[Rezension] Große Erwartungen und viel Menschlichkeit – Little Bee

Worum geht es?

Little Bee, eine sechzehnjährige Nigerianerin, setzt alles auf eine Karte und schleicht sich als blinde Passagierin an Bord eines Handelsschiffes. Der Kapitän entdeckt sie und gibt ihr das Buch Große Erwartungen von Dickens zu lesen – leider kann sie es nicht zu Ende lesen, denn dann ist sie bereits in Essex, Großbritannien, angekommen. Vom Schiff wandert sie direkt ins Abschiebegefängnis, in dem sie zwei Jahre wartet. Darauf, endlich einen Pass zu bekommen und endlich, endlich in England leben zu können. Währenddessen arbeitet sie an ihrem Englisch und Little Bees Ehrgeiz zahlt sich aus. Durch einen Trick gelingt ihr und drei weiteren Illegalisierten die Flucht. Dabei haben die Frauen schon alles gesehen und alles erlebt, was man sich an Grausamkeiten vorstellen kann. Bereits im Abschiebeknast begingen viele Flüchtlinge Suizid und auch Little Bee analysiert in jeder Situation ihre Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen. Sobald sie aus dem Abschiebegefängnis geflohen ist, macht sie sich auf die Suche nach einem britischen Ehepaar, den einzigen Menschen, die sie in England kennt und mit denen sie bereits in Nigeria unter tragischen Umständen zusammentraf.

An dieser Stelle meldet sich die zweite Ich-Erzählerin in der Geschichte. Sarah O’Rourke ist Journalistin und schreibt für ein Fashion- und Lifestyle-Magazin. Sie ist diejenige, die Little Bee in Nigeria am Strand traf. Was allerdings wirklich an diesem Ort geschah wird erst relativ am Ende des Romans aufgelöst, ist allerdings extrem grausam und drastisch geschildert. Während Little Bee seit diesem Tag immer wieder Möglichkeiten sucht, sich an jedem Ort das Leben zu nehmen, hat die Erfahrung für Sarah ganz andere Konsequenzen. Sie beginnt ihre Arbeit und ihr Leben zu hinterfragen, das ihr immer leerer und sinnloser erscheint. Ihr Mann macht Ähnliches durch, allerdings kann er mit dem Erlebten nicht umgehen und nimmt sich das Leben.

Kurz vor der Beerdigung taucht Little Bee bei Sarah auf …

Little Bee ist ein spannender Roman, der provoziert und Fragen aufwirft. Die Protagonistin Little Bee ist trotz ihrer tragischen Geschichte nicht die stereotype Reinkarnation des „hilflosen Flüchtlings“ – und das ist super! Sie ist schlau, sie hat Ehrgeiz, sie will ihr Leben verändern. Und auch wenn sie sich ihrem Schicksal irgendwann fügt, bleibt sie eine autonome Figur. Little Bee hat mich fasziniert, nicht nur weil die Spannung ständig beibehalten wird, auch weil es nicht so leicht ist, die Charaktere sofort stereotyp zuzuordnen. Obwohl Little Bee natürlich auf die Problematik der Flüchtlinge aufmerksam macht, wirkt der Roman nicht moralisierend, denn Sarah und Little Bee sind keine Abziehfigürchen, sondern komplexe Figuren, die nicht aus der Klischeekiste zusammengeschrieben werden. Stattdessen konstruiert Cleave eine Geschichte mit grausamer Wendung, die stringent auf den Höhepunkt zuläuft, bis zwei Welten aufeinander prallen. Die Wucht des Aufpralls ist laut, extrem und verstörend. In Zeiten, in denen vor Lampedusa dank FrontEx und der Abschottungspolitik der EU bald schon ein Massenseegrab errichtet werden kann, brauchen wir mehr solcher Romane und mehr dieser Geschichten. Und irgendwann kann niemand mehr die Augen vor dem verschließen, was an Europas Grenzen passiert. Little Bee hilft ein wenig, den Horizont zu öffnen. Lest dieses Buch!

Chris Cleave: Little Bee (Originaltitel: The other Hand. Übersetzt von Susanne Goga-Klinkenberg).

Deutscher Taschenbuch Verlag (2012).

ISBN-10: 3423214066 

ISBN-13: 978-3423214063

Ohne Zynismus wünsche ich mir mehr Romane die Little Bee ähneln, mit Zynismus halte ich vieles nur mit Satiresendungen aus. Passend zum Thema zwei treffende Beispiele aus der HeuteShow und von Extra3. Viel Spaß!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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