[Rezension] Mah-Jongg meets McDonalds – Töchter des Himmels

Culture-Clash extrem. Dämonen und Disko. Nicht mehr und nicht weniger beschreibt Amy Tan in ihrem 1992 erschienen Debüt „Töchter des Himmels“, das der chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin internationale Bekanntheit sicherte. Thematisiert wird das Leben der chinesischen Migrant_innen, die nach dem zweiten Weltkrieg in die USA auswanderten und besonders das Leben der Töchter der zweiten Generation und die damit einhergehenden Generationenkonflikte. Ist es peinlich, wenn Mütter immer wieder darauf hingewiesen werden müssen, dass pink und gelb einfach keine gelungene Kombi sind? Ist es nicht fürchterlich, wenn die Mütter immer wieder das alte Mah-Jongg-Brett auspacken und an Vorhersagen glauben, die sie aus Reiskörnern ablesen? Es ist nicht leicht mit einer solchen Mutter aufzuwachsen. Jede der vier Töchter, die in diesem Buch porträtiert werden, kann ein Lied davon singen. Da wird einerseits die schachbegabte Tochter als Trophäe in der Nachbarschaft präsentiert, während andererseits der neue amerikanische Freund nur mit einem müden Lächeln bedacht wird. So etwas ist maximal unentspannt und jede der Töchter trägt ihren kleinen Knacks davon.

Doch die Geschichten ändern sich, bald kommen auch die Mütter zu Wort. Während die Töchter Jing-mei June Woo, Rose Hsu Jordan, Lena St. Clair (ihre Mutter heiratete einen Iren) und Waverly Jong (ihre Mutter hatte die Idee ihre Tochter nach der Straße, Waverly Place, zu benennen, in die die Familie nach der Auswanderung zog – damit sie endlich ankommen können in diesem neuen Land) zwischen ihren chinesischen Müttern und ihren amerikanischen Freunden hin- und hergerissen sind, wissen ihre Mütter doch schon längst, dass ihre Töchter keine Chinesinnen sind, geschweige denn, chinesisch sprechen können. Auch dass Jing-mei June nach dem Tod ihrer Mutter den Platz am Mah-Jong-Tisch einnehmen soll, wirkt auf die alten Damen befremdlich – auch wenn sie sich über Jing-mei June, das frühere Schachwunderkind, freuen. Doch auch die Lebensgeschichten der alten Damen können nicht einfach als lustige Anekdoten abgehandelt werden. Jede der Mütter hat ihre eigene Geschichte von denen die zum Teil überheblich wirkenden Töchter doch gar nichts ahnen können. Seien es arrangierte Ehen, die nur durch eine List aufgelöst werden konnten, der Tod eigener Kinder oder die Kindheit als Tochter der Drittfrau eines reichen Mannes, der sich bereits seine fünfte Frau gekauft hatte. Suyuan Woo, An-mei Hsu, Lindo Jong und Ying-ying St. Clair sind Tigerfrauen, genau wie die in ihren Augen „amerikanisierten“ Töchter. Die Stärke des Romans liegt darin, dass die Konflikte zwischen Müttern und Töchtern aus beiden Perspektiven beschrieben werden, allerdings nie das Trennende im Vordergrund steht. Letztlich ist es immer wieder die Familie, die die unterschiedlichen Frauen zusammenbringt. Genau wie die Besinnung auf die chinesischen Wurzeln, die ja keine der Töchter vergessen hat – auch wenn es für die älteren Damen so scheinen mag. Am Ende ist es Jing-meis Reise nach China, die ein Teil eines Familiengeheimnisses löst, dass ihre Mutter mit ins Grab nahm: Suyuan Woo hatte bereits Zwillinge, die sie auf der Flucht zurück lassen musste und Jing-mei macht sich auf den Weg ihre Schwestern zu finden.

Amy Tan hat in ihrem mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Debüt eine poetische Erzählung vorgelegt, in der das mystische China der Mütter ein Ort der Magie bleibt – was allerdings nicht bedeutet, dass es sich um einen friedlichen Ort handelt. Die Töchter können von diesen Erfahrungen nichts wissen, da ihre Mütter viel zu viele Geheimnisse für sich behalten und viel zu viele Narben verborgen bleiben. Allein das exzessive Mah-Jongg-Spiel lassen sie sich nicht nehmen. Jing-mei June wird durch den Tod ihrer Mutter in den exklusiven Kreis der alten Damen aufgenommen und lernt ihre Mutter auf eine ganz neue Art zu schätzen. Töchter des Himmels ist ein schöner Roman über Mütter und Töchter, der neben dem Culture-Clash auch Generationenkonflikte beleuchtet. Besonders hat mir die Widmung gefallen, die prägnant das Kernthema des Buches aufgreift:

„Meiner Mutter und der Erinnerung an ihre Mutter. Du hast mich einst gefragt, was ich im Gedächtnis behalten würde. All dies, und noch viel mehr.“ 

Amy Tan: Töchter des Himmels (Originaltitel: The Joy Luck Club). Aus dem Amerikanischen von Sabine Lohmann. Goldmann Verlag 1992.

ISBN-10: 3442096480    ISBN-13: 978-3442096480

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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