[Rezension] Liao Yiwu – Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen.

Liao Yiwu, ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012, beschreibt in seinem autobiographischen Werk die Schrecken und die Folter innerhalb der chinesischen Gulags. Das Pekinger Politbüro versuchte mehrfach das Erscheinen zu verhindern, 2011 konnte sich Yiwu allerdings nach Deutschland absetzen und lebt seitdem in Berlin.

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In „Für ein Lied und hundert Lieder“ zeichnet Yiwu sein bisheriges Leben nach. Bis zum Vorabend des 4. Juni 1989 interessierte er sich nicht für Politik, doch mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ändert sich alles. Liao Yiwu verfasst ein regimekritisches Gedicht, dass in seiner Klarheit und fast stakkatoartigen Rhythmus seinesgleichen sucht: „Schießt! Schießt! Auf die Alten, die Kinder, schießt auf die Frauen! Auf die Studenten, auf die Arbeiter, auf die Lehrer, auf die Straßenhändler! Schießt! Knallt sie ab!“ Über drei Seiten umfasst sein Gedicht „Massaker“, dass er auf Band aufnimmt und das schnell inoffizielle Bekanntheit erlangt. Er schreibt ein zweites Gedicht „Requiem“, das er mit Freunden verfilmt. Schwere Vergehen in einer Diktatur.

Im März 1990 wird er aufgrund des Tatbestands der Konterrevolution zusammen mit verschiedenen anderen nicht-staatlichen Avantgarde-Dichtern und einflussreichen Künstlern verhaftet, vor Gericht gestellt und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Innerhalb des Gefängnisses gelten die Regeln eines anderen Universums. Auf der einen Seite stehen die folternden Gefängnisaufseher, die Gebrauch von Elektroschocks und Schlagstöcken machen, auf der anderen Seite stehen die kriminellen Gefangenen, die wehrlose Mitinsassen quälen. Die Neuankömmlinge müssen aus einer „Speisekarte“ wählen, deren Folterungen an Brutalität nicht zu überbieten sind: so stellen „Lammfleischspieße, scharf gewürzt“ die Verstümmelung der Zehen dar. Ein mit Öl getränktes Tuch wird dem Mitgefangenen um sämtliche Zehen gewickelt, dann wird es angezündet und verglüht langsam. Insgesamt umfasst die „Speisekarte“ 45 unterschiedlichste Folterungen, Hilfe von außen ist innerhalb der Gefängnismauern nicht zu erwarten. Liao Yiwu überlebt die vier Jahre im Gefängnis und im Arbeitslager, seine Ehe liegt allerdings in Trümmern. Vor seiner Verhaftung war seine Frau A Xia schwanger geworden. Er konnte nicht damit umgehen, dass sie in diesem Zustand selbst inhaftiert und gequält wurde, das Kind kennt ihn kaum. Es folgen Hausdurchsuchungen, auch als er längst wieder frei ist. Die vermeintliche Freiheit ist nicht frei, sein Kind ist von ihm entfremdet, seine Frau beginnt hysterisch zu schreien, sobald sie ein Manuskript von ihm sieht. Die seelische Folter setzt sich fort. Sechsmal wird nach der Haft seine Wohnung gestürmt, fertige und angefangene Manuskripte von der Polizei beschlagnahmt. Auch deshalb musste Yiwu „Für ein Lied und hundert Lieder“ 1995 nocheinmal schreiben, obwohl das Manuskript fertig war. Erneut war er drei Jahre mit dem Text beschäftigt. Er will Zeugnis ablegen, über die Brutalität des Regimes, verschweigt dabei aber auch nicht, wie er sich selbst durch die Gefängniszeit verändert, wie sehr ihn die erlebte Gewalt prägt.

Sein Roman ist keine leichte Kost und keine „Zwischendurch-Lektüre“. Neben den brutalen Schilderungen des Gefängnisalltags, beinhaltet der Roman auch den Gedichtzyklus „Liebeslieder aus dem Gulag (1990-1994). Noch erschreckender wirken die poetischen Verdichtungen Yiwus vor dem Hintergrund der im ersten Teil geschilderten Folterungen:

„Kein Mensch sich zu kümmern, kein Mensch zu töten, kein Weg zu laufen

der Fremde geht in die Falle, wird herausgeprügelt

aus dem Schaft des Körpers wird die Seele gezogen“ (S.573)

Es ist nicht leicht, dieses Buch bis zum Ende zu bringen. Immer wieder musste ich Lesepausen machen, fragte mich, wie es überhaupt möglich ist, dass eine solche Brutalität so alltäglich wird, so banal, so sehr zum Gefängnisalltag dazu gehört. Und trotzdem gibt es Lichtblicke von Menschlichkeit im Meer dieser Grausamkeiten: drei verurteilte Mörder, die gemeinsam auf ihren Tod warten oder die ermutigenden Aufmunterungen der Mitgefangenen, dass Yiwu weiter dichten solle. Dennoch sind auch diese Momente kurz, allein der Hinweis auf die „Speisekarte“ macht deutlich, dass jede scheinbare Sicherheit im nächsten Moment in Gewaltexzesse (Folter, V*rgew*ltigung, Tod) ausarten kann. Leicht zu lesen ist dieses Buch nicht, aber das ist von vornherein klar. Manchmal ist der Stil etwas verzweigt und ausufernd, gerade am Anfang, während andere Episoden verhältnismäßig kurz verhandelt werden. Das erfordert Aufmerksamkeit während des Lesens, ist aber wahrscheinlich auch dem Umstand geschuldet, dass Yiwu alles ein zweites Mal aufschreiben muss. Das Buch ist in jedem Fall empfehlenswert. Gleichzeitig hinterlässt es bei mir Bauchschmerzen. Nicht nur weil es emotional belastend ist, so ein Buch zu lesen, auch weil ich mich frage, ob es die Wirkung zeigt, die es haben sollte. Gerade wenn es um wirtschaftliche Interessen und die vielzitierten Krisenzeiten geht, sind drängende Fragen nach Menschenrechten – trotz anders lautender Versprechungen – häufig zweitrangig. Und gerade deshalb ist „Für ein Lied und hundert Lieder“ ein wichtiges Buch, das die Auszeichnung durch den Deutschen Buchhandel mehr als verdient hat.

Liao Yiwu: „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012. 592 Seiten. ISBN: 978-3-596-19000-3.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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