„Ich bin eine Brombeere“ – Herta Müller und Collagenkunst

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Listening to: Marina and the Diamonds – Hermit The Frog

Oh. Mein. Gott. Ich bin so unfassbar, unfassbar, unfassbar glücklich. Gestern war Herta Müller hier in der Marzipanstadt. Ja, genau. Die Herta Müller, die 2009 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, und deren Werke ich nach und nach verschlinge. Und wer hat noch eine Karte bekommen? Yeah me! Offiziell gab es keine Karten mehr, selbst in der Buchhaltung in der ich am nachmittag war, gab es irgendeine Möglichkeit und auch in dem Literaturmuseum in dem ich arbeite, war allen schon klar, dass es keine Chance mehr auf Karten gibt. Schade eigentlich, aber ich hatte mich damit schon abgefunden.

Und dann, rums. Eine andere Praktikantin erzählte, dass die Eltern ihres Freundes noch eine Karte zu verkaufen hätten. Die wollte ich natürlich haben! Ich hatte keine Zeit mehr zwischen Arbeit und Karte kaufen in die WG zu fahren, geschweige denn etwas zu essen, aber das war mir so egal. Ich war einfach nur wahnsinnig heiß auf diese Karte und traute mich dann auch nicht mehr, wie es mein ursprünglicher Plan war, noch einen Student_innenrabat herauszuschlagen, immerhin verkauften sie mir die Karte und da wollte ich nicht noch handeln. Obwohl es gar nicht so günstig war. Dafür war aber auch der anschließende Besuch der Ausstellung inklusive.

Am lustigsten (oder bestürzendsten) waren dann allerdings das andere Publikum bei der Lesung. Bei vielen hatte ich das Gefühl (und ich weiß, dass ich ihnen damit eventuell auch Unrecht tue), dass sie nur da waren, weil Herta Müller eben eine Nobelpreisträgerin ist. Vielleicht ist dieses Gefühl aber auch nur durch die beiden Kartenverkäufer_innen entstanden, neben denen ich dann auch saß. Sie fragte mich, was ich denn studieren würde, das war sehr nett, ein netter SmallTalk – obwohl ich natürlich geduzt wurde. Ich will nicht rumspießen, aber manchmal habe ich auch gar nichts gegen ein etwas distanzierendes „Sie“, vor allen Dingen da ich die Dame auch siezte. Na ja, ich will nicht kleinlich sein, vielleicht hätte ich sie auch einfach duzen sollen. Und dann fragte sie, ob ich denn Herta Müller kennen würde. Da habe ich natürlich erst mal erzählt, dass ich Herztier so mag und dass ich letztens Niederungen gelesen hätte und vor einiger Zeit Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt und Der Fuchs war damals schon der Jäger. Vor kurzem habe ich auch Reisende auf einem Bein gelesen, aber das ist mir in dem Moment natürlich nicht eingefallen. Und was sagte die Dame? Ja, also sie habe ja Atemschaukel angefangen, natürlich nennt sie Müllers bekanntestes Werk, was nicht schlimm ist, aber ich hatte den Eindruck, dass sie sonst nichts kennen würde. Und wie ging es weiter? Na ja, sie habe es aber nicht so gut zu ende lesen können, es sei einfach zu bedrückend gewesen. Ja, was soll ich da noch sagen? Auseinandersetzung mit Unterdrückung und Diktatur gehören zu Herta Müllers Werken dazu. Warum besucht jemand eine Lesung, der eigentlich die Literatur der lesenden Schriftsteller_innen als „zu bedrückend“ empfindet? Vielleicht spielte da die Mitgliedschaft in einem Künstler_innen fördernden Verein eine größere Rolle. Es gab mir zumindest zu denken. Gerade bei dieser Schriftstellerin.

Herta Müller ist in Rumänien durch den militärischen Geheimdienst, die Securitate, bedroht worden und hat auch gestern abend über die Situation gesprochen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es vielen Menschen weltweit noch so gehe und nicht ohne Liao Yiwu und Ai WeiWei zu erwähnen. Eine tolle Frau!

Gestern abend ging es vor allen Dingen um die Eröffnung einer Ausstellung, in der ihre Collagen gezeigt werden. Viele tun sich schwer damit, diese Textbildgebilde einzusortieren. Es sind Gedichte, die Müller aus ausgeschnittenen Wörtern aus Zeitungen formt, meistens noch mit einem zusätzlichen Bild versehen. Und ihren Arbeitsprozess hat sie sehr interessant dargestellt. In ihrem Arbeitszimmer besitzt sie eine Art Wortfabrik und über die Zeit sammelt sie aus allen möglichen Zeitschriften Wörter, die sie ausschneidet und nach dem Alphabet sortiert in einem Schrank verwahrt. Und dann beginnt irgendwann, wenn sie mit einem Prosatext fertig ist, das Eintauchen in die Worte, die schon da sind, die sie nicht mehr aus sich heraus schöpfen muss, die allerdings deshalb auch einen ganz anderen sinnlichen Zugang erlauben. Wenn ein Anfang geklebt ist, kann man ihn eben nicht mehr ändern – „Das ist auch etwas wichtiges für das Leben“ sagt sie dazu mit einem Lächeln. Ihre Wörter werden so befreit aus den ursprünglichen Kontexten, entautomatisiert vielleicht (Am besten gefiel mir: „Ich bin eine Brombeere“).

Ich glaube, dass ich auch Wörter sammeln möchte. Vielleicht nicht in einem großen Schrank, aber ich stelle es mir so schön vor. Etwas obsessiv, aber auch schön. Und dann sind die Wörter überall und man kann sie auch anfassen und hin- und herschieben. Wie schön.

Neben diesen tollen Wörtersammelfantasien, bin ich dann gestern abend aber doch noch buchkauftechnisch schwach geworden. Auf einmal stand im Raum, dass Herta Müller auch noch signieren würde. Oh Gott, da bin ich ja fast ausgeflippt (Fangirl-Alarm). So schnell es ging habe ich mir noch eine schöne Ausgabe „Herztier“ unter den Nagel gerissen (ich sprach schon einmal darüber, diese kleinen gebundenen von Fischer) und mir ein Autogramm abgeholt. :)

Fazit: Eine wunderbare Lesung, ein toller Abend. Irgendwie mag ich diese Stadt.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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