[Rezension] Paulo Coelho – Elf Minuten

„Maria träumt von Abenteuern, fernen Ländern und der großen Liebe. Doch eine Woche Badeferien in Rio de Janeiro ist der einzige Traum, den sie sich leisten kann. Am Strand wird sie von einem Europäer angesprochen, der ihr anbietet, als Tänzerin im Nachtclub zu arbeiten. Für Maria klingt das wie der Anfang eines Märchens; doch in Wirklichkeit ist sie gezwungen, sich als Sexarbeiterin durch zubringen: Sie tut es ohne Scham, denn ihr Herz ist nicht dabei, und sie hat sich geschworen, sich nicht zu verlieben. Da trifft sie jemanden, der sie bezaubert und zu ihr in einer neuen, unverständlichen Sprache spricht der Sprache der Seele.“

Worum geht es?

Wie schon oben anklingt, geht es um Maria und ihre Suche nach der großen Liebe und um Prostitution als Weg zum schnellen Geld (und Glück?), der sich dann allerdings als der falsche Weg erweist. Denn eigentlich geht es Maria wirklich nur um das Geld, das im Nachtclub in der Schweiz winkt, denn sie möchte sich irgendwann in ihrem Heimatland Brasilien eine Farm aufbauen, dafür nimmt sie auch den Job als Prostituierte in Kauf. Erst durch einen der speziellen Freier, einen Anhänger von Sadomaso-Praktiken, lernt Maria sich auch mit ihrer „dunklen“ Seite auseinanderzusetzen, mit ihrem Verlangen. Und dann kommt ein Maler in den Nachtclub, der Maria in einem seiner Porträts verewigt hat und der noch dazu so viele schlaue Dinge über die Geschichte der Prostitution weiß. Eine Chance für Maria und die Liebe? Doch was soll dann aus ihrem Traum vom schnellen Geld und der eigenen Farm werden?

Das denke ich … *Spoileralarm*

Ja, tatsächlich, die Handlung ist so knapp und gleichzeitig auch unendlich banal. Pretty Woman reloaded, angereichert mit einigen Lebensweisheiten, die so auch in jedem Taschenkalender stehen könnten. Ich mag Coelho, ich mochte den Alchimisten, ich habe Veronika beschließt zu sterben abgefeiert, aber mit diesem Roman kann ich wenig anfangen. Marias Selbstfindungen sind mir auf der einen Seite zu banal, auf der anderen Seite einfach nicht glaubwürdig genug. Was soll denn diese Maria für eine Frau sein?  Auf der einen Seite ist sie ambitioniert, lernt ohne Pause Französisch in der Schweiz, liest viel und bildet sich im agrarkulturellen Bereich weiter, da sie die Farm ja wirklich will und schlägt den sicheren Heiratsantrag ihres brasilianischen Chefs aus. Auf der anderen Seite ist sie wahnsinnig abhängig von den Unterweisungen ihres „speziellen Kunden“, der der armen unmündigen Frau auch endlich sexuelle Erfüllung verschafft, denn von sich aus, kennt sich die gute ja nicht aus mit ihrem Körper. Gut, dass es Männer gibt, die den armen Frauen so helfen, was hätte Maria sonst nur getan? Und oh, endlich dieser intellektuelle Maler, der ihr beibringt, woher Prostitution eigentlich kommt und ihr dozierend wie ein Universitätsprofessor der üblen Art gegenübertritt. Oder anders gesagt: Maria schafft es also, sich selbstständig über den Anbau verschiedenster Pflanzen, Tierzucht und Management eines Betriebes weiterzubilden, aber über ihr eigenes Gewerbe hat sie keine Ahnung?

Es tut mir leid, dass glaube ich einfach nicht und das passt für mich nicht zusammen. Ohnehin, die ganze Art der Anwerbung, der Zuhälter ist so ein netter Typ, der möchte, dass alles gut läuft. Keine Frage danach, dass der Typ am Strand sie als Tänzerin wollte und dann Sex eben doch einfach dazugehört, für Maria kein Problem. Natürlich nicht, war es für Vivian Ward (die Perle aus Pretty Woman) ja auch nicht. So ist das eben in Märchen. Und deshalb steht der Kerl am Ende auch mit Rosen an der Feuertrep – ääh, am Flughafen. Richtig, und genau dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass sich Coelho viele Gedanken um Maria gemacht hat. Maria ist einfach nur naiv und unglaubwürdig als Figur und philosophiert gleichzeitig seitenlang in ihren Tagebüchern über die Liebe. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob Coelho nicht vielleicht einfach eine Abhandlung über Liebe und Sex schreiben wollte und irgendwie noch eine Rahmenhandlung brauchte – und dann dachte er an Richard Gere.

Auch wenn ich nichts gegen die Wendung habe, dass Maria erfährt, dass Sex früher etwas heiliges war und es sogar heilige Orgasmen gab, warum muss wieder ein Mann für ihre Erleuchtung sorgen? Erst der finstere, satanisch anmutende Sadomasotyp, der Maria ihre schwarze, verdorbene Seele zeigt und dann der erleuchtete Künstler, so eine Jesus-Figur, mit der Maria zwar nicht über das Wasser, aber barfuß am Wasser entlang läuft, damit sie sich endlich mal richtig spürt, diese Frau, und endlich mal merkt, was sie sich da antut. Das kriegt sie ja von alleine nicht hin… (Ein Schelm, wer dabei an das Hure/Heilige-Schema denkt, in das Maria von den beiden männlichen Begleitern gedrängt wird!) Für mich zu viel Eso-Mental-Coaching, das gefiel mir einfach nicht. Und Marias Tagebuchaufzeichnungen sind auch nicht gerade preisverdächtig:

Ich will begreifen, was Liebe ist, aber bislang leide ich nur. Diejenigen, die meine Seele berühren, können meinen Körper nicht wecken. Und die, denen ich mich hingebe, können meine Seele nicht berühren.

Erschreckend, wie viele Leute diese Banalitäten in den Himmel loben.  Aus einer amazon.de-Rezension:

„Zu erst benötigt man bei Paulo Cohelo eine gewisse spirituelle Grundhaltung um den tieferen Sinn seiner Storys zu verstehen.Ziemlich viele Kritiker leben in unserer materialisitischen Welt und befreien sich nicht daraus wie eben Paolo C. Wer 11 minuten mit einer sensiblen Ader liest, sich die Erkenntnisse auf sein eigenes Leben projeziert, der macht in der Tat erstaunliche Entdeckungen. Außerdem hilft es in der Realität weiter. Eine der Haupterkenntnisse für mich ist, daß Niemand Niemanden besitzt. Wieviele Beziehungen gehen kaputt weil unentwegt Besitzansprüche von den Partnern angemeldet werden?? Ich habe mich daruf eingelassen, mir die Entscheidenen Stellen notiert und halte sie mir täglich vor Augen. Damit wird auch meine Seele wieder ruhiger in unserer schnellen oberflächlichen Welt. Ich wünsche das es Ihnen eben so ergeht. Gehen Sie offenen Herzens und mit Ihrer Seele an das Lesen und sie werden gleiches feststellen“

Niemand besitzt Niemanden? Danke, aber die Erkenntnis hatte ich mit 16 auch. Stattdessen geht es hier um die Romantisierung der Prostitution, von materiellen und finanziellen Sorgen keine Spur und dann wird die unendlich naive Hauptfigur auch noch von einem Freier sexuell befreit. Danke, darauf habe ich keine Lust. Warum eigentlich elf Minuten? Weil so lange der durchschnittliche Sex dauert, zu dem sich Maria mit ihren Kunden trifft. Und wer sollte das Buch jetzt lesen? Na ja, also auf jeden Fall, Menschen mit „offenem Herzen“ und diejenigen, die es schaffen, die knapp 300 Seiten in eben dieser Zeit runterzurocken, alles andere ist nämlich verlorener Lesegenuss. Ich scheine nicht dazuzugehören, für mich war der Roman leider nichts. Und auch nicht die merkwürdigen Selbstbeweihräucherungen im Nachwort: Coelho habe auch in diese dunklen Kapitel der menschlichen Seele hinabsteigen müssen, dieses dunkle Kapitel des Sadomasochismus, und seine geneigten Leser_innen mögen ihm verzeihen – und wo fällt ihm das ein? In Lourdes. Ohne Worte.

Paulo Coelho: Elf Minuten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.

Diogenes (18.Auflage): 2006.

ISBN-10: 3257234449 ISBN-13: 978-3257234442

284 Seiten

Advertisements

Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s