Shore, Stein, Papier – Youtubeserie und Abhängigkeit

Diesmal keinen Short-Film, sondern eine Mini-Serie. Und es geht um Abhängigkeit, nicht um meine Abhängigkeit von eben dieser Serie – sondern um Abhängigkeit von Drogen. In der Youtube-Serie „Shore, Stein, Papier“, die von der Osnabrücker Medienfirma zqnce produziert wurde, spricht ein Ex-Junkie, den man nur unter dem Namen „Sick“ findet, über seine Drogenerfahrungen. Shore ist dabei das Szenewort für Heroin. Das Setting ist simpel: ein Küchentisch, eine Kaffetasse, leise ansprechende Musik und dieser ungefähr vierzigjährige Typ, der erzählt. Und das mit einer wahnsinnigen Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, in einer Sprache, die nicht gerade geschliffen ist, die aber trotzdem zieht, weil sie eben authentisch wirkt. Weil man als Zuhörer_in das Gefühl hat, dass dieser Typ für den das erste Mal Heroin nehmen so war, als ob er sich einen „warmen, weichen Mantel“ umlegt, nur für einen selbst erzählt.  Geschichten, die einfach nur hart sind, und dennoch mit einer gehörigen Portion Humor präsentiert werden. Geschichten, die unterhalten und gleichzeitig abschrecken. Und da sind schräge Geschichten dabei, die aber trotzdem authentisch wirken, wenn „Sick“, der mittlerweile nach einem langen Kampf clean ist und verschiedene Therapien gemacht hat, erzählt.

Der Typ ist nicht doof, das ist sofort klar und er kann erzählen. Davon, dass er mit dem neuen Freund seiner Mutter nicht mehr klar kam, der ihm direkt sagte, dass er unerwünscht sei und dann dem ersten Kontakt mit Heroin im zarten Alter von 13 Jahren. Danach geht es weiter, damit wie er seine Ausbildung verloren hat, wie er in den Knast gewandert ist und wie er überhaupt in die Abhängigkeit gerutscht ist. Er erzählt schonungslos von Straftaten, für die er auch schon im Knast saß. Dabei ist das Projekt nicht nur ein netter Zeitvertreib, sondern sicherlich auch eine gut funktionierende Aufklärungskampagne. Mittlerweile war „Sick“ auch schon im 1Live-Talk oder in der Welt. Die Kommentare unter seinen Videos sind faszinierend. Ganz wenig „Gehate“, sehr viel Respekt für die Offenheit dieses Menschen. Das zeigt, wie sehr das Projekt ankommt, das erst im Dezember 2012 gestartet ist.

Momentan gibt es 114 Folgen mit einer Länge zwischen drei und zehn Minuten, die zweite Staffel ist gestartet, eine neue Folge gibt es jeden Mittwoch. Ich werde auf jeden Fall dabei sein, im Moment bin ich erst bei Folge 33, also noch weit von seinem Knastaufenthalt entfernt, aber ich werde ihm sicherlich weiterhin zuhören, denn mittlerweile habe ich fast das Gefühl, als würde ich einen alten Kollegen treffen, der mir bei einer Tasse Kaffee aus seinem schrägen Leben erzählt und der nicht verbittert ist, über alles, was er durchgemacht hat, sondern trotz allem jemand ist, der positiv eingestellt ist. Und es ist sicherlich mutig auf youtube seine Lebensgeschichte mit allen Fehlern auszupacken, gerade wenn es um Abhängigkeit geht. Dabei idealisiert „Sick“ nichts, auch wenn er mit Begeisterung von seinen Erlebnissen erzählt. Ich finde es ist immer klar, wie krass und wie bescheuert er unterwegs gewesen ist. In einem Interview sagt „Sick“, dass die Leute häufig vergessen würden, dass Abhängigkeit nicht gleichbedeutend mit „Dummheit“ ist. Das wird mir in diesen Videos auch schnell klar. Trotzdem erzählt er auch keine Geschichten von der ewigen Läuterung – es wird deutlich, was die Faszination der Drogen ausmacht, was es für ihn bedeutet hat, auch Kontakt über die Drogen zu bekommen und letztlich auch was für ein Spaß es machen kann, high zu sein. Gleichzeitig zeigt er mit seiner Lebensgeschichte und häufigen Kommentaren wie „Jetzt, im Nachhinein kann ich darüber lachen…“, dass es keinen Grund gibt, Drogen zu verharmlosen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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