[Rezension] Olivier Adam – Keine Sorge, mir geht’s gut

Lilis Bruder Loïc ist verschwunden. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, von einem Tag auf den anderen. Es soll einen Streit zwischen ihm und dem Vater gegeben haben. Aber Lili weiß nichts Konkretes. Ohne den Bruder ist es für sie nicht leicht, fast zwei Jahre bleibt er verschwunden. Doch bevor sie in einem depressiven Loch versinkt und magersüchtig wird, erreicht sie eine Postkarte von ihrem Bruder. Die Nachrichten werden häufiger, es sind nur winzige Mitteilungen: „Mir geht es gut“, „Ich hab dich lieb“. Nichts darüber hinaus, dass seinen Aufenthaltsort verraten könnte. Doch dann beschließt Lili ihn zu suchen und entdeckt dabei ein trauriges Familiengeheimnis.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Besonders Adams Schreibstil fällt auf. Kurzzeitig hatte ich das Gefühl, es handele sich fast um einen Film, der vor meinem inneren Auge ablief. Die Aufzählungen der unterschiedlichen Einkäufe von Lilis Kunden im Supermarkt wirkte für mich keinesfalls langatmig, sondern wie eine genaue Beschreibung der einkaufenden Menschen. Überhaupt gefiel mir der Schreibstil. Kaum wörtliche Rede. Viele Beschreibungen, wenig Innenperspektive. Das schafft einerseits eine große Distanz zu den Figuren und könnte schnell stereotyp wirken (die schöne Tochter, die reichen Partygäste etc.), bietet andererseits aber auch viel Platz für eigene Geschichten, die der Leser in die Erzählung hineinlegen kann. Zudem passt es zu Lilis Leben. Sie ist auch zu sich selbst distanziert, seit ihr Bruder weg ist. Fast hat man den Eindruck, sie suche durch ihre sexuellen Abenteuer eigene Orientierung, die ihr bisher nur der Bruder geben konnte. Bis zum Schluss war mir nicht klar, wodurch sich Lilis sehr starke Bindung an den Bruder erklären lässt. Nur durch kurze Einschübe wird deutlich, wie sehr sie sich immer an ihm orientiert hat, er für sie ein Fixstern im Durcheinander war. Das war für mich eher schwer nachzuvollziehen. Trotzdem hat mir der Roman gefallen. Denn nicht nur Lili ist betroffen, auch ihre Eltern. Und so sehr sie auch versucht, sich von ihnen zu lösen, desto mehr ist sie in eine enge Familiengeschichte verstrickt, in der die Eltern alles versuchen, um ihrer Tochter zu helfen. Mit dem Wissen, dass sie schoneinmal gescheitert sind.  Ein melancholisches und ruhiges Buch.

Olivier Adam war gerade 25 Jahre alt, als er diesen Debütroman schrieb. Der gleichnamige Film erschien 2007 und die Hauptdarsteller Kad Merad und Mélanie Laurent wurden für ihre schauspielerischen Leistungen mit einem César geehrt. Als der Film bei uns im Kino lief, habe ich ihn leider verpasst. Allerdings gibt es ja rebuy. Ich werde ihn mal auf meine Wunschliste setzen (oh nein, war nicht gerade erst Weihnachten? ;) ).

Olivier Adam: Keine Sorge, mir geht’s gut. 192 Seiten. München: Piper (3.Auflage, 2008). Originaltitel: Je vais bien, ne t’en fais pas. Übersetzt von Carina von Enzensberg. ISBN: 9783492252430.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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