[Rezension] Mohsin Hamid – Der Fundamentalist, der keiner sein wollte

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Worum geht es?

„Entschuldigen Sie, Sir, kann ich Ihnen behilflich sein? Oh, jetzt habe ich Sie erschreckt. Sie brauchen keine Angst vor meinem Bart zu haben: Ich liebe Amerika.“, ein harmloser Anfang, oder nicht? Der helfende junge Mann ist Changez, ein charmanter Universitätsdozent, der dem Angesprochenen, einem bis zum Ende unbekannt bleibenden Amerikaner, in der Stadt Lahore in Pakistan auf dem Markt begegnet. Sie beginnen zu plaudern und Changez beginnt vor dem Zuhörer, dessen Antworten sich nur durch Changez Reaktion erahnen lassen (der Amerikaner selbst kommt nicht zu Wort), sein Leben und seine Erfahrungen in New York auszubreiten. Changez war in den USA erfolgreich, keine Frage: Studium in Princeton, Abschluss mit summa cum laude, Jobeinstieg in einer spitzen Unternehmungsberatung und eine beginnende Beziehung mit Erica, einer angehenden Schriftstellerin der Upperclass. Doch der Schein trügt. Nicht mit allen Angewohnheiten im neuen Land kommt er zurecht. Sei es der seiner Meinung nach fehlende Respekt gegenüber den Älteren, den er aus Pakistan anders kennt oder aber die Verschwendungssucht der oberen Zehntausend. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September merkt Changez wie sich seine Heimatstadt New York verändert – auf einmal reicht es nicht mehr zu sagen, man sei New Yorker, auf einmal muss man Amerikaner sein, damit einen die Kollegen und Menschen auf der Straße akzeptieren. Für Changez eine schwierige Situation und der Beginn einer Krise, die sich im unterschwelligen Alltagsrassismus seiner Mitmenschen oder der Frage danach, ob er „Araber“ sei, manifestiert. Das Land, auf das er zuvor noch stolz gewesen ist und seine Firma, die ihm alles bedeutete, verlieren an Stellenwert. Sein Bart, den er sich im Urlaub in der Heimat wachsen ließ, ist da nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Auch der Krieg in Afghanistan, einem Nachbarland Pakistans und dann auch in seiner alten Heimat, zerrt an seinen Nerven. Auch Erica leidet seit geraumer Zeit an einer instabilen Psyche und befindet sich in therapeutischer Behandlung. Erst nach und nach entdeckt Changez, worin der Grund für Ericas Instabilität begründet liegt. Die Gedanken, die er sich um sie macht, rauben ihm die Kraft effektiv zu arbeiten, Probleme in der Firma sind die Folge. Nachdem die Situation mit Erica vollends eskaliert, kehrt Changez nach Pakistan zurück. Während Changez seinem unbekannten Zuhörer seinen Lebensweg zunächst höflich darlegt, nimmt seine Erzählung auch durchaus bedrohliche Formen an, die sich zunächst nur unterschwellig zeigen. Zusehends scheint der Amerikaner nervöser zu werden. Ist Changez selbst Fundamentalist geworden? Und was hat er eigentlich vor?

Das sage ich…

Mir hat der Roman sehr gefallen. Je mehr man über Changez erfährt, der sich auch nicht mit Kritik an Amerika zurückhält, desto intensiver wird die Situation zwischen seinem Zuhörer und ihm. Auch die Beziehung von Changez mit Erica wird mit seinen Erfahrungen im Ausland verwoben, so dass das Scheitern ihrer Beziehung und die Entfremdung voneinander, mit Changez‘ Scheitern in Amerika und der Entfremdung gegenüber seiner neuen Heimat parallel gelesen werden kann. Eingebettet in die Rahmenhandlung mit dem amerikanischen Touristen auf dem Markt von Lahore, ergibt sich eine sehr dichte Erzählung, die mich schnell in ihren Bann zog. Changez Monolog wirkt dabei an keiner Stelle langweilig, sondern trägt die Leserschaft durch die spannungsgeladene Situation, die kontinuierlich auf eine Eskalation hinausläuft.

Mohsin Hamid: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte (The Reluctant Fundamentalist). Übersetzt von Eike Schönfeld.

Heyne 2008. 192 Seiten.

ISBN: 978-3-453-40572-1

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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