überraschend ein gemeinsamer Freund stirbt, bleibt ihnen nur noch die Flucht in die neutrale Zone, die gleichzeitig einen Bruch mit den bisherigen Lebensgewohnheiten bedeutet. Für die Superreichen (die sogenannten „Zottas“) sind die Menschen des Walkaway Terrorist*innen. Aber Seth, Hubert und Natalie werden gut aufgenommen. Sie lernen Limpopo kennen, eine erfahrene Walkaway, die ihnen die grundlegenden Regeln der Gemeinschaft erklärt.

Die Technik ist so weit fortgeschritten, dass man alles mit einem 3D-Drucker kostenlos herstellen kann. Kleidung, Ausrüstung und Gerätschaften. Die Walkaways sind aus kapitalistischen Zusammenhängen ausgestiegen. Es gibt kein Geld, es gibt kein Belohnungssystem, es gibt keine Anführer*innen. Manche Neuankömmlinge tun erst einmal gar nichts, aber auch das ist für die Gemeinschaft in Ordnung. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie mithelfen wollen. Ohne Zwang und ohne Verpflichtungen. Jede*r sucht sich in dieser utopischen Gesellschaftsform einen Job, der zu ihm/ihr passt, weil er/sie dadurch der Gemeinschaft hilft. Die globale Bewegung ist so anziehend, dass immer wieder neue Menschen dazustoßen. Wenn die Zottas die Aussteiger*innen angreifen und ihre Unterkünfte zerstören, gehen die Walkaways einfach weg. Sie können an anderen Orten ihr Leben wieder aufbauen.

Seth, Hubert Etcetera und Natalie nutzen ihre Chance, um sich bei den Walkaways neu zu erfinden. Sie geben sich neue Namen und versuchen sich an die neue Gemeinschaft zu gewöhnen. Das geht nicht ohne Reibereien und Konflikte. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass Doctorow unglaublich viel über Gruppenprozesse und die dahinter liegenden soziologischen Theorien weiß. Das hat mir gefallen, sorgt aber auch für einige Längen. Hinzu kommt, dass Doctorow viele Begriffe neu erfindet, die den Lesefluss zunächst etwas einschränken. Hat man aber den etwas holprigen Anfang geschafft, entwickelt sich der Roman zu einem Pageturner, in dem Doctorow viele unerwartete Ereignisse einbaut. Überraschend wird Natalie, die im Walkaway „Iceweasel“ heißt, von ihrem Vater, einem reichen Zotta, entführt. Er versucht seine Tochter umzuerziehen, damit sie sich die Ideale der Walkaways aus dem Kopf schlägt und genau wie ihre Herkunftsfamilie lebt. Aber damit ist Iceweasel nicht einverstanden und sie bekommt unerwartet Hilfe. Den Walkaways ist es durch intensive Forschung gelungen, neue Technologien auf bisher unbekannte Weise zu nutzen. Ihnen gelingt es, das Bewusstsein eines Walkaways in eine Cloud zu laden. Obwohl sein Körper bereits verstorben ist, wird sein Geist unsterblich. Diese Idee erinnerte mich schon stark an Hologrammatica. Waren in dieser Science-Fiction-Welt aber immerhin noch andere Körper als „Gefäße“ für das eigene Bewusstsein vorgesehen, die man nach Belieben tauschen kann, wird in Doctorows Version ganz auf die Körper verzichtet. Ein kleiner Preis für die Unsterblichkeit

Leider wirken einige Passagen des Romans, besonders am Anfang, doch sehr theoretisch, gerade wenn es um die Konstitution einer neuen Welt geht, hat Doctorow sich von vielen verschiedenen soziologischen Theoretiker*innen inspirieren lassen, deren unterschiedlichen Beschreibungen der Wirklichkeit sich nicht ganz nahtlos in die Welt des Romans einfügen. Nach diesem eher holprigen Anfang, wird die Geschichte aber spannend, sobald die drei Protagonist*innen im Walkaway sind. Besonders gefallen hat mir die Selbstverständlichkeit mit der vermeintliche Grenzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgelöst werden. Namen, Körper, Gender, Begehren, sind nicht statisch, sondern können von den Walkaways ganz neu interpretiert werden.

Walkaway ist eine sehr spannende und gut gemachte Dystopie, die viele gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt und in einen neuen Zusammenhang stellt. Lässt man sich von den ersten 200 Seiten nicht abschrecken, kann man mit diesem Roman sehr viel Spaß haben.

Cory Doctorow – Walkaway. Übersetzt von Jürgen Langowski. Heyne 2018.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

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