Ein Gentleman in Moskau

Ein Gentleman in Moskau

Moskau, 1922. Graf Rostov wird vom Revolutionskomitee zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, ausgerechnet im Hotel Metropol, dem besten Hotel am Platz. Und das ist sein Glück. Fast wäre er hingerichtet worden, aber ein Gedicht, das er mehrere Jahre zuvor veröffentlicht hat, rettet ihm das Leben.  Das Komitee einigt sich darauf, dass der einst so hellsichtige Geist des Grafen im Kontakt mit der adligen Klasse moralisch korrumpiert wurde. Das kann passieren und soll natürlich laut Komitee angemessen bestraft werden – aber glücklicherweise nicht mit dem Tod.

Der Graf darf nur das Hotel nicht mehr verlassen. Das ist die Ausgangslage für Amor Towles und der Beginn einer ungewöhnlich feinsinnigen Erzählung über das Leben in Gefangenschaft. Genauer gesagt,  in einer jahrzehntelangen Gefangenschaft in einem geschichtsträchtigen Haus, das sich ebenfalls im Wandel der Zeit befindet.

Graf Rostov ist niemand, der unter der Situation leidet oder anfängt, Trübsal zu blasen. Getreu seinem Motto: „Wenn man nicht Herr über seine Umstände ist, so werden die Umstände Herr über einen selbst“, beginnt sich der Graf in seiner Gefangenschaft einzurichten. Er lässt sich durch nichts in seiner Höflichkeit oder seinem Optimismus erschüttern. Von seiner Suite zieht er in eine Dachkammer im obersten Stock, die Hälfte seiner Möbel muss er zurücklassen und noch nicht einmal alle seine Bücher passen in sein neues Zimmer. Aber der Graf bleibt pragmatisch. Wenn er das Hotel nicht mehr verlassen kann, versucht er sich eben den Essays von Michel de Montaigne. Wann hat man schon Zeit dafür, einfach mal zu lesen?

Es war sicherlich zehn Jahre her, dass der Graf sich vorgenommen hatte, dieses in allen Landen gelobte und von seinem Vater hochgeschätzte Werk zu lesen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Finger auf  den Kalender gezeigt und erklärt hatte: Diesen Monat widme ich mich den Essays von Michael de Montaigne, hatte das Leben mit einer teuflischen Verlockung gewirkt. Sei es, dass unerwartet ein Liebesinteresse aufgekommen war, an dem er guten Gewissens nicht vorbeigehen konnte, oder dass sein Bankier angerufen hatte oder dass der Zirkus in die Stadt gekommen war. Das Leben hatte seine Verlockungen, fürwahr. Doch hier waren die Umstände endlich derart, dass sie den Grafen nicht ablenken, sondern ihm im Gegenteil Zeit und Muße schenken würden, so dass er sich dem ganzen Buch widmen konnte. (S.35)

Amor Towles hätte eine unendlich langweile Geschichte geschrieben, wenn es nur um den lesenden Grafen gehen würde. Stattdessen beginnt der Graf bald das Hotel mit anderen Augen zu sehen. Das liegt unter anderem auch an einem besonderen Hotelgast. Die neunjährige Nina schließt Freundschaft mit dem Grafen und zeigt ihm alle geheimen Gänge und Ecken, von denen der Graf noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.

Immer wieder sind es kleine Begegnungen, die dem Grafen neue Lebensqualität versprechen. Als der Graf beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er die Situation nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aushält, entdeckt er, dass einer der Hausmeister auf dem Dach des Hotels eine Imkerei betreibt. Ein Honigbrot rettet den Abend und der Graf hat einen neuen Freund gefunden.

 Im Laufe der Zeit, gelingt es Graf Rostov viele wichtige Personen ins Hotel zu manövrieren und mit ihnen Kontakt zu halten: sein bester Freund Michail, ein Schriftsteller, der anfänglich noch an die sozialistische Revolution glaubt, wichtige Leute vom Geheimdienst, eine berühmte Schauspielerin. Der Graf lässt alle ins Hotel kommen. Als Rostov die Gelegenheit bekommt, als Aushilfskellner einzuspringen, sagt er nicht nein. Wenigstens hat er so das Gefühl, dass er ein bisschen für Ordnung sorgen kann, wenn ihm sonst nur der Blick aus dem Fenster bleibt und das gesellschaftliche Leben an ihm vorbeirauscht.

Aber es ist nicht seine Position als Kellner, die den Grafen für immer verändern wird. Es ist eine neue Rolle, die der Gentleman und Lebemann sich nie hätte träumen lassen. Jahre später kehrt Nina ins Hotel zurück. Sie ist mittlerweile Mutter geworden und überlässt ihre Tochter Sofia der Obhut des Grafen, der immer noch nicht das Metropol verlassen darf. Nina kann sich keinen besseren und sicheren Platz für das Mädchen vorstellen. Der Graf hat mittlerweile viele Freunde gefunden, die Näherin Marina, den Koch Emile, den Kellner Andrei. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und versuchen politische Verstrickungen so gut es geht außerhalb des Hotels zu lassen. Aber das ist mit einem unter Hausarrest stehenden Grafen natürlich nicht so einfach. Gemeinsam versuchen sie Sofia eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Wenn auch eine Kindheit in einem goldenen Käfig. Aber für Sofia wächst der Graf über sich hinaus.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt, nicht nur, weil Graf Rostov eine Figur mit sehr viel Haltung und Charme ist, auch weil der Roman meisterhaft geschrieben ist. Amor Towles hat eine Geschichte über Mut und Courage geschrieben und darüber, dass man nie aufgeben sollte, sondern viele Situationen mit stoischem Optimismus ertragen kann. Man muss nur auf den richtigen Moment warten – und der kommt bestimmt.

Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. List 2016.

 

 

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Skulptur Projekte – Beliebte Stellen/Privileged Points

In Amsterdam im Stedelijk Museum hat Nairy Baghramian ihre Skulpturen 2011 das erste Mal gezeigt. Ich war zwar am Wochenende in Amsterdam, aber in der Stadt gibt es so viel zu sehen und wir haben einen Freund besucht, dass wir es leider nicht auch noch ins Museum geschafft haben. Auch im Berliner Kunstverein konnte man die offenen Ringe aus massivem Metall, die mit mehreren Schichten Lackfarbe überzogen wurden, schon in einer Ausstellung bewundern. Die Objekte sind bogenförmig und an vielen Stellen bleiben Tropfen von der Lackierung hängen. Das sieht irgendwie tentakelig-schön aus. Tentakelig oder wattwurmig, ich bin mir noch nicht sicher.

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In Münster stehen die glänzenden Lackkringel an prominenter Stelle auf dem Platz vor dem Erbdrostenhof. Das historische Gebäude wurde 1757 von Johann Conrad Schlaun gebaut. Wenn man Glück hat, kann man durch den Erbdrostenhof laufen. Auf der Rückseite des barocken Palais liegen die tropfigen Einzelteile von zwei weiteren Privileged Points, also diesen Kringelschlangen. Vielleicht warten sie darauf, dass sie zusammengebaut werden?

Unabhängig vom Kunstwerk wurde auch gerade eine Feier vorbereitet, aber ich finde die herumstehenden Tische stören fast gar nicht. ;)

Das Unvollständige ist in jedem Fall gewollt. Baghramian wartet darauf, dass das Werk nach der Ausstellung verkauft wird. Erst dann sollen die Einzelteile zusammengeschweißt und die Kringel wieder hergestellt werden. Gleichzeitig macht sie damit schon jetzt deutlich, dass ihre Kunst eigentlich überall zusammengebaut und aufgestellt werden kann und der Erbdrostenhof nicht unbedingt die einzige beliebte Stelle ist, an der die Skulptur stehen kann. Das gefällt mir.IMG_20170901_134505

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Die Skulptur Projekte 2017 sind in Münster noch bis zum 1. Oktober zu sehen. Privileged Points ist eins von 35 Objekten, die überall in der Stadt verteilt sind.

Der Eintritt ist frei.

Buch-Date VI – Meine Empfehlungen

Ich bin wieder beim Buch-Date dabei, das von Wortgeflumselkritzelkram und dem Zeilenende ins Leben gerufen wurde.

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Das Buch-Date steht dieses Mal im Zeichen der Kinder-und Jugendliteratur. Ich darf Laura von fantasiegeflüster drei Bücher empfehlen und das waren die Antworten, an denen ich mich orientieren kann:

Die letzten drei Bücher, die du gelesen hast?
Hunters Moon – Bettina Strauss
Elias & Laia – Sabaa Tahir
Wacholdersommer – Antje Babendererde

Dein Lieblings-Genre?
Ich versuche mich eigentlich gern mal an allem. Besonders gern lese ich aber von fernen Fantasywelten.

Deine drei liebsten Autor*innen?
Marah Woolf
J.R.R. Tolkien
Ava Reed

Gibt es etwas, das du überhaupt nicht lesen willst?
Horror und zu schnulziges 🙂

Und als Zusatzfrage: Wie ist dein Verhältnis zu Kinder- und Jugendbüchern – liebst du sie oder fühlst du dich zu alt oder gar zu jung für sie?
Ich stöbere ab und zu ganz gern in dem Genre – aber ich bin ehrlich. Wenn ich eins gelesen habe, muss danach was ganz anders her 😉

Liebe Laura,

ich habe lange überlegt. Denn so Empfehlungen sind immer verflixt schwierig. Trommelwirbel! Los geht’s!

1. Walter Moers – Ensel und Krete

Ensel und Krete von Walter MoersEnsel und Krete ist das erste Buch von Hildegunst von Mythenmetz, das von Walter Moers freundlicherweise aus dem Zamonischen ins Deutsche übersetzt wurde. Die Geschichte ist ein Märchen und deswegen passend für dieses Buch-Date. Es geht um das  Geschwisterpaar Ensel und Krete, zwei junge Fhernhachenzwerge, die im Großen Wald Zamoniens viele Abenteuer erleben. Die beiden putzigen Halbzwerge treffen einen Stollentroll, finden eine zauberhafte Orchidee und natürlich gibt es eine fiese Hexe. Insgesamt ein fantastisch geniales Abenteuer, das man gelesen haben muss. Und passt zu den fernen Fantasiewelten. Horror gibt es bei den Halbzwergen nicht, es wird nur sehr – abgedreht. Ein typischer Moers, äh, Mythenmetz eben.

2. Angie Thomas – The Hate U give

Für mich die Jugendbuchentdeckung des Jahres. Ein wirklich wichtiger Roman, meine ausführliche Rezension findest du hier. The Hate U give.jpg

3. Alan Bradley – Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet. (Band 1)

Bradley_AFlavia_de_Luce_1_95997.jpgIch bin ein riesiger Fan der Reihe! Es geht um Flavia, eine elfjährige Detektivin, die irgendwann in den 1950er Jahren zusammen mit ihrem Vater und ihren Schwestern Ophelia, eine angehende Musikerin und Daphne, einem verträumten Bücherwurm, auf dem Anwesen Buckshaw lebt. Flavias Mutter kam kurz nach ihrer Geburt bei einer Bergtour ums Leben – ihre Leiche wurde allerdings nie gefunden (ich finde, das hat Potenzial….). Flavias Hobby sind Gifte aller Art und sie kennt sich wahnsinnig gut mit Chemie aus – kein Wunder, auf dem Anwesen hat sie ihr eigenes Labor eingerichtet. Flavia ist sauschlau, häufig schlauer als der Dorfpolizist und sie kann es nicht verhindern, aber ihr fallen die Mordopfer quasi in jedem Band vor die Füße… Ich habe den siebten Teil hier rezensiert, aber es macht Sinn, ganz vorne anzufangen ;)

Liebe Laura,

ich hoffe, du kannst mit meinen Vorschlägen etwas anfangen. Ich verspreche dir, die Bücher sind garantiert nicht schnulzig. Ehrenwort.

Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen.

Der Preis, den man zahlt

Der Preis den man zahltSiegen Loyalität und Liebe oder Verrat und Gewalt? Der Preis, den man zahlt ist der Auftakt einer Reihe um den Spion Lorenzo Falcó. Vor einer historischen Kulisse setzt der spanische Autor Arturo Pérez-Reverte eine spannende Agentenstory in Szene.

„So ein Krieg ist ein echtes Spektakel“, sagte sie. (S.167)

Der Spion und Frauenheld Lorenzo Falcó steht vor dem vermeintlich wichtigsten Auftrag seines Lebens. Die Handlung spielt im Jahr 1936. Er erhält den Auftrag, in Alicante einen hochrangigen politischen Gefangenen zu befreien. Die Aktion ist so wichtig, dass sie sogar als kriegsentscheidend eingestuft wird. Obwohl Lorenzo Falcó eigentlich als einsamer Wolf unterwegs ist und gerne alleine arbeitet, muss er in diesem Fall seine Solopläne auf Eis legen. Um den politischen Gefangenen aus dem Gefängnis zu befreien, hat Falcó die Aufgabe, sich einer Gruppe junger Falangist_innen anzuschließen. Unter ihnen ist auch Eva Rengel, eine undurchsichtige Frau, deren Motive auch innerhalb der Gruppe nicht klar zu deuten sind.

Falcó hat für sich eine klare Rolle in dem Spiel der Geheimdienste und Kriegsparteien gefunden. Er ist sich selbst der nächste und hat keine politischen Überzeugungen.

Sollten sie doch töten oder sterben, sie mochten schon wissen, warum und wofür. Ob aus Dummheit, Bosheit oder ehrbaren Beweggründen. Lorenzo Falcos Krieg war ein anderer, und die Seiten waren klar definiert: hier er selbst, dort alle anderen. (S.103)

Trotzdem gilt er in der faschistischen Gruppe als Mann mit Erfahrung. Die anderen sind jung und naiv und haben zum Teil noch nie eine Waffe gehalten. Aber sie bringen eine Menge Fanatismus, Radikalität und jugendlichen Übermut mit. Falcó beginnt schon bald an der realistischen Durchführbarkeit der Aktion zu zweifeln. Eva kann ihn allerdings beeindrucken. Sie ist mutig, besonnen und in der Lage ohne mit der Wimper zu zucken, jemanden hinzurichten. Eine Frau, die Falcó nicht vergessen kann.

Niemand in der Gruppe kennt seine Mitstreiter_innen genau, aber für die Befreiungsaktion muss man sich auf die anderen verlassen können. In diesem gefühlsmäßigen Chaos kommen Eva Rengel und Falcó Lorenzo sich nahe. Und die Aktionen im Untergrund sind nach wie vor gefährlich.

Bis die Befreiungsaktion durchgeführt werden kann, hat Deutschland allerdings schon General Franco anerkannt – niemand weiß, wie sich diese Situation auf die inneren Ränkespiele innerhalb der Falange auswirken kann. Ein weiteres Risiko für Falcó, der sich zu fragen beginnt, warum ausgerechnet er für diese Mission eingesetzt wurde.

Dass Falcó so ein harter Kerl ist, wird leider an der einen oder anderen Stelle überbetont.  Wenn er die Frau des deutschen Botschafters verführt, die „blonde Walküre“ Greta, und er beim Anblick ihrer großen und „schwer wogenden“ Brüste an „Wagner-Musik“ denkt, nun ja, dann muss ich leider wirklich lachen. Aber gut, auch ich habe wirklich verstanden, dass Falcó ein sehr harter Mann ist, dem sich die Damenwelt nicht entziehen kann. Während Falcos Spionagegeschichte wirklich geschickt konstruiert wird, verhält es sich also mit der Rolle des Charmeurs und geschickten Verführers dann eher holzhammerig.

Der Preis, den man zahlt ist insgesamt ein spannender und gut gemachter Spionagethriller. Falcó wirkt zunächst wie eine absolut pragmatische Figur, die nur an sich selbst denkt. Er ist geschickt darin, seinen Job zu erledigen und legt eine Menge Chauvinismus an den Tag – bis er sich in Eva verliebt. Eva ist eine Figur, die lange ein Rätsel bleibt. Es gefällt mir, dass alle Beteiligten in dieser rasanten Spionagegeschichte ein Doppelspiel treiben. Es bleibt daher von Anfang bis zum Ende spannend.

Auch die geschichtlichen Hintergründe sind fantastisch recherchiert und geben Einblicke in den spanischen Bürgerkrieg. Ein absoluter Pluspunkt, aber auch nicht überraschend. Bevor Perez-Reverte zu einem der erfolgreichsten Schriftseller Spaniens wurde, arbeitete er 21 Jahre lang als Kriegsreporter. Vielleicht erklärt sein vorheriger Job auch, warum einige Verhörszenen so brutal und detailreich geschildert werden. Das war mir definitiv zu viel und hätte für mich nicht sein müssen.

Arturo Pérez-Reverte: Der Preis, den man zahlt. Aus dem Spanischen von Petra Zickmann. Insel Verlag Berlin 2017. 295 Seiten.

Ich habe den Roman bei vorablesen.de gewonnen. Vielen Dank!

 

 

 

Buchblog Award 2017 – „Dabei sein ist alles“

NetGalley und der Deutsche Börsenverein vergeben in diesem Jahr das erste Mal den Buchblog-Award für den besten deutschsprachigen Blog. Einen Sonderpreis gibt es für den schönsten Bookstagram-Account. Die Preise werden in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse vergeben. Eine wirklich große Sache also.

Manchmal neige ich zu Kurzschlussreaktionen. In einem wahnwitzigen Moment in der Bewerbungsphase, dachte ich mir ganz sportlich: „Warum denn eigentlich nicht?“

Mein Blog ist klein und ich kann es mir kaum erklären, aber ich habe es tatsächlich auf die Longlist geschafft. Jetzt stehe ich da – neben unzähligen fantastischen Buchblogger*innen. Großes Kino.

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Ich freue mich sehr und fühle mich geehrt, auch wenn ich mir keine realistischen Chancen auf irgendetwas ausrechne. Wenn es um die Shortlist geht, halte ich das eher so wie damals zu Schulzeiten mit den Bundesjugendspielen…

Dabei sein ist alles! 

Vom 01. bis zum 11. September läuft ein Voting für die Shortlist. Falls ihr Lust habt, klickt doch einmal hier vorbei und lasst mir eure Stimme da. Als Dank bekommt ihr von mir virtuelle Kekse und ich wünsche euch ewige Schönheit. Ich freu mich sehr.

Merci! 

Skulptur Projekte – Nuclear Temple

Auf dem alten Zoogelände in Münster steht eine drei Meter hohe und 2,5 Tonnen schwere Stahlskulptur. Es handelt sich um den „Nuclear Temple“ und ich fand die Skulptur richtig toll. Der Künstler Thomas Schütte ist zum vierten Mal in Münster dabei und damit einmal mehr, als bei der Documenta in Kassel. 2017 hat er in Marl als Pendant zur Kirschensäule in Münster eine Melonensäule errichtet. Das ist für mich eigentlich schon genug Grund, um irgendwann in meinem Leben mal nach Marl zu fahren.  Aber zurück zur Skulptur.IMG_20170729_140623

Sie hat auf jeden Fall etwas von einem Tempel, irgendeinem antiken Kuppelbau vielleicht, an jeder der achte Seiten gibt es einen Torbogen. Das Material ist relativ ungewöhnlich, der runde Tempel besteht aus rostigen Stahlblechen. Im Innenraum befinden sich 16 Stahlwände, die alle auf das Zentrum des „Tempels“ ausgerichtet sind.  Angeblich soll der Kuppelbau an das ehemalige Elefantenhaus im alten Zoo erinnern und verweist damit auch auf Münsters Kolonialgeschichte, wie Nicola Torke im Begleitheft zu den Skulpturprojekten schreibt. In Münsters  Zoologischem Garten wurden von 1879 bis Ende der zwanziger Jahre Menschen ausgestellt. Besonders beliebt waren die „Völker Afrikas“, ein Renner war die „Sudanesen-Karawane“. 1894  kamen mehr als 2000 Besucher täglich in den Zoo, um während der achttägigen Show einen Blick auf die ausgestellten Menschen zu werfen. Die Kasse klingelte und das besondere Spektakel des „großen afrikanischen Hammelfestes“ (vielleicht mit live-Schlachtung – wer weiß) versprach noch mehr Profit. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade diese „Völkerschauen“ zur Verfestigung und Akzeptanz rassistischer und kolonialistischer Perspektiven beitrugen. Auch auf dieses düstere Kapitel Geschichte verweist der Tempel.

Es gibt Menschen, die versuchen, in diese kleinen Türen hineinzukriechen.IMG_20170729_141014 Wirklich hineinkriechen, können aber nur kleine Kinder. Manche von ihnen haben gesehen, dass Licht durch die Kuppel ins Innere des Tempels fällt. Durch die eingesetzten Stahlwände wirkt es so, als wäre der innere Kern des Tempels zersplittert. Nuclear – der Begriff verweist auf zwei Sachverhalte. Zum einen auf den Wesenskern eines Objekts, zum anderen auf atomare Katastrophen. Und sieht der Tempel nicht auch ein bisschen aus wie eine Atombombe? Ob Schütte jetzt auf Hiroshima und Nagasaki anspielt oder eine weitaus aktuellere Katastrophe im Kopf hat, wie Fukushima 2011, sei einmal dahingestellt. Ich habe mich sofort gefragt, ob der Tempel nicht vielleicht auch eine Art Bunker sein soll. Ein Schutzraum (Tempel klingt für mich da passend) für die Zeit nach einer atomaren Katastrophe. Ein Raum, in den nur Kinder passen, weil sie es wert sind, gerettet zu werden. Die Erwachsenen müssen leider draußen bleiben…

Mir hat an dieser Skulptur besonders gut gefallen, dass sie so offen für unterschiedlichste Assoziationen ist.

Was fällt euch ein, wenn ihr den Tempel seht?

 

Die Skulptur Projekte 2017 sind in Münster noch bis zum 1. Oktober zu sehen. Der Nuclear Temple ist eins von 35 Objekten, die überall in der Stadt verteilt sind.

Der Eintritt ist frei.

Die Geschichte der Bienen

Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.

Albert Einstein

Seit vielen Jahren wird bereits vor dem Bienensterben gewarnt. Erst letzte Woche hat Sarah Wiener, die vor allen Dingen als TV-Köchin bekannt ist, eine Petition gegen das Bienensterben gestartet. Und die Zahlen sind tatsächlich erschreckend. 1990 gab es noch 1,1 Millionen Honigbienen in Deutschland, mittlerweile sind es noch 700 000 Bienen.

Die geschichte der bienenDie Norwegerin Maja Lunde  macht in ihrem internationalen Bestseller Die Geschichte der Bienen das Bienensterben und die Folgen für Mensch und Umwelt zum Thema. Aber es geht nicht nur um Bienen. Die Osloerin, die bereits zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher schrieb, erzählt die Geschichte von drei unterschiedlichen Menschen, die in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten leben und deren Schicksal durch die kleinen Insekten entscheidend mitbestimmt wird.

Zum einen gibt es den Samenhändler und Bienenforscher William Savage aus England. William hatte eigentlich vor, eine Karriere als Naturforscher zu beginnen. Aber sein Mentor glaubt nicht mehr an ihn und als Familienvater muss er dafür sorgen, dass seine Kinder und seine Frau einigermaßen versorgt sind. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, sein Laden läuft nicht, in der Forschung fühlt er sich verloren. Schwermütig liegt er tagelang im Bett und hofft wenigstens seinen ältesten Sohn Edward für eine naturwissenschaftliche Karriere erwärmen zu können. Aber Edward denkt nicht einmal daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Für den Vater überraschend, kann sich Williams Tochter Charlotte für die Forschung ihres Vaters begeistern. Gemeinsam basteln sie an einem Bienenstock, der es den Imkern erleichtern soll, den Honig zu ernten, ohne die Bienen zu gefährden. Die Bienen könnten stattdessen domestiziert werden, wie andere Nutztiere. William glaubt, am Höhepunkt seiner Forschung angekommen zu sein.

Ich fing mit Skizzen an, leichte Kohlestriche auf dem Papier, ungenauer Größenangaben, (…) und allmählich nahm er vor meinen Augen Form an, wurde deutlicher, die Striche wurden präziser, die Maße genauer. Und endlich, am 21. Tag, war der Bienenstock fertig.

Dann gibt es den Imker George, der in Ohio daran arbeitet, seinen Hof zu vergrößern. Wie viele seiner Kolleg*innen reist er mit seinen Bienen durch das Land, damit sie die Blüten bestäuben. Anders als seine Kolleg*innen versucht George alles, damit sich die Bienen wohl fühlen, damit sie nicht gestresst sind. Irgendwann soll sein Sohn die Farm und die Bienenstöcke übernehmen. Aber Tom hat kein Interesse an den Bienen, sondern möchte Journalist werden. Der Schock ist groß, als George zu den ersten Farmer*innen gehört, die 2007 vom Colony Collapse Disorder bedroht sind, einem spontanen Bienensterben, das viele Imker überraschend traf. Georges Existenz steht vor dem Aus – soll er weitermachen oder die Imkerei aufgeben?

Eine der spannendsten und eindrücklichsten Figuren ist die Arbeiterin Tao. Sie lebt im Jahr 2098 in China und bestäubt Blüten mit der Hand, weil es mittlerweile kaum noch Bienen oder andere Insekten auf der Welt gibt.

Jetzt summte aus Richtung des Waldes eine Fliege heran, ein seltener Anblick, sowie ich schon seit Tagen keine Vögel mehr gesehen hatte, auch sie waren weniger geworden. Sie machten Jagd auf die wenigen Insekten, die es noch gab, und hungerten ansonsten wie der Rest der Welt auch.

Bei einem Ausflug mit ihrem Mann Kuon und ihrem Sohn Wei-Wen kommt es zu einem Zwischenfall. Ihr Sohn wird nach Peking in ein Krankenhaus gebracht, aber niemand erklärt den Eltern, was passiert ist. Tao fährt nach Peking – in eine Stadt, die aufgrund der Nahrungsmittelknappheit fast ausgestorben ist und versucht ihren Sohn zu finden.

In jeder Episode, die um die Hauptfiguren William, George und Tao kreist, geht es um das Verhältnis der Menschen zu den Bienen. Maja Lunde zeigt anhand ihrer unterschiedlichen Figuren, welche Folgen das Bienensterben haben kann und in der Episode um Tao auch die globalen Folgen dieser Katastrophe. Das ist ein spannender Aspekt, der besonders in Taos Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Aber es werden nicht nur bestehende Probleme fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. In allen drei Episoden spielen auch immer wieder Familien und  die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern eine wichtige Rolle.

Die Geschichte der Bienen ist thematisch aktueller, als sicherlich die meisten von uns denken. Ich habe vor Kurzem den Dokumentarfilm More than Honey auf Netflix gesehen, den Maja Lunde auch als Inspirationsquelle im Nachwort nennt. Insofern ist es wirklich grandios, wie gekonnt Maja Lunde dieses wichtige Thema aufgreift. Ansonsten ist der Roman sehr klassisch konstruiert, es gibt keine Überraschungen, die sich irgendwo verbergen, keine doppelten Böden, keine ungeklärten Fragen, Formulierungen oder Wendungen, die einer besonderen Interpretation bedürfen.

Die Geschichte der Bienen ist eine unterhaltsame, spannende und wirklich gut gemachte Familiengeschichte, in der das Leben und Sterben der Bienen das verbindende Element zwischen ganz unterschiedlichen Figuren ist. Für mich ist Die Geschichte der Bienen ein Sommer-, Strand- und Urlaubsbuch, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb 2017. 508 Seiten.

Ich habe den Roman als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal angefordert.

Vielen Dank!

Weitere Rezensionen findet ihr hier: