[Rezension] Zsuzsa Bánk – Die hellen Tage

„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück“ (S.515)

18437-Bank-Die hellen Tage.inddKlappentext: In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt. Doch die scheinbar heile Welt einer Kindheit in den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, Ajas Vater kommt nur einmal im Jahr zu Besuch, und der gemeinsame Freund Karl hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist. Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen der Kindheit lotsen und ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben zu haben und sich in seine Mitte zu begeben …

Worum geht es?

In Zsuzsa Bánk Roman geht es um so viel, um Freundschaft, Liebe, Verrat, Verlust und dem sehnsüchtigen Warten auf die hellen Tage, die es vielleicht so nur in der Kindheit geben kann. Während die Welt der Kinder so zart, poetisch und zauberhaft beschrieben wird, merken die Lesenden und die Kinder schnell, dass es doch so viel gibt, dass die Idylle stört und dass die Mütter der Kinder aber immer wieder versuchen aufzufangen, auch wenn es nicht immer gelingt.

Im Zentrum der Erzählung, die von Seri in der Retrospektive erzählt wird, stehen dabei ihre beste Freundin aus Kindertagen, Aja und ihre Mama Èvi. Évi, die nicht lesen kann und bunte Tücher im Haar trägt, die in einer Baracke lebt, die ihr Mann Zigi, der alle Jubeljahre vom Zirkus zurückkehrt, für sie und die Tochter organisiert hat. Èvi, die Seiltänzerin, wartet auf Zigi, der aus dem Stand auf die Hände springt und mit ihr ein Fest für die Kinder gibt,  egal, wie lange er verschwunden bleibt. Èvi freut sich um so mehr, wenn er wiederkommt. Für Seri und Karl, der einfach eines Tages auftaucht, ist Ajas Haus keine Baracke, sondern ein fantastischer Ort, an dem sie sich zuhause fühlen können und den bald auch ihre Mütter kennen und lieben lernen, so dass es nicht nur eine Dreieckskonstellation auf Seiten der Kinder, sondern auch auf Seiten der Mütter entsteht.

Überhaupt ist Kirchblüt, der Ort, an dem die drei Freunde werden und ein Dreieck bilden, dass durch ihre Mütter gestärkt und verwoben wird, ein mystischer Ort. Irgendwie ist alles ganz, hier scheint so viel zu funktionieren, hier ist man füreinander da, hier liegen die „hellen Tage der Kindheit“, in denen sich das Dreieck bildet, zwischen den Aja und Seri und Karl, drei Figuren, die stark sind und den Anschein geben, als hätten sie sich ihre Außenseiterrolle wirklich selbst ausgesucht. Aber kann das denn stimmen? Wie viel wissen wir von dem, was hinter dem schiefen Tor, den „herbstnackten Feldern“ und den Erlebnissen am See wirklich liegt? Auch die Erzählerin hält sich zurück. Deutet hier etwas an oder da. Zum Beispiel, dass Aja mit ihrem Fahrrad in den See gefahren ist und das Fahrrad nicht mehr loslassen wollte, als Zigi einmal gegangen war. Und dass allein Seris Mutter, die beherzt in den See gesprungen ist, Aja (wahrscheinlich?) vor dem Ertrinken bewahrt hat. Oder die Leserin erfährt erst nachdem sie Aja und ihre Mutter schon lange kennt und weiß, wie besonders sie leben, dass Aja nicht mehr alle Finger an der einen Hand hat und dass sich ihre Mutter Èvi schuldig fühlt, weil sie einmal, einmal, nicht auf Aja aufgepasst hat.

Das zentrale Thema ist Schuld, Schuld, die sich wie eine unsichtbare Decke um die drei Freunde gelegt hat. Karl gibt sich die Schuld am Verschwinden seines Bruders, den zwei Sekunden, die dieser brauchte um ins Auto zu steigen. Seit dem klackt es in seinem Kopf im Zwei-Sekunden-Takt. Die Ich-Erzählerin Seri, und auch das erfahren die Lesenden sehr spät, muss mit ihrer Mutter leben, die sich irgendwie auch die Schuld am Tod von Seris Vater gibt. Vielleicht ist es auch deshalb für die Protagonist_innen so schwer, sich voneinander zu lösen. Ohnehin ergeben sich merkwürdige Verflechtungen zwischen den Figuren, die in Kirchblüt zwar funktionieren und an den Ort gebunden sind, die aber dysfunktional werden, sobald die Protagonist_innen das Dorf verlassen. So kümmert sich Seris Mama sehr um Aja und Seri kann nie verstehen, warum Aja ihre eigene Mutter oft von oben herab behandelt, während Karl und Èvi auch eine besondere Verbindung haben. Auch Karls Papa, hat sich, so scheint es, in Èvi verliebt, doch gegen Zigi hat er keine Chance. Als Seri, Aja und Karl, gemeinsam für einen Auslandsaufenthalt nach Rom aufbrechen, ist das Chaos spürbar. Obwohl das Dreieck in den hellen Tagen der Kindheit funktioniert hat, versucht Seri, herauszubekommen, ob sie schon im Vorfeld etwas gemerkt hat, ob sie schon etwas hätte ahnen können, eine Spur, die sich schon vor Rom angedeutet hat. Denn gerade Rom war für Seris Mutter in der Vergangenheit auch schon einmal entscheidend. In Rom geht es den beiden jungen Frauen Aja und Seri auf einmal um Karl, eine Frauenfreundschaft, die so eine Belastung nicht aushalten kann. Dann ist da auch noch dieser Brief von Libelle, der Frau, die Zigi immer wieder besuchte und für die er Èvi warten ließt und auf einmal wird deutlich, dass Zigi und Èvi vielleicht die größte Schuld tragen.

Das sage ich …

Die hellen Tage ist einer dieser Romane, die ich nicht aus der Hand legen konnte. Ich weiß zwar nicht wo dieses Kirchblüt liegen soll und ob es diesen Ort überhaupt gibt, aber ich habe mich erinnert gefühlt, an mich, an meine eigene Kindheit zwischen Kletterbäumen und Wiesen und so viel Wald. Spannend ist, dass sich innerhalb der Erzählung, die unglaublich langsam und mit sehr viel Liebe zum Detail erzählt wird, viele Verbindungen ergeben, die immer wieder aufgerufen werden, die immer noch einmal wiederholt werden. Erst nach und nach beginnt man zu merken, dass vieles eben doch nicht so idyllisch ist, wie es zunächst scheint, auch wenn Bánk in ihrer poetischen Sprache fast darüber hinwegtäuschen konnte. Doch es gibt Probleme und Schuld und Dinge, die verschwiegen werden und erst nach und nach ans Licht kommen. Dabei spannt Bánk einen Bogen von fast fünfzehn Jahren, in denen die Freunde erwachsen werden. Bittersüß, fällt mir zu dem Buch ein. Bittersüß und zärtlich, denn alle Figuren, egal wie falsch sie sich verhalten haben, behandelt Bánk sehr empathisch, so als gäbe es eben doch keine Schuld, als könne man doch so vieles verstehen und als blieben sie eben doch, diese Verbindungen der Kindheit, die Menschen, die uns lieben, die uns niemals verlassen. Das ganze Buch schwebt, die Lesenden schweben ein Stückchen mit, durch die hellen Tage, die man behält, während man die dunklen dem Schicksal zurückgibt. Auch wenn der Roman manchmal etwas an der Kitschgrenze rührt, ich kann ihn jedem empfehlen! Unbedingt.

Zsusza Bánk – Die hellen Tage. Fischer Taschenbuch Verlag 2012. 541 Seiten. 9,99 €.

ISBN: 978-3-596-18437-8

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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