Was dir bleibt

CN: Suizid

Eine Frau besteigt einen Zug und kommt nicht mehr zurück. Im kanadischen Originaltitel À Train perdu schwingt mehr vom Inhalt mit, auch wenn sich viele Fragen stellen. „Im Zug verloren“ klingt merkwürdig genug, hier geht es um Gladys, die mit Mitte 70 einen Zug besteigt. Weder ihr Umfeld noch die Leser*innen verstehen, warum sie einfach „verloren geht“.

Gladys lebt in einem kleinen Dorf in den Wäldern an der Grenze zu Québec. Lisana ist ihre Tochter, sie ist psychisch krank und ist auf die Unterstützung ihrer Mutter angewiesen. Seit einem Suizidversuch in jungen Jahren, hat sie nicht mehr alleine gelebt. Lisanas Vater arbeitete im Bergbau und verstarb früh, sodass Gladys sich alleine um ihre Tochter kümmern musste.

Scheinbar ohne äußere Veranlassung setzt sich Gladys eines Tages in den Zug und verschwindet. Sie nimmt den Northlander, einen der seltenen Züge, die durch die Wälder fahren. Ihre Tochter Lisana wird von den Nachbar*innen gefunden und kann nicht erklären, was mit ihrer Mutter los ist und wohin sie unterwegs ist. Gladys‘ Freund*innen und Bekannten fangen an, sich große Sorgen zu machen.

Interessant, aber auch etwas distanziert, wirkt die Erzählerstimme in dieser Geschichte. Erst nach und nach klärt sich, wer dieser Erzähler eigentlich ist und in welcher Beziehung er zu den Protagonist*innen steht. Er sucht viele Jahre später mögliche Zeug*innen auf, spricht mit Freund*innen von Gladys, den Zugbegleiter*innen und den Nachbar*innen. So bringt diese Erzählweise mit sich, dass Gladys nie zu Wort kommt. Relativ früh wird den Leser*innen klar, dass Gladys schwer krank ist.

Erzählerisch wird also ein ziemlich dickes Brett gebohrt, es fehlt die Unmittelbarkeit, vielleicht auch das Warum, zumindest eine gewisse Zeit. Ich hätte mir eine andere Auflösung der Zusammenhänge zwischen Gladys und dem Erzähler gewünscht und war ein wenig enttäuscht.

Trotzdem gelingt es Saucier eine Atmosphäre zu schaffen, die begeistert. Ein wenig erinnert der Stil der Erzählung auch an eine lange Zugfahrt, bei der man allerdings nicht genau weiß, wo die Endstation liegen soll. Dass die Endstation dann eben keinen offenen Kiosk hat, fasst mein Problem mit der Romanhandlung metaphorisch ganz gut zusammen. Trotzdem ist die Aussicht schön und die Fahrt war auch sehr gemütlich.

Saucier hat mit Was dir bleibt ein ziemlich vortreffliches Herbstbuch geschrieben. Vielleicht liegt es an den kanadischen Wäldern, die zu dieser Stimmung beitragen, vielleicht an der Ruhe, die diese Erzählung ausstrahlt. Interessant und für mich vollkommen neu, waren die Passagen über die sogenannten „School Trains“. Das waren fahrende Klassenzimmer in umgebauten Eisenbahnwaggons, die in abgeschiedene Ecken im Norden Kanadas für einige Tage Halt machten, damit die Kinder der Umgebung wenigstens für ein paar Tage im Monat ein wenig Schulbildung erhalten konnten. Kinder von Waldarbeiter*innen, Siedler*innen und Natives wurden so in den Jahren 1926 bis 1967 in Kanada beschult. Gladys hat eine besondere Beziehung zu diesen Zügen, denn ihr Vater war Lehrer und sie ist in einem School Train auf die Welt gekommen.

Was dir bleibt ist kein Roman, der durch eine spannende Handlung besticht, vielmehr geht es um die Beziehungen der Protagonist*innen untereinander, die für mich eine interessante Dynamik entfalten konnten. Das sehr versöhnliche, wenn auch etwas traurige Ende der Geschichte, tröstete mich auch über einige Längen in der Erzählung hinweg und hat noch Tage später einen leisen Nachhall erzeugt, das hat mir sehr gefallen.

Kennt ihr andere Romane von Saucier? Welche Romane von ihr haben euch besonders gut gefallen?

Ich habe den Roman im Rahmen einer Lovelybooks-Leserunde gewonnen. Vielen Dank!

Die Geschichtensammlerin

2007 war ich das erste Mal in Rumänien. Ich habe meine Brieffreundin besucht, der ich seit 1997 Briefe geschrieben habe. Für sie war das schön, denn sie konnte Deutsch üben, für mich war das schön, denn ich hatte eine Brieffreundin und alle drei Wochen trudelte ein Brief aus einem Land ein, von dem icj keine richtige Vorstellung hatte. Meine Brieffreundin Cristina wohnte in Sibiu, 2007 passenderweise gerade Kulturhauptstadt Europas. Der Hinflug war abenteuerlich, das Flugzeug schien winzig, gerade einmal fünfzig Personen hatten Platz. Am Flughafen in Sibiu standen Sofas im Wartebereich für die Passagiere herum, die ich als Einrichtungsgegenstand nur von Personen im Alter meiner Oma kannte und nie an einem öffentlich Ort gesehen hatte und Cristinas Familie zeigte mir als erste große Attraktion ein neu eröffnetes Kaufhaus, das mir gar nicht so besonders erschien, weil es eben so aussah wie Zuhause. Wahrscheinlich war es deswegen so besonders.

Wenn wir abends unterwegs waren, gab es an jeder Ecke Tanztheater, Musik und Lesungen und ich habe wahrscheinlich die leckerste Zitronenlimonade der Welt getrunken. Sibiu war wunderschön! Cristina nahm mich mit und zeigte mir die Stadt und das Brukental- Museum. Als wir über den Marktplatz liefen, saß Peter Maffay an einem Tisch und genoss die Aussicht. Wir mussten drei Mal an ihm vorbei laufen und selbst beim vierten Mal traute ich mich nicht, ihn anzusprechen. Im Nachhinein betrachtet, glaube ich nicht, dass es den Erfinder von Tabaluga gestört hätte, wenn ich ihn nach einem Autogramm gefragt hätte. Andererseits, wer weiß. Ich verstehe kein Rumänisch, aber in Sibiu sprachen viele Rumän*innen Deutsch. Im Bus wurde ich einmal von einem Mann angesprochen, Cristina versuchte ihn abzuwimmeln, aber das war gar nicht so einfach. Er fragte mich, ob ich einen Job für ihn in Deutschland hätte. Ich war etwas überfordert von der Situation und Cristina war das alles sichtlich peinlich. Insgesamt hatte ich eine wunderschöne Zeit in Sibiu, Cristina hat später in Trier studiert und irgendwann haben wir den Kontakt verloren.

Ich habe bisher bewusst wenige rumänischen Autor*innen gelesen, Herta Müller und Iris Wolff sind die große Ausnahme. Jessica Kasper Kramer ist eine us-amerikanische Autor*in, die in ihrem Romandebüt Die Geschichtensammlerin eine Geschichte aus Rumänien erzählt und dafür auch mit drei rumänischen Freund*innen gesprochen hat. In der Debatte um Own Voices in der Literatur, ist das sicherlich nicht die einfachste Ausgangslage.

Own Voices bezog sich anfänglich auf die Debatte um Perspektiven von marginalisierten Gruppen, die sich besonders im Jugendbuchbereich formierte. Wenn eine Geschichte aus der Perspektive einer Schwarzen Person oder PoC geschrieben ist und Diskriminierungserfahrungen, die den Bereich race betreffen, thematisiert werden, ist die Forderung der Own Voices Bewegung, dass, sofern die Autor*innen nicht zu jener Gruppe gehören, zumindest Sensitivity Reader über die Geschichte lesen und auf bestimmte Stolperfallen in der Erzählung hinweisen. Denn, so die Annahme, gehöre man nicht zu der marginalisierten Gruppe, könne man bestimmte Erfahrungen eben nicht treffend abbilden oder trage eher noch zur Folklorebildung bei, während Autor*innen aus marginalisierten Gruppen, die eben genau diese Erfahrungen authentisch abbilden könnten, so wie in anderen Bereichen auch, strukturell diskriminiert werden und so bestimmte Erfahrungen eben nicht oder nur zum Teil in der literarischen Welt abgebildet werden. Ausgangspunkt der Debatte auf Twitter war die Frage nach sexueller Orientierung und Behinderung, mittlerweile erstreckt sich die Frage nach Own Voices auch auf weitere Bereiche, die Diversität markieren, die Erfahrungen von Minderheiten sollen so geschützt werden.

„We recognize all diverse experiences, including (but not limited to) LGBTQIA, Natives, people of color, gender diversity, people with disabilities, and ethnic, cultural, and religious minorities.“ WNDB

Jessica Kasper Kramer erzählt in ihrem Roman eine Geschichte aus der Perspektive eines rumänischen Kindes. Ileana sammelt Geschichten. Manche sind Märchen, andere handeln von der Vergangenheit und manche erzählen die Wahrheit. Ihr Vater ist Professor für Literatur, ihr Onkel ist Schriftsteller. Eines Tages muss sie die Stadt verlassen und zu ihren Großeltern, zurück in das Dorf, das ihre Mutter vor langer Zeit verlassen hat. Als ihr Onkel Andrei vom Geheimdienst entführt wird und von einem auf den anderen Tag verschwindet, ist die ganze Familie in Gefahr. Ileanas Geschichtensammlung wird von ihrem Vater vernichtet, doch die Securitate folgt ihr bis in die Wälder der Karpaten.

Jessica Kasper Kramer knüpft mit ihrem Debüt an die Tradition der Bücherdiebin oder der Erzählmuster aus Der Junge im gestreiften Pyjama an. Historische Begebenheiten werden aus der naiven Sicht eines Kindes erzählt, hier ist die Hauptfigur ein Mädchen, das gerade dabei ist, erwachsen zu werden. Die Kapitel wechseln dabei zwischen der Realität also der Erzählung um Ileana, ihr Leben auf dem Dorf, den Versuchen der Großeltern, ihr Wissen geheim zu halten und den Bedrohungen durch die Securitate auf der einen Seite und einer fiktiven Ebene, nämlich der Geschichten, die Ileana aufschreibt, auf der anderen Seite. Ilena schreibt an einem Märchen, das von der mutigen Prinzessin Ileana handelt, die gegen das Böse kämpft und vermutlich Bezug auf rumänische Märchen und Sagen nimmt. Leider wird dadurch auch immer wieder der Spannungsbogen unterbrochen.

Ich hatte tatsächlich ein Problem, diese naive Märchensicht mit der Realität, die Ileana erlebt, zusammen zu bringen. Gleichzeitig, und da schließt sich der Kreis zur Debatte um Own Voices-Literatur, war mir die rumänische Perspektive zu einseitig oder eben zu folkloristisch geschildert. In der Stadt ist alles grau, alle Menschen haben Angst vor der Securitate, außer einiger mutiger Student*innen von Ileanas Vater, am Ende hält das Dorf zusammen und die alte Frau, die alle unheimlich finden, ist vielleicht eine Hexe oder eben auch nicht. Als Kinder- oder Jugendbuch gelesen, finde ich den Umgang mit der Diktatur in diesem Text, die dem mutigen Mädchen durch die Sammlung ihrer Geschichten dann doch gelingt, zielgruppenbedingt schwarz-weiß und viel zu vereinfacht. Die Männer der Securitate sind klar zu erkennen und kommen als Fremde ins Dorf. Das vereinfacht die Erzählung, natürlich. Am Ende rettet die Geschichtensammlerin durch eine Geschichte ihren Vater vor den Soldaten, im ganzen Land ist Aufbruchsstimmung. Ende gut, fast alles gut. Die Märchenerzählung breitet sich auch auf Ileanas Leben aus, die Kraft der Geschichten hilft allen.

Als die Securitate am 30. Dezember 1989 aufgelöst wurde, hatte sie schätzungsweise 40.000 offizielle und 400.000 inoffizielle Mitarbeiter. Der rumänische Geheimdienst galt als besonders brutal. Er brachte in den 1950er und 1960er-Jahren bis zu 100.000 Regimekritiker hinter Gitter, viele überlebten den Gefängnisaufenthalt nicht.

1999 verabschiedete Rumänien als eines der letzten osteuropäischen Länder ein Gesetz zur Aufarbeitung seiner Geheimdienstakten. Weitere sechs Jahre vergingen, bis die Aufarbeitungsbehörde CNSAS schließlich die Akten erhielt. Sie waren bis Ende 2005 vom Inlandsgeheimdienst (SRI) verwaltet worden – dem Nachfolger der Securitate. Der hatte damit ausreichend Zeit, die Akten zu zerstören oder komplett neu zu ordnen. Bis heute sind etliche Dokumente noch als Staatsgeheimnis deklariert und damit weiter unter Verschluss. Bis 2015 war nur ein Bruchteil der ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter enttarnt worden, viele arbeiteten auch nach dem Systemwechsel in hohen Posten der Regierung oder konnten sich und ihren Kindern durch guten Gehälter einen hohen Lebensstandard leisten und ihren Elitenstatus Übergangslösung beibehalten. (Quelle: MDR )

Ich war nicht hundertprozentig zufrieden mit dieser Geschichte, ohne genau sagen zu können, warum mich die Geschichte nicht ganz erreichen konnte. Deswegen frage ich mich, ob es wirklich an der Perspektive im Hinblick auf Own Voices geht oder vielleicht doch der naive Blick der Protagonist*in für mich nicht ganz aufgegangen ist.

Habt ihr den Roman schon gelesen?

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

Jessica Kasper Kramer – Die Geschichtensammlerin. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay (The Story That Cannot Be Told 2019). Wunderraum 2020.

Weitere Rezensionen:

Kidslitreview (englisch)

Normale Menschen

Wer gerne Geschichten über Beziehungen und Probleme der Millenials liest, kommt um die irische Autorin Sally Rooney im Moment gar nicht herum. Vor einiger Zeit habe ich Gespräche mit Freunden gelesen und war ziemlich begeistert. Rooneys zweiter Roman Normal People stand auf der Longlist für den Man Booker Prize 2018, wurde 2019 mit dem British Book Award ausgezeichnet und wurde ein absoluter Erfolg in den USA. In diesem Jahr ist der Roman auch auf Deutsch erschienen und ich habe ihn innerhalb weniger Tage gelesen. Es geht um die große Liebe und das Durcheinander, das bestimmte Entscheidungen in Beziehungen auslösen. Rooney sorgt dafür, dass die Leser*innen ganz nah an den Figuren bleiben, ohne sie in ihrer Unbeholfenheit oder in ihrem Gefühlschaos der Lächerlichkeit preiszugeben.

Normal People erzählt die Beziehungsgeschichte von Marianne und Connell. Beide wachsen in der nordwestirischen Provinz Sligo auf und beginnen eine verkorkste und doch schmerzhaft ehrliche Beziehung. Das Thema class lässt sich aus ihrer Beziehung nicht wegdenken. Connells Mutter ist alleinerziehend und putzt für Mariannes Familie, zwangsläufig begegnen sich Connell und Marianne, sie werden Freunde und immer wichtiger füreinander, dann verlieben sie sich. Aber das Problem der Beziehung auf Augenhöhe besteht nicht nur aufgrund des unterschiedlichen ökonomischen Backgrounds. In der Schule ist Connell der Star, er ist beliebt und ein erfolgreicher Rugbyspieler und gehört zu einer angesagten Clique. Dass er viel zu intelligent für seine Kumpels ist, fällt kaum auf. Marianne hingegen bewegt sich in einer anderen sozialen Sphäre, sie ist das komische Mädchen ohne Freunde. Die Zukunft ist Gold, zumindest für Connell, dem alle bescheinigen, dass er es doch auf jeden Fall an die besten Unis des Landes schaffen wird. Dann kommt Marianne dazwischen. Connell versucht die Beziehung in der Schule geheim zu halten, da er um sein Ansehen fürchtet. Natürlich nimmt er lieber ein beliebteres Mädchen mit zum Abschlussball. Diese Szenen könnten aus Erwachsenenperspektive merkwürdig wirken, dass Rooney es gelingt, die seelische Tragik für die Protagonist*innen in diesen vermeintlichen banalen Situationen auszuloten, ist die große, wenn nicht die größte Stärke der Erzählung. Als die beiden sich auch vor ihren Freunden endlich als Pärchen zu erkennen geben, bleibt es schwierig. Mariannes familiäre Situation ist von emotionaler und physischer Gewalt geprägt, die Beziehung ein stetes Auf und Ab. Am Trinity College (hier hat Rooney selbst studiert und auch in Gespräche mit Freunden taucht das College als wichtiger Erlebnisraum auf), treffen sich Connell und Marianne wieder und die Situation hat sich komplett gedreht. Connell ist überfordert mit den Unistrukturen, er hat es in ein Schreibprogramm geschafft (vom Sport ist keine Rede mehr), aber ist psychisch angeschlagen, denn ihm gelingt das Schreiben nicht mehr.

Er weiß, dass viele von den Literaturleuten am College Bücher vor allem als Möglichkeit sehen, um kultiviert zu erscheinen. Als jemand an jenem Abend im Stag’s Head die Anti-Austeritätspolitik erwähnte, riss Sadie die Hände hoch und sagte: Keine Politik, bitte! Connells anfängliche Einschätzung der Lesung wurde nicht widerlegt. Es war Kultur als Ausdruck der Gesellschaftsschicht, Literatur als Fetisch dank ihrer Fähigkeit, gebildete Leute auf falsche Gefühlsreisen zu schicken, so dass sie sich hinterher den ungebildeten Menschen, über deren Gefühlsreisen sie so gerne lesen, überlegen fühlen konnten.

Normal People, S. 264.

Wieder drängt sich das Thema class, das in der Erzählung unterschwellig immer präsent ist, als bestimmender Faktor in das Leben der Protagonist*innen. Connell fühlt sich nicht zugehörig, seine eigene Herkunft steht ihm im Weg und er muss erkennen, dass ein Studium noch lange kein Garant für finanzielle Sicherheit ist. Marianne hingegen scheint sich nach dem Bruch mit der Familie erholt zu haben.

Die Geschichte von Connell und Marianne ist keine Wohlfühl-Lovestory, ganz im Gegenteil. Normal People thematisiert eine Liebesgeschichte, aber auch den Umgang mit Depressionen, enttäuschte Hoffnungen, gescheiterte Lebensentwürfe und masochistisches Sexualverhalten als Bewältigungsmechanismus nach Gewalterfahrungen.

Normal People erzählt auch davon, dass selbst die tiefste und ehrlichste Liebe noch lange kein Garant für eine stabile Beziehung oder ein glückliches Leben sein kann. Das ist emotional ziemlich viel, aber durch eine schnörkellose Sprache und ein feines Gespür für Timing und Szenen nie peinlich oder voyeuristisch. Der Guardian bezeichnet die Liebesgeschichte als „zukünftigen Klassiker“. Ich bin gespannt und oute mich hiermit als ziemliches Rooney-Fangirl. Beide Romane, die bisher auf Deutsch erschienen sind, habe ich in wenigen Tagen gelesen. Große Empfehlung!

Wer nicht so gerne zum Buch greift, aber trotzdem Interesse an komplexen und intensiven Beziehungsgeschichten hat, muss sich keine Sorgen machen. Normal People hat den Sprung zur Serienadaption geschafft und ist im Stream auf Amazon und Starzplay verfügbar.

Ich bedanke mich herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sally Rooney : Normal People.

Aus dem Englischen von Zoe Beck. Luchterhand 2020.

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Bookbroker

Buch und Wort

Zugvögel

Klimawandel und Artensterben sind aktuelle Phänomene, die unsere Gesellschaft treffen. Maja Lunde hat einen ganzen Romanzyklus diesem Problem gewidmet. Die australische Autorin Charlotte McConaghy greift das Problem in ihrem Debüt auf eine vielschichtige Weise auf  und stellt die Auswirkungen des Klimawandels und das Artensterben der letzten Zugvögel in einen Zusammenhang mit einer hochspannenden Frage nach persönlichen Erinnerungen. Am Ende des Romans wird man die besondere und eigenwillige Protagonistin sicherlich nicht vergessen.

Franny Stone ist eine besondere Frau. Ihr Lebensziel besteht darin, den letzten existierenden Schwarm der Küstenschwalben auf ihrer Reise nach Grönland zu begleiten. Franny hat weder Fördermittel, noch einen wissenschaftlichen Auftrag. Trotzdem stürzt sie sich in das Abenteuer und versucht eine Schiffscrew von ihrer Mission zu überzeugen. Nicht ohne Profitversprechen. Da in der Zukunft keine Fischschwärme mehr aufzufinden sind, müssen Seeleute und Fischer immer weiter hinausfahren und gefährliche Routen nehmen, hinzukommt, dass die gesamte Industrie bald vor dem Aus steht und Verbote der Fischerei drohen. Franny verspricht der Crew des Schiffes „Saghanis“ und dem mürrischen Kapitän Ennis, dass ihre Küstenschwalben auf der 30.000 Kilometer langen Route auch die Fischschwärme aufspüren werden, denn Franny hat einige Schwalben mit Peilsendern ausgestattet. Doch wie passt so ein Verhalten eigentlich mit ihrer Antihaltung gegenüber der Fischerei zusammen und was ist Frannys eigentliches Ziel? Die Story ist clever erzählt und absolut mitreißend.

Die Saghanis ist ein besonderes Schiff. Die Crew hält zusammen, obwohl sich die Mitglieder über die Ornithologin Franny wundern. Als Franny aber nachts schlafwandelt und von Crewmitgliedern gerettet werden muss, steht mit einem Mal auch die psychische Gesundheit der Ich-Erzählerin im Vordergrund. Genau wie die Crew, wissen wir als Leser*innen nicht genau,  warum sie sich so merkwürdig verhält. Ein Schlüsselerlebnis von Franny hat mit Raben zu tun und entfachte ihre Liebe zu den Vögeln, der Schiffsname Saghanis bedeutet Raabe auf der Sprache der Inuit, die Crew sind für Franny ebenfalls Menschen, die ihren Drang nach Freiheit verstehen. Der Koch Basil, die Mechanikerin Lea und Samuel, der sechs Kinder hat und auch die Crew zusammenhält. 

„Sie sind Zugvögel, die es vom Land wegzieht, und sie lieben es hier draußen auf dem Meer, das ihnen ein anderes Leben bietet, sie lieben dieses Schiff und – sosehr sie sich kabbeln und streiten – lieben sie doch auch einander.“

Zugvögel, S. 129.

Doch die großen Probleme lauern nicht nur in der unmittelbaren Gegenwart auf dem Schiff. Nach und nach Entfalten sich die dunklen Seiten der Protagonisten Franny, die mehrere Jahre im Gefängnis gesessen hat. Aber welches Verbrechen hat sie begangen? Und welches Geheimnis verbirgt sich hinter ihrer Beziehung zu dem bekannten Ornithologen Niall?

Für mich waren diese Rückblicke unfassbar spannend, denn McConaghy hat einen so fantastischen Schreibstil, dass die Seiten nur so dahinfliegen. Naturbeobachtungen und dramatische Ereignisse der Vergangenheit wechseln sich ab. Der Roman ist ein wahres Schmökervergnügen. Dabei hat Franny kein leichtes Leben hinter sich, denn dramatische Ereignisse von Vernachlässigungen und traumatischen Erfahrungen aus ihrer Kindheit sind der Grund für Frannys Anpassungsschwierigkeiten in der Gegenwart. Frannys Anker im Leben waren immer die Vögel und Erlebnisse in der Natur. Doch die schwerste Aufgabe steht ihr auf dieser Schiffsreise erst noch bevor. 

Das Ende des Romans hat mich sehr berührt. Zugvögel ist ein Roman für Menschen, die  die Schönheit des Meeres lieben und die Protagonist*innen mit Ecken und Kanten mögen. Ein wirklich runder Roman, dessen einziges Manko ist, dass McConaghy am Schluss wirklich versucht alle aufgeworfenen Fragen aufzufangen und das war für mich gar nicht zwingend nötig.

Charlotte McConaghy – Zugvögel (= Migration). Übersetzt von Tanja Handels

S. Fischer 2020.

Schwarzpulver

Das Debüt der Österreicherin Laura Lichtblau zeigt eine unheimliche Tendenz: Bürgerwehren machen Stimmung. Ein Sturm auf das Reichstagsgebäude? In Lichtblaus Roman auf jedem Fall im Rahmen des Möglichen. Die Radikalisierung der vermeintlich normalen Menschen, die zur Katastrophe führt, wirkt deshalb noch überzeugender. Immerhin ist am Ende nicht alles verloren, so viel kann verraten werden.

Dystopien haben und hatten schon immer eine wichtige Funktion: Sie sind gewissermaßen Stimmungsmesser für gesellschaftliche Entwicklungen, Tendenzen und Diskussionen, sie kritisieren bestehende gesellschaftliche Verhältnisse und wollen die Menschen zum verantwortungsvollen Handeln aktivieren. Laut BBC hat das Interesse an dystopischer Literatur seit den Präsidentschaftswahlen in den USA 2016 einen wahren Aufschwung erlebt: So befinden sich dystopische Klassiker wie George Orwells 1984, Sinclair Lewis’ It Can’t Happen Here, Ray Bradburys Fahrenheit 451 und Brave New World von Aldous Huxley sowie The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood unter den meist verkauften Büchern im Januar 2017. Die Weltentwürfe der Dystopie sind also dann erfolgreich und erreichen die Leser*innen, wenn sich die gezeigte Zukunftsvision nicht in einer vollkommen unwahrscheinlichen Realität abspielt, sondern bereits in der außerliterarischen Welt deutlich wird.

Der Roman Schwarzpulver kreist um drei verschiedene Figuren, die die Ereignisse der Rauhnächte, also der Zeit zwischen Weihnachten und Anfang Januar, in kurzen Kapiteln erzählen. Die Rauhnächte gelten seit jeher als Zeit der Hexen, als Phase der Orakelsprüche und sprechenden Tiere, Geister sollen vertrieben werden. Für die Figuren Elisa, genannt Burschi, Charlotte und Charlie ergeben sich in dieser Zeit ganz besondere Herausforderungen.

Burschi, die einen gut laufenden Internethandel mit geklauten Gegenständen betreibt, lernt eine besondere Frau kennen und verbringt einen erotischen Nachmittag mit Johanna. Johanna verschwindet immer wieder, denn sie ist Partisanin und kämpft im Untergrund gegen den Staat. Charlotte Venus, systemtreu und unkritisch, hat sich zur Scharfschützin bei der Bürgerwehr ausbilden lassen und schützt die Grenzen und öffentlichen Plätze, ihr 19-jähriger Sohn Charlie sucht in einem Praktikum bei einem alternativen Musiklabel für Untergrundrap ein Schlupfloch im totalitären System. Burschi und Charlie haben schon lange erkannt, dass der Staat das Problem ist.

„Ich sage dir […], dass die Partei keine Frauen mag, die Frauen lieben. Sie mögen keine Anglizismen, kein fremdländisches Essen, keine Menschen, die glücklich sind, sie mögen keinen Hip-Hop, keine Konzerte auf der Straße, keine Menschen, die aus anderen Ländern stammen, keine Familien ohne Kinder, keine Männer mit Lipgloss, keine Frauen mit Glatze, sie mögen keine Frauen, die erfolgreicher als Männer sind…“

Charlotte distanziert sich erst langsam von den Kolleg*innen, am Anfang agiert sie „zielführend“ und schießt ohne große Gewissensbisse. Sie erinnert sich in ausführlichen Rückblicken an die Entwicklung der Bürgerwehr, an den Zusammenhalt, das gemeinsame Racletteessen, die gemeinsame gesunde Wut gegenüber Kiffern und Schmarotzern, die doch nur die gutbürgerliche Ordnung stören. Wie belastend der Job als Scharfschützin ist, zeigt sich im wiederkehrenden Alkoholkonsum der Protagonistin und ihren Zweifeln, die sich langsam einstellen.

Besonders eindrücklich zeigen sich die dystopischen Elemente gerade dann, wenn die Leser*innen den Eindruck gewinnen, dass einige geschilderten Figuren wie Abziehbilder der Hygienedemos wirken. Hundezüchter, die sich über Rassegesetze auslassen, Parteifunktionäre, die Reden darüber schwingen, dass man Single-Frauen doch über Datingportale verpartnern könne, damit es mehr Schwangerschaften gibt und die allgengewärtige Angst davor, dass in Berlin bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Weicht jemand vom patriarchalen Familiensystem ab, wird die Kommission für Volksgesundheit aktiv, die alle „Abweichler“ umerziehen will. Auch Burschi wird aus ihrer WG fliegen, denn ihre Mitbewohner*innen haben Angst, denn alles was zu feministisch oder queer daherkommt, soll aus dem Stadtbild gestrichen werden. In der Konstruktion des autoritären Staatsapparates ist alles dabei, was in den letzten Jahren (und wahrscheinlich schon immer) an völkischer, rassistischer, homophober und frauenfeindlicher Propaganda so am Start ist. Lichtblau fängt diese aktuellen Momente ein und verwebt sie in ein Netz in ihrer Dystopie, die in einer unglaublich schönen, zarten und auch witzigen Sprache daherkommt. Als Charlotte, die irgendwann die Situation nicht mehr aushält „außer Rand und Band gerät“, bleibt ihr nur noch die Psychiatrie als letzter Zufluchtsort.

Der „langsam entstehende Aufruhr“, der sich im letzten Satz des Romans andeutet, kann eine Hoffnung sein. Vielleicht kann Lichtblaus deutschsprachige Dystopie Schwarzpulver einmal in einem Atemzug mit Juli Zehs Dystopie Corpus Delicti genannt werden, beide Romane laden auf intelligente Weise zum Nachdenken und Diskutieren ein. Zugunsten der Konstruktion des Systems und der literarischen Welt wirken einige Figuren eher klischeehaft. Das ist vielleicht aber auch ein gängiges Problem des Genres, in dem häufig jemand aufwachen muss, der zunächst das autoritäre System unterstützt. Das Schwarzpulver verweist übrigens auf das explosive Material in einer Schusswaffe und damit direkt auf das angedeutete Ende des Romans.

Weitere Rezensionen findet ihr hier:

Literatur leuchtet

Laura Lichtblau – Schwarzpulver. C.H. Beck 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar erhalten, vielen Dank!


Schlafen werden wir später

Eine E-Mailfreundschaft, die Kunst und die Droste. In Zsusza Bánks Roman Schlafen werden wir später werden wichtige Lebensthemen von Künstler*innen angesprochen und ein bisschen viel gelitten wird leider auch.

Martha und Johanna sind seit Ewigkeiten befreundet und schreiben sich regelmäßig E-Mails. Der Text umfasst einen Zeitraum von März 2009 bis Juni 2012, in dem sich die zwei Frauen, Jahrgang 1967, ihre tiefsten Gefühle und Wünsche mitteilen. Die beiden Freund*innen teilen ihre Sorgen und ihre Ängste, erinnern sich an ihre gemeinsame Kindheit und versuchen vor allen Dingen einfach mal klar zu kommen. Das ist gar nicht so einfach.

Johanna erinnert sich immer wieder an ihren Exfreund, während sie im Schwarzwald, von ihr liebevoll „mein schwarzer Wald“ genannt, in einem kleinen einsamen Häuschen lebt und sich nur mit einigen Schulkolleg*innen trifft. „Bio-Kurt“ hat ein Auge auf sie geworfen, sie muss noch über ihren Ex hinwegkommen. Johannas Herz schlägt besonders für einen Schüler, der großes künstlerisches Talent besitzt, aber aus „schwierigen Verhältnissen“ kommt. Soll Johanna sich einmischen und ihm helfen – oder nicht? Wenn sie genervt von Grammatikunterricht und gelangweilten Schüler*innen ist (kleine Anmerkung: es scheint nur Grammatikunterricht zu geben), arbeitet Johanna seit Jahren zur Entspannung (!) an ihrer Doktorarbeit über Annette von Droste-Hülshoff und reist quer durch Deutschland um in Marbach alte Briefe der Droste zu begutachten. Das geht natürlich nur in den Ferien, deswegen ist es mit der Doktorarbeit auch ein Langzeitprojekt, sonst hockt sie im schwarzen Wald und wünscht sich, dass ihre beste Freundin Martha bei ihr wäre.

Martha hat drei Kinder und einen Mann, der am Theater arbeitet, also ist sie quasi alleinerziehend und versucht nebenher einen Lyrikband fertig zu schreiben und kleinere Erzählungen, denn Simon verdient am Theater nicht genug Geld. Das führt immer wieder zu Problemen. Zum Glück kann die kinderlose Beamtin Johanna ihr immer wieder etwas Geld zu schieben, das wird dann in eine Spülmaschine investiert. Zum Schreiben kommt Martha bei diesem ganzen Chaos natürlich kaum. Beide Figuren scheitern immer wieder daran, ihre Vorstellungen vom gelungenen Leben mit ihrer Realität in Einklang zu bringen, das kann auf Dauer recht deprimierend sein.

In Die hellen Tage habe ich die Sprache der Autorin unglaublich bewundert. Leicht und melancholisch, der ganze Text hat eine Stimmung transportiert, die mich beeindruckt hat. Hier bin ich mir nicht sicher, wie ich mit dem Gelesenen umgehen soll. Immer wieder tauchen kursiv gesetzte Zitate auf, entweder von der Droste oder von Rilke oder von Heym oder von den Freund*innen, die mich etwas irritieren. Soll ich die Zitate, die so überdeutlich gekennzeichnet sind, nachschlagen? Gewinnt der Satz eine größere Bedeutung, wenn ich weiß, dass Kursiv von Heym kommt oder von Rilke oder der Droste selbst?

Das knistern in den lebensfäden – es ist laut geworden. Eine Angst hat sich in mein Leben gefressen. Sie wimmert an meinem Ohr, nagt an meinen Ohrläppchen.“

Schlafen werden wir später, S. 336

Eigentlich kann Bánk über Wahlfamilien, Kindheit, Freundschaft und besondere Familienkonstellationen schreiben, das hat sie in ihrem Roman „Die hellen Tage“ gezeigt. Vielleicht lag es an meiner Erwartungshaltung, aber diesen Roman musste ich mir tatsächlich erarbeiten und das lag besonders an der sprachlichen Gestaltung, die für mich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig war. Zumal beide Figuren permanent um sich und ihre Schwierigkeiten kreisen. Es ist gar nicht deutlich, wann dieser Roman spielt, es gibt keinen Zeitbezug, der die Handlung in der Gegenwart verortet, das „Außen“ gibt es im „Martha-Leben“ kaum und auch Johanna träumt zwar immer wieder vom „Droste-Meer“, aber zeigt sich seltsam unberührt von der Welt um sie herum. Stattdessen berichtet sie von Naturerlebnissen im Schwarzen Wald, sodass auch wirklich die letzten Lesenden begriffen haben, dass Johanna und die Droste innerlich sehr verbunden sind.

Einige Passagen gehen dann doch über Alltagsbeschreibungen hinaus, zum Beispiel die, in denen Martha von ihren Eltern erzählt oder Claus zum Thema wird, der beste Freund von Johanna, der überraschend verstirbt. Karin, die Frau von Claus, ist eine gemeinsame Freundin und Johanna hilft, neben ihrer Vollzeitstelle (…), natürlich noch im Blumenladen aus, um etwas herunterzukommen und für Karin da zu sein. Abgesehen davon, dass ich die Darstellung des Lehrer*innenberufs und die dargestellte freie Zeiteinteilung der Studienrätin für Deutsch und Kunst als freundlich gesagt, unrealistisch einschätze, sind diese Passagen sehr gelungen und zeigen, welche Formen des Trauerns möglich sind.

Ein Briefroman oder ein E-Mail-Roman ist eigentlich eine schöne Idee. Hier war ich nicht ganz glücklich, auch wenn das Ende mit vielem versöhnt. Man könnte in der Figurenbeschreibung auch anmerken, dass beide Figuren so viel leiden und doch so unfassbar privilegiert sind oder dass auch Studienrätinnen anders arbeiten und keinen Halbtagsjob haben, bei dem sich der Nebenberuf im Blumenladen halt so anbietet. Man könnte sich aber auch fragen, warum in einem E-Mailroman, in dem es um Familien geht, die Väter so einen unfassbar schlechten Job machen und die Mütter auch im 21. Jahrhundert, diejenigen sind, die mit schlechtem Gewissen alles so halb machen, Kindererziehung, Haushalt und Kunst und dabei mit keinem der Bereiche richtig zufrieden sind. Spannend fand ich auch, die Erinnerungen von Johanna an ihren Vater, der früh verstarb und vermutlich drogenabhängig war. Neben den vielen Themen, die angeschnitten werden, geht es auch um Johanna und ihren Bruder, die kaum noch miteinander sprechen. Wäre die Droste nicht so ein großes Thema gewesen, hätte man den Bezug zur realen und echten Familie vielleicht noch stärker hervorheben können. Das hätte mich mehr interessiert. So schwebten beide Frauenfiguren für mich oft zu sehr im luftleeren Raum. Zum Einschlafen war das nicht, aber für 692 Seiten auch kein Easy-Read.

Hat jemand von euch den Roman gelesen und kennt vielleicht auch „Die hellen Tage“? Wie habt ihr den Roman empfunden? Was hat euch gefallen und was weniger?

Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später. S. Fischer 2017.

Das eiserne Herz des Charlie Berg

Ein Debüt, das überraschen kann – „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ ist Liebesgeschichte, Künstlerroman, Krimi und ironische Beobachtung der Kulturlandschaft zugleich.

Charlie ist mit seinem Opa unterwegs, gemeinsam gehen sie auf die Jagd. Eigentlich befindet sich Charlie mental schon auf dem Sprung. Das Abitur hat er geschafft, jetzt ist endlich Zeit für den einsamen Leuchtturm und sein erstes Romanprojekt. In dem Moment, als Charlie den Hirsch sieht, den er erlegen will, sendet ihm das Tier eine Botschaft: „Wer mich tötet, wird sterben, so wie ich sterbe.“ Kurze Zeit später ist Charlie allein im Wald, der Hirsch ist tot, sein Opa ebenfalls und ein mysteriöser Fremder, der aus dem Nichts aufgetaucht ist, ist auch tot. Charlie wird den Tod nicht mehr los, dazu kommt sein schwaches Herz, das in verschiedenen Szenen des Romans aus dem Takt kommt oder zu brechen droht.

Dabei hat der 19-jährige angehende Romancier doch ohnehin schon genug Probleme. Charlies Familie ist etwas chaotisch, das mag daran liegen, dass sein Vater lieber kiffend Musik macht, als sich um Charlie und seine autistische Schwester Franzi zu kümmern, die seitenweise aus Romanen zitieren kann und die halbe Stadtbibliothek gelesen hat oder daran, dass seine Mutter sich nicht für die Familie interessiert und lieber als Regisseurin Karriere macht. Charlies Großeltern sind zum Glück ganz in Ordnung, am liebsten trifft sich die Familie zum Geschichten erzählen bei Hirschgulasch. Die Geschichte, die sich dann ereignet, ist eine ganz besondere Gulaschgeschichte, denn völlig unerwartet taucht Charlies Kindheitsliebe Mayra aus Mexiko auf, mit der Charlie regelmäßig Videobotschaften austauscht (es sind die 90er Jahre). Mayra befindet sich auf der Flucht vor ihrem Ehemann, der sich auf Drogengeschäfte eingelassen hat und das ist noch nicht alles.

Charlie wird den Tod nicht los, genau wie der Mörder in Süskinds Parfüm, hat er eine besondere Gabe, die ihm immer wieder hilft: sein Geruchssinn ist nahezu perfekt, zur Entspannung mischt er verschiedene Düfte und verbindet sie mit besonderen Menschen. Charlie kann Gefühle riechen, er riecht, wenn jemand gerade Sex hatte oder erschnuppert, wie sich eine Person fühlt. Doch das nützt ihm leider gar nichts, denn er steht nach dem unseligen Jagdunfall unter Mordverdacht und stolpert von einem Problem ins nächste und seine chaotische Familie ist an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt.

Als wäre das Lügengebäude, in dem ich seit Opas Tod Unterschlupf gefunden hatte, nicht schon baufällig genug. Mein ganzes Leben verwandelte sich allmählich in eine notdürftig kaschierte Lüge. Meine Wehrdienstuntauglichkeit hatte ich mir mit Hilfe einer Urkundenfälschung ermogelt, beim Jagen ohne Jagdschein hatte ich einen Mann lebensgefährlich verletzt, besaß Geld, dass ihm gehörte und plante, meinen Patenonkel freizukaufen, einen vom Goetheinstitut geförderten Marihuanakonsumenten, der es für eine gute Idee gehalten hatte, Drogen aus Thailand nach Deutschland zu schmuggeln.

Das einsame Herz des Charlie Berg

Doch dann ergibt sich ein Lichtblick in Charlies Leben: er darf bei dem regionalen Literaturfestival seiner Heimat lesen. Sein ehemaliger Deutschlehrer hat, ohne sein Wissen, einen alten Text seines Lieblingsschülers eingereicht, den Charlie eigentlich nur als Fingerübung für den großen Roman betrachtet hat. Doch dann kommt natürlich wieder alles anders als geplant.

Mich hat der Roman begeistert, auch wenn einige Szenen etwas drüber waren und mich stellenweise an frühe Romane von Irving erinnert. Schön ist, dass Stuertz Genrekonventionen vollkommen schnuppe sind. Der Text überrascht die Leser*innen, schlägt vollkommen unerwartete Wendungen und ist alles in allem ein Roman, der unfassbar viel Spaß macht. Das eiserne Herz des Charlie Berg ist auf jeden Fall mein Sommerhighlight in diesem Jahr.

Sebastian Stuertz: Das eiserne Herz des Charlie Berg. btb 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert.

Labyrinth

TW/CN: Suizid

Boratin ist ein junger Musiker, Nacht für Nacht spielt er mit seiner Bluesband in den Clubs. Doch jetzt wacht er nach einen Selbstmordversuch im Krankenhaus auf und sein bisheriges Leben ist komplett aus seiner Erinnerung gelöscht. In Istanbul macht er sich auf die Suche nach sich selbst.

Die Namen der antiken Philosophen, die Farben der Fußballvereine, die Worte des ersten Astronauten auf dem Mond, all das weiß ich. Doch über mich selbst entdecke ich keine Spur in meinem Kopf, nicht einmal an meinen Namen erinnere ich mich. Sie nannten mir einen Namen, ich habe ihn angenommen.

Labyrinth

Boratin kehrt als neuer Mensch aus dem Krankenhaus zurück. Er findet sich in einer Wohnung wieder, an die er sich nicht erinnert. Er sieht Möbel, die ihm nichts bedeuten, Schallplatten, die er nicht kennt und er führt Gespräche mit Menschen, die seine Freund*innen waren, aber er erinnert sich nicht mehr an sie. Auch an seine Schwester, die ihn aus Anatolien anruft und bittet, nach Hause zu kommen, hat er keine Erinnerung mehr. Er spielt ihr einen Menschen vor, den es nicht mehr gibt, denn sie weiß nicht, was passiert ist. Für sie spielt er Boratin, der in Istanbul lebt, einer Stadt, die sich nicht verändert hat und nicht verändern wird. Denn der Bosporus ist noch da und die Möwen sind es auch. Seine Band spielt die Blueslieder ohne ihn, denn er kann sich nicht mehr an seine poetischen Texte erinnern.

Dass alles seine Richtigkeit haben muss, dass er wirklich in seiner Wohnung ist und das Istanbul seine Stadt ist, wird ihm von seinem besten Freund Bek versichert. Bek hat ihn im Krankenhaus besucht und wird so etwas wie ein Fremdenführer und gleichzeitiger Experte für Boratins Leben. Aber warum Boratin sich in den Tod stürzen wollte, kann Bek ihm nicht beantworten. Stattdessen versucht er immer wieder den alten Boratin aufzuwecken. Bek nimmt ihn mit in Restaurants, bringt ihn mit alten Freund*innen zusammen, organisiert ein Treffen mit der Frau, die Boratin früher liebte. Aber nichts triggert seine Erinnerung oder hilft gegen die Amnesie.

Zunächst, wenn man jung ist, malt man sich die Zukunft aus, entwirft Utopien, hegt Hoffnungen. Die Zukunft ist lang, und alles ist möglich. Gegen Ende des Lebens sind dann die Möglichkeiten ausprobiert und erschöpft.

Labyrinth

In seiner existentiellen Einsamkeit streift Boratin durch Istanbul und entdeckt die Stadt, als wäre er ein Fremder. „Nicht heute ist kostbar, sondern gestern, und vorgestern ist noch wertvoller“, erklärt Boratin beim Blick auf die Auslage eines Antiquariats in Beyoglu. „Er könnte fragen, ich existiere heute, dann kann ich es auch morgen, aber wie kann ich gestern da sein?“ Boratin versucht in langen, gedankenstromartigen Passagen, herauszufinden, wer er ist.

Was bedeutet Zeit, was bedeutet Identität, was bedeutet Zugehörigkeit, wenn es nichts mehr gibt, auf das man sich beziehen könnte? Boratin ist irritiert, dass überall in der Stadt Plakate des Sultans hängen, bis er feststellt, dass es sich um den „aktuellen“ Sultan handelt. Gegenwart und Vergangenheit geraten ihm immer wieder durcheinander. Dadurch ist Labyrinth nicht nur eine Geschichte über eine Amnesie eines Musikers, sondern auch ein poetischer Kommentar zur politischen Lage in der Türkei. Boratin gelingt es von Null zu beginnen, weil er sich keiner Erinnerung stellen muss. Keinen Krisen, keinen Menschenrechts-verletzungen im eigenen Land. Labyrinth hat deshalb auch allegorischen Charakter, aber am Ende dieses traurigen Buches ist auch so etwas wie ein Hoffnungsschimmer zu finden. Die Liebe weist einen Weg aus der Krise und Boratin lernt junge Demonstrant*-innen kennen, die geplant haben, die Plakate des Sultans zu vernichten.

In dieser schwierigen Situation, sind es am Ende auch die eigenen Texte, die Boratin retten werden. Auch wenn sie vielleicht eine andere Bedeutung haben, als zuvor. Es ist die Sprache, die ihm einen Weg aus dem Labyrinth bahnt, in dem er gefangen ist und es ist sein eigenes Lied, das ihm einen Ausweg bietet.

Wach auf, halte dein Gesicht in den Regen an der Scheibe/ Wenn Gewöhnung ein anderer Name für Tod ist / Soll in deinem Haar nicht stets dasselbe Veilchen welken und dich verzehren.

Labyrinth

Burhan Sönmez – Labyrinth. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. btb 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert! Vielen Dank!

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Agentengeschichte x 2: Berta Isla & Alles, was wir sind

Anfang des Jahres habe ich zwei Agentengeschichten gelesen, die eigentlich keine klassischen Agentengeschichten sind, weil es auch um die Liebe und in beiden Fällen um Literatur geht. Beide Romane haben mir gefallen und eignen sich hervorragend für eine kleine mentale Pause, wenn man sie angesichts der Weltlage gerade braucht.

Der spanische Nobelpreiskandidat Javier Marías erzählt in Berta Isla eine Geschichte über Geheimnisse und Lügen und kehrt damit zu einigen Figuren zurück, die man bereits aus dem Roman Dein Gesicht morgen kennt und zwar zu Peter Wheeler und Betram Tupra, der eine Hispanistik-Dozent in Oxford, der andere sein ehemaliger Student, der bei MI6 arbeitet und von Wheeler rekrutiert wurde. Berta, Titelheldin und Erzählerin der Geschichte, heiratet ihre große Liebe, Tomás, ohne zu Wissen, dass Tomás sich in Oxford dazu gezwungen sah, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. Ein Doppelleben sei doch kein großes Problem, wird dem Studenten verkündet, der sich nur für diesen Weg entscheidet, weil er eines Verbrechens beschuldigt wird und fürchtet, nicht mehr nach Spanien zurückkehren zu können. Sein großes Talent für Sprachen kommt ihm da sehr gelegen. Tom kehrt nach Madrid zurück und ist auf einmal Geheimagent, aber Berta hat keine Ahnung. Die Handlung lässt sich auf einen Satz reduzieren, was Marías aber daraus macht, ist vor allen Dingen eins: ein großes Lesevergnügen. Kleinere Abstriche gibt es allein deshalb, man sich als Leser*in nicht ganz von der Idee frei machen kann, dass hier ein älterer Mann eine etwas naive Frau erdacht hat, die für mich als Figur nicht immer überzeugt.

Wer aufgrund der Spionage- und Geheimdienstgeschichte einen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Stattdessen erzählt Marías eine Liebesgeschichte voller Geheimnisse, die irgendwo im Agent*innenmilieu angesiedelt ist, um es vorsichtig zu formulieren.

Berta ist Professorin für Englische Philologie, beschäftigt sich intensiv mit Shakespeare und hat sich daran gewöhnt, dass sie wenig Fragen stellen darf und dass sie keine Antworten bekommen wird (warum?).

„Es gab eine Zeit, da war sie sich nicht sicher, ob ihr Mann ihr Mann war, wie man auch im Dämmerschlaf nicht weiß, ob man denkt oder träumt, ob man seinen Geist noch lenkt oder die Erschöpfung ihn in die Irre führt.“

Berta Isla

Einmal verschwindet Tom für 12 Jahre. Es gibt, im von Berta direkt erzählten Hauptteil Episoden von großer Spannung, zu denen die geschichtliche Einbettung – Spaniens Übergang nach dem Franco-Regime, der Nordirland-Konflikt, der Falklandkrieg – gehören, aber die Stärke des Romans liegt in der Beschreibung der Beziehung zwischen Berta und Tom. Es ist eine Kunst, sich in komplexe, widersprüchliche und schwierige Gefühlslagen herein zu tasten, die Berta täglich begleiten. Ist es möglich, eine Ehe zu führen, wenn man sich nicht die Wahrheit sagen darf? Wie viele Geheimnisse kann eine Beziehung ertragen? Für Tom stellt sich irgendwann die Frage, welche seiner vielen Leben und Identitäten echt sind, auch damit konfrontiert er seine Ausbilder, die ihn gnadenlos in eine bestimmte Richtung schubsen. Bertram Tupra antwortet auf die immer gleichen und verständnisloseren Fragen von Tom, der sich nicht mehr mit seiner Rolle als Agent identifizieren kann, nur sehr bissig: „Seit wann haben die Leute sich ihr Leben ausgesucht?“ und schlägt einen Bogen über die Jahrhunderte hinweg zu den Ärmsten der Armen bis zur Queen. Natürlich kann Tom ihm nicht widersprechen. Für Berta stellt sich die Frage, wie sie Tom unter diesen Umständen überhaupt vertrauen kann und trotzdem bleibt sie bei ihm.

Lara Prescotts Debüt Alles, was wir sind konnte mich ebenfalls überzeugen. In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte von Boris Pasternak und seiner Muse Olga Iwinskaja und die Verstrickungen um die unglaubliche, aber auf historischen Fakten beruhenden strategischen Entscheidungen des amerikanischen Geheimdienstes, um die Veröffentlichung des Romans „Doktor Shiwago“. Prescott hat sehr lange für den Roman recherchiert, er basiert zu großen Teilen auf den von der CIA 2014 freigegebenen Akten, die die Operation Shiwago genauer beschreiben.

Der Hintergrund der Geschichte ist ziemlich faszinierend. Während des Kalten Krieges waren der Ostblock und die Westmächte von der Wirkung des geschriebenen Wortes überzeugt. Während man heute eher an Fake-Posts und Bots denkt, glaubten die CIA-Strategen, dass schon ein einziges Buch dafür sorgen könnte, ein System zum Wanken zu bringen. In „Doktor Shiwago“ von Boris Pasternak geht es um die unglückliche Liebe zwischen Lara Antipowa und Juri Shiwago. Pasternak wurde von seiner Geliebten zu der Figur der Lara inspiriert.

Die Liebesgeschichte durfte wegen der kritischen Darstellung der Oktoberrevolution in der Sowjetunion 1956 nicht veröffentlicht werden, stattdessen entstand eine italienische Übersetzung, wodurch der us-amerikanische Geheimdienst auf die Geschichte aufmerksam wurde. Die CIA finanzierte eine russische Übersetzung der italienischen Ausgabe, denn das Erscheinen in Originalsprache war Voraussetzung dafür, dass Pasternak für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen werden konnte, den er dann – natürlich – auch gewann. Mit einem Buch, das in seinem Heimatland nicht erscheinen durfte. Die CIA sorgte auch für die Herstellung einer Miniversion der Geschichte auf hauchdünnem Bibeldruckpapier, die unauffällig von verschiedenen Agent*innen unter das Volk gebracht werden sollte um das System durch Literatur zu destabilisieren.

Möge das Buch seinen Weg um die Welt antreten

Alles, was wir sind

Lara Prescott beschäftigt sich in ihrem Roman mit den jungen Frauen, die für die „Agency“ arbeiten und ihren Weg als Agent*innen gehen, von den Männern aber eher als nette Mädchen wahrgenommen werden. Das sind besonders Irina und ihre Ausbilderin Sally, die in der Agency ihre Liebe zueinander finden, aber keine Möglichkeit haben, ihren Gefühlen zu folgen. Außerdem beschäftigt sie sich mit dem Schicksal der Geliebten von Pasternak, Olga Iwinskaja, deren einziges Vergehen darin besteht, mit einem Schriftsteller zusammen zu sein, der ein „subversives“ Buch geschrieben hat.

Prescott hat keinen Agententhriller geschrieben, sondern vielmehr eine Geschichte über die Kraft der Literatur und die Liebe, die alles zusammenhält. Und um die Liebe, die man nicht immer versteht und die nicht immer einfach zu erklären ist, geht es auch im Roman von Javier Marías.

Welche (Liebes-)Geschichte konnte euch zuletzt überzeugen?

Lara Prescott – Alles, was wir sind. Übersetzt von Ulrike Seeberger. Rütten & Loening 2019. 475 Seiten.

Javier Marías – Berta Isla. Übersetzt von Susanne Lange. Fischer 2019. 656 Seiten

Die Optimisten

Die us-amerikanische Autorin Rebecca Makkai erzählt in ihrem Roman „Die Optimisten“ von Liebe, Freundschaft und den katastrophalen Auswirkungen der AIDS-Epidemie in den 1980er Jahren in Chicago.

Ich kenne Männer, die noch niemanden verloren haben. Gruppen, die bisher unberührt geblieben sind. Aber ich kenne auch Leute, die haben zwanzig Freunde verloren.

Die Optimisten

Yale ist ein Glückskind. Beruflich läuft es für ihn fantastisch. Er hat einen interessanten Job in einer Galerie und ist einem Glückstreffer auf der Spur. Eine ältere Dame hat ihre Gemäldesammlung zur Verfügung gestellt und er hat die Chance sich zu profilieren, denn die Gemälde könnten wertvoll sein. Außerdem plant er mit seinem langjährigen Freund Charlie ein kleines Haus zu kaufen. Rebecca Makkai gelingt es absolut nachvollziehbar und authentisch, die Gruppe verschiedenen Figuren und ihre Lebensentwürfe zu schildern. Eigentlich wollen alle nur ein ganz normales Leben führen, sich verlieben, einen sicheren Job haben. Und dann kommt eine Krise, die niemand vorhersehen konnte.

Was mich mitnimmt ist, dass ich einunddreißig bin und meine Freunde einer nach dem anderen krepieren.

Die Optimisten

Die Geschichte beginnt mit einer Trauerfeier. Nico, ein 25-jähriger Grafikdesigner ist an Aids gestorben und Yale weiß, dass Nico nicht der letzte sein wird. Auf der Trauerfeier kommen alle Freunde zusammen, versuchen sich Mut zuzusprechen und nicht aufzugeben. Immer mehr Männer in Yales Umfeld werden krank, entfernte Bekannte oder gute Freunde. Warum sie so schnell sterben, weiß niemand genau. Man besucht sie im Krankenhaus und sie sehen aus wie „ein Außerirdischer, ein Auschwitz-Gerippe, ein aus dem Nest gefallenes Vogelbaby“. Es gibt keinen Impfstoff gegen die Krankheit und keine funktionierende Therapie. Mitte der 1980er Jahre befindet sich die Aids-Krise auf dem Höhepunkt. Bis zur Einführung der hochaktiven antiretroviralen HAART-Therapie im Jahr 1996, die Leben retten könnte, werden erst viele Jahre vergehen.

Yale und Charlie führen eigentlich eine perfekte Beziehung, sie halten zusammen, sie sind füreinander da. Doch Nicos Tod ist erst der Auftakt. Ihre Freunde sterben. Charlie leitet als Herausgeber ein queeres Magazin, Yale hat seine Arbeit in der Galerie. Doch auch hier begegnen ihnen Vorurteile. Mit jedem Tag, der vergeht, fühlen sie sich hilfloser. Niemand weiß, wen es als nächstes treffen wird. Yale erlebt die Zeit als so traumatisch und verstörend, dass er einmal formuliert, es entstünde gerade „das Bewusstsein dafür, die Reste seines Herzens zu schützen, die bei jeder Trennung, jedem Scheitern, jeder weiteren Beerdigung, jedem Tag auf der Erde in immer kleinere Fetzen gerissen wurden“. Nicos Schwester Fiona versucht für alle da zu sein, sie hat nicht nur Nico in seinen letzten Stunden begleitet, sie ist auch für seinen Freund da und viele andere schwer Erkrankte, die sie pflegt.

Makkai hat aber nicht nur einen Roman über die 1980er Jahre geschrieben. Die Geschichte setzt sich bis ins Paris der Gegenwart fort. 2015 befindet sich Fiona in Paris, hier sucht sie ihr Enkelkind. Ihre Tochter Claire hat sich einem dubiosen Guru angeschlossen und keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Fiona ist durch die Erlebnisse der Vergangenheit gezeichnet. In Paris besucht sie einen alten Freund von früher. Richard ist Fotograf und bereitet eine Ausstellung mit Bildern aus den 1980er Jahren vor. Hier schließt sich der Kreis und Fiona sieht seit langer Zeit wieder Bilder ihres verstorbenen Bruders und seiner Freunde. Kann Fiona die Vergangenheit hinter sich lassen und Claire ihr verzeihen? Gerade als Fiona in Paris angekommen ist, ereignet sich der Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo.

Man könnte jetzt argumentieren, dass eine so komplexe Geschichte vielleicht ein bisschen zu viel ist. Tatsächlich erschien mir während des Lesens, die Geschichte von Yale und Charlie und ihren Freunden sehr viel stärker und nachvollziehbarer als die Geschichte der Gegenwart. Es ist etwas schräg, den Roman im Moment zu lesen, denn die Unsicherheit, die manche Figuren befällt, während andere sich gar nicht erst einschränken lassen wollen, weil es einen doch eh erwischt, wecken starke Assoziationen zur gegenwärtigen Situation. Es ist eine ziemliche emotionale Achterbahnfahrt, davon zu lesen, wie die Freunde auf neue Erkenntnisse der Medizin hoffen, gleichzeitig ihr Leben nicht unterbrechen wollen, andererseits panische Angst davor haben, sich mit anderen zu treffen, da niemand genau über die Verbreitung des Virus und die Ansteckungswege Bescheid weiß. Je länger man den Roman aber verfolgt, desto wichtiger und interessanter wird die Figur Fiona, die beide Zeitebenen miteinander verbindet.

„Die Optimisten“ ist ein Roman voller Abwechslung und Gefühlen, die im starken Kontrast zueinanderstehen und interessanten geschichtlichen Parallelen, die sich auftun. Nora, die ältere Dame, die Yale entdeckt, lebte in den 1920er Jahren in Paris und traf dort viele Künstler*innen, die später Weltruhm erlangten. Unter anderem hat sie für Modigliani Modell gesessen. Durch die Schenkung ihrer Bilder möchte sie aber auch unbekannten und vergessenen Künstler*innen ein Denkmal setzen, an die sich niemand mehr erinnern kann. Denn viele Freunde und Bekannte von Nora sind im Ersten Weltkrieg gefallen.

Wartet man nicht eigentlich permanent darauf, dass die Welt aus den Fugen gerät? Wenn die Verhältnisse stabil sind, dann immer nur vorübergehend.

Die Optimisten

Makkai hat einen Roman geschrieben, der auf so vielen unterschiedlichen Ebenen berührt und dabei beste Pageturnerqualität bietet, ohne trivial zu sein. Es geht um Liebe, Verlust und Familie, aber auch um Freundschaft und füreinanderdasein. Gleichzeitig wird durch die zweite Erzählebene auch deutlich, dass die Zeit nicht alle Wunden heilen kann und wie wichtig es ist, sich an die Vergangenheit zu erinnern.

Rebecca Makkais Debüt Ausgeliehen war eine Geschichte über eine Bibliothekarin, die einen zehnjährigen Jungen vor seiner herrischen Mutter retten will und mit ihm und ihren Lieblingsbüchern quer durch die USA reist. In Die Optimisten gelingt es Makkai wieder einmal Figuren zu beschreiben, die man als Leser*in einfach ins Herz schließen muss und nicht vergessen kann. In den USA wurde der Roman mehrfach ausgezeichnet. Die New York Times wählte den Roman unter die zehn besten Neuerscheinungen des Jahres 2019, außerdem gehört der Roman zu den Finalisten des Pulitzer Preises im letzten Jahr. Ich finde es toll, dass der Roman in Deutschland ein Zuhause bei dem Indieverlag Eisele gefunden hat. Das Verlagsprogramm ist immer einen Blick wert. Zuletzt hat mir der Roman Sag den Wölfen, ich bin Zuhause sehr gefallen, der sich ebenfalls mit HIV in den 1980er Jahren auseinandersetzt. Ich hatte vorher keine Ahnung davon, welche gesellschaftliche Ächtung mit dieser Krankheit einherging. Beide Romane kann ich nur empfehlen.

Rebecca Makkai – Die Optimisten. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell. Eisele 2020. 624 Seiten.

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