[Rezension] David Mitchell – Der dreizehnte Monat

23846200z1982: Es ist ein regennasser Januar in Black Swan Green, einem Dorf in der toten Mitte Englands. Jason Taylor – heimlicher Stammler und zögernder Poet – befürchtet ein Jahr der schlimmsten Langeweile. Doch er hat weder mit einem Haufen Schulschwänzer gerechnet, die ihm das Leben schwermachen, noch mit köchelndem Familienzwist, der exotischen (belgischen) Immigrantin, dem Falklandkrieg oder gar mit jenen rätselhaften Geschöpfen, die man Mädchen nennt. David Mitchells ebenso bezaubernder wie turbulenter Roman kartographiert dreizehn Monate im schwarzen Loch zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, das Ganze im Abendrot eines heruntergekommenen Ex-Weltreiches. 

Das sage ich …

David Mitchell ist mit diesem halbbiographischen Roman eine wunderbare Erzählung gelungen, die Jasons‘ Suche nach sich selbst und seinem Platz in der Welt beschreibt. Und das ist alles andere als einfach. Doch so richtig kompliziert wird es eigentlich erst, als er versehentlich die Uhr seines Großvaters, eine alte Omega, beim Eislaufen kaputt macht. Daher auch der Titel, 13 Monate lang quält er sich mit dem Gedanken an die kaputte Uhr und traut sich nicht, seinen Eltern davon zu erzählen.

In diesen 13 Monaten zwischen seinem 13. und 14. Lebensjahr ändert sich Jasons Leben radikal. Der Falklandkrieg (April – Juni 1982) beginnt und bleibt auch für das Dorf nicht ohne Folgen. Zudem campieren Roma im Wald und ziehen den Hass der DorfbewohnerInnen auf sich. Jason wird in der Schule von seinen Mitschülern gemobbt, die Mädchen interessieren sich für ihn, den Stotterer, sowieso nicht und zuhause eskaliert die Situation. Standen am Anfang noch anonyme Anrufe, drohen schon bald einschneidende Erfahrungen, seine Schwester Julia zieht aus und die Ehe der Eltern kriselt. Es gibt ungeklärte finanzielle Probleme, zudem möchte Jasons‘ Mutter zum Leidwesen ihres Mannes wieder anfangen zu arbeiten. Jason ist auf der Suche nach sich selbst und ist dringend damit beschäftigt, irgendwie dazu zu gehören. Wenn ihm alles zu viel wird, geht er in den Wald. Sein Cousin Hugo ist auf Jasons‘ Weg nur ein kurzer Lichtblick und stellt sich doch nicht als wahre Hilfe heraus, immerhin bringt er Jason wenigstens bei, wie man richtig auf Lunge raucht und sichert ihm so einen kurzen Moment der Coolness vor den Mobbern, fast wirkt es so, als würde Jason endlich dazu gehören. Doch so einfach ist es nicht. Für Ross Wilcox, den Anführer der Gruppe, gehört Jason nun einmal nicht zur ‚Ingroup‘. Da hilft es auch nicht, dass er gerne Gedichte schreibt und beachtliche Erfolge als anonymer Autor in der Gemeindepost feiert – eher im Gegenteil, Jason hat Angst als „schwul“ zu gelten. Auch die Hilfe einer belgischen Dame, sowie ihrem „Butler“, die in Jason großes literarisches Talent sieht, bleibt nur von kurzer Dauer und hilft ihm nicht in der Schule, wo er stets damit beschäftigt ist, nicht auf der untersten Skala des Soziallebens eingestuft zu werden. Außerdem ist da dieses Mädchen Dawn Madden mit den Augen wie Honig, die ausgerechnet mit Ross Wilcox geht. Doch Jason bekommt die Gelegenheit sich zu rächen – mit den Konsequenzen, die seine Aktion nach sich zieht, konnte er nicht rechnen. Aber hat nicht jeder ein Geheimnis?

Besonders hat mir gefallen, dass die anonymen Anrufe ganz am Anfang des Romans erwähnt und erst auf den letzten Seiten aufgeklärt werden,  sodass sich ein stimmiges Ganzes ergibt. Generell habe ich den Eindruck, dass oft kleine Fährten im Text gelegt werden, die sich dem Leser erst Seiten später erschließen. Dabei ist die Erzählweise sehr kompakt, die Handlung abwechslungsreich und turbulent. Ich bin einfach in die Geschichte versunken und habe mich von Jasons Fragen und Problemen mitnehmen lassen, die immer auch an den Zeitgeist der 80er geknüpft sind. Da entwickelt der 13-Jährige patriotische Züge, wenn sich England im Krieg befindet und der Schulleiter bedauert schon einmal, dass es aufgrund der liberalen Haltung in Erziehungsdingen leider nicht mehr möglich sei, die Schüler zu züchtigen. Gleichzeitig habe ich Jason fasziniert begleitet, der beginnt, mit seinem Stotter-Problem umzugehen und zu weitreichenden Erkenntnissen über sich und seine Familie gelangt.

Eine absolute Leseempfehlung!

David Mitchell: Der dreizehnte Monat (Black Swan Green, 2006). Übersetzt von Volker Oldenburg. 

Rowohlt Taschenbuch Verlag 2007. 493 Seiten.        

ISBN-10: 3-498-04504-0
ISBN-13: 9783498045043

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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