Die nicht sterben

Ein Roman über Rumänien, in dem nicht nur ein Draculathemenpark gebaut wird, sondern sich die Hauptprotagonistin zu allem Überfluss auch noch langsam in einen Vampir verwandelt.

Rumänien und Dracula gehören natürlich zusammen. Vlad III, genannt der Pfähler, ist einer der großen rumänischen Nationalhelden des 15. Jahrhunderts. Seine Feinde, die Osmanen, spießte er auf Stangen auf und ließ sie qualvoll verenden, später setzte sich für den Diktator Nicolae Ceaușescu der Name Dracula durch. In Dana Grigorceas Roman wird die rumänische Geschichte mit allerlei Gegenwartserzählungen und kulturellen Erzeugnissen verwoben, die mit den Blutsaugern zu tun haben: die Operette „Die Fledermaus“ wird so freimütig neben das unvermeidliche „verliebtes Lamm und böser Wolf“- Zitat von der schönen Bella und Glitzer-Edward gestellt. Neben historischen Details über den Fürsten wird natürlich auch auf das große Vorbild Dracula aus der Feder des irischen Schriftstellers Bram Stoker verwiesen, der sich recht ungeniert rumänischer Mythen und Darstellungen der Feinde des Fürsten bedient haben soll, um seine Schauergeschichte zu erzählen.

Dracula ist Teil des kulturellen Erbes Rumäniens, das haben auch die Bewohner*innen des kleinen Dorfes B. erkannt, in das die Ich-Erzählerin nach langer Abwesenheit zurückkehrt. Sie ist Künstlerin, hat in Paris studiert und merkt sofort, dass in B. die Uhren etwas anders ticken. Die jungen und gut ausgebildeten Menschen verlassen den Ort und gehen ins europäische Ausland, der Bürgermeister und die Lokalpolitiker*innen wissen seit Jahrzehnten an welchen Stellen sie die Hand aufhalten müssen, damit der Laden weiter laufen kann. Die Ich-Erzählerin auf der Suche nach Inspiration, lebt bei ihrer Großtante, die sie liebevoll „Mamargot“ nennt, auf einem herrschaftlichen Anwesen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist das Haus mit Tennisplatz und Galerie für die schönen Künste wieder in den Familienbesitz übergegangen und seitdem Treffpunkt für Künstler*innen, Aristokrat*innen und Geldadel. Man fühlt sich wohl in seiner Blase. Kurz darauf wird in der Familiengruft eine Leiche entdeckt, der Tote wurde gepfählt. Die Entdeckung wird zur internationalen Touristenattraktion, denn das Grab von Fürst Vlad ist ganz in der Nähe und der Bürgermeister wittert eine große Chance: Wäre ein Draculathemenpark nicht eine schöne Geldquelle für das Dorf?

Neben Leichenfund und gesellschaftlichen Wandel des Dorfes, bewegt aber noch eine ganze Entwicklung die Ich-Erzählerin. Sie kann nicht nur ihre Sinneswahrnehmung auf ungeahnte Weise scharf stellen und hört im Wortsinn die Regenwürmer husten. Nach dem Besuch eines merkwürdigen kalten und steinernen Monsterwesens mit dem sie im Bett landet und dessen Dirty Talk darin besteht, ihr „Wir sîn gelîchen bluotes“ ins Ohr zu stöhnen, entdeckt sie auch die Fähigkeit zu fliegen und verliert ihr Spiegelbild. Kurz gesagt, sie beginnt sich in einen Vampir zu verwandeln und teilt diese Erfahrungen direkt mit den Leser*innen, schreibt also keine Briefe wie in Bram Stockers Dracula-Erzählung.

Sie werden in allem, was ich Ihnen erzähle, böse Anzeichen sehen Ankündigungen für das, was folgte. Sie werden sich nach Vorboten fragen, den Vorboten des Schocks, der unvorstellbaren Grausamkeiten, des Todes aller Tode.

Die nicht sterben

Grigorcea legt in ihren Roman verschiedene Interpretationsebenen an: zum einen hat die Erzählung sowohl Elemente eines Schauermärchens (düstere Atmosphäre, ein Wesen, das die Wände hochkrabbelt etc.) als auch eines Krimis (Leichenfund, wer war der Tote, etc.) und eines Sittengemäldes der rumänischen Gesellschaft. Dabei kommen weder die etwas trotteligen Dorfbewohner noch die arrogante Familie der Ich-Erzählerin besonders gut weg, die auf ihren Festen gerne den Nationaldichter Mihai Eminscu zitieren und in betrunkener Albernheit, aber doch mit gewisser Begeisterung, sein Lobgedicht auf den grausamen Fürsten rezitieren: „Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch! Mit harter Hand zu richten“. Uff.

Hat man sich an das ironische Erzählverhalten der Ich-Erzählerin gewöhnt und lässt man sich auf diese Groteske ein, muss man es wohl aushalten, dass Grigorcea kaum Antworten auf Fragen geben möchte, die sich in dieser Geschichte stellen: Sind Vampire und korrupte Politiker*innen ähnlich gefährliche Blutsauger? Braucht es über dreißig Jahre nach Ende des Kommunismus eine selbsternannte Elitevampirella, die den Bürgermeister durch die Lüfte schwingt, damit der rumänische Staat funktioniert? Warum ist ihre beste Freundin von früher auch ein Vampir? Soll das der Überlebensmodus der heutigen Gesellschaft sein? Warum wünscht sich ausgerechnet die gut situierte Künstler*innengesellschaft einen Führer zurück und warum beschränken sich die Erfolgsgeschichten der im Ausland lebenden Rumän*innen auf Anekdoten von Menschen, die nicht wissen, wie Kapitalismus funktioniert?

Stimmungsmäßig ist der Roman eine echte Wucht, gerade die Szenen, in denen die Ich-Erzählerin ihre Fähigkeiten entdeckt, haben mir sehr gefallen und werden auch mit klarer gesellschaftskritischer Ironie dargeboten. Denn natürlich kann sie nicht nur den nächtlichen Flug über die verwunschenen Wälder genießen ohne auf eine illegale Mülldeponie zu stoßen. Trotz allen Bemühungen und einem fantastischen Anfang, zerfasert die Story leider im Verlauf der Handlung, steigert sich in die Ironie oder ironische Distanzierung und gleichzeitig auch wieder nicht (sie wird zum Vampir – häh?) und bleibt deshalb auf weiter Strecke eine ziemlich blutleere (höhö, Vampirroman, die erste) Aneinanderreihung von Handlungen ohne Biss (höhö, Vampirroman, die zweite), die mich nicht nachhaltig beeindrucken konnte.

Ich habe also etwas Gesprächsbedarf: Wer hat den Roman schon gelesen? Was habt ihr mit der Geschichte angefangen? Wie seht ihr die Rolle der Ich-Erzählerin?

Dana Grigorcea: Die nicht sterben. Penguin 2021.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefordert. Vielen Dank!

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Sören Heim

Der große Sommer

„Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur einmal im Leben gibt. Dieser eine Sommer, den hoffentlich jeder hatte, dieser eine Sommer, in dem sich alles ändert.“

Der große Sommer

Für Frieder ist dieser Sommer ein Schicksalssommer. Er hat die Lateinklausur verhauen und muss in die Nachprüfung, damit er die neunte Klasse bestehen kann. Seine Familie macht Campingurlaub und er soll bei seinen Großeltern bleiben. Ausgerechnet sein Großvater soll ihm helfen, dabei hat Frieder ihn noch bis zu seinem zehnten Geburtstag gesiezt und auch sonst ist die Beziehung zwischen Enkel und Opa nicht ganz optimal. Sein Großvater ist streng, hat so seine Prinzipien und hohe Erwartungen an sich selbst und andere. Da kann ein Mittagessen schon einmal einer mündlichen Prüfung über klassische Musik gleichen. Für Frieder fühlen sich die Sommerferien bei den Großeltern mindestens wie die Höchststrafe im Knast an, doch auf einmal ändern sich diese grausamen Vorzeichen. Er lernt im Schwimmbad Beate mit dem flaschengrünen Badeanzug kennen und traut sich sogar gemeinsam mit ihr vom 7,5-Meter-Brett zu springen. Außerdem gibt es Alma und seinen besten Freund Johann, die immer für ihn da sind. Aber der Sprung ist gar nicht die größte Herausforderung, die in diesem Sommer auf ihn wartet. Er beginnt heimlich die Tagebücher seiner Großmutter zu lesen, weil er endlich verstehen will, was seine herzensgute Oma an seinem strengen Opa so liebenswert findet. Und dann wird seine Freundschaft zu Johann auf eine harte Probe gestellt. Der Klappentext verrät es bereits: der erste Sprung, die erste Liebe, das erste Unglück. Welches Unglück da auf Frieder zu kommt, ist eine gewaltige Überraschung.

Die Geschichte spielt augenscheinlich in den 1980er Jahren. Es gibt weder Handy noch Internet und der Lateinlehrer Zippo schreibt seine Korrekturen der Lateinklausur auf eine Folie, die auf einem Overheadprojektor liegt (wobei das in manchen Teilen Deutschlands ein bedauerlicherweise sehr gegenwärtiges Phänomen zu sein scheint). Die Erfahrungen, die Frieder in diesem Sommer macht, sind allerdings zeitlos. Er erlebt, in bester Coming-of-Age-Manier, alle großen Gefühle, um die es im Leben geht: Freundschaft, Liebe, Vertrauen, aber auch Angst und Tod. Dieser Sommer wird Frieder für immer im Gedächtnis bleiben, denn sein Leben wird mehrfach auf den Kopf gestellt. Frieders Gegenwart ist das eine Thema, erste Küsse und Eifersucht und Verliebtsein, aber auch die Familiengeschichte während des Krieges wird thematisiert und sorgen dafür, dass Frieder sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Dabei hält Arenz gekonnt die Waage zwischen unterhaltenden und berührenden Momenten, zwischen intensivem Glücksgefühl und der größten Verzweiflung. Lustige Szenen wie nächtliche Ausflüge in Schwimmbad gehören ebenso dazu, wie schwierige Situationen, in denen Frieder Mut beweisen muss und vor schwere Frage gestellt wird, wem er in einer Krisensituation vertrauen kann. Überraschenderweise entwickelt sich so auch das Verhältnis zwischen Großvater und Enkelsohn anders als anfänglich gedacht.

Parallel zu diesen Erinnerungen an die Vergangenheit, begleiten wir den erwachsenen Frieder auf einen Friedhof. Wen er dort besucht und wer ihn aus diesem besonderen Sommer in die Gegenwart begleitet, wird erst ganz am Schluss verraten.

Ewald Arenz, Gymnasiallehrer für Geschichte und Englisch, stand mit seinem Debüt Alte Sorten 2019 auf der Liste „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ und wurde für seine Theaterstücke mehrfach ausgezeichnet. In Der große Sommer gelingt ihm das Kunststück, einen klugen und überraschenden Coming-of-Age-Roman zu schreiben, den ich in einem Rutsch gelesen habe. Das liegt nicht nur am überzeugenden Setting und der wirklich genialen Konstruktion der Geschichte, sondern auch an den überzeugenden Figuren, die so liebevoll entwickelt werden, dass man sie nicht vergessen kann.

Wann war euer größter Sommer?

Ewald Arenz: Der große Sommer. Dumont 2021.

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Elmet

Elmet ist ein Gebiet im nordenglischen Yorkshire. Im Frühmittelalter war Elmet ein unabhängiges Königreich. Bis ins 17. Jahrhundert waren die Moorgebiete Zuflucht für Gesetzesflüchtige. Fiona Mozley erzählt in ihrem Debüt eine brutale Geschichte über Außenseiter und Ungerechtigkeiten.

„Wir wussten, dass es Scherereien gab. Unser Zuhause war in Gefahr. Aber in diesem Augenblick, da eine strahlendweiße Sonne ihr Licht auf meine blassen, dünnen Arme warf und ich ein dickes Stück knuspriges Speck zwischen zwei Scheiben weichem, warmem Brot in der Hand hielt, war ich rundum glücklich.“

Elmet

John Smith ist mit seinen Kindern Danny und Cathy nach Yorkshire in die Wälder von Elmet gezogen. Hier hat sich der Preisboxer ein eigenes Haus in der Wildnis gebaut und lebt als Selbstversorger ein zurückgezogenes Leben. Die Familie baut Gemüse an und jagt im Wald. Manchmal verlässt „Daddy“ die Kinder und nimmt an illegalen Faustkämpfen in London teil. Anfänglich gehen Cathy und Danny noch zur Schule, dann nehmen sie nur noch am Literaturunterricht der Außenseiterin Vivianne teil. Vivianne ist keine geborene Pädagog*in, aber tut John gerne einen Gefallen. Während der neunjährige Ich-Erzähler Danny große Begeisterung für den Unterricht entwickelt, Interesse an Kunst zeigt und das behagliche bürgerliche Zuhause der Freundin des Vaters am liebsten gar nicht wieder verlassen würde, streift die vierzehnjährige Cathy durch den Wald und beobachtet wilde Tiere. Da die Situation im Norden immer schwieriger wird, muss sich John auf zwielichtige Geschäfte einlassen und beginnt als Geldeintreiber für den Gauner Price zu arbeiten. Eines Tages steht Price vor der Tür und behauptet, das Land auf dem das Haus der Familie steht, gehöre ihm. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, denn John Smith will sich dieses übergriffige Verhalten nicht gefallen lassen und versucht Allianzen mit anderen Arbeiter*innen aus dem Dorf zu schmieden…

Bereits auf den ersten Seiten ist klar, dass das Projekt Elmet gescheitert ist. Der Ich-Erzähler Danny flieht vor einem Feuer, er verlässt das „verwüstete Land“ (S.9), hinter ihm „züngelnde Flammen“ (S.9), „die Überreste von Elmet“ (S.11) unter seinen Füßen. Abwechselnd changiert die Perspektive zwischen Danny auf der Flucht und den ersten Tagen der Familie in Elmet und ungeahnten Entwicklungen, die zu einer brutalen Katastrophe führen. Die Geschichte ist traurig, brutal und nicht wirklich vorhersehbar, auch wenn das Ende des Romans bereits vorweg genommen wird. Fiona Mozley hat aber nicht nur eine überaus berührende Familientragödie verfasst, in der die verarmten Außenseiter*innen versuchen, gegen die Mächtigen des Ortes vorzugehen. Aus der Perspektive von Danny erleben die Leser*innen auch viele besondere Naturbeschreibungen, die an das New Nature Writing erinnern.

„Der Frühling begann richtig mit Wolken von Blütenstaub und tanzenden Mauerseglern. Die kleinen Vögel, wieder da, um nach einem Flug von Tausenden von Kilometern wieder zu nisten, wurden vom Wind, der mal warm, mal kalt wehte, hin und her geworfen. Sie waren zu leicht, um wie Möwen oder Krähen auf die Windböen loszugehen, und durch sie sah ich den Wind wie ein Meer. Dicke, weiche Wellen, die an bewaldete Erdküsten brandeten und winzige Geschöpfe gegen vorspringende Felsen warfen. Die Mauersegler surften und tauchten und durchschnitten die unsichtbare Masse, die für sie so laut tosen und heulen musste wie jegliches Meer auf Erden, nur um dann die Luft wieder im Aufwind einzufangen und bis ganz nach oben aufzusteigen. Sie waren Experten. Sie wussten, wie man es macht. Und sie brachten den wahren Frühling.“

Elmet

John, Cathy und Danny sind ein bisschen wie die oben beschriebenen Mauersegler. Sie werfen sich gegen vorspringende Felsen und fangen die Luft im Aufwind ein, damit sie bis ganz nach oben aufsteigen können. Sie sind Expert*innen, den eigentlich wissen sie ganz genau, wie man das macht – überleben. Doch mit einem Menschen wie Price haben sie nicht gerechnet.

Ein bisschen schwarz-weiß gezeichnet sind die Figuren schon, auf der einen Seite die guten Aussteiger*innen, auf der anderen Seite die schlechten Menschen um Price. Trotzdem gibt es eine klare Leseempfehlung für diese berührende Geschichte, auch wenn Mozley vor brachialen Szenen nicht zurückschreckt. 2017 landete sie mit ihrem Debüt auf der Finalistenliste des Man Booker Prize.

Fiona Mozley – Elmet. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. btb 2020.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar beim Bloggerportal angefragt! Vielen Dank!

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Zwischen Du und ich

Mirna Funk erzählt eine Geschichte über die Verheerungen des Holocaust und die seelischen und psychischen Folgen für die dritte Generation

Wenn die 35-jährige Nike in Berlin aus ihrem Haus tritt, stolpert sie über die Lebensdaten ihrer jüdischen Urgroßmutter Dora, die 1941 in Frankreich unter unklaren Umständen ums Leben gekommen ist. Seit 1996 verlegt der Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus Stolpersteine in verschiedenen Ländern Europas. Mit 75000 Steinen in 1265 deutschen Kommunen handelt es sich um das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Nike ist in Ost-Berlin aufgewachsen und forscht über Jüd*innen in der DDR. Weder ihre Mutter Lea noch ihre Großmutter Rosa haben Verständnis dafür, dass die Vergangenheit für Nike wichtig ist. Doch es stehen große Veränderungen an. Unverhofft bekommt Nike die Möglichkeit, in Israel für ihr Projekt weiterzuforschen. Durch eine Ausnahmeregelung des israelischen Staates ist es ihr erlaubt, die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen, ohne die deutsche ablegen zu müssen. Israel soll ein Neuanfang werden, aber der Versuch der eigenen Vergangenheit zu entfliehen schlägt fehlt.

Als Nike nach Tel Aviv umzieht, wandelt sich die Geschichte. Eine neue Figur tritt neben die Ich-Erzählerin Nike, das Du, in diesem Fall die Figur Noam, die wie Nike eine eigene Geschichte von Traumata mit sich herumträgt. Noam, Mitte 40, Kolumnist für die Haaretz mit Vorliebe über sozialkritische Themen. Er lebt seit dem Tod seines Vaters in einer dysfunktionalen Abhängigkeit zu seinem Onkel Asher, ist arrogant und selbstgefällig und hat am laufenden Band Affären. Er verliebt sich ausgerechnet in Nike, die in Israel auf der Suche nach der Vergangenheit von Dora ist. Niam ist der erste Mann, den Nike seit Jahren in ihr Leben lässt, doch Niam hat ein Geheimnis.

Alles hängt mit allem zusammen oder die Wunden der Vorfahren lassen sich nicht verstecken: „Ohne Nazis kein Toulouse, ohne Toulouse keine Vergewaltigung, ohne Vergewaltigung kein Mord, ohne Mord eine andere Rosa, ohne Mord eine andere Lea, ohne Mord ein anderes Ich.“ Als Nike sich mit der schmerzhaften Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzen muss, gerät auch ihre eigene Geschichte mit ihrem Exfreund Sascha in den Fokus und alles, was sie mit ihm als 18-jährige erlebt hat.

Es ist schwierig, über die Geschichte zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Sehr virtuos verknüpft Mirna Funk unterschiedliche Erzählungen und Geschichten miteinander, zeigt den Leser*innen, welche Stolpersteine für die dritte Generation der Jüd*innen heute im Alltag vorhanden sind. Das Dazwischen ist der Ort des Schmerzes, das Zwischen steht zwischen den Menschen und verhindert echte Nähe. Das zeigt sich besonders an Nike, die immer wieder abwägen muss, welchen Weg sie gehen möchte. Transgenerationelle und persönliche Traumata erschweren die Liebesgeschichte zwischen Nike und Niam und sorgen für einen (erneuten) Bruch im Leben der Protagonist*innen. Einfühlsam erzählt Mirna Funk von der Gewalt, die in den Familiengeschichten der Protagonist*innen steckt und über „Schattenküsse, Schattenliebe, Schattenleben“ (Heinrich Heine), die nicht vergessen werden können.

Mirna Funk – Zwischen Du und ich. dtv 2021.

Dave jetzt!

Die österreichische Schriftsteller*in Raphaela Edelbauer erzählt in ihrem neuesten Roman von einer ganz besonderen Künstlichen Intelligenz und der totalen Überwachung.

Die Erde ist ruiniert, der Planet ist kaputt. Die Menschheit kann nur überleben, indem sie sich in einem abgeschotteten Labor vor äußeren Einflüssen schützt. Die Gesellschaft ist streng hierarchisch aufgebaut und orientiert sich an Platons Ideenlehre: oben arbeiten die wichtigsten Stützen der Gesellschaft, unten der Rest. Der Sinn des Lebens besteht darin, zu arbeiten und zu funktionieren. Da Menschen fehlbar sind, hat ein großer Riesencomputer den Status des gesellschaftlichen Kontrolleurs oder wahlweise der Ersatzreligion angenommen. Je näher man in der Laborwelt an der KI DAVE arbeitet, desto höher ist das gesellschaftliche Ansehen. Besonders wichtig sind daher Programmierer*innen, die seit Jahren daran arbeiten, passende Scripts für DAVE zu entwickeln, die den Computer darin unterstützen, menschliche Kommunikation zu „erlernen“. Wenn der Supercomputer eine Rettung für die Menschheit weiß, muss er sie ja auch verständlich mitteilen können. Der Ich-Erzähler Syz arbeitet ebenfalls als Programmierer. Durch eine zufällige Begegnung lernt er die Ärztin Khatun kennen und verliebt sich in sie.

Bekannte Dystopien wie Schöne neue Welt oder 1984 fallen mir ein, wenn ich Edelbauer lese. Aber der Twist mit dem Supercomputer ist doch noch eine Spur smarter, als man zunächst denken mag. Ein technischer Ausfall sorgt für eine Krise im Labor und durch Zufall gerät Syz an einen Generalschlüssel, der ihm Zugang zu anderen Ebenen und einem verschlossenen Archiv verschafft. Eine Sensation! Zeitgleich tun sich unverhofft berufliche Chancen auf: Syz wird als menschliches Vorbild für DAVE ausgewählt und soll dazu beitragen, dem Computer menschliches Verhalten nachvollziehbar einzuprogrammieren. Syz ist Feuer und Flamme für seine technische Pionierarbeit, immerhin soll er dazu beitragen, die erste urteilsfähige Maschine der Weltgeschichte zu bauen. In wöchentlichen Sessions darf Syz den Professor*innen Blumenthal und Fröhlich, sowie einem ausgewählten Forscherteam, seine Kindheits- und Jugenderinnerungen vortragen, nach denen DAVE programmiert werden soll: „Sie und DAVE müssen eins werden. Das ruft Neider und Saboteure auf den Plan. Also arbeiten wir stets nachts, stets dezent, stets geräuschlos.“

Syz Aufstieg bleibt nicht ohne Folgen. Ein größeres Zimmer winken und der Auftrag sich 24/7 mit den eigenen Erinnerungen zu beschäftigen. Da Syzs Lebensweg absolut durchschnittlich verlaufen ist, hat sich das Professor*innenteam für ihn entschieden. Was niemand weiß: Syz war als Kind zwar außergewöhnlich talentiert , litt aber auch unter seinem gewalttätigen Vater. Da das Verhalten des Vaters aber nie aktenkundig und damit offiziell wurde, versucht Syz sich jetzt verzweifelt retrospektiv in den wöchentlichen Sessions eine normale Kindheit zu entwerfen. Das gelingt ihm aber nicht immer, sein Unterbewusstsein sträubt sich. Er entwickelt kurzfristige Amnesien, die im Zusammenhang mit den Kopiervorgängen stehen und deutliche Zeichen psychischer Überlastung. Syz steht so unter Druck, dass er der Realität nicht mehr trauen kann – oder verliert er einfach den Verstand? Mysteriöse Botschaften, die ihm anonym zugetragen werden, interpretiert er als Warnung vor DAVE. Doch wie soll er sich verhalten, wenn er doch zugestimmt hat, dass der Computer bald seine individuellen Erinnerungen als Reaktionsmodell für menschliche Kommunikation benutzen darf?

Zudem bekommt das gesellschaftliche Gefüge Risse. Je näher die Vollendung des Supercomputers bevorsteht, desto aggressiver verhalten sich die Menschen der Laborgesellschaft. Dogmatische philosophische Debatten werden ausgetragen, in denen DAVE einerseits als Retter der Menschheit unter dem Schlachtruf „DAVE jetzt!“ und andererseits als größte Katastrophe der Gegenwart diskutiert wird. Syz, das menschliche Vorbild des Supercomputers, muss seinen Weg in dieser Gesellschaft erst noch finden.

DAVE hat es mir anfänglich nicht leicht gemacht. Sprachlich bohrt Edelbauer, Jahrgang 1990, wirklich dicke Bretter und bedient sich vieler Ausdrücke, die im Duden als bildungssprachlich gekennzeichnet werden und die ich zum Teil noch nie gehört habe. Ich muss nachschlagen, was beispielsweise dispergieren bedeutet und fühle mich auf den ersten 30 Seiten einfach nicht schlau genug für den Text. Das ändert sich aber, sobald die erste technische Katastrophe eintritt und die Handlung voranschreitet. Actionszenen im Labor wechseln sich mit Erinnerungen an Indoktrinationsunterricht aus der Vergangenheit ab, in dem Kindern die Rolle der Super-KI DAVE erklärt wird und die Leser*innen immer tiefer in Syzs Gegenwart eintauchen.

Anders als in mancher gegenwärtiger englischsprachiger Science-Fiction, ich habe vor kurzem Matt Ruffs 88 Namen gelesen, ist DAVE eine klassische Dystopie, in der Syz als kleines Rädchen im System anfängt, die „großen Fragen“ zu stellen. Kann die KI die Menschheit retten oder sind wir verloren? Und was ist der Preis, den wir als Gesellschaft oder als Einzelne*r für das Überleben zahlen müssen? Edelbauer wählt einen smarten Weg, die klassischen Ansätze zu verbinden. Bei den laborgesellschaftlichen Debatten muss ich direkt an Aluhüte denken und bin trotzdem vom Worldbuilding der Autor*in überzeugt. Edelbauer hat einen raffinierten Roman geschrieben, der Kennern des Genres und ambitionierten Hobbyphilosoph*innen großen Spaß machen wird. DAVE jetzt!

Raphaela Edelbauer – Dave. Klett-Cotta 2021. 432 Seiten.

Aus der Welt

Manchmal schloss ich nachts die Schule auf, ging durch das flache, unbeleuchtete Gebäude, betätigte dabei einen Lichtschalter nach dem anderen und sah, wie das Licht die Dunkelheit über mir aufriss, als wäre ein Schwarm schlummernder Insekten geweckt worden und schwärmte nun gereizt in die Räume aus.“

Der 26-jährige Henrik ist Aushilfslehrer in Nordnorwegen. Eigentlich möchte er Schriftsteller werden, aber das hat bisher nicht geklappt. Seine Eltern sind Lehrer, warum nicht diesen Job ausprobieren? Henrik landet nach dem Studium an einer Oberschule und wird direkt Klassenlehrer. Die Gemeinde, in der er arbeitet, ist winzig. Gerade einmal 300 Menschen leben in dem kleinen Dorf, jede*r kennt jede*n. Das macht es für den Zugezogenen nicht so einfach. Henrik ist sehr unsicher und fühlt sich nur bei seinen Schüler*innen wohl. Er verliebt sich in die 13-jährige Miriam, schläft mit ihr und flüchtet sich danach in seine alte Heimatstadt Kristiansand, der Roman endet damit, dass der Ich-Erzähler Miriam wiedersieht. Ob sie irgendjemandem von ihm erzählt hat, bleibt offen.

Knausgårds Debüt wurde bei Erscheinen 1998 direkt mit dem Norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet, die Zeitung Dagbladet nannte den Roman „das wichtigste Buch der letzten 25 Jahre“. Ziemlich viel Lob für eine Lolita-Story, die konsequent aus der Sicht des Täters erzählt wird und deswegen so fürchterlich unangenehm zu Lesen ist. Dabei kommt man nicht umhin, fast so etwas wie Mitleid für diesen Ich-Erzähler zu entwickeln und das ist so fürchterlich anstrengend an dieser Lektüre. Denn ja, dieser Henrik ist doch ein wirklich schlauer und sympathischer Kerl, oder etwa nicht?

Berit Glanz hat auf Twitter bereits darauf hingewiesen, dass das Erscheinen des Romans in Skandinavien zu großen Debatten geführt hat. Während der Roman in Norwegen vor 20 Jahren direkt ausgezeichnet wurde, gab es zum Erscheinen in Schweden 2015 große Kritik. Ebba Witt-Brattström, Literaturprofessorin an der Uni Helsinki, warf Knausgaard „literarische Pädophilie“ vor, da die erotische Anziehungskraft eines 13-jährigen Kindes literarisch ausgestellt würde, und bezog sich dabei auf einen in Schweden seit längerer Zeit geführten Diskurs um den „Kulturmann“, in dessen Fiktion und Verhalten, weiblich gelesene Personen allein als Figuren des eigenen Begehrens erscheinen. Knausgård reagierte auf diesen Vorwurf im Feuilleton und warf der feministischen Kritik vor, durch übertriebene Moralvorstellungen die Freiheit der Kunst zu beschädigen. Im deutschen Feuilleton scheint weder die Debatte über den Text, noch der Text an sich, problematisierend dargestellt zu werden, mit Ausnahme eines Beitrags in der Zeit (Oktober 2020), in der Adam Soboczynski zumindest darauf hinweist, dass sich seit den zwei Jahrzehnten die zwischen Debüt und Übersetzung liegen, der Blick auf die Literatur und die Künste verändert habe, da sich mittlerweile kein Schriftsteller mehr auf die Autonomie der Kunst und ihre Eigengesetzlichkeit berufen könne. Florian Keisinger schreibt auf fixpoetry dazu:

„Man darf „Aus der Welt“ somit als den ersten literarischen Baustein lesen in einem Verwirrspiel, das Knausgård seither zu einiger Perfektion getrieben hat. Ein Spiel, bei dem den Lesern vorgegaukelt wird, sich aufgrund der vermeintlichen Selbstentblößungen des Autors diesem in seinem innersten Kern anzunähern, wenngleich die Phantasie der Rezipienten in Wahrheit genau dahin gesteuert wird, wo Knausgård sie haben möchte.“

Der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil wird die Geschichte von Henrik erzählt, der sich an seine minderjährige Schülerin heranmacht, danach erfahren wir die Liebesgeschichte seiner Eltern, vom fabelhaften Beginn bis zum tragischen Scheitern, die Henrik und sein eigenes Scheitern nach wie vor prägen. Die gescheiterte Beziehung der Eltern wird so über die literarische Konstruktion der Erzählung noch einmal im Verhalten des Erzählers gegenüber dem minderjährigen Mädchen gespiegelt. Henriks Vater war ebenfalls Lehrer und Alkoholiker, die Beziehung von Vater und Sohn höchst belastet. Kennt man die Reihe Min kamp hat man das Gefühl, dass sich autobiografische Erzählung und Fiktion hier sehr nahe kommen, denn vieles aus dem Alltag aus Henriks Familie kommt in Variationen auch in der autobiografischen Reihe vor. Herausfordernd wird der Roman an den Stellen, an denen man als Leser*in in eine Zwickmühle gerät und nicht umhin kann, Verständnis für diesen Ich-Erzähler zu entwickeln. Er hat es nicht leicht im Leben, er macht sich viele Gedanken, er ist abgehoben und gleichzeitig auch sympathisch und hat doch, wie man im Laufe der Handlung mit Erschrecken feststellt, seine Grooming-Methoden immer weiter perfektioniert. Henrik überlegt sich, welche Gespräche er mit Miriam führen kann, welche Themen sie ansprechen, wie er ihr gefallen könnte und verliert sich in absurden Fantasien, in denen er ihr unterstellt, sie lege bestimmte Verhaltensweisen nur für ihn an den Tag. Als Lesende erfahren wir jede Gefühlsregung von Henrik, die Gedanken, die er sich zu seinen Kolleg*innen macht, die eigenen Komplexe, die eigene Unvollkommenheit, die eigenen Schamgefühle, die eigene Unfähigkeit und das ständige Auf- und Ab, die den Erzähler begleiten.

Gleichzeitig und das erinnert an die spätere Reihe, kommen bereits in Knausgårds Debüt essayartige Einschübe vor, die gar nichts mit der Handlung zu tun haben und die manchmal gelungen und manchmal nur sehr lang sind. Das sind zum Teil phantastische Elemente, zum Beispiel taucht Jesus in Henriks Zimmer auf und unterhält sich mit ihm über seine Unfähigkeit an ihn zu glauben oder aber die ganze Szenerie kippt in eine Art Traumwelt, in der Henrik verheiratet ist und auf einer phantastischen Bohrinsel arbeitet, die irgendwo in Richtung Himmel führt oder aber Dante und Kant tauchen auf. Das habe ich sehr gern gelesen.

Der Roman ist mit über 900 Seiten keine Geschichte für zwischendurch. Vieles wirkt sehr in die Länge gezogen und die Ambivalenz gegenüber der Hauptfigur, die sich vielleicht auch vieles zu einfach macht, blieb bei mir während des Lesens ständig im Hinterkopf. Gerade deswegen hat mir der Roman auch gefallen, denn die eingenommene Perspektive ist keinesfalls einfach und das Ende, bei dem Miriam und Henrik wieder aufeinandertreffen, ist vielleicht nur der Auftakt für eine noch größere Katastrophe. Im Interview mit dem WDR sagt Knausgård selbst über sein Debüt:

Dieses Buch ist für mich Ausdruck literarischer Freiheit. Und danach strebe ich bis heute. Nichts planen, nicht nachdenken, einfach schreiben und dem folgen, was da entsteht. Seit meinem Debüt habe ich gewusst, dass es einen Ort für mich und mein Schreiben gibt. Für den Leser ist mein erstes Buch dagegen vielleicht einfach zu viel des Guten.“

Aus der Welt. Übersetzt von Paul Berf. Luchterhand 2020.

Erdbebenwetter

Der Roman spielt in Los Angeles, handelt aber nicht von Hollywood. Es treten Hexer auf, die tatsächlich verzaubern, Menschen, die einem den Weg weisen, Katzen und Kojoten, Mutter und Tochter, der Tod und die Liebe.

Ohne große Erwartungen nimmt Lou an einem Tanzkurs teil. Sie hat einen alten Bekannten wiedergesehen, der sie unerwartet einlädt. Der meditative Tanz, der manchmal eher Modern Dance gleicht, ist besonders. Der Meister, der das Training durchführt, spricht nicht mit jedem. Sie sind Künstler, denkt Lou. Erst später wird sie feststellen, dass der Tanzlehrer Hexenmeister ist.

Lou wird in den Kreis der Tänzer aufgenommen. Alles, was vorher sicher oder auch festgefahren war, ist es nicht mehr. Durch den Meister gelangt die Magie in Lous Leben zurück. Sie wird Teil der Gruppe, sie verlässt ihre alte Wohnung, sie nimmt einen neuen Namen an. Und sie wartet auf die kleinen magischen Momente, die der Meister ihr eröffnen wird und die sie plötzlich in sich selbst findet. Lou ist nicht allein, auch andere Frauen haben sich der Gruppe angeschlossen. Es wird getanzt, manche machen Musik, die Menschen leben zusammen. Und dann gibt es ein Kind, das vom Meister gefunden wird. Sie sucht sich Lou aus und Lou wird Mutter.

Das Leben im magischen Kreis des Meisters läuft nach anderen Maßstäben , als die Realität. Lou merkt nicht, dass Jahre vergehen. Als eine ehemalige Klassenkameradin im Haus gegenüber einzieht, nennt Lou ihr gegenüber nicht ihren alten Namen. Aber die anderen aus der Gruppe werden misstrauisch. Hat Lou wirklich alle Kontakte abgebrochen? Die Loyalitäten schwanken, mal gehört eine Frau zum inneren Kreis, dann wieder eine andere und auch Lou spürt, dass von manchen Frauen eine ganz besondere Energie ausgeht. Als der Meister überraschend verschwindet, muss Lou ihr Leben gemeinsam mit ihrer Tochter neu ordnen.

Der Roman wird in Rückblenden erzählt. Wir lernen die Ich-Erzählerin Lou zu einem Zeitpunkt kennen, als der Meister bereits verschwunden ist und sie mit einigen Übriggebliebenen in einem merkwürdig heruntergekommenen Wohnareal lebt. Ihre Tochter wartet noch auf seine Nachrichten, aber Lou weiß, dass der Meister nicht zurückkommt. Er soll krank gewesen sein. Wie kann das Leben also weiter gehen?

Alexanders Hexenmeister und Hexen sind sehr subtil unterwegs. Sie spüren Energien auf, sie tanzen, sie bieten Yoga an, sie orientieren sich an Heilsteinen und Talismanen, sie sind so normal, wie du und ich. Und trotzdem scheinen zwischendurch diese Momente des Magischen durch den Text. Hat Lou sich wirklich in eine Katze verwandelt? Man kann es nicht genau sagen. Die heulenden Koyoten, die irgendwann verschwinden, könnten ein Zeichen dafür sein, dass auch die Hexen verschwunden sind. Vieles bleibt ungesagt, in diesem Text oder entzieht sich der konkreten Bedeutung. Das macht die Geschichte auch so flirrend und unvorhersehbar. Wenn Lou nach Jahren der Orientierungslosigkeit und einer Phase der Hexerei jetzt endlich weiß, was sie mit dem Leben machen möchte und sogar bereit dafür ist, ein Kind großzuziehen, hat der magische Zirkel des Meisters nicht doch etwas bewirkt? Ein besonderes Debüt ist der Roman nicht nur wegen seiner subtilen Symbole, auch wegen der Bedeutung, die Alexander transportiert: ein neues Leben ist immer und jederzeit möglich. Wir müssen unsere Augen nur für die Welt und die Menschen um uns herum öffnen.

Dieses ganze Leben

Paola ist 16 Jahre alt und hat es gerade nicht leicht. Sie ist übergewichtig und ihre Mutter nervt sie mit Diäten. In der Schule wird Paola gemobbt und ihre Mitschüler haben ein unschmeichelhaftes Video von ihr vor dem Snackautomaten der Schule im Internet hochgeladen, so wird ihr Außenseiterstatus weiter zementiert. Eine beste Freundin hat sie nicht, deswegen hat sie sich Carmen ausgedacht, der sie alles erzählen kann. Neben diesen Schwierigkeiten, lebt Paola aber ein absolut privilegiertes Leben in einer Villa am Stadtrand, die von ihr ironisch „Oase des Friedens“ genannt wird. Hier lebt sie mit ihrem behinderten Bruder Riccardo, der im Zentrum der familiären Aufmerksamkeit steht, ihrer (über-)fürsorglichen Mutter, ihrem stets arbeitenden Vater und ihrer Oma, ein relativ sorgenfreies Leben. Zumindest auf den ersten Blick.

„Ich hasse dieses Video. Aber die Wahrheit ist, dass ich einen Haufen Sachen hasse, auch solche, die alle anderen mögen. Ich bin eine professionelle Hasserin.“

Dieses ganze Leben

Das stimmt natürlich nur zur Hälfte, Paola ist eine sehr empfindsame Figur, die sich im Laufe der Handlung nicht mehr von den Erwachsenen veralbern lässt, aber dazu später mehr. Für Paola gibt es einen Lichtblick im dunklen Alltag und das ist Antonio. Antonio lebt in der Margaritensiedlung, die von Paolas Großvater entworfen und gebaut wurde, Stichwort sozialer Wohnungsbau. Eigentlich darf sich Paola dort nicht aufhalten. Aber Antonio ist ein besonderer Mensch, denn er sagt, was er denkt und das imponiert Paola, die für sich selbst entschieden hat, immer die Wahrheit zu sagen. Anders als die Erwachsenen, die ohnehin recht anstrengend sind. Während ihr Vater sich mehr um die Arbeit, als um die Familie kümmert, ist ihre Mutter die „Meisterin des Unter-den-Teppich-Kehrens“. Paola führt erbitterte Kämpfe mit ihrer Mutter, in denen es hauptsächlich um die „Fettfrage“ geht. Sie hasst ihren Körper und aus Trotz und Wut verschwindet sie häufig mit Rici im Park, um Chips zu essen und auf alle Diäten zu pfeifen.

„Ich bin hässlich, das ist die Wahrheit. Die schlichte, einfache, unzweifelhafte Wahrheit. Natürlich habe ich auch gute Seiten: Zum Beispiel bin ich nicht feige, ich suche keine Ausflüchte, ich kann der Wirklichkeit ins Auge sehen. Und die Wirklichkeit ist, dass ich hässlich bin. Ein Scheusal. Einfach grauenhaft. Und zwar absolut gesehen, nicht bloß im Vergleich zu Mädchen, die ich kenne.“

Dieses ganze Leben

Rici ist für Paolo nur „der Ompf“, sie kann ihn verstehen, auch wenn es andere Menschen nicht können. Für Paola ist er oft die einzige Bezugsperson, denn die Geschwister sind wirklich nicht die Vorzeigekinder, die sich ihre Eltern vermeintlich gewünscht haben. Zumindest fühlt sich Paolo so. Das schweißt sie mit ihrem Bruder zusammen.

Zur Darstellung von Riccardo hat Alexandra von Readpackblog einen sehr lesenswerten Beitrag geschrieben.

Paola gelingt es im Laufe der Handlung sich selbst und auch ihren Bruder besser zu akzeptieren und dabei hilft ihr auch Antonio. Nicht so, dass er als Held auf dem weißen Pferd angeritten käme um Paola von ihren Selbstzweifeln zu befreien, sondern einfach dadurch, dass die Themen Übergewicht und Mobbing für Paola in den Hintergrund rücken und keine wichtige Rolle mehr spielen. Außerdem gelingt es ihr auch, ihren Bruder etwas mehr loszulassen.

Und das liegt an einer weiteren Ebene, die Raffaela Romagnolo sehr überraschend in die Erzählung eingebunden hat. Als klar wird, dass Paolas Familie in einen handfesten Umweltskandal verwickelt ist, der mit Sicherheit überhaupt erst den Reichtum der Familie begründet hat, entdecken auch Paolas Oma und ihre Mutter, dass es niemandem hilft, (Familien-) Geheimnisse weiter zu verschweigen und dass es wichtig ist, sich der Wahrheit zu stellen.

„Dieses ganze Leben“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der viele gelungene Momente hat. Highlights waren die Liebesgeschichte der Oma und die Beziehung der Geschwister, genau wie die Figur Antonio, die Paola hilft, sich selbst klarer und nicht mehr so kritisch zu sehen. Während im Mittelteil die Geschichte der Margaritensiedlung hinter Paolas Problemen mit sich selbst zurückbleibt, und in einen Plauderton Paolas abdriftet, der zwar dem Alter der Hauptfigur angemessen ist, aber für mich etwas den Fokus auf die Entwicklung der Handlung verloren hat, dreht sich die Geschichte tatsächlich noch einmal zum Schluss. Das offene Ende hat mir sehr gefallen.

Trotzdem bleiben kleine Fragezeichen, die zum Teil auch an der Übersetzung liegen. Warum wird das N-Wort verwendet, wenn es um Beleidigungen geht? Warum redet Paola so hochgestochen und verwendet, wie alle 16-jährigen dieser Welt, Begriffe wie „lakonisch“?

Aber auch über den sprachlichen Zusammenhang hinaus, stellen sich inhaltliche Fragen, die mich zumindest haben stutzen lassen. Neben vielen gelungenen Aspekten in der Darstellung von Rici bleiben auch Fragen offen. Warum wird das Thema Behinderung in diesem Text mit einem Schuldkomplex der Mutter verknüpft? Ich verweise hier noch einmal auf den sehr lesenswerten Beitrag von Alexandra, den ich oben verlinkt habe.

Ich habe mich auch gefragt, warum die einzige Figur, die Paola wirklich bedroht und eine Gefahr für sie darstellt, tatsächlich jemand aus der Margaritensiedlung sein muss? Neben Antonio, dem Ritter/Retter ohne Pferd und seinem schachspielenden Bruder, sowie der freundlichen und aufopferungsvollen Haushaltshilfe Nina aus Rumänien, taucht also die „Unterschicht“ nur als wütende Gefahr für die sympathische Hauptfigur Paoloa auf, einer bedrohlichen Figur zudem, die nicht differenzieren kann, wer nun Schuld an diesem Skandal ist. Der Großvater oder die 16-jährige Enkelin. Das ist zumindest schade.

Ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde von Lovelybooks gewonnen.

Was dir bleibt

CN: Suizid

Eine Frau besteigt einen Zug und kommt nicht mehr zurück. Im kanadischen Originaltitel À Train perdu schwingt mehr vom Inhalt mit, auch wenn sich viele Fragen stellen. „Im Zug verloren“ klingt merkwürdig genug, hier geht es um Gladys, die mit Mitte 70 einen Zug besteigt. Weder ihr Umfeld noch die Leser*innen verstehen, warum sie einfach „verloren geht“.

Gladys lebt in einem kleinen Dorf in den Wäldern an der Grenze zu Québec. Lisana ist ihre Tochter, sie ist psychisch krank und ist auf die Unterstützung ihrer Mutter angewiesen. Seit einem Suizidversuch in jungen Jahren, hat sie nicht mehr alleine gelebt. Lisanas Vater arbeitete im Bergbau und verstarb früh, sodass Gladys sich alleine um ihre Tochter kümmern musste.

Scheinbar ohne äußere Veranlassung setzt sich Gladys eines Tages in den Zug und verschwindet. Sie nimmt den Northlander, einen der seltenen Züge, die durch die Wälder fahren. Ihre Tochter Lisana wird von den Nachbar*innen gefunden und kann nicht erklären, was mit ihrer Mutter los ist und wohin sie unterwegs ist. Gladys‘ Freund*innen und Bekannten fangen an, sich große Sorgen zu machen.

Interessant, aber auch etwas distanziert, wirkt die Erzählerstimme in dieser Geschichte. Erst nach und nach klärt sich, wer dieser Erzähler eigentlich ist und in welcher Beziehung er zu den Protagonist*innen steht. Er sucht viele Jahre später mögliche Zeug*innen auf, spricht mit Freund*innen von Gladys, den Zugbegleiter*innen und den Nachbar*innen. So bringt diese Erzählweise mit sich, dass Gladys nie zu Wort kommt. Relativ früh wird den Leser*innen klar, dass Gladys schwer krank ist.

Erzählerisch wird also ein ziemlich dickes Brett gebohrt, es fehlt die Unmittelbarkeit, vielleicht auch das Warum, zumindest eine gewisse Zeit. Ich hätte mir eine andere Auflösung der Zusammenhänge zwischen Gladys und dem Erzähler gewünscht und war ein wenig enttäuscht.

Trotzdem gelingt es Saucier eine Atmosphäre zu schaffen, die begeistert. Ein wenig erinnert der Stil der Erzählung auch an eine lange Zugfahrt, bei der man allerdings nicht genau weiß, wo die Endstation liegen soll. Dass die Endstation dann eben keinen offenen Kiosk hat, fasst mein Problem mit der Romanhandlung metaphorisch ganz gut zusammen. Trotzdem ist die Aussicht schön und die Fahrt war auch sehr gemütlich.

Saucier hat mit Was dir bleibt ein ziemlich vortreffliches Herbstbuch geschrieben. Vielleicht liegt es an den kanadischen Wäldern, die zu dieser Stimmung beitragen, vielleicht an der Ruhe, die diese Erzählung ausstrahlt. Interessant und für mich vollkommen neu, waren die Passagen über die sogenannten „School Trains“. Das waren fahrende Klassenzimmer in umgebauten Eisenbahnwaggons, die in abgeschiedene Ecken im Norden Kanadas für einige Tage Halt machten, damit die Kinder der Umgebung wenigstens für ein paar Tage im Monat ein wenig Schulbildung erhalten konnten. Kinder von Waldarbeiter*innen, Siedler*innen und Natives wurden so in den Jahren 1926 bis 1967 in Kanada beschult. Gladys hat eine besondere Beziehung zu diesen Zügen, denn ihr Vater war Lehrer und sie ist in einem School Train auf die Welt gekommen.

Was dir bleibt ist kein Roman, der durch eine spannende Handlung besticht, vielmehr geht es um die Beziehungen der Protagonist*innen untereinander, die für mich eine interessante Dynamik entfalten konnten. Das sehr versöhnliche, wenn auch etwas traurige Ende der Geschichte, tröstete mich auch über einige Längen in der Erzählung hinweg und hat noch Tage später einen leisen Nachhall erzeugt, das hat mir sehr gefallen.

Kennt ihr andere Romane von Saucier? Welche Romane von ihr haben euch besonders gut gefallen?

Ich habe den Roman im Rahmen einer Lovelybooks-Leserunde gewonnen. Vielen Dank!

Die Geschichtensammlerin

2007 war ich das erste Mal in Rumänien. Ich habe meine Brieffreundin besucht, der ich seit 1997 Briefe geschrieben habe. Für sie war das schön, denn sie konnte Deutsch üben, für mich war das schön, denn ich hatte eine Brieffreundin und alle drei Wochen trudelte ein Brief aus einem Land ein, von dem icj keine richtige Vorstellung hatte. Meine Brieffreundin Cristina wohnte in Sibiu, 2007 passenderweise gerade Kulturhauptstadt Europas. Der Hinflug war abenteuerlich, das Flugzeug schien winzig, gerade einmal fünfzig Personen hatten Platz. Am Flughafen in Sibiu standen Sofas im Wartebereich für die Passagiere herum, die ich als Einrichtungsgegenstand nur von Personen im Alter meiner Oma kannte und nie an einem öffentlich Ort gesehen hatte und Cristinas Familie zeigte mir als erste große Attraktion ein neu eröffnetes Kaufhaus, das mir gar nicht so besonders erschien, weil es eben so aussah wie Zuhause. Wahrscheinlich war es deswegen so besonders.

Wenn wir abends unterwegs waren, gab es an jeder Ecke Tanztheater, Musik und Lesungen und ich habe wahrscheinlich die leckerste Zitronenlimonade der Welt getrunken. Sibiu war wunderschön! Cristina nahm mich mit und zeigte mir die Stadt und das Brukental- Museum. Als wir über den Marktplatz liefen, saß Peter Maffay an einem Tisch und genoss die Aussicht. Wir mussten drei Mal an ihm vorbei laufen und selbst beim vierten Mal traute ich mich nicht, ihn anzusprechen. Im Nachhinein betrachtet, glaube ich nicht, dass es den Erfinder von Tabaluga gestört hätte, wenn ich ihn nach einem Autogramm gefragt hätte. Andererseits, wer weiß. Ich verstehe kein Rumänisch, aber in Sibiu sprachen viele Rumän*innen Deutsch. Im Bus wurde ich einmal von einem Mann angesprochen, Cristina versuchte ihn abzuwimmeln, aber das war gar nicht so einfach. Er fragte mich, ob ich einen Job für ihn in Deutschland hätte. Ich war etwas überfordert von der Situation und Cristina war das alles sichtlich peinlich. Insgesamt hatte ich eine wunderschöne Zeit in Sibiu, Cristina hat später in Trier studiert und irgendwann haben wir den Kontakt verloren.

Ich habe bisher bewusst wenige rumänischen Autor*innen gelesen, Herta Müller und Iris Wolff sind die große Ausnahme. Jessica Kasper Kramer ist eine us-amerikanische Autor*in, die in ihrem Romandebüt Die Geschichtensammlerin eine Geschichte aus Rumänien erzählt und dafür auch mit drei rumänischen Freund*innen gesprochen hat. In der Debatte um Own Voices in der Literatur, ist das sicherlich nicht die einfachste Ausgangslage.

Own Voices bezog sich anfänglich auf die Debatte um Perspektiven von marginalisierten Gruppen, die sich besonders im Jugendbuchbereich formierte. Wenn eine Geschichte aus der Perspektive einer Schwarzen Person oder PoC geschrieben ist und Diskriminierungserfahrungen, die den Bereich race betreffen, thematisiert werden, ist die Forderung der Own Voices Bewegung, dass, sofern die Autor*innen nicht zu jener Gruppe gehören, zumindest Sensitivity Reader über die Geschichte lesen und auf bestimmte Stolperfallen in der Erzählung hinweisen. Denn, so die Annahme, gehöre man nicht zu der marginalisierten Gruppe, könne man bestimmte Erfahrungen eben nicht treffend abbilden oder trage eher noch zur Folklorebildung bei, während Autor*innen aus marginalisierten Gruppen, die eben genau diese Erfahrungen authentisch abbilden könnten, so wie in anderen Bereichen auch, strukturell diskriminiert werden und so bestimmte Erfahrungen eben nicht oder nur zum Teil in der literarischen Welt abgebildet werden. Ausgangspunkt der Debatte auf Twitter war die Frage nach sexueller Orientierung und Behinderung, mittlerweile erstreckt sich die Frage nach Own Voices auch auf weitere Bereiche, die Diversität markieren, die Erfahrungen von Minderheiten sollen so geschützt werden.

„We recognize all diverse experiences, including (but not limited to) LGBTQIA, Natives, people of color, gender diversity, people with disabilities, and ethnic, cultural, and religious minorities.“ WNDB

Jessica Kasper Kramer erzählt in ihrem Roman eine Geschichte aus der Perspektive eines rumänischen Kindes. Ileana sammelt Geschichten. Manche sind Märchen, andere handeln von der Vergangenheit und manche erzählen die Wahrheit. Ihr Vater ist Professor für Literatur, ihr Onkel ist Schriftsteller. Eines Tages muss sie die Stadt verlassen und zu ihren Großeltern, zurück in das Dorf, das ihre Mutter vor langer Zeit verlassen hat. Als ihr Onkel Andrei vom Geheimdienst entführt wird und von einem auf den anderen Tag verschwindet, ist die ganze Familie in Gefahr. Ileanas Geschichtensammlung wird von ihrem Vater vernichtet, doch die Securitate folgt ihr bis in die Wälder der Karpaten.

Jessica Kasper Kramer knüpft mit ihrem Debüt an die Tradition der Bücherdiebin oder der Erzählmuster aus Der Junge im gestreiften Pyjama an. Historische Begebenheiten werden aus der naiven Sicht eines Kindes erzählt, hier ist die Hauptfigur ein Mädchen, das gerade dabei ist, erwachsen zu werden. Die Kapitel wechseln dabei zwischen der Realität also der Erzählung um Ileana, ihr Leben auf dem Dorf, den Versuchen der Großeltern, ihr Wissen geheim zu halten und den Bedrohungen durch die Securitate auf der einen Seite und einer fiktiven Ebene, nämlich der Geschichten, die Ileana aufschreibt, auf der anderen Seite. Ilena schreibt an einem Märchen, das von der mutigen Prinzessin Ileana handelt, die gegen das Böse kämpft und vermutlich Bezug auf rumänische Märchen und Sagen nimmt. Leider wird dadurch auch immer wieder der Spannungsbogen unterbrochen.

Ich hatte tatsächlich ein Problem, diese naive Märchensicht mit der Realität, die Ileana erlebt, zusammen zu bringen. Gleichzeitig, und da schließt sich der Kreis zur Debatte um Own Voices-Literatur, war mir die rumänische Perspektive zu einseitig oder eben zu folkloristisch geschildert. In der Stadt ist alles grau, alle Menschen haben Angst vor der Securitate, außer einiger mutiger Student*innen von Ileanas Vater, am Ende hält das Dorf zusammen und die alte Frau, die alle unheimlich finden, ist vielleicht eine Hexe oder eben auch nicht. Als Kinder- oder Jugendbuch gelesen, finde ich den Umgang mit der Diktatur in diesem Text, die dem mutigen Mädchen durch die Sammlung ihrer Geschichten dann doch gelingt, zielgruppenbedingt schwarz-weiß und viel zu vereinfacht. Die Männer der Securitate sind klar zu erkennen und kommen als Fremde ins Dorf. Das vereinfacht die Erzählung, natürlich. Am Ende rettet die Geschichtensammlerin durch eine Geschichte ihren Vater vor den Soldaten, im ganzen Land ist Aufbruchsstimmung. Ende gut, fast alles gut. Die Märchenerzählung breitet sich auch auf Ileanas Leben aus, die Kraft der Geschichten hilft allen.

Als die Securitate am 30. Dezember 1989 aufgelöst wurde, hatte sie schätzungsweise 40.000 offizielle und 400.000 inoffizielle Mitarbeiter. Der rumänische Geheimdienst galt als besonders brutal. Er brachte in den 1950er und 1960er-Jahren bis zu 100.000 Regimekritiker hinter Gitter, viele überlebten den Gefängnisaufenthalt nicht.

1999 verabschiedete Rumänien als eines der letzten osteuropäischen Länder ein Gesetz zur Aufarbeitung seiner Geheimdienstakten. Weitere sechs Jahre vergingen, bis die Aufarbeitungsbehörde CNSAS schließlich die Akten erhielt. Sie waren bis Ende 2005 vom Inlandsgeheimdienst (SRI) verwaltet worden – dem Nachfolger der Securitate. Der hatte damit ausreichend Zeit, die Akten zu zerstören oder komplett neu zu ordnen. Bis heute sind etliche Dokumente noch als Staatsgeheimnis deklariert und damit weiter unter Verschluss. Bis 2015 war nur ein Bruchteil der ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter enttarnt worden, viele arbeiteten auch nach dem Systemwechsel in hohen Posten der Regierung oder konnten sich und ihren Kindern durch guten Gehälter einen hohen Lebensstandard leisten und ihren Elitenstatus Übergangslösung beibehalten. (Quelle: MDR )

Ich war nicht hundertprozentig zufrieden mit dieser Geschichte, ohne genau sagen zu können, warum mich die Geschichte nicht ganz erreichen konnte. Deswegen frage ich mich, ob es wirklich an der Perspektive im Hinblick auf Own Voices geht oder vielleicht doch der naive Blick der Protagonist*in für mich nicht ganz aufgegangen ist.

Habt ihr den Roman schon gelesen?

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar angefordert. Vielen Dank!

Jessica Kasper Kramer – Die Geschichtensammlerin. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay (The Story That Cannot Be Told 2019). Wunderraum 2020.

Weitere Rezensionen:

Kidslitreview (englisch)