[Rezension] Marlen Haushofer – Die Wand

Klappentext: Eine Frau wacht eines Morgens in einer Jagdhütte in den Bergen auf und findet sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr exisitiert …

9783548605715 Mit ihren Freunden Hugo und Luise macht die namenlose Ich-Erzählerin einen Ausflug in die Waldhütte des Pärchens, doch am nächsten Morgen sind die Freunde nicht von ihrem Spaziergang ins Dorf zurückgekehrt. Die Frau macht sich auf die Suche, kann allerdings nicht ins Dorf gelangen. Eine unsichtbare Wand versperrt ihr den Weg. Sie hat keine Möglichkeiten mehr Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, es gibt kein Radioempfang mehr und langsam begreift sie, dass eine Umweltkatastrophe eingetreten ist: sie ist der letzte noch lebende Mensch auf der Erde. Sie hält ihren Tagesablauf als Protokoll für die Nachwelt fest, obwohl ihr klar ist, dass niemand mehr ihre Memoiren lesen wird. So dreht sich ihr gesamter Lebenssinn um das Beschaffen von Nahrung und die Freundschaft zu ihren Tieren. Der Katze, den Katzenkindern Perle und Tiger, der Kuh Bella und Stier, ihrem Sohn, sowie Luchs, dem Hund, dem noch eine tragische Rolle zukommen soll.

Im Roman passiert nicht viel. Stattdessen verfolgt man das Leben der Frau und ihre Überlegungen über die Kraft der Natur, der sie sich nun ausgeliefert sieht. Gleichzeitig ermöglicht ihr das Leben außerhalb der Zivilisation eine Distanz zu ihrem früheren Ich. In den Fokus geraten die Dinge, die zum Leben wichtig sind: Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Feuerholz. Der Versuch mit den Tieren zu leben, da sie die letzten Gefährten sind, die diese Frau hat. Auch ihr Name spielt keine Rolle mehr, wozu auch, wenn ihn doch niemand mehr sagen wird. Es gibt keine Spiegel, es gibt keine Mode, allerdings warme Anziehsachen, die der Förster vermutlich übrig gelassen hat. Neben diesen ganzen Entbehrungen, ist die Frau ganz auf sich allein gestellt und muss mit dem leben, was sie in der Natur vorfindet. Sie ist einsam, aber scheinbar stärker als in ihrem vorherigen Leben in der Zivilisation. Sie muss jagen, sie muss sich und die Tiere versorgen und das alles unabhängig von Freunden oder einem sorgenden Ehemann. Denn es ist niemand mehr da.

Marlene Haushofer (1920-1970) hat Die Wand 1963 veröffentlicht, 1983 wurde das Werk neu aufgelegt. 1968 erhielt sie den Staatspreis für österreichische Literatur. Die Wand hat es 2004 auf Platz 40 der 50 Lieblingsbücher der Deutschen geschafft *klick*

Ein bemerkenswertes Ergebnis, was für mich zunächst nicht nachvollziehbar war. Der Roman ist in keiner besonders künstlerischen Sprache gehalten, stattdessen wirkt der Schreibstil eher einfach. Weshalb der Roman allerdings für viele so faszinierend ist, liegt wohl am gewählten Sujet. Eine einsame Frau, fast wie ein moderner Robinson, die versucht ihre menschliche Existenz zu bewahren – allerdings ohne andere Menschen. Ist das überhaupt möglich? Der Roman kann unangenehm werden, wenn man ihn zu nahe lässt. Die Einsamkeit, die diese Frau fühlt, wenn sie nur noch ihre Tiere hat, die Trauer um Tiere, die gestorben sind (wen sollte man auch sonst betrauern, es ist ja niemand mehr da), kann sehr melancholisch stimmen. Einfach weil es so endgültig ist, dass es niemanden mehr gibt, der ihren Namen für wichtig hält und niemanden der ihre Schriften je lesen wird. Besonders das Ende hinterlässt bei mir eine gewisse traurige Ratlosigkeit. Ob ich dieses Buch jemandem empfehlen würde, kann ich gerade noch nicht sagen. Vielleicht nur jemandem, der sich gerade nicht einsam fühlt.

Marlen Haushofer: Die Wand. List-Taschenbuch (2004). 288 Seiten. ISBN-10: 3548605710
ISBN-13: 9783548605715.

Advertisements

Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s