[Rezension] Marina Lewycka – Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch

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Nadias Vater möchte nach dem Tod seiner Frau erneut heiraten – und schleppt eine wasserstoffblonde ukrainische Schönheit an, die ihren pubertierenden Sohn, sowie eine Vorliebe für teure Küchengeräte mit in die Ehe bringt. Da ist das Chaos schon vorprogrammiert. Dass sie 36 und Nadjas Vater 84 ist, spielt für das traute Glück keine Rolle – aber Nadia wird schnell klar, dass es Valentina nicht um ihren Vater, sondern viel mehr um das gute Leben in England geht. Obwohl Nadia seit Jahren nicht mehr mit ihrer Schwester gesprochen hat, ergibt sich nun die passenden Gelegenheit: ihr Vater muss dringend aus den Händen dieser windigen Eheschwindlerin befreit werden! Papa hat allerdings ganz andere Pläne: ehrgeizig arbeitet er an seiner ersten Buchveröffentlichung, einem Sachbuch, das sich mit der industriellen Entwicklung des Traktors beschäftigt.

Mir hat der Roman sehr gefallen. Die abgedrehten Charakterere und der verrückten Zickenkrieg zwischen den Schwestern und Valentina (die Blondine nennt die Soziologieprofessorin Nadia gerne „flachbrüstiges Monster“, während Nadia von ihr als „flauschige rosarote Granate“ spricht) wird temporeich umgesetzt und brachte mich zum Lachen. Gleichzeitig entfaltet sich aber auch eine tiefsinnige Familiengeschichte, die mit der Eheschließung der Großeltern beginnt und durch Nikolais liebesbeflügelte Ergüsse über den ukrainischen Traktor um die Geschichte der Ukraine und des Stalinismus erweitert werden. Im Mittelpunkt steht dabei immer die schwierige Beziehung der Schwestern zueinander: auf der einen Seite Nadia, die sich als Feministin sieht, durch die 68er geprägt wurde und Dozentin für Soziologie ist – auf der anderen Seite ihre große Schwester Vera, die ein Geheimnis hat, dass Nadia nicht ahnen kann. Nadia, die als Friedenskind geboren wurde, beginnt langsam zu verstehen, warum Vera mit ihrer naiven Sicht auf die Dinge nicht viel anfangen kann, denn Vera, das Kriegskind, hat mit ihrer Mutter zusammen ein deutsches Arbeitslager nur knapp überlebt. Erst durch die ukrainische Blondine beginnt Vera langsam zu begreifen, was ihre Familie schon alles durchstehen musste.

Wer nur eine witzige Geschichte sucht, ist mit diesem Roman, der zwischen Komik und Tragik schwankt, sicherlich nicht gut beraten. Trotzdem hat mir gerade diese Mischung aus bitteren Erfahrungen und überdrehten komischen Episoden sehr gefallen, so dass ich am Ende fast schon Mitleid mit Valentina hatte.

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch.

Aus dem Englischen von Elfi Hartenstein. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2006. 360 Seiten.

ISBN: 978-3-423-21101-7

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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