[Rezension] Jan Drees – Letzte Tage, jetzt

Kinder, wie die Zeit vergeht! Zeit loszugehen. Keine Zeit, keine Zeit – das wusste schon das weiße Kaninchen. Alice ist trotzdem hinterhergelaufen, landete bei einer Teeparty eines Irren und experimentierte mit Drogen, die sie kleiner und größer werden ließen. Im Nachhinein betrachtet: eine verrückte Zeit. Im Nachhinein, wie immer bei diesem Phänomen. Erst im Nachhinein enstehen Momente, Erinnerungen, erst im Nachhinein entsteht das, was wir Zeit nennen. Erst im Nachhinein können wir sie fassen – auch wenn wir ständig glauben, sie gar nicht erst zu haben. Dabei sind uns die grauen Herren nicht einmal auf den Fersen.

Wenn Tocotronic feststellt „Im Blick zurück entstehen die Dinge“, kann die Protagonistin in Letzte Tage, jetzt nur zustimmen. Sie versucht gerade, „ein Leben zu bekommen, irgendeines“, denn ihre Beziehung zu Nebil ist fast zuende, von den höchsten Höhen nichts mehr zu spüren. Dabei fing alles so überraschend an, so wie Himbeerbonbons und Schokokekse und das an einem Tag. Eine Verkettung glücklicher Umstände. Zeit spielte am Anfang noch keine Rolle, denn Zeit wird neu gemessen. Zeit ist „Einmal Nightlife von den Pet Shop Boys“. Erst jetzt, im Nachhinein, rekonstruiert sie die Momente der Beziehung mit Nebil, die Zeit der „Melonenviertel“ und „Südfruchtprosa“, den Anfang, dem noch ein Zauber innewohnte – bis hin zu den Momenten des Schweigens und des Streitens. Da hilft auch kein weißes Kaninchen mehr und der Absturz in seinen Bau ist mehr als schmerzhaft. Denn es ist nicht einfach mit NEBIL, es ist nicht einfach zu LIEBEN.

In Letzte Tage, jetzt entwirft Jan Drees eine Sammlung von Beziehungsmomenten, die immer flüchtig sind, aber nie bedeutungslos. Und die doch dem Mantra des „Die beste Zeit unseres Lebens ist jetzt“ widersprechen. Denn über allem schwebt die Sehnsucht nach der perfekten Zeit, Sehnsucht, die auch nicht mit Adam Green, Virginia Jetzt! oder Niklas Luhmann gestillt werden kann. Sie möchte in einer Band singen und atmet vor dem Spiegel, damit es endlich wie früher ist – er denkt an ein Baby. Und da fangen sie an, die feinen Risse, die Liebe und Küsse nur noch zu ritualisierten Momenten werden lassen. „Klar, irgendwann ist die Brille nicht mehr rosarot, aber was ist mit den verdammten Himbeerbonbons? Die waren doch auch rosa“, will man einwerfen, rosa wie das Cover, das zuckrig-klebrige Rhabarberschorle verspricht und dir am Ende BitterLemon eingießt. Und nein, damit wirst du nicht rechnen. Die Entwicklung der Beziehung tut fast ein bisschen weh während des Lesens. Aber das was weh tut, braucht eben Zeit. Zeit zu heilen. Zeit, die über diese 138 zärtlichtraurigen Seiten hinausgeht. Aber wer hat schon behauptet, dass die Geschichte der Protagonisten am Ende des Buches aufhört?

Jan Drees: Letzte Tage, jetzt

Eichborn Verlag 2006

ISBN-10 : 3821857773 ISBN-13: 978-3821857770

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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