[Rezension] Susanne Kaiser – Von Mädchen und Drachen. Ein Märchenroman.

Klappentext: Wie wird die ratlose, ja verzweifelte Gwendolyn zum lebensfrohen, selbstbewußten (sic!) Drachenmädchen? Dazu gehört eine vitale Urkraft, die weder an den lächerlichen noch an den – viel gefährlicheren – „gutgemeinten“ Forderungen von Familie und Umwelt erstickt.

„Susanne Kaiser besitzt Talent fürs leichte, amüsante Erzählen.“ (FAZ)

„Ein starkes Pädoyer für die Urkraft der Frauen und für die Macht der echten Liebe.“ (Freundin)

Was habe ich denn da mitgenommen? Bei einem Besuch zuhause, fiel mir dieser Roman in die Hände. Meine Eltern besitzen mehrere Regale voller Bücher (irgendwoher muss dieses Leidenschaft ja kommen) und dieser etwas andere Märchenroman war auch dabei. Auf dem Rückendeckel klebte noch das „1 Euro“ – Preisschild und ich vermute einfach, dass diesen Roman zuhause noch niemand gelesen hat. Aber er ist rot und von Suhrkamp und außerdem ist Susanne Kaiser 1994 von der Stadt Wetzlar für Mädchen und Drachen mit dem „Phantastik-Preis“ ausgezeichnet worden. Also, los…

Worum geht es?

Genau, um Mädchen und Drachen. Eigentlich ganz einfach. Die Handlung spielt, ganz wie es sich für ein Märchen gehört, in einer fantastischen Welt, in der Prinzessin Gwendolyn mit ihren Eltern und Brüdern auf einer Burg lebt. Eigentlich ist Gwendolyn ein sehr vergnügtes Kind. Sie spielt gerne, sie hat viel Fantasie und wenn es sein muss, dann besiegt sie auch die Jungs in den regelmäßigen Raufereien.Besonders den doofen Gottlieb. Doch irgendwann ist die unbeschwerte Kinderzeit vorbei und sie muss sich endlich wie eine Prinzessin verhalten. Und das gefällt ihr gar nicht. Während ihre Brüder ausziehen und die Welt entdecken, schickt sich so ein Verhalten kaum für eine Prinzessin. Während ihre Brüder in ihren verlassenen Zimmern jeden Schrott anhäufen dürfen, der ihnen gefällt (Jungs sind eben so Forschertypen), werden Gwendolyns Spielsachen von einem Tag auf den anderen weggeworfen, denn wenn man erwachsen ist, spielt man nicht mehr, teilen ihr die Erwachsenen mit. Zumindest nicht als Mädchen.

Gwendolyn zieht sich zurück und beschäftigt sich mit dem, was sie besonders gut kann. Schon früher hatte sie mit einem ihrer Brüder ein Aquarium angelegt und sich um Pflanzen und Tiere gekümmert. Seit ihr Bruder weg ist, versorgt sie die Tiere heimlich, erforscht ihre Verhaltensweisen und nähert sich mit biologischem Sachverstand der Tierwelt. Hier kann sie sich selbst so viel mehr beibringen, als ihr die Erzieherinnen zutrauen, die sie entweder Handarbeiten anfertigen lassen (in denen Gwendolyn grandios scheitert) oder Geschichten von flauschigen Kaninchen und wunderschönen Rehlein erzählen, die so viel mit Biologie und Gwendolyns Interessen zu tun haben, wie Bockwürstchen mit Wackelpudding. Eines der Tiere ist der kleine Drache Drago, mit dem sich Gwendolyn anfreundet. Doch dann wird ihr auch diese Freude genommen, zudem sieht der zurückgekehrte Bruder in Gwendolyns wissenschaftlichen Betrachtungen auch nur Kindereien, die nicht zu einer Prinzessin gehören. Gerade noch rechtzeitig kann Gwendolyn alle Tiere, inklusive Drago, befreien.

Die Zeit vergeht und Gwendolyn wird immer unglücklicher und ruhiger und stummer und kann dabei nur auf einen Verehrer warten. Doch dann verwandelt sie sich am Tag des Burgfestes aus heiterem Himmel in einen Drachen. Sie ist frei, sie ist stark und sie ist unglaublich begierig danach, das Schloss zu verlassen.  Nach ihrem Ausbruch bemerkt sie, dass es noch viele andere Drachenmädchen gibt, die frei und solidarisch miteinander leben und Drago findet sie auch wieder.

Als Drache kann Gwendolyn so viel forschen, wie sie will, es stört niemanden und sie kann sich sogar mit den anderen Drachenforscherinnnen zusammen tun. Es besteht auch die Möglichkeit, sich wieder in eine Frau zurückzuverwandeln, zumindest für die große Liebe. Doch will Gwendolyn das, nachdem sie nun alle Freiheiten hat? Ein Thema, das auch die anderen Drachenmädchen nicht loslässt und immer wieder diskutiert wird. Und dann lernt Gwendolyn den Bildhauer Hans kennen, der das starke Drachenmädchen sehr bewundert. Doch Gottlieb hat auch noch seinen großen Auftritt …

Das sage ich …

In Von Mädchen und Drachen werden weibliche Emanzipationsgeschichten erzählt, denn alle Drachenmädchen haben so eine Entwicklung hinter sich. Auf Gwendolyn, der Wissenschaftlerin, liegt allerdings der Hauptfokus. Und letztendlich auf ihrem Weg, der zu einer friedlichen Welt führt, in der Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander leben können. Klar, es ist ja auch ein Märchen. Auch wenn die Geschichte erst etwas schräg wirkt, zumindest die Verwandlung der Prinzessin in einen Drachen, hat sie mir gefallen.

Der märchenhafte Ton und die überspitzte Darstellung des fiesen Gottlieb und die Ungerechtigkeiten, die die Erwachsenen in der Ungleichbehandlung von Mädchen und Jungen produzieren, wirkten dabei nie oberlehrerhaft, sondern vielmehr leicht und witzig erzählt.

Etwas zu didaktisch wurde mir dann allerdings die Beschreibung der unterschiedlichen Drachenmädchen, die natürlich alle verschiedene Modelle der Frauenbewegung repräsentieren. Von den moderaten Feministinnen, die auf die große Liebe warten, bis hin zu den Drachenmädchen, die nur andere Drachenmädchen brauchen (und deswegen auch immer starke Drachen bleiben ;) ). Wie gesagt, ein wenig zu platt wurde es mir dann doch, ähnlich erging es mir mit der vielzitierten „Ukraft“ der Frauen“, z.B. gibt es drachentypische Initiationsrituale, die von einer Drachenpriesterin durchgeführt werden und die mich echt zum Lachen brachten. Andererseits bleibt Kaiser mit diesen Beschreibungen konsequent im Märchenstil verhaftet, und gerade Märchenfiguren (die Prinzessin, der Prinz, der Zwerg, die Hexe etc.) sind eben stereotype Figuren und Rituale oder Handlungen, die beispielsweise genau drei mal ausgeführt werden müssen, sind typische Märchenelemente, so dass sich dennoch ein rundes und vor allen Dingen amüsantes Bild ergibt. Auch weil im Märchen am Ende alle so leben wollen, wie sie es sich wünschen und jede_r die große Liebe gefunden hat, beschreibt Kaiser nicht nur ein Märchen, sondern auch eine gewitzte Utopie, die eben gerade funktioniert, weil sie im Bereich der Fantasie angesiedelt ist.

Auch wenn es stellenweise ein wenig zu didaktisch war, habe ich das Buch gerne gelesen (Stichwort: Empowerment) und kann es jedem empfehlen, der ein schön-schräges Märchen lesen will und keine Angst vorm Feminismus hat. ;)

Susanne Kaiser: Von Mädchen und Drachen. Ein Märchenroman. Suhrkamp Taschenbuch 2729. (1994)188 Seiten.

ISBN-10: 351840595 ISBN-13: 978-3518405956

(Ich glaube, dass man das Buch nur noch antiquarisch/gebraucht bekommt, dann aber auch für sehr wenig Geld.)

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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