Pop & Politics – Moranifesto

I’ve lived through ten iOS upgrades on my Mac – and that’s just something I use to muck about on Twitter. Surely capitalism is due an upgrade or two?

In Moranifesto versammelt Caitlin Moran, Kolumnistin der Times, unterschiedliche Artikel, die sie bisher geschrieben hat und komplett neues Material. Moranifesto besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil beschreibt sie die britische Gesellschaft, im zweiten Teil drehen sich ihre Essays um Feminismus und im dritten Teil geht es auch um politische Fragestellungen, die dann in einem eigenen Manifest, einem Moranifest, enden. Und wenn ich das so beschreibe, stimmt das eigentlich gar nicht. Moran schreibt, wie in ihrem Bestseller How to build a girl, sehr persönliche und unglaublich witzige Begebenheiten aus ihrem Leben, die sie dann mit den vermeintlich großen Themen verknüpft. Sehr lässig und mit einer Menge „attitude“. Es geht um Bacon, High Heels, Lena Dunham, Blasenentzündung, Bowie und Moms, die eigentlich als Superhelden gefeiert werden müssen. Es geht aber auch um Gentrifizierung in London, Flüchtlinge, Starbucks und wie verkehrt die britischen Medien Menschen darstellen, die von Sozialhilfe leben und die ständige Frage danach, was der Kapitalismus heute eigentlich noch kann. Popkultur und Politics eben.Moran_Kopie

Moran schreibt sehr persönlich und berichtet auch immer wieder aus ihrer Kindheit. Zum Beispiel, wie sie die Jahre der Thatcher Regierung erlebt hat und wie es für sie war, mit acht Geschwistern und einem arbeitslosen Vater „on benefits“ zu leben. Einerseits. Andererseits betrachtet sie die Bedingungen unter denen sie aufgewachsen ist, als Folie für ihre politischen Auseinandersetzungen und die bestimmen viele ihrer Essays. Das ist lustig, denn sie selbst hätte sich früher nie als politisch denkender Mensch bezeichnet. Aber sie macht deutlich, wie selten es jemand wie sie, in das Berufsfeld der Kolumnistin schafft. Mit der Folge, dass die Perspektiven in Fernsehshows oder in Magazinen sehr einseitig sind. Denn die meisten Menschen, die in der londoner Medienlandschaft arbeiten, sind weiße Männer, die eine Ausbildung an Elitecolleges vorweisen können und die ihre Perspektive (ignorance is bliss) für die „normale“ Sicht der Dinge halten. Mittlerweile schreibt Moran seit mehreren Jahren für die Times, mit 16 begann sie als Musikjournalistin. In dieser Hinsicht ist sie ihrer Titelheldin aus All about a girl (die übrigens auch mit ihrer mehrköpfigen Familie von Sozialhilfe lebt) sehr ähnlich. Weil ein Großteil des Moranifests eben auch ein Aufguss schon bestehender Kolumnen ist, fehlen mir dann häufig die Anknüpfungspunkte, weil ich nicht alle Bezüge kenne und die wenigsten Fernsehshows, die erwähnt werden (von Sherlock & Girls mal abgesehen).

Nichtsdestotrotz macht das Moranifesto unglaublich viel Spaß, weil es mit sehr viel Leidenschaft und Witz geschrieben wurde und clevere Beobachtungen und entsprechende Schlussfolgerungen zieht. Harte Themen wie V*rg*w*ltigung, Genitalverstümmelung von Mädchen oder der Krieg in Syrien werden neben den vielen fluffigen Popreferenzen aber keineswegs ausgespart. Und natürlich geht es ihr dabei besonders um die Bewertung, Abwertung und Kategorisierung von Frauen.

Stichwort Empowerment. Denn sie schreibt auch für die Mädchen, die jetzt 13 Jahre alt sind und sich in einer ähnlichen Situation befinden, wie sie früher gewesen ist. Der Essay To Teenage Girls on The Edge ist super und hat mich wirklich beeindruckt.

And since we were teenage girls — since the moment we went, mortified, to buy that first bra, and left the safe, unisex world of childhood to become „a woman“ — we’ve been judged and commented on. Catcalls in the streets; relatives saying we’re too fat or too thin. Comments in yearbooks and on Facebook; hairdressers saying, „You have a mannish jaw.“ „Uncles“ at weddings, and bosses at parties, and friends of friends, rating you to your face — saying if they „would“ or „wouldn’t,“ scoring you out of ten, as if you’re a gadget for sale on Amazon, or livestock at a fair.

Mich hat Moran mit ihrem persönlichen Manifest sehr beeindruckt. Vor allen Dingen auch, weil sie an vielen Stellen darüber schreibt, dass sie eine begeisterte Leserin ist (ein Essay trägt den Titel: Reading is fierce!). Und weil mir ihre Gedanken so gefallen, hier noch mein Lieblingszitat:

„With a book, you are the landscape, the sets, the snow, the hero, the kiss — you are the mathematical calculation that plots the trajectory of the blazing, crashing zeppelin. You — pale, punchable reader — are terraforming whole worlds in your head, which will remain with you until the day you die“.

Kaitlin Moran hat bei mir einen Nerv getroffen und sicherlich auch mein Herz. Ich würde gerne mit ihr in einem Pub ein Bier trinken und wir würden keine Highheels tragen, weil darauf sowieso kein Mensch laufen kann und dann würden wir über Benedict Cumberbatches Kinn reden und ihr geniales Interview mit ihm, bei dem sie versehentlich am falschen Haus klingen wollte oder wir würden darüber sprechen, ob Drucker wirklich so böse sind, wie sie glaubt und über Bowie, definitiv über Bowie.

Caitlin Moran – Moranifesto. Ebury Publishing 2016.

Buch-Date V – Shakespeare, Smiths und Sommercamp

Das Buch-Date geht mittlerweile schon in die fünfte Runde! Wow! da musste ich natürlich wieder dabei sein. Es geht darum, dass sich Blogger*innen gegenseitig drei Bücher empfehlen, initiiert wurde der Spaß von wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende.  Aus den drei Empfehlungen wird ein Buch ausgesucht und am 22. Juli werden die Rezensionen gepostet. Meine letzten Empfehlungen findet ihr hier und hier. Eine Übersicht über alle Rezensionen findet ihr dann beim Zeilenende.

Ich darf floreca drei Romane empfehlen und das waren ihre Antworten auf die Fragen:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?
Aus Ermangelung an Alternativen (hallo Buchdate!) drei beliebige Thriller. Alle übrigens sehr spannend und zu empfehlen.
Sabine Thiesler – Der Kindersammler
Andreas Gruber – Todesmärchen
Eric Berg – Kalt

Dein Lieblings-Genre?
Jugendliteratur (insb. Coming of Age), gute Bücher über Menschen (=Roman), Fantasy (gern auch Dystopie, gern auch Jugend)

Deine drei liebsten Autor*innen?
Max Barry (eins), Matt Ruff (zwei), Tonke Dragt (zweieinhalb), Kai Meyer (drei)

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?
Chick Lit, reiner Liebeskrams, historische Romane

Okay, ich denke, wir können uns vielleicht auf gute Bücher einigen, denn Chick Lit ist auch nicht meins und historische Romane nur, wenn sie wirklich gut sind. ;) „Gute Bücher über Menschen“ klingt ja schon einmal vielversprechend und auch mit Dystopien und Coming-of-Age-Geschichten kann ich etwas anfangen.

Los geht’s!

DDas Licht der letzten Tageas Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

Ich habe den Roman in den letzten zwei Tagen gelesen und bin immer noch begeistert. Atmosphärisch dicht und erschreckend realistisch beschreibt St. John Mandel die Auswirkungen einer Grippepandemie, die es in sich hat. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, in der „Jetzt“-Zeit begegnen wir dem Schauspieler Arthur, der gerade als König Lear auf der Bühne steht und zwanzig Jahre später begleiten wir das Schauspielerensemble Die letzte Symphonie, das durch die verwaisten Städte fährt und für die Überlebenden der Katastrophe Shakespeare aufführt. Mich hat der Roman begeistert, weil er tatsächlich ein postapokalyptisches Szenario schildert, dass ich so noch nie gelesen habe und gleichzeitig nicht zu deprimierend gestaltet ist. Außerdem gefällt mir, dass die Autorin selbst die kleinsten anfänglichen Begebenheiten auflöst, so dass sie sich im Nachhinein zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Mir hat das sehr gefallen. Und stell dir vor: kein Liebeskrams.

The perks of Being a Wallflower  von Stephen Chbosky  Cover Das also ist mein Leben

Der Roman ist unter dem Titel Das also ist mein Leben auf Deutsch erschienen und ist unter dem Titel Vielleicht lieber morgen mit Emma Watson, Logan Lerman und Ezra Miller verfilmt worden. Es geht um Charlie, Charlie ist fünfzehn, hört gerne The Smiths und Nirvana (ja, genau—) und hat ziemlich viele Dinge über die er nachdenken muss. Das Übliche, also die Liebe und das nicht so Übliche, nämlich Scheiß aus seiner Kindheit. Ich liebe dieses Buch, ich liebe den Film, ich habe den Roman schon so oft empfohlen und ich glaube, es gibt niemanden, der nicht irgendetwas mit dem Text anfangen konnte. Wenn du gerne Coming-of-Age-Geschichten liest, ist das hier mein all-time-favourit, weil einfach so viele schöne Sätze in diesem Text zu finden sind, die mitten ins Herz gehen. Und es ist ein Briefroman, der sich über ein Jahr im Leben von Charlie erstreckt, in dem man alles über seine Situation, einiges aus seiner Kindheit und etwas über seine Zukunft erfährt. Schönes Ding.

Die InteressantenDie Interessanten von Meg Wolitzer

Der Roman ist ein unglaublicher Pageturner und ein wirklich gutes Buch über Menschen, das mit einer Coming-of-Age-Geschichte anfängt  ;). Eine ausführliche Rezension von mir zu diesem genialen Buch findest du hier.

 

 

 

Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Buch-Date. Ich bin mega gespannt darauf, für welchen Roman du dich wohl entscheiden wirst und freue mich schon darauf, deine Rezension zu lesen.

 

 

Mittelmeersplitter

Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean an Wille und Verstand. (Blaise Pascal)

Die erste große Liebe ist auch eine ziemlich große Sache. In Theresa Sperlings Jugendbuch wird eine Liebesgeschichte erzählt, die die Leser nicht nur ans Mittelmeer, sondern auch in die Tiefen der menschlichen Seele führt.  

MittelmeersplitterAnnika ist verliebt. Levian ist der jähzornige Außenseiter in ihrer Klasse. Trotz aller Warnsignale kann sie nicht anders, die beiden kommen sich näher. Doch häufig hat Annika keine Ahnung, was Levian gerade denkt oder fühlt. Levian ist sehr verschlossen und über seine Familie will er erst gar nicht sprechen. Annika nimmt die Herausforderung an. Sie will Levian verstehen, sie will seine Geheimnisse kennen, sie will ihm helfen und ihn retten, vielleicht vor sich selbst.

Mit einem Menschen sieben Stunden täglich in einem Raum zu sitzen, ohne jemals von ihm angesehen zu werden, ist ein komisches Gefühl. Und  derjenige, der es durchhält, tagelang niemanden anzusehen, ist ein ziemlich beängstigender Freak. Deshalb gab man Levian lieber auf und kehrte in den sicheren Schulalltag zurück. Soweit ich mich erinnern kann, war ich die Einzige, die nicht das Interesse an Levian verlor. Im Gegenteil. Alles an ihm zog mich an.

Mittelmeersplitter ist ein Jugendbuch, das sich sehr auf seine beiden Hauptfiguren fokussiert. Die anderen Figuren bleiben schmückendes Beiwerk, spielen aber für die Entwicklung der Handlung kaum eine Rolle. Erst in Italien, am Mittelmeer, gelingt es den beiden Figuren sich aufeinander einzulassen und erst nach und nach entfalten sich die dramatischen Hintergründe. Beide, Levian und Annika, haben ihr Päckchen zu tragen und sehr oft dreht sich die Handlung um den geheimnisvollen Partner Levian, den Annika zu entschlüsseln versucht.

Es ist der Autorin hochanzurechnen, dass die Figuren zum Glück nicht so stereotyp daher kommen und tatsächlich eine spannende Wendung auf die Leser*innen wartet, die damit auch die Erlebnisse und Behauptungen der Ich-Erzählerin in ein anderes Licht rücken. Stellt sich anfänglich noch die Frage, ob Leviathan nicht wirklich große Probleme hat und sich vor seiner Freundin versteckt, dreht sich bald das Blatt und Annika erscheint als unzuverlässige Erzählerin, der die subjektive Schilderung ihrer Erlebnisse vor die Füße zu fallen droht.

Doch wer das Meer wirklich liebt, muss einmal hinabgetaucht sein.

Ein insgesamt unterhaltender und spannender Jugendroman, der mich überzeugen konnte.

Theresa Sperling; Mittelmeersplitter. Lektora-Verlag 2016. 252 Seiten.

So tun, als ob es regnet

IMG_20170528_150653Es war einmal, und ist doch nie geschehen …“ mit dieser Formulierung des Uneigentlichen beginnen rumänische Märchen. In dem Roman So tun, als ob es regnet wird diese Uneigentlichkeit in einer poetischen und ruhigen Sprache erzählt. Es geht um vier unterschiedliche Lebenswege von Menschen in Sibiu, Siebenbürgen, die auf die eine oder andere Art und Weise  mit der deutschsprachigen Minderheit in der Region zu tun haben.  Die Formulierung „So tun, als ob es regnet“ ist die Übersetzung des rumänischen Sprichworts

a se face că plouă

das eine geistige Abwesenheit bezeichnet. Man ist nicht richtig da, sondern träumt sich an einen anderen Ort, befindet sich mental irgendwo anders.

Die Erzählungen berühren einander, gehören zusammen, werden über vier Generationen hinweg erzählt und bilden doch Einzelschicksale ab. Die Erzählungen beginnen topographisch in den Karpaten und enden auf La Gomera.

Der Roman beginnt mit Jakob, er ist Soldat im Ersten Weltkrieg und befindet sich irgendwo auf dem Weg Richtung Budapest.  Unterwegs macht er in einem kleinen Karpatendorf Halt und lebt bei einer Bauernfamilie, die ihn aufnimmt. Er hat eine intensive Begegnung mit einem deutschen Soldaten und er entscheidet sich, den Mann nicht zu töten. Vielleicht weil ihm ein Gedicht von Trakl einfällt, vielleicht weil der feindliche Soldat auch Goethe liest. Mit der Frau des Hauses verbringt er eine Nacht, bevor er weiterziehen muss. Die Frau wird schwanger und bekommt eine Tochter, Henriette. Sie wird ihren Vater nie kennen lernen. Aber sie hat Glück, anders als ihre Schwestern wird sie nicht nach Russland deportiert, sondern es gelingt ihr, auch den Zweiten Weltkrieg zu überstehen. Henriettes Sohn Vicco lebt in Sibiu, hat wenig Kontakt zu seiner Mutter, die sich immer wieder in Deutschland aufhält und hadert mit der Gesamtsituation und der Überwachung durch den Geheimdienst. Ein befreundeter Schriftsteller sitzt im Securitate-Gefängnis, es bleibt fraglich, ob sein Manuskript noch zu retten ist.  Henriette wird ihren Sohn Vicco durch ihr  Verhalten überraschen. Hedda ist die Tochter von Vicco. Sie erinnert sich an die Urlaube bei ihrer Großmutter Henriette. Hedda ist die einzige, die von ihrer Großmutter etwas geerbt hat – ein Tagebuch, mit den Aufzeichnungen und Kriegserlebnissen der Großmutter. Hedda weiß, wie es ihrer Oma gelang zu überleben. Zu ihrem Vater Vicco, der in Deutschland lebt, hat sie auch nur wenig Kontakt. Sie gerät in eine Situation, in der sie sich verantwortlich fühlt, obwohl sie höchstwahrscheinlich gar nichts an der Ausgangslage hätte ändern können.

Jedes Ziel, jeder Wunsch diente dazu, irgendwo anzukommen, und wenn man nicht aufpasste, versäumte man den Moment, in dem man mit allen Sinnen spürte, wer man war. (S.162)

Der Roman entfaltet relativ schnell eine charakterliche Tiefe der Figuren, die vom Schicksal gebeutelt sind und in schwierige Entscheidungssituationen geraten. Andererseits bleibt aber auch fraglich, ob irgendeine der vier Hauptfiguren oder Nebenfiguren wirklich anders hätte handeln können.

Der Roman rauscht ein bisschen, wenn man ihn liest. Man bekommt das Gefühl, man sitzt an einem Regentag am Fenster und lässt alles um sich herum passieren, weil man ohnehin gerade nichts an der Wetterlage ändern kann. Das ist ganz schön, ein bisschen melancholisch, sehr leise und trotzdem tiefgründig. Auch wenn mir ein wenig die Dynamik gefehlt hat.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Leseschatz.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. 

Otto Müller Verlag 2017

 

 

 

 

 

Himbeeren mit Sahne im Ritz

Lust auf Nachtisch? Auf kleine, kurze Erzählungen mit Witz und Ironie? Hatte ich auch. Himbeeren mit Sahne im Ritz, ein Kurzgeschichtenband von Zelda Fitzgerald, klang erst einmal ziemlich gut.

Himbeeren mit Sahne im Ritz bearbeitetFitzgerald? Ui, muss ich lesen. Und nein, nicht ihn. Sie! Zelda. Das It-Girl der Zwanziger Jahre war nicht nur Balletttänzerin und Malerin, sie konnte auch schreiben und soll auch bei vielen Texten ihres Mannes – vorsichtig  formuliert – „involviert“ gewesen sein. Und zwar nicht nur als Muse, sondern als kreativer Kopf. Tatsächlich hat Scott einfach Teile ihrer Tagebücher zu „Inspirationszwecken“ genutzt. Vermarktet wurden die Geschichten dann unter seinem Namen, das kam besser beim Publikum an.

Nachdem Zelda nicht mehr als Koautorin genannt wurde, brachte zum Beispiel die Veröffentlichung von Das Mädchen und der Millionär nicht mehr schlappe 500, sondern sage und schreibe 4000 Dollar ein. Man kann sich vorstellen, wie deprimierend diese Erfahrung für Zelda gewesen sein muss. Ihr erstes Buch, Save Me the Waltz, konzipiert als Enthüllungsroman, wurde von ihrem Ehemann um über 100 Seiten gekürzt. Details aus dem Privatleben des Paares wurden von Scott gestrichen, zu dem Zeitpunkt hatte Zelda schon angedroht, ihren Ehemann zu verlassen und auch finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.  Scott notierte 1933 in sein Notizbuch:

„Angriff auf allen Ebenen: Theaterstück (unterdrücken), Roman (verzögern), Bilder (unterdrücken), Charakter (angreifen), Kind (entfremden), Tagesablauf (durcheinanderbringen, um Schwierigkeiten zu machen). Kein Maschinenschreiben. Wahrscheinliches Resultat: neuer Nervenzusammenbruch.“

Scott Donaldson: Fool for Love. F. Scott Fitzgerald, New York 1983, S. 86

Zelda war immer wieder in unterschiedlichen Psychiatrien, auch wenn die Ärzte es ablehnten, ihrem Mann einen Freifahrtschein auszustellen, der es ihm erlaubt hätte, sie jederzeit einweisen zu lassen. Scott konnte sich nicht durchringen, in die Scheidung einzuwilligen. 1940 konnte Zelda aus der Klinik entlassen werden, weil ihr behandelnder Arzt eine Patientin vergewaltigt hatte.  Ihr Mann war zu dem Zeitpunkt schon verstorben. Zelda selbst starb 1948 bei einem Brand in einer anderen Nervenklinik.

„Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte.“

(aus der Erzählung Unsere Leinwandkönigin)

In dem Kurzgeschichtenband, übersetzt von Eva Bonné, findet sich unter den elf Kurzgeschichten auch eine bisher unveröffentlichte Erzählung. Alle Erzählungen drehen sich um selbstbewusste Frauen, die ihr Glück und ihre Selbstverwirklichung in der Kunst suchen. Showgirls, angehende Schauspielerinnen und Tänzerinnen – sie alle suchen keinen Mann für’s Leben, sondern verbreiten den Glamour von Champagner, Perlen und großen Träumen. Es geht um Selbstinszenierung und rauschende Partys, aber es finden sich auch viele assoziative Passagen oder Aphorismen.

„Für viele Menschen ist die Liebe so trügerisch wie die Marmelade in „Alice im Wunderland“ – gestern Marmelade, morgen Marmelade, nur heute gibt es keine.“

(aus der Erzählung Miss Ella)

Zelda Fitzgerald hat einen Blick für kleine Details und atmosphärische Beschreibungen, auch wenn ihre Charaktere oft wie Figuren auf einer Bühne wirken. Relativ eindimensional und ohne ausgeprägte hervorstechende Eigenschaften. Abgesehen von ihrem Dasein als Flappergirls im Jazz Age (was auch immer das heißen mag) und ihren großen Träumen, haben sie wenig gemeinsam – und doch sind ihre Geschichten ähnlich.

Sie war sehr kaleidoskopisch. Manchmal saß sie nur da, trank Unmengen und verfiel gegen Ende des Abends in einen britischen Akzent; bei anderen Gelegenheiten rührte sie keinen Alkohol an, aß einen Teller Spargel mit Sauce hollandaise nach dem anderen und schwor, ins Kloster zu gehen.

(aus der Erzählung Die erste Revuetänzerin)

Und das wurde mit der Zeit leider recht langweilig. Die Geschichten ähneln sich, die Probleme ähneln sich – da kann auch die feine Ironie der Erzählerstimme nicht mehr helfen. Der charmante Plauderton, in dem die Erzählungen gehalten sind und der mich zunächst für den Band eingenommen hat, reicht einfach nicht aus um die Belanglosigkeit der Erzählungen zu tragen. Die Geschichten verschwimmen ineinander und irgendwann spielt es keine Rolle mehr, ob Daisy oder Gracie oder Gay gerade Champagner mit ihren Freunden trinken oder von ihrem Durchbruch als Leinwandsternchen träumen. Sie sind  sich ja doch alle zu ähnlich, als dass ich im Nachhinein noch wüsste, wer wie an seinem Dasein vor sich hin leidet und auf den großen Moment wartet. Die Kurzgeschichten sind nett, wenn man nicht alle auf einmal lesen möchte. Aber anders als bei Alice Monroe oder Julie Orringer fehlt das gewisse Etwas, dass die Geschichten zu einem besonderen Leseerlebnis machen. Schade. Ich gehe jetzt Himbeeren essen. Ohne Sahne. Auf dem Balkon.

Zelda Fitzgerald – Himbeeren mit Sahne im Ritz. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eva Bonné. Manesse Verlag 2016.

Ich habe den Kurzgeschichtenband als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank an den Verlag.

 

Gefunden – Brücken bauen

„Nun, so wie ich mir denke, sind wir alle mehr oder weniger gleich, die Frage ist nur, wie man uns zusammenbringen kann. Einmal, im Orient, hörte ich die Geschichte von zwei Architekten, die sich gemeinsam auf die Reise zu Buddha machten. Ihnen war bei ihren Projekten das Geld ausgegangen und sie hofften, dass Buddha etwas für sie tun könnte. ‚Nun, ich werde sehen, was sich machen lässt‘, sagte Buddha und machte sich auf, ihre Werke zu begutachten. Der erste Architekt baute eine Brücke, und Buddha war sehr beeindruckt. ‚Das ist eine sehr gute Brücke‘, sagte er und begann zu beten. Plötzlich erschien ein großer weißer Stier, der auf seinem Rücken genügend Gold trug, um die Brücke zu vollenden. ‚Nimm es‘, sagte Buddha, ‚und baue noch mehr Brücken.‘ Und so ging der erste Architekt sehr glücklich von dannen. Der zweite Architekt baute eine Mauer und als Buddha sie sah, war er genauso beeindruckt wie von der Brücke. ‚Das ist eine sehr gute Mauer‘, sagte er feierlich und begann erneut zur beten. Plötzlich erschien der heilige Stier, trabte zu dem zweiten Architekten und setzte sich auf ihn.“

Harold bracht in so schallendes Gelächter aus, dass er fast vom Baum gefallen wäre. „Ohhh, Maude!“, rief er. „Das hast du dir ausgedacht.“

„Nun“, sagte Maude, die ebenfalls lachte, „es ist die Wahrheit. Die Welt braucht keine Mauern. Wir müssen viel mehr Brücken bauen!“

 

Colin Higgins – Harold und Maude (1971). Übersetzt von Marcel Keller. Penhaligon 2007

 

Buch-Date III

mein-kleiner-orangenbaumIch habe beim Buch-Date mitgemacht und Romane empfohlen und drei spannende Empfehlungen von Tausend bekommen. Und dann habe ich mich für den kleinen Orangenbaum entschieden, denn die anderen Empfehlungen trafen meinen Buchgeschmack leider so gut, dass ich sie schon kannte. :)

Ich sollte einfach öfter mal Literatur aus Südamerika lesen. Irgendwie habe ich da einen blinden Fleck. Überhaupt ist meine Lektüreauswahl sehr englisch/deutschsprachig. Das sollte ich dringend mal ändern. Dank der Empfehlung von Tausend, habe ich jetzt auch mal ein wenig meinen literarischen Horizont erweitert.

In dem Roman Mein kleiner Orangenbaum geht es um den kleinen Sesé und ein Jahr in seinem Leben, in dem sich viele für ihn elementare Veränderungen abspielen, die von seiner Umgebung noch nicht einmal bemerkt werden. Sesé lebt mit seiner Familie in Bangu. Die Familie hat nicht viel Geld und weil der Vater seinen Job verliert, muss die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen. Als Belohnung dürfen sich die Kinder je einen Baum im Garten aussuchen, aber Sesé ist zu langsam und ihm bleibt nur ein mickriger Orangenbaumwinzling. Eine ziemlich Enttäuschung für den intelligenten Jungen, der sich mit gerade einmal fünf Jahren schon selbst das Lesen beigebracht hat.

In Sesés Familie gehört Gewalt zum Alltag und das ist nicht einfach zu  lesen. Sesé allerdings, geht kreativ mit seiner Situation um und legt einen unerschütterlichen Optimismus an den Tag. Ich habe mich oft gefragt, woher der Junge in seiner Situation seinen Lebensmut nimmt. Aber Sesé hat viel Fantasie und auch ein Talent dafür, Streiche auszuhecken. Weil er bezüglich seines Alters ein wenig flunkert, darf er auch schon zur Schule gehen. Dort ist er zwar der kleinste, aber auch der intelligenteste Schüler. Langweilig wird ihm selten. Ein öder Garten wird für ihn im Handumdrehen zum Zoo und seinem kleinen Bruder erzählt er jede Geschichte, die ihm gerade in den Sinn kommt. Für die Familie bleibt Sesé aber das „Teufelskind“ und er hat einen unglaublich schweren Stand. Ein Lichtblick bleibt die Schule und seine Lehrerin.

Wenn man ihr auch immer wieder erzählte, ich sei der übelste Bengel aus meiner Straße – sie glaubte es nicht. Sie glaubte auch nicht, dass keiner so viele Schimpfwörter wisse wie ich. Dass kein Straßenjunge es mit mir aufnehmen könne, sie glaubte es einfach nicht. In der Schule war ich ein Engel. (S.115)

Vom Teufelskind zum Engel – und das oft an einem einzigen Tag. Kein Wunder, dass es Sesé nicht besonders gut geht. Aber als er den „besten Menschen von der Welt“ kennen lernt und außerdem noch Freundschaft mit seinem winzigen Orangenbaum schließt, der sogar mit ihm spricht, scheint sich sein Leben um 180 Grad zu drehen.

Der brasilianische Schriftsteller José Mauro de Vasconcelos schrieb den autobiografisch inspirierten Roman innerhalb weniger Tage. Leider kann ich kein Portugiesisch und konnte das Buch auch nicht auf Englisch finden (bzw. nur zu sehr überhöhten Preisen), deswegen musste die deutsche Übersetzung herhalten. Ich hatte vorher keine genaue Vorstellung von diesem Roman und ich möchte auch nicht den Fehler machen, euch zu viel zu verraten.

Mein kleiner Orangenbaum ist ein toller Roman, poetisch erzählt und gleichzeitig auch sehr traurig. Während ich in einem Kapitel vor Lachen unter dem Tisch liege, weil Sesé eine herzerfrischende Naivität an den Tag legt, muss ich drei Seiten weiter erst einmal schlucken, weil die Situation für Sesé so unfassbar ungerecht ist.  Der kleine Orangenbaum wird Sesés Vertrauter und sein Freund – während es der Familie kaum gelingen mag, Sesés Talent zu erkennen. Stattdessen wird der Junge sehr viel alleine gelassen und muss viele Dinge mit sich selbst ausmachen. Stilistisch ist eine eher minimalistische Schreibweise angesagt, die zu Sesés Art passt, die Welt zu erklären. Wenig Schnörkel, dafür eine Direktheit, die manchmal weh tut. Das Ende, so viel kann ich verraten, geht richtig ans Herz. Mit 199 Seiten ist der Roman nicht sehr lang, aber er gehört zu diesen wirklich seltenen Büchern, von denen ich mir nicht vorstellen kann, sie jemals zu vergessen.

José Mauro de Vasconcelos – Mein kleiner Orangenbaum. Aus dem Portugiesischen von Marianne Jolowicz. Urachhaus 2009.

Einen Sammelbeitrag über alle anderen Bücherdates findet ihr hier.