[Rezension] Doris Lessing – Die gute Terroristin

Alice Mellings lebt in einem besetzten Haus in London. Sie hat sich dieses Leben ausgesucht. Frei von gesellschaftlichen Zwängen und in permanenter Ablehnung der bürgerlichen Werte, die für sie ihre Elten verkörperten, lebt diese mittlerweile Mitte Dreißigjährige ein „revolutionäres Leben“ – oder das, was sie dafür hält. Wer ist ein „echter“ Revolutionär? Wer gehört wirklich zu den Radikalen? Wer möchte tatsächlich etwas ändern? Alice fühlt sich ziemlich radikal, gleichzeitig ist sie mitfühlend und sensibel. Ständig kämpft sie um Aufmerksamkeit, während sie versucht, die Wohngemeinschaft zusammenzuhalten. Sie versucht (oft vergeblich) die anderen zu motivieren, will das Haus „gemütlich“ und letztendlich doch wieder „gut bürgerlich“ herrichten, besorgt den Mitbewohnern Jobs und hilft wo sie kann, während der Rest der Bande sich auf Demonstrationen stürzt oder Stress mit der Polizei provoziert. Alice steht zuhause am Herd und empfängt die Gestrandeten und Abgekämpften mit einer warmen Mahlzeit oder kümmert sich um den passenden Blumenstrauß auf dem Tisch. Gleichzeitig beklaut sie ihre Eltern und merkt in ihrer Rebellion nicht, dass sie in der Beziehung mit Jasper Dinge wiederholt, die sie ihren Eltern ankreidet. Sie liebt ihn entsagungsvoll, er aber bleibt distanziert. Kein Wunder, denn eigentlich fühlt er sich zu Männern hingezogen. Also kocht sie Suppe, wie sie es zuhause bei den heimischen Festen und Empfängen der Mutter, damals, als die Firma des Vaters noch lief, gelernt hat. Und dann gibt es da noch diesen Nachbarn, aus dem anderen besetzen Haus, der angeblich mit den Russen zusammenarbeitet um Agenten auszubilden – er hält viel von Alice. Dabei ist doch Jasper derjenige, der die großen Reden hält. Als eine neue Mitbewohnerin hinzukommt, die sich mit dem Bau von Bomben auskennt, ändert sich die Situation. Statt Suppe und Diskussionen, gibt es nun (endlich) etwas Handfestes zu tun: die Gruppe beschließt ein Attentat.

Lessing_dieguteterroristin

Der Roman ist leicht und schnell zu lesen und ist auch spannend erzählt. Leider wirkt die Hauptfigur Alice alles andere als erwachsen und ihre „Revolution“ wirkt zum Teil postpubertär und für mich nicht ganz nachzuvollziehen. Sie hat ihre Ideale, aber hauptsächlich auch Wut und wird dabei ungerecht, gegenüber denen, die ihr eigentlich am nächsten stehen müssten. Warum führt sie diese merkwürdige Beziehung mit Jasper, den sie umschwärmt? Warum lässt sie sich alles gefallen? Warum hasst sie ihre Eltern so sehr und bleibt gleichzeitig so zurückhaltend, wenn es um ihre eigenen Bedürfnisse in der Gruppe geht? Gleichzeitig verliert Alice den Kontakt zu vielen ehemaligen Mitbewohnern, die ihr etwas bedeutet haben, während der Grotßeil der noch Anwesenden aus kaputten Verlierertypen besteht, die ihre politische Meinung als Ausrede für asoziales Verhalten benutzen. Besonders die Frauenfiguren treten eher helfend und verstehend auf, während die männlichen Protagonisten (abgesehen von Philipp) einen ziemlichen Egotrip fahren. Es ist eben doch nicht so leicht, eine Gruppe von (vermeintlich?) Ausgestoßenen zu vereinen und zu harmonisieren – die idealistische Alice kämpft auf verlorenem Posten. Und dennoch lässt sie sich alles gefallen. Sie hofft auf eine Veränderung der Welt, opfert sich für andere auf und bleibt letztlich doch das „kleine Mädchen“, das abhängig von den Männern auf ihren Einsatz als „gute Terroristin“ wartet.

Auch die „großen Revolutionen“ – und diesen Schluss lässt der Roman zu – scheitern oder gelingen auf der Beziehungsebene. Gerade wenn alle TerroristInnen gleich, aber einige eben doch gleicher sind als die anderen.

Doris Lessing: Die gute Terroristin. btb-Verlag (2003). ISBN: 3442730090. 448 Seiten.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

4 Kommentare zu „[Rezension] Doris Lessing – Die gute Terroristin“

  1. Danke für diese aufschlußreiche Zusammenfassung ..
    Ich muss bzw darf über dieses Buch ein Referat halten..
    Könntest Du mir noch mehr über den Ausgang des Buches erläutern?
    Und wie ist die beschriebene Situation auf die heutige Zeit zurückzuführen?

    Liebe Grüße

    1. Liebe Simone,
      wenn du ein Referat halten musst, sind unterschiedliche Dinge wichtig. Der erste Schritt ist, den Roman auch zu lesen. Dann weißt du übrigens auch, wie die Handlung ausgeht und musst nicht fragen ;)
      Der zweite Schritt ist, sich einige Gedanken zu den Figuren im Roman zu machen und langsam eine Interpretation zu entwickeln. Je nachdem, wie sich deine Interpretation gestaltet, kannst du dann zur Beantwortung der zweiten Frage, deine eigenen Thesen entwickeln und dazu passend Literatur suchen, die deine Thesen unterstützt.

      Allerdings habe ich die Frage auch semantisch nicht verstanden: „wie ist die Situation Jahre auf heute zurückzuführen“? Was bedeutet das? Meinst du, in welchem Zusammenhang die heutige gesellschaftliche Entwicklung mit dem R.A.F.Terrorismus steht? Oder meinst du, dass es Parallelen zu unserer Gesellschaft des Jahres 2015 und der Gesellschaft der 1970er Jahre gibt?

      Ich musste nicht nur in der Schule, sondern auch in der Uni einige Referate halten. Zwei ganz wichtige Tipps:

      1. Googeln ist schon mal ein Anfang – allerdings ist mein Blog auf der ersten Seite, also mach dich auf und such ruhig noch ein bisschen weiter. Wer will sich denn mit der ersten Seite der Google-Ergebnisse zufrieden geben. ;)

      2. Selber denken macht schlau. Dann geht der Rest von ganz allein. :)

      Wenn du noch Literaturtipp brauchst, hier ein Link zu einer Sammlung von Texten rund um die Nobelpreisvergabe an Lessing 2007

      http://www.haus-der-literatur.com/newsextra/nobelpreis2007.htm

      Literatur, die vielleicht auch noch helfen könnte und die auch die geschichtlichen Diskurse und Hintergründe beschreibt:

      Julian Preece: Baader-Meinhof and the Novel. Narratives of the Nation/Fantasies of the Revolution 1970-2010. New York 2012.

      Viel Erfolg bei der Recherche und natürlich bei deinem Referat!
      e

      1. Vielen Dank für die Tipps, ich habe das Buch gelesen, allerdings mich bisher wenig in der Richtung bewegt und meinte das eher vom Verständnis, ob es richtig verstanden wurde von mir.
        Genau so meinte ich meine Frage, die Literatur Tipps klingen gut!

        Ps: bei mir wird dein Blog ziemlich weit unten angezeigt ;) gehöre nicht zu der a) faulen Sorte und b) die sich nicht mit dem Thema auseinandersetzt..
        Jedoch jemanden zu Fragen der Ahnung hat, hat ja noch niemandem geschadet!

        Trotzdem herzlichen Dank,
        s

      2. Liebe Simone,

        ich bin auch keine Expertin für Doris Lessing, aber dieser Roman hat mir sehr gut gefallen. Gerade weil Alice so eine ambivalente Figur ist, die trotz ihrer Radikalität auch an vielem scheitert. Vielleicht ist das ein interessanter Ansatzpunkt für dein Referat? Generell sicherlich auch die Beziehungen zwischen Männer und Frauen – Alice wird als Terroristin ausgewählt, tritt aber in der Gruppe kaum in Erscheinung, weil sie immer hinter Jasper zurücksteckt – das hat mich zum Beispiel sehr irritiert. Und ihre häusliche Rolle auch – das ist für mich ein deutlicher Gegensatz zum Titel. Andererseits – Beate Zschäpe scheint eine ähnliche Rolle eingenommen zu haben:

        http://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-prozess-vater-boehnhardt-mutter-zschaepe-kind-mundlos-1.1841268

        Liebe Grüße, e

        PS: Ich weiß, ganz unten. Aber immer noch erste Seite ;)

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