Gefunden – Brücken bauen

„Nun, so wie ich mir denke, sind wir alle mehr oder weniger gleich, die Frage ist nur, wie man uns zusammenbringen kann. Einmal, im Orient, hörte ich die Geschichte von zwei Architekten, die sich gemeinsam auf die Reise zu Buddha machten. Ihnen war bei ihren Projekten das Geld ausgegangen und sie hofften, dass Buddha etwas für sie tun könnte. ‚Nun, ich werde sehen, was sich machen lässt‘, sagte Buddha und machte sich auf, ihre Werke zu begutachten. Der erste Architekt baute eine Brücke, und Buddha war sehr beeindruckt. ‚Das ist eine sehr gute Brücke‘, sagte er und begann zu beten. Plötzlich erschien ein großer weißer Stier, der auf seinem Rücken genügend Gold trug, um die Brücke zu vollenden. ‚Nimm es‘, sagte Buddha, ‚und baue noch mehr Brücken.‘ Und so ging der erste Architekt sehr glücklich von dannen. Der zweite Architekt baute eine Mauer und als Buddha sie sah, war er genauso beeindruckt wie von der Brücke. ‚Das ist eine sehr gute Mauer‘, sagte er feierlich und begann erneut zur beten. Plötzlich erschien der heilige Stier, trabte zu dem zweiten Architekten und setzte sich auf ihn.“

Harold bracht in so schallendes Gelächter aus, dass er fast vom Baum gefallen wäre. „Ohhh, Maude!“, rief er. „Das hast du dir ausgedacht.“

„Nun“, sagte Maude, die ebenfalls lachte, „es ist die Wahrheit. Die Welt braucht keine Mauern. Wir müssen viel mehr Brücken bauen!“

 

Colin Higgins – Harold und Maude (1971). Übersetzt von Marcel Keller. Penhaligon 2007

 

Buch-Date III

mein-kleiner-orangenbaumIch habe beim Buch-Date mitgemacht und Romane empfohlen und drei spannende Empfehlungen von Tausend bekommen. Und dann habe ich mich für den kleinen Orangenbaum entschieden, denn die anderen Empfehlungen trafen meinen Buchgeschmack leider so gut, dass ich sie schon kannte. :)

Ich sollte einfach öfter mal Literatur aus Südamerika lesen. Irgendwie habe ich da einen blinden Fleck. Überhaupt ist meine Lektüreauswahl sehr englisch/deutschsprachig. Das sollte ich dringend mal ändern. Dank der Empfehlung von Tausend, habe ich jetzt auch mal ein wenig meinen literarischen Horizont erweitert.

In dem Roman Mein kleiner Orangenbaum geht es um den kleinen Sesé und ein Jahr in seinem Leben, in dem sich viele für ihn elementare Veränderungen abspielen, die von seiner Umgebung noch nicht einmal bemerkt werden. Sesé lebt mit seiner Familie in Bangu. Die Familie hat nicht viel Geld und weil der Vater seinen Job verliert, muss die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen. Als Belohnung dürfen sich die Kinder je einen Baum im Garten aussuchen, aber Sesé ist zu langsam und ihm bleibt nur ein mickriger Orangenbaumwinzling. Eine ziemlich Enttäuschung für den intelligenten Jungen, der sich mit gerade einmal fünf Jahren schon selbst das Lesen beigebracht hat.

In Sesés Familie gehört Gewalt zum Alltag und das ist nicht einfach zu  lesen. Sesé allerdings, geht kreativ mit seiner Situation um und legt einen unerschütterlichen Optimismus an den Tag. Ich habe mich oft gefragt, woher der Junge in seiner Situation seinen Lebensmut nimmt. Aber Sesé hat viel Fantasie und auch ein Talent dafür, Streiche auszuhecken. Weil er bezüglich seines Alters ein wenig flunkert, darf er auch schon zur Schule gehen. Dort ist er zwar der kleinste, aber auch der intelligenteste Schüler. Langweilig wird ihm selten. Ein öder Garten wird für ihn im Handumdrehen zum Zoo und seinem kleinen Bruder erzählt er jede Geschichte, die ihm gerade in den Sinn kommt. Für die Familie bleibt Sesé aber das „Teufelskind“ und er hat einen unglaublich schweren Stand. Ein Lichtblick bleibt die Schule und seine Lehrerin.

Wenn man ihr auch immer wieder erzählte, ich sei der übelste Bengel aus meiner Straße – sie glaubte es nicht. Sie glaubte auch nicht, dass keiner so viele Schimpfwörter wisse wie ich. Dass kein Straßenjunge es mit mir aufnehmen könne, sie glaubte es einfach nicht. In der Schule war ich ein Engel. (S.115)

Vom Teufelskind zum Engel – und das oft an einem einzigen Tag. Kein Wunder, dass es Sesé nicht besonders gut geht. Aber als er den „besten Menschen von der Welt“ kennen lernt und außerdem noch Freundschaft mit seinem winzigen Orangenbaum schließt, der sogar mit ihm spricht, scheint sich sein Leben um 180 Grad zu drehen.

Der brasilianische Schriftsteller José Mauro de Vasconcelos schrieb den autobiografisch inspirierten Roman innerhalb weniger Tage. Leider kann ich kein Portugiesisch und konnte das Buch auch nicht auf Englisch finden (bzw. nur zu sehr überhöhten Preisen), deswegen musste die deutsche Übersetzung herhalten. Ich hatte vorher keine genaue Vorstellung von diesem Roman und ich möchte auch nicht den Fehler machen, euch zu viel zu verraten.

Mein kleiner Orangenbaum ist ein toller Roman, poetisch erzählt und gleichzeitig auch sehr traurig. Während ich in einem Kapitel vor Lachen unter dem Tisch liege, weil Sesé eine herzerfrischende Naivität an den Tag legt, muss ich drei Seiten weiter erst einmal schlucken, weil die Situation für Sesé so unfassbar ungerecht ist.  Der kleine Orangenbaum wird Sesés Vertrauter und sein Freund – während es der Familie kaum gelingen mag, Sesés Talent zu erkennen. Stattdessen wird der Junge sehr viel alleine gelassen und muss viele Dinge mit sich selbst ausmachen. Stilistisch ist eine eher minimalistische Schreibweise angesagt, die zu Sesés Art passt, die Welt zu erklären. Wenig Schnörkel, dafür eine Direktheit, die manchmal weh tut. Das Ende, so viel kann ich verraten, geht richtig ans Herz. Mit 199 Seiten ist der Roman nicht sehr lang, aber er gehört zu diesen wirklich seltenen Büchern, von denen ich mir nicht vorstellen kann, sie jemals zu vergessen.

José Mauro de Vasconcelos – Mein kleiner Orangenbaum. Aus dem Portugiesischen von Marianne Jolowicz. Urachhaus 2009.

Einen Sammelbeitrag über alle anderen Bücherdates findet ihr hier.

 

Nirvana – Das Projekt

Gestern wäre Kurt Cobain 50 Jahre alt geworden. Ich stellte also IN UTERO und NEVERMIND auf Repeat und dachte ein bisschen über den Sänger von Nirvana nach. Und ich plane ein Projekt, das mit meiner Lieblingsband zu tun hat, aber dazu später mehr.

Kurt Cobain begegnete mir das erste Mal auf einer CD, die ich bei meinem Papa im Regal fand. IN UTERO sah echt gruselig aus und hörte sich fantastisch an. Noch nie in meinem Leben hatte ich so eine Musik gehört. Kurz danach gab es ein Special über Nirvana auf MTV, zu einer Zeit – damals- , als man für gute Musikvideos noch kein Geld bezahlen musste. Jetzt fühle ich mich sehr alt.

24 Stunden Nirvana, Musikvideos, Specials, alte Interviews und das legendäre MTV Unplugged. Mein 13-jähriges Ich entwickelte einen ziemlichen Crush für den schmächtigen blonden Sänger, der sich in seinen Liedern sprichwörtlich seine Seele aus dem Leib kotzte. Ich verstand die Lyrics nicht immer, aber ich war schon sehr verliebt. In eine Rocklegende, die zu dem Zeitpunkt schon mehrere Jahre tot war. Ich begann die Alben von Nirvana zu sammeln, Zeitungsausschnitte aufzuheben und Poster von Kurt in meinem Zimmer aufzuhängen.

kurt-cobain

(Einige Jahre vorher hing da noch die Kelly Family – ok, Internet, ich weiß, es braucht immer einen Mutigen, der/die die Wahrheit ausspricht. Ich hab’s hingeschrieben, wie ihr seht verlief meine musikalische Sozialisation  wild, ereignisreich und relativ eklektisch.)

Da jedes Jahr dieselben Specials auf MTV wiederholt wurden und jede von mir gefeierte Zeitschrift von Bravo bis Popcorn (Kennt die noch jemand? Gibt’s die noch?) das Material der vorherigen Specials recycelte, wuchs mein Sammelordner relativ schnell. Ich kaufte mir eine Band-Biographie. Später sah ich mir einen Film von Gus van Sant an, den ich nicht verstand (Last Days, 2005). Außerdem las ich alles über Courtney Love. Und von Verschwörungstheorien zu Kurts Tod. Und dem Club 27. Ich wusste, dass der Titel des am meisten gespielten Songs von Nirvana Smells like Teen Spirit der Legende nach, durch ein schnödes Deo inspiriert wurde (Stichwort: Bikini Kill) und dass Kurt und Courtney ihre Tochter Francis „Bean“ nannten, weil sie fanden, dass Francis auf dem Ultraschallbild so klein „wie eine Bohne“ aussah. Weiterlesen „Nirvana – Das Projekt“

Ein leises Ende – Letzte Freunde

Jane Gardam konnte mich mit den ersten beiden Teilen der Trilogie um Old Filth begeistern. Gerade der erste und der zweite Teil zeigen, wie gekonnt Gardam uns als Leser_innen in eine Richtung lenkt, um dann im zweiten Teil ein komplett anderes Bild einer Person zu zeichnen. Raffiniert erzählt, witzig und spannend – in der Trilogie finde ich alles, was mich bei Leselaune hält.
letzte-freunde-2-bearbeitetIm dritten Teil kommt Dulcie zu Wort und wir erfahren interessante Details
über Veneerings Leben, der ja doch eigentlich einen ganz anderen Namen hatte. An diesen Stellen gefällt mir der Roman am besten und es ist spannend zu sehen und zu begreifen, wie wenig sich die Figuren eigentlich wirklich gekannt haben. War Veneerings Vater nun ein Spion oder doch ein Zirkusartist? Vieles bleibt angedeutet. Auch die Rivalität der beiden alten Anwälte hat deutlich tiefere Wurzeln als ich zunächst vermutet hatte. Das gefällt mir. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass die jüngere Generation (hier verdeutlicht am Beispiel der neuen Mieter, die in Veneerings altem Haus wohnen) sich kaum vorstellen kann, was die Raj-Waisen erlebt haben und dass sie im besten Fall als schrullige und etwas merkwürdige alte Menschen abgetan werden.

 Durch den Fokus auf zwei Randfiguren (Fiscal-Smith und Dulcie) werden Leerstellen aus den anderen Romanen gefüllt und wir als Leser_innen erfahren, was die anderen über Betty, Veneering und Old Filth gedacht haben. Das ist amüsant und geht ans Herz. Dulcie hat nie verstanden, warum ausgerechnet Fiscal-Smith als Trauzeuge bei Old Filths Hochzeit erscheint. Die Verstrickungen zwischen Old Filth und Veneering und Betty waren schon in den ersten beiden Teilen unterhaltsam und tragisch und daran hat sich nichts geändert. An vielen vermeintlich unscheinbaren Stellen zeigt sich das wahre Talent von Jane Gardam. Ihr gelingt es, eine Trilogie um ein Figurenensemble aufzubauen und immer mit neuen Details zu überraschen. Gleichzeitig arbeitet sie mit verschiedenen Leerstellen, die das Gespür der Leser_innen verlangen.

Der Roman beginnt mit dem Satz „Die Titanen waren nicht mehr.“ Feathers und Veneering sind tot und ihre Geheimnisse und Lebenslügen sind mit ihnen gestorben. Am Ende der Triologie angelangt, bin ich froh, diese Romane gelesen zu haben. Ansonsten bleibt vieles sehr ruhig, fast zu ruhig. Wer ein spektakuläres Ende erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden. Über dem gesamten Roman liegt eine leise Melancholie, die sich auch nicht vertreiben lässt, wenn ich das Buch zuklappe. Es ist ein leises Ende, das Gardam zeigt. Und nach längerem Nachdenken, kann ich nur sagen: es passt perfekt zu den Figuren des Romans.

Jane Gardam: Letzte Freunde. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin 2016.

ISBN: 978-3-446-25290-5

Buch-Date III

Ein Date ist eine schöne Sache, ein Date mit einem Buch manchmal sogar noch besser. Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram haben zum dritten Buchdate gerufen. Nachdem mir von Tausend schon drei Bücher empfohlen wurden, darf ich jetzt Zeilenende drei Bücher empfehlen. Weil ich letzte Woche krankheitsbedingt darniederlag, leider alles etwas verspätet.

Und das waren Zeilenendes Hinweise:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?

Siegfried Lenz – Das Vorbild (Super Stil)
Michael Nast – Generation Beziehungsunfähig (Unter viel ermüdendem Blabla zumindest ein paar intelligente Gedanken entdeckt)
Jonathan Stroud – Bartimäus. Das Amulett von Samarkand (durchschnittlich gute Urban Fantasy Geschichte mit viel Luft nach oben)

Dein Lieblings-Genre?

Science Fiction

Deine drei liebsten Autor*innen?

John Irving, C. S. Forester, Stanislaw Lem

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?

Die „Zu“-Bücher: Zu blutrünstig, Zu gruselig, Zu schmalzig, Zu unsauber recherchiert (Spezialkriterium für Historische Romane 😉 ) Ansonsten lese ich alles von leichter Unterhaltung aus dem Regal „Starke Frauen“ bis zu schwerer Übersetzung (das Gegenteil von Unterhaltung) aus der Abteilung „Metaphysik für Fortgeschrittene“.

Tja, was soll ich sagen. Metaphysik für Fortgeschrittene ist jetzt so gar nicht meins, aber ich habe da ein paar andere Ideen. 😉

1) Arno Schmidt – Die Gelehrtenrepublik

Die Gelehrtenrepublik (1957) ist ziemlich durch und macht sehr viel Spaß und ich habe gerade Lust, dir Arno the Schmidt zu empfehlen. Worum geht es? Der fiktive Urgroßneffe von Arno Schmidt, Charles Henry Winer (höhö!), macht als ausgewählter Reporter eine Reise zur IRAS (International Republic for Artists & Sciences). Wir schreiben das Jahr 2008, Europa ist dank atomarer Katastrophe verstrahlt und wichtige Künstler und Wissenschaftler finden auf der Insel IRAS ideale Bedingungen um in aller Ruhe Hochkultur zu produzieren. Das ganze läuft natürlich anders ab, als Charles Henry sich den Besuch der hohen Stätte der Kultur so vorstellt. Es gibt wilden Zentaurensex, viele Fragen um Kunst, Kultur und das Leben von Schriftstellern und noch ein bisschen Kalten Krieg dazu. Sehr lesenswertes Ding und auch wenn ich meine Masterarbeit darüber geschrieben habe – würde ich den Roman immer wieder lesen. ;) Und auch wenn in der Wissenschaft diskutiert wird, ob Arno jetzt Science-Fiction geschrieben hat, oder nicht – dystopisch wird es auf jeden Fall!

2) Xu Zechen – Im Laufschritt durch Peking

Dunhuan, Mitte zwanzig, will in Peking eine Menge Kohle machen und schließt sich einer Bande von Dokumentenfälschern an, bis er im Knast landet. Drei Monate sitzt er, dann kommt er wieder raus und landet erneut auf der schiefen Bahn. Er lernt Xiaorong kennen, mit der er illegal DVDs verkauft, aber dann kommt ihr Ex zurück und Dunhuang ist wieder alleine. Der Sandsturm kommt und dann trifft er Qibao… Im Laufschritt durch Peking ist das letzte Buch, das ich gelesen habe. Und es ist toll. Xu Zechen schreibt sehr lakonisch, direkt und atmosphärisch schön. Es geht darum, in einer riesigen Stadt wie Peking irgendwie zu Geld zu kommen, wenn man eigentlich keine Möglichkeiten hat, etwas zu ändern. Ich habe mich – zumindest von der Atmosphäre her – an Lost in Translation erinnert, aber Im Laufschritt durch Peking ist sehr viel temporeicher und tragischer.

3) Sylvain Neuvel – Sleeping Giants

Meine Rezension findest du hier.

 

Lieber Ulf,

ich bin schon sehr gespannt, für welches Buch du dich entscheiden wirst und wünsch dir ganz viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

[Rezension] Weihnachtsgeschenk für Serienfans- Eat like a Gilmore

The Girls are back in town! Als Netflix im November eine neue Serie Gilmore Girls präsentierte, war die Fangemeinde gespalten. Ich habe mittlerweile mit vier Freund*innen das Revival durchdiskutiert, denn ich hatte immensen Redebedarf nach den #famouslastwords. Unendlich viel Redebedarf. Gut, dass andere Fans nicht nur reden, sondern gleich ein Kochbuch schreiben.

Seit der Donna-Reed-Episode wollte Kristi Carlson ein Kochbuch für die Fans der Gilmore Girls herausgeben, das ist mittlerweile schon fünfzehn Jahre her. Dank Kickstarter konnte das tolle Projekt der Autorin aus Michigan schließlich realisiert werden. Echte Fans kommen bei der Kochbuchidee natürlich ins Grübeln. Essen wie Lorelai und Rory? Chinesisch bestellen, Pizza liefern lassen und Al’s Pancake World ansteuern – wozu brauchen wir da ein Kochbuch? Weder Mutter noch Tochter sind dafür bekannt, dass sie in der Serie viel Zeit in der Küche verbringen. Eher im Gegenteil. Es wird gelesen (deswegen bin ich auch mit dieser monströsen Rory-Gilmore-Lesechallenge beschäftigt – vermutlich bis ich achtzig bin), es werden Filme geguckt und für kulinarische Höhepunkte sorgen andere. Entsprechend gliedert sich auch das Kochbuch in unterschiedliche Örtlichkeiten von Stars Hollow in denen es eben mehr Auswahl gibt, als bei Al. Sortiert nach „Luke’s Diner“,  „Sookies Küche“, „Rory kocht“, „Emilys Haus“ und dem wunderbaren Punkt „Stadtspezialitäten“, kann man einen kulinarischen Rundgang durch Stars Hollow wagen. Das gefällt mir sehr.

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Ich bin keine großartige Küchenfee, aber ich probiere manchmal gerne Dinge aus. Und das macht noch mehr Spaß, wenn dazu noch die passende Folge erwähnt wird, in der das Gericht vorkommt. Erinnert sich noch jemand an die Folge, in der Rory, Lane und Paris den Gründerväter-Punsch probieren und der Abend für Rory in Lorelais Badezimmer endet? Das Rezept gibt es im Kochbuch, die Mischung aus Wodka, Brandy und Apfelwein erklärt auch den Ausgang des Abends.;) Wer schon einmal Sookies Gurken-Minz-Sandwiches probieren wollte, kriegt mit diesem Rezept genug Inspirationen und Lukes Cheeseburger oder Emilys Lachshäppchen und der fantastische Coctail „The Birthday Girl“ dürfen natürlich auch nicht fehlen. Neben Burger & Sandwich findet man eben auch Muffins, Brote, Suppen, Pasta- oder Fleischgerichte. Und das extra Kaffee Kaffee Kaffee – Kapitel lässt einen auch jeden langen Tag oder ausgedehnten Serienmarathon überstehen.

Neben den tollen Bildern gefällt mir vor allen Dingen, dass die Rezepte möglichst leicht verständlich sind und keine ellenlange Liste an Küchenequipment erfordert. Man muss keine Sookie sein, um die Muffin oder Scones Rezepte nach zu backen, allerdings braucht man manchmal spezielle Zutaten, die nicht jeder Supermarkt hat. Für Twinkies braucht man zum Beispiel Fluff – aber auch das habe ich schon einmal in einem deutschen Supermarkt gesehen.

Und warum schreibe ich euch gerade jetzt über das Kochbuch? Ich finde, es ist ein super tolles Weihnachtsgeschenk, das Fanherzen höher schlagen lässt und manchen vielleicht mit den neuen vier Folgen versöhnt. Für beste Freund*innen und Fans der Serie wärmstens zu empfehlen. :)

Kristi Carlson: Eat like a Gilmore. Das inoffizielle Kochbuch für Fans der Gilmore Girls. Fotos von Bonnie Matthews.

ISBN: 978-3-95631-533-6

Shaker Media 2016

Das Kochbuch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

„Buch-Date“ – Kinder der Hoffnung

Was ist noch gleich ein „Buchdate„? Beim Buchdate, initiiert von Zeilenende und wortgeflumselkritzelkram, geht es darum, ein Buch empfohlen zu bekommen und Bücher zu empfehlen. Nialebt hat mir Bücher empfohlen und ich habe ihr Bücher empfohlen. Ich habe mich für Kinder der Hoffnung von Marc Levy entschieden.

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Marc Levy erzählt in Kinder der Hoffnung die Geschichte einer Gruppe französischer Jugendlicher, die sich in den 1940er Jahren der Résistance anschließen und gegen die deutschen Besatzer und die mit den Deutschen kollaborierende französische Miliz kämpfen. Marc Levy erzählt eine sehr persönliche Geschichte, denn es ist die Geschichte seines Vaters, der den Holocaust überlebte. Die Handlung spielt in Toulouse, das bis 1942 in der sogenannten „zone libre“ lag. Der Ich-Erzähler, der sich in der Widerstandsgruppe Jeannot nennt und sein jüngerer Bruder Claude, wollen natürlich bei den Aktionen der Résistance dabei sein. Anfänglich noch voll jugendlichem Idealismus, merken sie erst nach und nach, in welche Gefahr sie sich begeben. Es beginnt mit Flugblätteraktionen und das Leben im Widerstand ist ein faszinierendes Spiel. Die Jugendlichen lehnen den vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Besatzern ab. Doch dabei bleibt es nicht. Die Jugendlichen politisieren sich schnell, denn die Reaktionen auf ihre anfänglich so spielerische Rebellion lassen nicht lange auf sich warten.

Als er an diesem Abend nach Hause kommt, kann Caussat nicht ahnen, dass er drei Tage später denunziert und verhaftet sein und zwei Jahre in den Kerkern der Zentrale in Nîmes verbringen wird. Delacourt weiß nicht, dass er in wenigen Monaten von der französischen Polizei in einer Kirche von Agen, in die er sich geflüchtet hat, zu Tode geprügelt wird. Clouet ahnt nicht, dass er in einem Jahr in Lyon erschossen wird. […] Du siehst, für die Freunde hat alles wie ein Kinderspiel angefangen, ein Spiel von Kindern, die nicht die Zeit hatten, erwachsen zu werden. (S. 20)

Die Résistancegruppe, der sich Claude und Jeannot angeschlossen haben, beschließt, radikaler vorzugehen. Sie legen Bomben in Verwaltungsgebäude der Miliz, sie töten einen deutschen Offizier für jeden ermordeten Kämpfer der Résistance, sie jagen Fabriken in die Luft und sie beschädigen Züge, die Kriegsmaterial an die Front bringen sollen. Und andere Jugendliche aus Spanien und Italien kommen dazu, die schon länger unter dem Faschismus ihrer Heimatländer leiden müssen. Als die Gruppe schließlich denunziert und verhaftet wird, werden viele von ihnen hingerichtet. Gerichtsverhandlungen sind ohnehin nur noch Farce, das Todesurteil ist schon geschrieben. Die Überlebenden sollen nach Dachau transportiert werden, weil die Alliierten näher rücken. Nur wenige überleben den Transport. Als ein Freund im Sterben liegt, nimmt Jeannot ihm das Versprechen ab, eines Tages die Geschichte der Widerstandsgruppe zu erzählen. Sie darf nicht in Vergessenheit geraten.

Marc Levy hat ein erschütterndes Buch geschrieben. Und trotzdem liest es sich so leicht und locker wie ein spannender Abenteuerroman. Das ist zumindest irritierend. Doch mit dieser Irritation spielt Levy. Es finden sich lustige Szenen in seinem Text, es geht um jugendliche Trotzphasen, erstes Verliebt-Sein, Freundschaft und gleichzeitig werden die Schrecken des Krieges nicht vergessen.

„Der Krieg war nie wie im Film, das kannst du mir glauben. Keiner meiner Kameraden hatte etwas von einem Robert Mitchum, und wenn Odette auch nur ansatzweise Beine wie Lauren Bacall gehabt hätte, dann hätte ich sicher versucht, sie zu küssen, statt wie ein Idiot vor dem Kino zu zögern. Zumal sie am nächsten Tag an der Ecke Rue des Acacias von zwei Nazis erschossen wurde. Seither habe ich etwas gegen Akazien.“ (S.21)

Trotzdem liest sich das Buch  wie eine gelungene Verfilmung und ist genau so emotional erzählt. Das war für mich gewöhnungsbedürftig und macht doch den Reiz dieses Romans aus, in dem erlebte Grausamkeiten irgendwann zur Normalität und Lebensrealität der Jugendlichen werden. Da vergisst man leicht, dass die jüngsten Widerstandskämpfer gerade sechzehn Jahre alt waren und die meisten von ihnen gestorben sind. Marc Levy ist es gelungen, ein Buch zu schreiben, das sehr unterhaltsam ist und gleichzeitig den Zweiten Weltkrieg nah in unsere Gegenwart holt, in dem er die Jugendlichen beschreibt, die keine anderen Träume oder Wünsche zu haben scheinen, als Jugendliche heute. Das gefällt mir sehr. Dass die Résistance und das Leben im besetzten Frankreich ansonsten – abgesehen von Abenteuerfaktor und konspirativen Treffen – wenig detailliert beschrieben wird, ist dann nur noch ein kleines Manko des Romans.

Marco Levy – Kinder der Hoffnung.

Aus dem Französischen von Bettina Runge und Eliane Hagedorn.  Knaur 2008.

ISBN: 978-3-426-66301-1