[Rezension] Harper Lee – Wer die Nachtigall stört

wer die nachtigall störtKlappentext: „Absolut genial“ (The New Yorker). Harper Lee beschwört den Zauber und die versponnene Poesie einer Kindheit im tiefen Süden der vereinigten Staaten. Die Geschwister Scout und Jem wachsen in einer Welt von Konflikten zu tolerant denkenden Menschen heran. Menschliche Güte und stiller Humor zeichnen diesen Roman aus, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde und die Herzen von Millionen Lesern im Sturm eroberte. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle wurde mit drei Oscars ausgezeichnet. „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Du hast Harper Lee gelesen“ (FAZ).

Worum geht es?

Der elfjärige Jem und die achtjährige Scout wachsen in den Südstaaten, in den 1930er Jahren, bei ihrem Vater Atticus auf. Atticus ist Anwalt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch diejenigen Klienten anzunehmen, deren Chancen nicht gerade rosig aussehen. Sein momentaner Fall ist Tom Robinson, ein Familienvater, der der V*rg*waltigung bezichtigt wird. Doch Tom ist nicht allein aufgrund der schwierigen Ausgangslage ein scheinbar hoffnungsloser Fall: er ist schwarz und niemand rechnet damit, dass die Jury einen Schwarzen, der ein weißes Mädchen v*rg*waltigt haben soll, freisprechen wird. Doch Atticus gibt nicht auf, er ist von Toms Unschuld überzeugt. Toms angebliches Opfer stammt aus einer höchst unseriösen Familie und wurde zudem, so hat es den Anschein, von ihrem Vater dazu gebracht, die Anschuldigungen zu erheben. Es folgt ein harte,r langandauernder Indizienprozess. Für Scout, aus deren Perspektive die Leser_innen das Geschehen erfahren, ist die Situation doppelt schwierig. Nicht nur in der Schule, auch in der Kleinstadt werden sie und ihr Bruder von Kindern und Erwachsenen beschimpft und dass nur, weil ihr Vater Tom tatsächlich (!) verteidigt und ihn nicht, wie angenommen, ins Messer laufen lässt. Wer einen Schwarzen verteidigt, begeht ein Sakrileg, so sieht es zumindest die weiße Mittelschicht und die heruntergekommene Familie des angeblichen Opfers. Die Situation wird immer bedrohlicher und Atticus muss sich und seine Kinder schützen …

In dieser konfliktreichen Situation erleben Scout, Jem und ihr gemeinsamer Freund Dill (Scouts „Verlobter“), allerdings auch viele unbeschwerte Tage. Am spannendsten ist für die Kinder der geheimnisvolle Nachbar Boo Radley. Boo soll vor Jahren von seinem erzkonservativ christlichen Vater eingesperrt worden sein und hat seitdem das Haus nie mehr verlassen. Sein Vater ist längst tot, stattdessen ist sein ältester Bruder eingezogen, der nun den Hausvorstand mimt, aber Boo bleibt verschwunden. Wie geheimnisvoll! Wie spannend – und welch eine Herausforderung für die drei Kinder. Sie beginnen Boo Nachrichten zu schreiben, wagen sich bis an die Haustür vor und flüchten dann doch, aber im Haus nebenan rührt sich wenig. Einmal glaubt Scout ein Lachen zu hören, aber mehr auch nicht. Bis sie eines Tages liebevolle Geschenke in einem Astloch finden, die nur von Boo stammen können, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben. Während Jem und Dill beginnen, sich „erwachsenen“ Dinge zuzuwenden, zum Beispiel dem Prozess um Robinson, immerhin wird Jem bald zwölf – ist Scout weiter fasziniert von Boo, der genau wie eine Nachtigall, nicht gestört werden darf …

Das sage ich … 

Ich habe den Roman für die „Rory-Gilmore“-Challenge gelesen und habe mich so gefreut, ihn entdeckt zu haben. Scout, Atticus und Jem sind wahnsinnig sympathische Charaktere. Besonders Atticus, dieser aufrichtige Anwalt, der für seine Kinder nicht nur Vater, sondern auch Freund und moralisches Vorbild ist, hat mir wahnsinnig gut gefallen. Atticus ist einer von den „Guten“, von denjenigen, die an das Gesetz glauben und die daran glauben, dass sich am Ende die Wahrheit durchsetzen wird. Mit dem weit verbreiteten Rassismus und den Anfeindungen durch seine Nachbar_innen und Bekannten hat er einfach nicht gerechnet, da so ein Verhalten für ihn nicht rational nachvollziehbar ist. Durch Scouts „naive“ Perspektive wird den Lesenden schnell klar, wie tief Rassismus in der Kleinstadt verwurzelt ist und wie gefährlich die Situation für Atticus ist.  Auch wenn Scout nicht alles versteht, ist sie dafür bereit, Atticus vor den anderen Kindern zu verteidigen und sich sogar für ihn zu prügeln, auch wenn man das als „junge Lady“ eigentlich nicht macht. Meiner Meinung nach wird das „Erwachsenwerden“ von Scout und Jem mitreißend beschrieben. Es ist kaum nachzuvollziehen, wie herablassend Schwarze als Menschen zweiter Wahl behandelt wurden, mit dem gleichzeitigen Hinweis darauf, dass doch in einer Demokratie alle gleich seien. Interessanterweise entdecken nur die Kinder diese Doppelmoral der Erwachsenen und Scout und Jem haben mit Atticus tatsächlich jemanden an ihrer Seite, der versucht, das allgemeine Unrecht etwas gerechter zu gestalten. Die Geschichte ist toll und wartet mit einer unerwarteten Wendung auf und die Charaktere sind sowieso wunderbar. Unbedingte Leseempfehlung!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill A Mockingbird). Übersetzt von Claire Malignon.  rororo, Auflage 32 (3. November 1978). 416 Seiten.

ISBN-10: 3499142813   ISBN-13: 978-3499142819

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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