[Rezension] Robert Menasse – Sinnliche Gewissheit

 

Menasse Sinnliche GewissheitIn der „Bar jeder Hoffnung“ (wie bezeichnend!) in Sao Paulo, treffen sich jeden Abend die österreichischen und deutschen Migrant_innen bei Kneipier Oswald, der ihnen etwas Heimeligkeit in der Fremde bietet. Roman, der Ich-Erzähler, seines Zeichens Dozent für Germanistik und permanent damit beschäftigt, durch seine Themenschwerpunkte nicht anzuecken (Darf man mit den etwachsenen Studentinnen Abtreibungen diskutieren, ja oder nein?), ist ebenfalls in der Bar anzutreffen. Denn hier starten seine sexuellen Abenteuer, sei es mit der wunderschönen Dame, die ihm das Marionettenspielen beibringt (Wer ist hier die Marionette?) oder mit der Bürokollegin, deren Eltern nach dem zweiten Weltkrieg nach Brasilien auswanderten.

Ohnehin scheint es sehr viel Deutschtümelei zu geben, an diesem exotischen Ort. Sowie mysteriöse Verstrickungen in die deutsche Geschichte.Und dann gibt es noch den heimlichen Star der Bar, Professor Singer, der sich in Judith verliebt hat, die sehr mit Kokain beschäftigt ist. Und es gibt die permanente Suche des entgeisterten Roman, der nicht so richtig voranzukommen scheint.Egal was passiert, seine sexuellen Affären, der nahezu lebensbedrohliche Autounfall mit der Bürokollegin – ja und?

Es gibt keine Entwicklung, am Ende sitzen doch wieder alle bei Oswald und diskutieren über den Vorteil der Malerei gegenüber der Fotografie, etwas wirklich abbilden zu können. Oder andersherum. Denn das ist ja auch die Frage, was bedeutet Realität in diesem regressiven Universum? Roman sagt, er beschäftige sich nun eben mit der Rückentwicklung des Menschen, während sein Leben an ihm vorbeizieht. Er sitzt in der Kneipe, patscht an die Fensterfront vor ihm und kommt nicht raus. Judith ist ähnlich gestrickt, was Roman aber erst später von Professor Singer erfährt: Judith versucht die Rückentwicklung( oder den intellektuellen Höhenflug?) durch Kokain zu beschleunigen, so wie es einer ihrer Freundinnen passierte (gebildete Akademikerin, die nach dem Drogenexzess den geistigen Zustand eines Kleinkindes erreichte).

Alle, die sie da sitzen, lassen das Leben an sich vorbeirauschen, so dass die einzige Versicherung der eigenen Existenz in der „sinnlichen Gewissheit“ liegt, eine Formulierung Hegels, den Professor Singer jedem empfiehlt zu lesen …

Robert Menasse hat einen sehr, sehr dichten Roman geschrieben, dessen genaue Verstrickungen überraschend sind. Neben Fragen nach Identität, Fremdheitserleben, Heimat und dem Gefühl des Heimatverlustes, wird letztlich eine Sinnsuche porträtiert, mit der der Ich-Erzähler überfordert ist. Ich bin ganz sicher, dass mit den Hegelanspielungen noch viel mehr anzufangen ist und dass ich sicherlich viele Anspielungen nicht verstehen konnte (vielleicht ist das aber auch nur eine Arno Schmidtsche Nachwirkung).

Letztlich zeigt sich ein Suchender, der sich immer wieder fragt, warum alles so geworden ist, warum er nicht mehr reagieren kann. Ein Roman, der mich genauso verwirrt, wie fasziniert hat. Rückentwicklung als Ziel? Um irgendwann – zu verschwinden? Weil alles nichtig ist und nichts mehr Bedeutung hat? Roman hätte sicherlich auch nichts gehabt, dass er auf Pierre Anthons Berg der Bedeutung hätte legen können. Weil er bisher nichts „Authentisches“ finden konnte. Die Frage ist, ob das (für ihn) wirklich ein Problem darstellt, da er durch seine Distanz zum Leben ohnehin den Eindruck macht, als habe er etwas wichtiges nie gelernt oder vergessen: die Nähe zu anderen Menschen und zu sich selbst.

Robert Menasse: Sinnliche Gewissheit. Suhrkamp Taschenbuch. 1996. 329 Seiten.

ISBN-10: 3518391887 ISBN-13: 978-3518391884

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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