Der blinde Mörder

Laura Chase ist eine fantastische Autorin. Leider fuhr sie mit einem Auto von einer Brücke und verstarb mit Anfang 20. Ihr Roman „Der blinde Mörder“ wird zum Kultobjekt für Fans und ihrer Schwester Iris kommt die nicht ganz leichte Aufgabe zu, den Nachlass ihrer Schwester zu verwalten. Iris blickt nun mit Mitte 80 auf ihr Leben zurück und erinnert sich an die gemeinsame Kindheit mit ihrer Schwester. Iris hat nie an einen Unfall geglaubt, stattdessen geht sie davon aus, dass ihre Schwester Suizid begangen hat.

Der blinde MörderDas ist der Aufhänger einer Geschichte, die Margarete Atwood fantastisch konstruiert hat. Auf verschiedenen Ebenen wird die Geschichte der Schwestern erzählt. Iris blickt mit 80 Jahren zurück auf ihr Leben und gestaltet so die Rahmenhandlung der Erzählung. Außerdem geben Zeitungsartikel noch zusätzliche Hinweise über die Hintergründe der Lebensgeschichte der Schwestern. Zudem werden Teile eines Science-Fiction-Romans erzählt, den eine junge Frau geschrieben hat. Inspiration für diese Erzählungen war ihr Geliebter, der ihr nach jedem romantischen Treffen ein bisschen mehr aus dem Leben des blinden Mörders erzählte. Hierbei handelt es sich um eine unheimliche Groschenromanvariante, in deren Mittelpunkt eine Welt steht, in der Frauen keine Rechte haben und regelmäßig Jungfrauenopfer stattfinden. Ein erblindeter Teppichknüpfer, der zum Auftragsmörder ausgebildet wird, verliebt sich in diesem Durcheinander in eine Tempeldienerin, der – so ist es Tradition – die Zunge herausgeschnitten wurde. Sie kann nicht mehr sprechen, er ist erblindet, aber eben nicht verstummt. Der Auftragsmörder erzählt ihre Geschichte. So weit zur Konstruktion. Doch zurück zu Laura.

„Das Leben ist eine Tragödie, keineswegs nur ein einziger langer Schrei. Sie schließt alles ein, was zu ihr führte. Stunde um triviale Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, und dann der plötzliche Moment: der Messerstich, die explodierende Granate, der Sturz des Autos von der Brücke.“

Die Gründe für ihren Suizid liegen tief in der Vergangenheit, auf die Iris in sehr ruhig erzählten Passagen zurückblickt. Die Familie Chase war seit Generationen wohlhabend, der Vater ein erfolgreicher Fabrikbesitzer und größter Arbeitgeber in der Gegend. Nach dem Tod der Mutter wachsen die Schwestern in einem Anwesen mit Hausangestellten und Hauslehrern auf, wohlbehütet und als Teil der gesellschaftlichen Elite des kleinen Städtchens Port Ticonderoga. Doch während der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren wird auch die Familie Chase nicht verschont. Um das Vermögen irgendwie zu retten, erhofft sich der Vater Geld durch eine arrangierte Ehe mit einem aufstrebenden Industriellen. Iris wird mit Richard Griffin verheiratet und fügt sich ihrem Schicksal. Sie erlebt physische und psychische Gewalt in ihrer Ehe. Zudem manipulieren Richard und seine Schwester Winifred Iris und entfremden sie von ihrer Familie. Richard kümmert sich kaum um seine Frau, er hat nur seinen eigenen gesellschaftlichen Aufstieg im Sinn. Die Schwestern sind zu einem absolut inhaltsleeren Leben verdammt, sie dürfen mit den Dienstboten Gespräche führen und vielleicht einmal an einem Ladies Lunch teilnehmen – Repräsentation ist das A und O. Laura will sich dieses Leben und Richards Verhalten nicht gefallen lassen. Während eines Picknicks lädt sie Alex Thomas ein, der sich bald als landesweit gesuchter Arbeiteranführer entpuppt. Laura verliebt sich und versucht den jungen Mann auf dem Anwesen zu verstecken. Ohne von Lauras Gefühlen zu wissen, beginnt auch Iris eine Affäre mit dem charismatischen jungen Mann.

„Diese Dinge ereignen sich in einem Augenblick, in einem Wimpernzucken. Das kann nur so sein, weil sie von uns bereits durchgespielt worden sind, immer und immer wieder, in Stille und Dunkelheit; in derartiger Stille, derartiger Dunkelheit, daß wir selbst nichts davon wissen. Blind, aber mit sicherem Schritt, treten wir vor wie in einen Tanz, den wir seit langem im Gedächtnis tragen.“

Atwood gelingt es auf unterschiedlichen Ebenen ein faszinierende Frauenschicksal zu erzählen, dessen Tiefe und Schrecken sich erst nach und nach entfalten. Von der anfänglichen als „glücklich“ heraufbeschworenen Kindheit von Iris und Laura bleibt nicht mehr viel übrig. Und auch Laura hat bei näherem Hinsehen wenig mit dem verehrten Idol der Literaturfans gemein. Hat sie ihren Roman überhaupt selbst geschrieben?

Das Leben der Schwestern wird fast über ein ganzes Jahrhundert hinweg erzählt. Da sind einige kleine Längen nicht von der Hand zu weisen. Die starren Regeln und Konventionen, denen sich gerade junge Frauen beugen mussten, werden durch das Leben von Iris und Laura greifbar und zeigen, was für eine erschreckende Enge innerhalb der Gesellschaft herrschte, auch in den vermeintlich wohlhabenden Kreisen.

Mich hat die Konstruktion des Romans überzeugt. Die Geschichte um den blinden Mörder erinnert mich an spätere Romane von Atwood, in denen sie sich ganz der dystopischen Zukunftsvision verschreibt. Und durch das Erzählen der Geschichte zeigt sich noch etwas anderes : Die beiden Liebenden erschaffen sich eine eigene Welt, in der ihre eigenen Gesetze gelten und in der wiederum ein Mann, eine Geschichte erzählt um eine Frau zu verführen. Allerdings wird sie mit einem Roman berühmt werden, er stirbt im Krieg. Die Verschachtelung des ganzen ist wunderbar gemacht: ihr Roman wurde vorher von ihm erzählt. Zur Unterhaltung, als Mittel der Verführung, als kleine Flucht vor der Realität, in der nur eine unglückliche Ehe wartet. Der blinde Mörder in dieser erzählten Dystopie hat es sich zur Aufgabe gemacht, von der Tempeldienerin zu erzählen, die nicht mehr sprechen kann. Er legt Zeugnis ab für sie und die Geliebte hält die Ideen ihres Liebhabers fest – auch nach seinem Tod. Schreiben und Zeugnis ablegen hat deshalb auch immer mit Machtstrukturen zu tun, in denen sich die Figuren befinden. Am Ende schreibt Iris einen Brief an ihre Enkelin, die ihr schon lange fremd geworden ist. Wer schreibt und erzählt, gewinnt so automatisch die Deutungshoheit in der Situation.

Atwood schreibt wahnsinnig spannend. Man spürt förmlich das Chaos, in dem sich die Protagonisten wiederfinden und es ist klar, dass es kein Happy End geben wird (denn Laura ist schon auf der ersten Seite mit dem Auto verunglückt). Die genauen Verbindungen und Hintergründe werden erst nach und nach deutlich. Welche der beiden Schwestern den Roman geschrieben hat, bleibt bis zum Ende unklar und sorgt für Spannung. Laura bekommt dadurch eine Tiefe, die man ihr vielleicht anfänglich nicht zugetraut hätte und auch Iris, die mit 80 Jahren kaum Geduld mit ihren Mitmenschen hat und zu einer zynischen alten Schachtel geworden ist, verwandelt sich so in eine unglaublich geheimnisvolle Frau.

Margaret Atwood: Der blinde Mörder. Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Walitzek. Berliner Taschenbuch Verlag 2000. 691 Seiten.

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Die Farben des Nachtfalters

Seit mehr als zwanzig Jahren bin ich die erste Frau, über die die Todesstrafe verhängt wurde. Außerdem begegnet man außerhalb eines Romans von Dan Brown nur selten einem mordenden Albino. Und genau das, meine Hautfarbe und die Tat, die mir zur Last gelegt wurde, ließ die anderen Gefangenen erschaudern, wenn sie an mir vorbeigingen. (S.44)

Die Farben des NachtfaltersMemory sitzt im Frauengefängnis Chikurubi, sie soll ihren langjährigen Gönner, Förderer und Freund Lloyd umgebracht haben. Sie ist eine Außenseiterin, nicht nur, weil sie ein Albino ist, sondern auch, weil sie eine der wenigen Mörderinnen ist, die im Gefängnis sitzen und auf die Todesstrafe warten. Die Mitgefangenen begegnen ihr argwöhnisch, denn Memory interessiert sich kaum für die anderen und ist ihnen in vielen Bereichen überlegen. Sie spricht fehlerfreies Englisch und selbst die Wärterinnen können einen gewissen Neid auf Memorys bisherigen Lebensstil und ihre Erfahrungen nicht verbergen. Das geht nicht immer gut aus. Eine Journalistin interessiert sich für ihren Fall und Memory beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Memory wuchs mit einem liebevollen Vater und einer schwierigen Mutter in einem der ärmsten Townships des Landes auf. Die Familie zog oft um und ihr Bruder verstirbt sehr früh. Als sie neun Jahre alt ist, verkaufen ihre Eltern sie an Lloyd, der dem Mädchen eine gute Schulbildung verspricht, die die Eltern sich nicht leisten können. Memory fühlt sich verraten und von ihren Eltern im Stich gelassen. Mussten die Eltern nicht schon genug leiden, als ihr Bruder gestorben ist? Warum schicken sie Memory zu diesem reichen, aber einsamen Mann? Sie versteht nicht, warum Llody sich ausgerechnet für sie entschieden hat. In den Townships, in denen Memory aufwuchs, wurde ihr Zauberei nachgesagt. Anders als ihre Geschwister kann sie nicht draußen spielen ohne Sonnenbrand zu bekommen. Lloyd hat ein großes Herz für Außenseiter, er ist homosexuell und in Simbabwe ist selbst einvernehmlicher Sex unter erwachsenen Männern ein gesellschaftliches Tabu und gesetzlich strafbar. Als Memory von Lloyds Homosexualität erfährt, ist sie angewidert und verlässt ihn ohne Nachzudenken. Bei ihrem nächsten Zusammentreffen ist Lloyd tot.

Neben dieser konfliktreichen Ausgangssituation um Memory im Gefängnis, entfaltet Gappah aber auch eine mythologische Ebene innerhalb der Erzählung. Es geht um den in Simbabwe traditionell vertretenen Glauben an die Ngozi, Rachegötter oder viel mehr Rachegeister, der fester Bestandteil des Lebens in Memorys Umgebung sind und deren Existenz auch mit dem Glaube an christliche Symboliken und Traditionen in Einklang gebracht wird. Durch tragische und unglückliche Verstrickungen und eine Vermischung von Aberglauben und psychischen Belastungssituationen wird der Glaube an die Ngozi zum Dreh- und Angelpunkt in Memorys Geschichte.

„Heute habe ich über den Birkenspanner nachgedacht. Genau wie dieser Nachtfalter musste ich meine Gestalt, meine Farbe ändern, um mich meiner Umgebung anzugleichen. Ich bin genau wie er blindlings hin und her geflattert, habe immer wieder die Farbe gewechselt im Bestreben, mich anzupassen, zu überleben. Vielleicht ist das ja schon genug – dass ich mich fürs Überleben entschieden habe. Dafür, wieder von vorne anzufangen, ob hier drin oder dort draußen, aber stets im Bewusstsein der Wahrheit. Vielleicht reicht das ja schon.“ (S. 337)

Petina Gappah hat einen Roman geschrieben, in dem es um Verrat, Liebe, Schicksal und ein Leben zwischen Traditionen und Moderne in Simbabwe geht. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse, das geht alles etwas schnell, aber führt auch zu einer spannenden Frage: Kann Memory (!) überhaupt sicher sein, dass ihre Erinnerungen stimmen? Und wie kann ein Leben weiter gehen, wenn man feststellt, dass man eine einzige Erinnerung in seinem Leben komplett falsch gedeutet hat? Petina Gappah hat einen tollen Roman geschrieben, der nicht nur ans Herz geht, sondern auch einen interessanten Einblick in das Simbabwe der 1970er Jahre bis heute liefert. Wirklich gelungen.

 

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters (Book of Memory). Arche 2015. 352 Seiten.

All die Jahre

Es soll ein großes Abenteuer werden. Nora und Theresa Flynn wandern von Irland nach Amerika aus. Noras Verlobter Charlie ist schon vor Ort und wartet auf die beiden Schwestern. Aber dann kommt alles ganz anders als gedacht und Nora und Theresa sprechen mehrere Jahrzehnte nicht mehr miteinander.

All die JahreAll die Jahre ist ein Familienroman und gleichzeitig auch eine Geschichte einer Auswanderung, die zu scheitern droht. Während in ihrem irischen Dorf alles klar geregelt war, sehen sich die Schwestern in Boston mit vielen neuen Freiheiten konfrontiert, mit denen sie nie gelernt haben umzugehen. Nora reißt sich zusammen. Sie weiß, dass sie Charlie heiraten soll, auch wenn sie ihn nicht liebt. Das hatten die Familien schon in Irland abgesprochen. Nora ist ihr eigenes Leben weitestgehend egal. Sie erfüllt ihre Pflicht, arrangiert sich mit ihrer Ehe und hält nichts von Tagträumereien. Nora glaubt daran, dass es Theresa besser haben soll. Für ihre Schwester sollen in Boston alle Türen offen stehen, hier kann sie Lehrerin werden, immerhin war Theresa die beste Absolventin der Dorfschule. Aber Noras Plan geht nicht auf.

Theresa stürzt sich in ihre neue Freiheit und wird von einem verheirateten Mann schwanger. Der Vater des Kindes interessiert sich wenig für Theresa, er hat ja bereits eine eigene Familie. In den 1950er Jahren und im katholischen Umfeld der Schwestern ein Skandal. Nora zwingt die 18-jährige Theresa dazu, das Kind im Geheimen auf die Welt zu bringen, zusammen mit Charlie adoptiert sie dann den Sohn ihrer Schwester. Nora ist 21 und damit volljährig und darf entscheiden, was mit ihrem Neffen passiert. Sie erfüllt ihre Pflicht, glaubt sogar  daran, Theresa einen Gefallen zu tun. „Nora hat sich das Baby einfach genommen“, denkt Theresa. Die Schwestern werden fast fünfzig Jahre nicht miteinander reden.

Ihr Leben lang hatte ihre Schwester sie zähmen wollen, hatte versucht, sie für die Welt zurechtzumachen. Nora hatte einen dummen Mann geheiratet, den sie nicht liebte. Wieso machte die Tatsache seiner Existenz aus ihr eine bessere Mutter, als Theresa es für ihren eigenen Sohn war? (S. 104)

All die Jahre ist der dritte Roman von J. Courtney Sullivan, Sommer in Maine steht hier im Moment noch ungelesen im Regal. Aus verschiedenen Blickwinkeln und mit langen Rückblicken wird die Familiengeschichte der Schwestern erzählt. Geheimnisse und versteckte Vorwürfe gehören selbstverständlich zum Familienalltag der Raffertys.

Da gibt es John, einen aufstrebenden Politiker, der gemeinsam mit seiner Frau, die sich für etwas besseres hält, ein chinesisches Mädchen adoptiert hat; Bridget, die lesbisch ist und darüber nicht mit ihrer Mutter sprechen kann, obwohl sie seit Jahren mit ihrer Freundin zusammenlebt und mit ihr ein Kind plant; Brian, der nichts auf die Reihe kriegt und in der Bar seines Bruders Patrick arbeitet. Und da ist Patrick, das Lieblingskind von Nora – der Sohn von Theresa.

Im Haus ihrer Kindheit und Jugend waren Verdrängung und Unterdrückung von Gefühlen üblich. Nora und Charlie schliefen in getrennten Betten. Insgeheim nannten Bridget und John sie deshalb Ernie und Bert. (S.154)

Auch wenn bei den Raffertys nicht alles rund läuft, treffen sich die Geschwister regelmäßig und versuchen den Kontakt untereinander zu halten. Obwohl die Kinder in der amerikanischen Gesellschäft längst angekommen sind, können Charlie und Nora nicht von der alten Heimat lassen, Nora glaubt auch Jahre nach der Auswanderung noch daran, dass sie irgendwann zurückkehren wird. Als sie nach Jahrzehnten wieder die grüne Insel betritt, merkt sie selbst, dass sie sich etwas vorgemacht hat.

Offene Gespräche innerhalb der Familie sucht man vergebens. Weder kann Bridget ihrer erzkatholischen Mutter begreiflich machen, dass ihre Freundin nicht ihre Mitbewohnerin ist, noch hat Nora mit ihren Kindern darüber gesprochen, dass Patrick der Sohn ihrer Schwester ist. Und auch John und Patrick konkurrieren seit Jahren um die Anerkennung der Mutter. Nora zeigt wenig Gefühle und auch zu ihrer Schwester hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Theresa lebt als Nonne in einem Kloster, weitestgehend abgeschieden von der Welt. Als es zu einem Trauerfall in der Familie kommt, kündigt sich überraschend Theresa an.

Sullivan schreibt sehr locker und handwerklich versiert, eine Geschichte, die keine großen Überraschungen bereit hält. Außerdem gibt sie spannende Einblicke in die irische Auswanderercommunity in den 1960er Jahren in Boston. Durch die Perspektivwechsel zwischen Theresa und Nora und die verschiedenen Zeitsprünge ergibt sich so ein unterhaltsamer Familienroman, den man sehr schnell wegschmökern kann. Sullivan schafft es auch, Nora, die viele versteckte Probleme mit sich herum trägt und mir als Leser*in unglaublich fremd ist, als Figur zu gestalten, die fast sympathisch darin wirkt, unbedingt das richtige tun zu wollen.

Thematisch erinnert die Story ja auch ein bisschen an die Erfolgsserie Call a Midwife, die im London East End der 1950er Jahre spielt und in der sich die Hebammen und Nonnen neben den ständigen Hausgeburten häufig mit ähnlichen Problemlagen konfrontiert sehen wie die Geschwister Nora und Theresa – mit einer ungewollten Schwangerschaft. Allerdings wirken die Figuren hier noch glatter als in der BBC-Erfolgsproduktion. Und für diejenigen, die die Serie kennen, wird vielleicht deshalb klar, weshalb ich diesen Roman nicht schlecht fand, aber eben auch nicht fantastisch gut.

J. Courtney Sullivan – All die Jahre (Saints for all Occasions). Aus dem Englischen von Henriette Heise.  Deuticke im Paul Zsonlay Verlag Wien 2018. 460 Seiten.

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Lied der Weite

Mit dem Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ hat der amerikanische Schriftsteller Kent Haruf viele Leser*innen begeistert, der Roman wurde mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt. Es geht um zwei Menschen, die sehr einsam sind und beschließen, etwas gegen ihre Einsamkeit zu unternehmen. 2014 verstarb Kent Haruf.

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Im Diogenesverlag erscheint jetzt ein neuer – alter – Roman des Schriftstellers, der bereits 2001 unter einem anderen Titel bei Goldmann verlegt wurde. Der neue Titel „Lied der Weite“ ist dabei  deutlich näher am Originaltitel „Plainsong“. Der Roman ist ruhig, der Grundton melancholisch.

 

 

 

 

Die Tür in der gegenüberliegenden Wand war geschlossen. Das Mädchen war nach dem Abendessen in ihr Zimmer gegangen, und seitdem hatten sie nichts mehr von ihr gehört. Sie wussten nicht, was sie davon halten sollten. Im Stillen fragten sie sich, ob alle siebzehnjährigen Mädchen nach dem Abendessen verschwanden. (S.167)

Es geht um Victoria, die mit 17 Jahren ungewollt schwanger wird. Ihre Mutter setzt sie vor die Tür. Zum Glück hilft ihr eine Lehrerin und bringt das Mädchen kurzerhand bei zwei alten Viehzüchtern unter, den Brüdern McPheron. Die brummigen Männer geben sich zwar Mühe, aber das Zusammenleben mit Victoria verläuft nicht ohne Schwierigkeiten.

Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um zwei Brüder, Bobby und Ike, die von ihrer depressiven Mutter vernachlässigt werden. Der Vater hat die Familie verlassen, kümmert sich aber noch jede zweite Woche um die Jungs. Ihre Mutter liegt nur noch im Bett und die beiden Brüder suchen sich einen Nebenjob um ihrer Mutter eine Freude zu machen. Sie kaufen ein Parfüm, es heißt „Evening in Paris“.

Langsam löste sie die Schleifen, wickelte das bunte Papier ab. Als sie sah, was in den Schachteln war, fing sie an zu weinen. Die Tränen rannen ihr über die Wangen, sie kümmerte sich nicht darum. O mein Gott, sagte sie. Mit den Schachteln in den Händen umarmte sie weinend die beiden Jungen. O mein Gott, was soll ich nur machen.

Kent Haruf lässt sämtliche seiner sechs Romane in der fiktiven Kleinstadt Holt spielen. Hier passiert nicht viel. Es gibt Schlägereien, Gewalt in der Familie, einen Lehrer, der versucht alles richtig zu machen und dabei doch vieles falsch macht, eine Lehrerin, die ein Mädchen rettet und nebenbei verendet auch noch ein Pferd.

Die Themen Gewalt in der Familie, Alkoholismus und Einsamkeit, erleben fast alle Protagonist*innen der Geschichte. Trotzdem gibt es immer wieder überraschende Momente der Menschlichkeit, wenn sich Figuren gegenseitig helfen ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Lied der Weite ist eine sehr ruhige Geschichte. So idyllisch (trotz der schwierigen Themen), dass ich anfänglich gar nicht genau wusste, in welcher Zeit die Handlung spielt. Es gibt kein Internet, Handys werden nicht erwähnt, stattdessen ist von Viehzüchtern und Farmen und dem weiten Land die Rede. Kein Wunder, dass die Kleinstadt Holt ein wenig anachronistisch anmutet. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass letztlich in Holt immer noch „alles in Ordnung“ ist. In Notlagen helfen sich die Menschen und greifen dabei auch auf ungewöhnliche Lösungen zurück. Victoria wird geholfen und zwar innerhalb der dörflichen Strukturen, die in Holt bestehen und ohne dass sich irgendjemand einmischt, der nicht dazugehört. Das liest sich sehr schön, aber vor allen Dingen auch sehr melancholisch. Vielleicht, weil es solche Strukturen heute nur noch selten gibt? Mir hat der Roman gerade deshalb sehr gefallen.

Kent Haruf – Lied der Weite. Diogenes 2017.

Ich bedanke mich bei Diogenes und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar.

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Hallo 2018!

In den letzten Wochen ist es hier ein bisschen stiller geworden. Ich war im Urlaub auf der Lieblingsinsel (Norderney), habe da Milchreis gegessen und bin am Strand spaziert, ich habe viele Bücher gelesen und mich ansonsten wenig mit Social-Media und dem Blog beschäftigt. Aber jetzt bin ich wieder da und freue mich auf das neue Lesejahr mit euch.

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Auch wenn das neue Jahr schon zwei Wochen alt ist, möchte ich noch einmal einen Blick zurückwerfen. Im letzten Jahr habe ich mich mit vielen verschiedenen Romanen beschäftigt. Insgesamt 66 Bücher habe ich gelesen, darunter waren nur 27 Frauen* – für 2018 nehme ich mir auf jeden Fall vor, mehr Schriftsteller_innen zu lesen. Und natürlich möchte ich weiter Bücher lesen, in denen Nirvana, bzw. Kurt Cobain thematisiert werden und es auch schaffen, darüber zu schreiben.

Als ich diesen Beitrag vorbereitet habe, bin ich alle Bücher durchgegangen, die ich im letzten Jahr gelesen habe. 2017 ist zu meinem John-Irving-Jahr geworden (12 Romane und Kurzgeschichten habe ich von ihm gelesen und geliebt). Ich musste zwar auch fast 30 werden, um einmal einen Roman von ihm in die Hand zu nehmen, aber besser spät als nie. Ich denke, ich werde noch einen neuen Blogbeitrag nur zu meiner Schriftsteller_innenentdeckung des Jahres schreiben.

Welche Autor_innen habt ihr 2017 entdeckt?

Ich habe in diesem Jahr wirklich viele tolle Romane gelesen. Allerdings sind mir einige Bücher besonders im Gedächtnis geblieben, deswegen gehören sie zu meinen Highlights des Jahres 2017.

Jahresrückblick 1

Und es schmilzt von Lize Spit

Eva hat Bovenmeer vor Jahren verlassen. Irgendwo zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln ist sie in diesem Dorf aufgewachsen, ihre besten Freunde waren Pim und Laurens. Nach 13 Jahren kehrt sie in ihr Heimatdorf zurück. In ihrem Kofferraum befindet sich ein riesiger Eisklotz.

Es gibt Romane, die lassen einen einfach nicht mehr los. Atemlos folgt man Eva auf ihre Reise in die Vergangenheit und in eine Kindheit, die von Verwahrlosung und einer schockierenden Gewaltspirale geprägt wurde. Die Dramaturgie die der Geschichte zugrunde liegt, ist genial und auf den Punkt konstruiert. Und es schmilzt ist so eine Geschichte, die dich mit Haut und Haar einsaugt und dann wieder auskotzt. Das macht dieses Debüt so faszinierend, auch wenn ich bisher keine ähnlich verstörende Geschichte gelesen habe.

Das Ministerium des äußersten Glücks von Arundhati Roy

Ganze zehn Jahre mussten begeisterte Leser*innen auf Arundhati Roys Roman warten. Warum mich ihr neuer Indienroman begeistert hat, könnt ihr hier nachlesen.

Der Traum des Kelten von Mario Vargas Llosa

In diesem historischen Roman verhandelt der Nobelpreisträger das Leben des Aufklärers Roger Casement, der im Auftrag der britischen Regierung einen Bericht über die Grausamkeiten der Kolonialherren im Kongo verfasste und so für internationales Aufsehen sorgte. Bei einem Aufenthalt in Peru dokumentierte er die Zwangsarbeit der Uitotos, die von einem britischen Kautschukunternehmen ausgebeutet wurden.  Außerdem trat er für die irische Unabhängigkeit ein. 1916 wurde Casement wegen Hochverrats gehängt. Ein toller Roman um eine umstrittene historische Figur, den ich sehr gerne gelesen habe.

Nachtlichter von Amy Liptrot

Ein Roman über Sucht und Heilung und die raue Schönheit der Orkney-Inseln. Meine Rezension findet ihr hier.

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry

Ironisch, leichtfüßig, spielerisch – Divry schreibt gekonnt über ein schweres Thema. Toll. Mein Rezension findet ihr hier.

Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre

Ein Roman über eine besondere Freundschaft, der mich begeistert hat. Meine Rezension findet ihr hier.

Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

Vom zartrosablauen Cover sollte sich niemand täuschen lassen. Emily St. John Mandel schreibt atmosphärisch dicht und erschreckend realistisch über die Folgen einer Grippepandemie, an der fast die komplette Menschheit stirbt. Gekonnt wechselt die Perspektive von der Gegenwart in die Zukunft und dreht sich um die Laienschauspieler einer über die Lande fahrenden Shakespeare-Company.

Swing Time von Zadie Smith

Ballett, Rassismus, eine Frauenfreundschaft, die kaputt geht … Zadie Smith hat einen ziemlich genialen Roman geschrieben, eine ausführliche Rezension gibt es hier.

 

Lize Spit: Und es schmilzt. S. Fischer 2017| Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks. S. Fischer 2017| Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten. Suhrkamp 2011| Amy Liptrot: Nachtlichter. btb 2017 |Sophie Divry: Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ullstein 2017 | Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben btb 2017. | Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage. Piper 2015. | Zadie Smith: Swing Time. Kiepenheuer&Witsch 2017.

Nordkorea – Innenansichten eines totalitären Staates

Vor Kurzem hatte ich euch schon von meinem englischen Bookclub erzählt. Anfang des Jahres haben wir Nothing to envy Barbara Demick gelesen. Ein Buch, in dem nordkoreanische Geflüchtete zu Wort kommen und ihre Schicksale beschreiben. Leider erfährt man als Leser*in trotzdem sehr wenig über das ohnehin abgeschottete Land. Ich habe also nach einem Buch gesucht, das mir in dieser Hinsicht eine bessere Alternative bieten kann.

IMG_20171211_162449Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien und Vorstand des dortigen Instituts für Ostasienwissenschaften. Geht es um Nordkorea, ist er einer der prominentesten deutschsprachigen Experten. Der gebürtige Leipziger studierte bis kurz nach dem Mauerfall in Ostberlin Koreanistik bei Helga Picht, einer ausgewiesenen Nordkoreakennerin, die unter anderem bei Treffen zwischen Honecker und Kim Il-Sung als Übersetzerin dabei war. Durch die guten Kontakte von Picht, durfte Frank 1991/1992 für ein Auslandssemester nach Pjöngjang an die Kim-Il-Sung-Universität reisen, weil es Absprachen zwischen der DDR und Nordkorea zum Austausch von Studierenden gab, die auch nach dem Mauerfall noch gültig waren. Seitdem war Frank mehrfach in Nordkorea und seine Beobachtungen fließen auch immer wieder in das Buch mit ein. Er schreibt selbst, dass er als ehemaliger DDR-Bürger vom Mauerfall überrascht war – deshalb versucht er sich mit Vorhersagen zur Entwicklung des Landes zurückzuhalten.

Man braucht schon ein dickes Fell, wenn man sich über Nordkorea äußert, denn unabhängig vom politischen Lager und dem tatsächlichen Wissen scheint so gut wie jeder eine feste Meinung dazu zu haben. Eine differenzierte Haltung wird oft heftig abgelehnt. Das Land hat gefälligst schwarz und weiß zu sein. (S.12)

Dass diese Schwarz-Weiß-Schablone auf ein so komplexes Land nicht immer ohne Weiteres passt, versucht Frank in seinem Sachbuch darzustellen. Er nähert sich dem Phänomen Nordkorea auf etwas über 400 Seiten ziemlich anschaulich und versucht in neun differenzierten Kapiteln auch die (zum Teil auch paradoxen) Entwicklungen des Landes zu analysieren. Zum einen beschreibt Frank die spezielle nordkoreanische Ideologie die dem politischen System zugrunde liegt, er beschreibt die Wirtschaft des Landes und welches Reformpotenzial er unter Kim Jong-un tatsächlich sieht. Dieses Kapitel hat mich besonders überrascht, denn anders als ich anfänglich gedacht habe, deuteten sich zumindest seit den 2000 Jahren vorsichtige Änderungen innerhalb des Systems an, gerade wenn man sich die wirtschaftliche Entwicklung ansieht. Nun ist Frank Experte für wirtschaftliche Fragen und wahrscheinlich beschreibt er deswegen auch in einem ganzen Kapitel den Aufbau und das vorläufige Scheitern einer Sonderwirtschaftszone zwischen Nord- und Südkorea, das war mir etwas zu lang. Zudem ist das Sachbuch im Januar 2017 in der aktualisierten Auflage erschienen, die seit dem andauernden Raketentests oder das angespannte Verhältnis zu den USA wird nur am Rande gestreift. Zum anderen ergänzt Frank immer wieder Erlebnisse und eigene Beobachtungen von seinen Reisen nach Pjöngjang, die mir besonders gut gefallen haben. Ein Kapitel widmet sich zum Beispiel ganz dem Arirang, eine Art jährlichem ideologischen Massenspektakel zur Feier des Landes, das Frank besuchen konnte. Weiterführende Literaturhinweise (die man nicht vernachlässigen sollte) sind auf 30 Seiten Anmerkungen enthalten.

Ich habe vor Kurzem die Graphic Novel Pjöngjang von Guy Delisle gelesen, die ich sehr gelungen finde. Delisle ist 2003 nach Pjöngjang gereist. In seiner Graphic Novel gelingt es ihm mit einem sehr minimalistischen Zeichenstil Pjöngjang aus der Perspektive eines Ausländers zu beschreiben. Delisle durfte ohne Dolmetscher und offizielle Regierungsbeauftrage nicht einmal sein Hotel verlassen, obwohl er im Auftrag seiner Firma die Animationsarbeiten an einem Trickfilm überprüfen und anleiten sollte. In der Graphic Novel wird die Enge und gleichzeitige Leere der Stadt sehr anschaulich geschildert sowie die Überwachung und Kontrolle anderer Regisseure, die Kindertrickfilme für die westliche Welt produzieren. Neben absurd erscheinenden Museen, in denen die Größe von Kim Jong-un und seinem Vater beschrieben werden, sieht Delisle wenig von Pjöngjang, geschweige denn vom restlichen Teil des Landes. Aber da geht es den Südkoreaner*innen nicht anders.

Allein im Jahr 1987 gab es 1,3 Millionen Besuche von DDR-Bürgern in der BRD und Westberlin. Die Zahl der Nordkoreaner, die legal Südkorea bereist haben, kann man an wenigen Händen abzählen. (S. 353)

Frank hat da einen deutlich differenzierteren Blick und mehr Möglichkeiten, das Land zu betrachten. Besonders gefallen haben mir die ersten Kapitel, in denen der Wissenschaftler auf typische koreanische Traditionen und geschichtliche Entwicklungen des Landes (die Erfahrungen der japanischen Kolonialisierung und die damit einhergehende Unterdrückung der eigenen Sprache und der erzwungenen Verehrung des japanischen Kaisers als Gott; der Koreakrieg) sowie die Verbindungen zum totalitären Regime eingeht. Der Personenkult um Kim Il-sung und seinen Sohn Kim Jong-il geht sogar so weit, den beiden übernatürliche Fähigkeiten zuzusprechen; von Wunderheilungen und hellen Sternen bei der Geburt des Sohnes sowie aufsteigenden Kranichen (wichtige Symbole im Konfuzianismus) ist da die Rede.

Die in Schulzeugnissen an oberster Stelle gelisteten fünf Schulfächer sind „Revolutionäre Aktivitäten des Großen Führers Generalissimo Kim Il-Sung“, „Revolutionäre Geschichte des Großen Führers Generalissimo Kim Il-Sung“, „Revolutionäre Aktivitäten des Großen Führers General Kim Jong-il“, „Revolutionäre Geschichte des Großen Führers General Kim Jong-il“ und „Revolutionäre Geschichte der antijapanischen Heldin Mutter Kim Jong-suk.“ (S.62)

In Nordkorea verbindet sich eine Vielzahl ideologischer Strömungen, die sich mit dem Begriff „Kimilsungismus-Kimjongilismus“ zusammenfassen lassen. Was erst einmal total absurd klingt, erklärt Frank mit dem Verweis auf Konfuzianismus und dem Glauben an das Kollektiv und der Notwendigkeit eines Führers, der das Kollektiv leitet, wodurch der Mensch „Herr über alles“ werde. Es ist sehr interessant zu lesen, wie Frank diese spezielle nordkoreanische Haltung als „frontale[n] Angriff auf Marx“ (S.98) deutet, der immerhin an eine Art „Naturgesetz“ der menschlichen Gesellschaft und ihrer Entwicklung glaubte. Auch wenn ich für einige Kapitel ein bisschen länger gebraucht habe, waren diese grundlegenden Erklärungen der Organisation der nordkoreanischen Gesellschaft sehr spannend zu lesen.

Gut finde ich auch, dass Frank keinesfalls zu wissenschaftlich schreibt, sondern durchaus für die interessierten Leser*innen. Ihm gelingt es, immer wieder eigene Anekdoten und Erlebnisse seiner Reisen einfließen zu lassen. Zudem verdeutlicht er sehr gut, welche Gerüchte über Nordkorea ins Reich der Mythen gehören, scheut sich aber auch nicht, zuzugeben, dass viele Insiderinformationen über das Land auch von ihm nicht überprüfbar sind. Insgesamt hätte ich mir ein paar konkretere Einblicke in das Leben der „normalen“ Menschen gewünscht, allerdings bekommt man diesen Einblick gut durch Barbara Demicks Buch und Frank ist eben Professor für Gesellschaft und Wirtschaft und hat deswegen auch einen klaren Fokus auf wirtschaftliche Entwicklungen, die ich aber dennoch sehr spannend fand. Außerdem gefällt mir gut, dass Frank versucht eine für uns  so unbegreifliche Gesellschaft, die so häufig parodiert wird, weil man sich die Absurditäten des Alltags einfach nicht vorstellen kann, ein wenig begreifbarer zu machen. Ich lese selten Sachbücher, aber wenn ihr euch für Nordkorea interessiert, bekommt ihr mit diesem Buch einen wirklich gelungenen und gut zu lesenden Einblick in dieses abgeschottete Land.

Rüdiger Frank: Nordkorea. Innenansichten eines totalitären Staates. Pantheon 2017.

Wir sehen uns dort oben

Wir sehen uns dort oben II

 

Alles in allem war ja ein Krieg nie etwas anderes als der Versuch einer systematischen Tötung auf einem Kontinent. (S.55)

Die beiden Helden der Geschichte trifft man auf den ersten Seiten im Schützengraben liegend an, es ist Winter 1918 und nur langsam gehen die letzten Wochen bis zum Waffenstillstand im November ins Land. Auf den ersten Seiten des Romans wird der Krieg so brutal und grausam geschildert, wie man es sich nur vorstellen kann. Der Auftakt des Romans bildet die Basis für alle folgenden Entwicklungen, eine verbrecherische Aktion eines Vorgesetzten kettet das Leben von sehr unterschiedlichen Menschen auf ewig zusammen.

Im Wesentlichen geht es um drei Figuren, die schon auf den ersten fünfzig Seiten aufeinandertreffen:  Henri d’Aulnay-Pradelle, Leutnant der französischen Infanterie,  ist der Vorgesetzte des Soldaten Albert Maillard. Er schickt seine Soldaten in einen Kampf, der eigentlich schon gelaufen ist. Albert, ein schüchterner Bankangestellter, der noch nie mit einem Mädchen ausgegangen ist, wird an diesem grauen Novembermorgen in einem Bombentrichter verschüttet. Neben ihm liegt ein verwesender Pferdekopf, um ihn herum ist nur noch Erde und Matsch. Der Tod naht. Nur durch Zufall wird sein aus der Erde ragendes Bajonett von seinem Kameraden Édouard Péricourt entdeckt, der daraufhin beginnt, Albert auszugraben. Weil er gerade dabei ist, seinem Kameraden das Leben zu retten, wird Édouard von einem Granatensplitter getroffen, der ihm das halbe Gesicht wegreißt. Der angehende schwule Künstler, der aus einer einflussreichen Bankerdynastie kommt, wird den Rest seines Lebens mit einem entstellten Gesicht und verschmorten Stimmbändern herumlaufen. Albert und Édouard überleben, sind aber schwer gezeichnet.

Im Lazarett stellt Édouard klar, dass er in seinem Zustand auf keinen Fall nach Hause zurückkehren kann. Lieber stirbt er. Jetzt ergreift Albert die Initiative und kümmert sich aufopferungsvoll um den Verwundeten. Er besorgt ihm sogar eine neue Identität, damit Édouard keinen Gedanken mehr an seine Familie verschwenden muss, der er sich in seinem Zustand auf keinen Fall zeigen kann. Die alten Kameraden bleiben auch nach dem Krieg zusammen – und sind weitestgehend auf sich allein gestellt.  Édouard beginnt sich Masken zu basteln, damit niemand sein entstelltes Gesicht sehen muss.

Man hatte langsam die Nase voll von diesen Helden! Außerdem waren die wirklichen Helden tot! (S.155)

Auf die Kriegsheimkehrer wartet in Paris der gesellschaftliche Untergang. Keine finanzielle Hilfe, also kein Geld für Medizin oder die Miete. Pierre Lemaitre, der zuvor Kriminalgeschichten geschrieben hat, malt ein ziemlich düsteres Bild der französischen Nachkriegsgesellschaft.

Die Zeit, in der die Politiker mit der Hand auf dem Herzen erklärten, der Staat sei ’seinen lieben Frontsoldaten zu Ehre und Dank verpflichtet‘, war längst vorbei. Albert hatte ein offizielles Schreiben erhalten, in dem es hieß, die wirtschaftliche Situation des Landes erlaube es nicht, ihm seine alte Stelle zu geben. Deshalb sei es notwendig, all jene aus dem Dienst zu entlassen, die ‚unserem Land in diesem grausamen Krieg einen bedeutenden Dienst‘ erwiesen hätten und so weiter. (S.158)

Allerdings gibt es einen Mann, der vom Krieg profitiert. Der ehemalige Leutnant Pradelle, der Mitschuld an dem Unglück von Albert und Édouard trägt,  macht das Geschäft seines Lebens mit der Umbettung von Toten durch die Armee auf eigens eingerichtete Soldatenfriedhöfe und wird so zum Millionär. Sein Trick: wenn man die Leichen klein faltet oder wahlweise hackt, kann man die Särge kleiner bauen und so mehr Tote auf einem Friedhof unterbringen. Und wenn man polnische Totengräber anheuert, sind sie günstiger als französische. Außerdem lernt Pradelle eine hübsche Frau kennen, die Geld hat und einen Namen, den er auch gerne hätte. Dass Pradelle dabei ist, in Edouards Familie einzuheiraten, weiß der Leutnant nicht.

Brutal, kaltblütig, kaltherzig, fies, geldgeil – zu Pradelle fallen mir diverse Adjektive ein. Dass die Freunde Albert und Édouard allerdings selbst einen eigenen Coup starten, der Pradelles Unternehmen in den Schatten stellt, ist ein grandioser Streich von Lemaitre, der das Kriegsdrama im zweiten Teil in eine Gaunerkomödie verwandelt (ohnehin weicht die Schwere des Anfangs, die Verstrickungen von Pradelle mit der Schwester von Édouard gehen schon fast ins schlagerfilm-/operettenhafte).

Albert und Édouard planen Kriegsdenkmäler zu verkaufen. Jedes Dorf braucht ein Kriegsdenkmal und der Künstler Édouard malt die Szenen des Krieges so schablonenförmig, wie die Öffentlichkeit sie gerne hätte. Denn wen interessiert schon, wie es wirklich gewesen ist?  In einer Gesellschaft, in der Tote mehr wert sind, als die Überlebenden, eine ziemlich lukrative Angelegenheit.

Pierre Lemaitre ist für den Roman Wir sehen uns dort oben 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, der Roman war ein Bestseller in Frankreich. Kein Wunder, denn die Geschichte über diese besondere Freundschaft von zwei Außenseitern nach dem Ersten Weltkrieg ist grandios auf den Punkt und wirklich mitreißend geschrieben. Absolute Leseempfehlung.

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben. Aus dem Französischen von Antje Peter (Titel der Originalausgabe: Au revoir lá-haut). btb 2017.