[Rezension] Michel Houellebecq – Plattform

4d9dcfc0dbaef_Cover_Michel_Houellebecq_Plattform_rowohltWorum geht es?

In „Plattform“, erschienen 2001, protokolliert Houellebecq die Geschichte eines tragischen Lebens. Michel ist ein frustrierter Beamter im Pariser Kulturministerium, der schon lange keine echte Begeisterung mehr für sein langweiliges Dasein aufbringen kann. Auch dass sein Vater ermordet wird, tangiert ihn kaum. Durch die Erbschaft kommt ihm etwas Geld zu und er beschließt eine Pauschalreise nach Thailand zu unternehmen. Denn auch wenn er seine Träume ansonsten als „beschränkt“ beschreibt, vertritt er doch den typischen europäischen Traum:

„Wie alle Bewohner Westeuropas möchte ich reisen. Aber es gibt da gewisse Schwierigkeiten: die Sprachbarrieren, die schlecht organisierten öffentlichen Verkehrsmittel, die Gefahr, bestohlen oder übers Ohr gehauen zu werden. Um die Dinge beim Namen zu nennen: Mein Wunsch besteht im Grunde darin, Tourismus zu betreiben.“ (S.32)

Trotz der augenscheinlichen Schwierigkeiten, ist Thailand ein entspannter Ort. Michel besucht die einschlägigen Massageclubs, in denen auch etwas mehr als Massage geboten wird („Diese kleinen Thai-Nutten sind ein wahrer Segen, ein Geschenk des Himmels, sagte ich mir.“), und fühlt sich auch nicht durch die moralisch entrüsteten weiblichen Mitreisenden gestört, die ihn auf die Degradierung der Frauen als Sexobjekte hinweisen. Valérie, ebenfalls Mitreisende, hat hingegen kein Problem mit Michels Wünschen. Die beiden kommen sich näher, der Sex zwischen ihnen ist fantastisch und auch nach dem Urlaub bahnt sich soetwas wie eine Beziehung an. Das erste Mal lernt Michel eine tiefe sexuelle Obsession kennen, für die er noch nicht einmal bezahlen muss. Valéries ist erfolgreich im Job, noch keine Dreißig und hat schon viel erreicht. Momentan sieht es in ihrem Marktsegment, der Tourismusbranche, allerdings schlecht aus. Pauschalreisen, so müssen die beiden feststellen, sind einfach nicht auf das Publikum zugeschnitten: es gibt peinliche Karaokeabende und ein Programm, das nicht einmal im Seniorenheim auf Zustimmung stoßen würde.

Auch Valeries Chef, Jean-Yves, ist verzweifelt und sieht die kleine Firma den Bach heruntergehen. Nur ein weiteres Problem, neben seiner scheiternden Ehe und der schwierigen Beziehung zu den Kindern. Da macht Michel einen folgenschweren Vorschlag: die „Plattform“ zum Glück. Das Konzept ist simpel und bedient die Bedürfnisse der sexsuchenden Euopäer_innen und lässt sich zudem in jedem „dritte Welt“ – Land gut ansiedeln: Wenn mehrere hundert Milliarden Menschen alles haben, bloß keine sexuelle Erfüllung und mehrere Milliarden Menschen nichts haben als ihren Körper, dann ist das, wie Michel feststellt, eine „Situation des idealen Tauschs“. Valérie, Jean-Yves und Michel wollen daher dem verlorenen französischen, deutschen, spanischen und italienischem Liebesglück in den exotischen Ferienclubs zur Erfüllung verhelfen. Obwohl Jean-Yves sich fragt, ob die Welt, die die drei hier erschaffen, wohl die richtige ist, siegt am Ende das kapitalistische Kalkül. Das Projekt wird unter der Hand beworben und schreibt in den ersten Monaten fantastische Zahlen, eine Auslastung von 95% ist die Folge. Michel und Valérie, die alles dafür tut, dass das Konzept läuft, sind im siebten Himmel. Jean-Yves findet Entspannung bei den Thailänderinnen, das Konzept des fröhlichen Sextourismus läuft fast zu gut – dann passiert die Katastrophe …

Das sage ich … *SPOILER*

„Plattform“ ist mein erster Houellebecq. Irgendwann fiel mir das Buch im SecondHand-Buchladen in die Hände. Besonders gefiel mir das Zitat von Jens Jessen aus der Zeit, dass auf der ersten Seite steht: „Houllebecq ist ein Trüffelschwein für Verletzungspotentiale.“ Der Roman macht es mir nicht leicht, ihm vorurteilsfrei zu begegnen. Auf der einen Seite gibt es abstoßende Schilderungen von V*rg*w*ltigungen, die en passant eingestreut werden, andererseits gibt es eine Reproduktion von Stereotypen und Rassismen am laufenden Band. Der Protagonist ist deshalb alles andere als sympathisch. Und überhaupt – natürlich ist die Utopie von Michel, Valérie und Jean-Yves nichts anderes als Sextourismus. Doch es gibt Menschen, die von diesem Arrangement profitieren und tatsächlich glücklich werden. Es geht also um die guten Sextourist_innen, deren pazifistische Utopie dann von den bösen Islamisten gestört wird? Der Roman verweigert sich schwarz-weiß Zuordnungen, die ich selbst auch schnell aufmache. Andererseits, muss ich mich als Leserin, die die Haltung der Hauptfiguren kritisiert, sozusagen mit dem islamischen Terror am Ende zufrieden geben, da endlich Sodom und Gomorrha ein Riegel vorgeschoben wird? Kann ich das wollen? Vollstrecken die Terroristen am Ende das, was ich mir innerlich schon gewünscht habe? Dass es so nicht gehen kann? Dass das Verhalten der Protagonist_innen ausbeuterisch ist? Trotz einiger Längen des Buchs, rettet das überraschende Ende einiges und regt zum Nachdenken an. Obwohl ich anfänglich das Buch in die Ecke pfeffern wollte, da mich die Haltung des Erzählers einfach nur abgestoßen hat, bin ich froh, bis zum Ende gelesen zu haben. Denn Michel war ernsthaft in Valérie verliebt und bietet durch seine Geschichte auch einen anderen Ausblick auf das Geschehen – denn die Idee des Clubs war, Menschen glücklich zu machen. Ob der Zweck allerdings immer die Mittel heiligt, bleibt hier fraglich, genauso fraglich bleibt die Präsentation Michels als hilfloses Opfer am Ende, die auf Figurenebene zwar stimmig ist, in Anbetracht des Gesamtkontextes allerdings verstörend wirkt. Die Leser_innen können sich einer moralischen Bewertung des Geschehens kaum entziehen.

Auch ein Blick Richtung Wikipedia hilft ein wenig, die Rolle Houellebecqs als agent provocateur einzuordnen. Wahrscheinlich ist Houellebecq einer dieser Typen, die dir fiese Sachen mitten ins Gesicht sagen und dann entschuldigend lächeln, so von wegen: „Hey, aber immerhin bin ich ehrlich, so ist die Welt eben.“ Kranke Leute machen kranke Dinge und fühlen sich super dabei, die Normalen, die mit Anstand, krebsen kränkelnd rum.

       „Das Erhabene gibt der Seele die schöne Ruhe“ (Johann Wolfgang von …) – In your face, Goethe.

Michel Houellebecq: Plattform. Übersetzt von Uli Wittmann. Rowohlt Taschenbuch 2003.

340 Seiten.

ISBN: 3-499-23395-6

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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