[Rezension] Kannibalen, Krieg und ein Kuss – Stadt der Diebe

„Ein Freund, ein guter Freund – das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sang das Vokalensemble Comedian Harmonists 1930.  Und auch mit der Geschichte dieser Musiker lässt sich eine Verbindung zu dem Roman Stadt der Diebe von David Benioff ziehen. Die erfolgreiche A capella-Gruppe durfte ab 1934 nicht mehr in Deutschland auftreten. Grund dafür war die neue Verordnung der Nazis, dass alle Künstler_innen Mitglieder der Reichskulturkammer sein mussten – drei der sechs Sänger waren aber Juden, so dass eine Mitgliedschaft bei der Kammer ohnehin verboten war. Die Comedian Harmonists verlegten ihre Auftritte ins Ausland bis schließlich die drei Nicht-Arier der Gruppe Deutschland 1941 verließen.

Auch der 17-jährige Jude Lew hat es wahrscheinlich an jedem anderen Ort der Welt besser, als in Leningrad, heute St. Petersburg, 1942. Seine Mutter und seine Schwester haben die Stadt bereits verlassen, er ist alleine in der ehemaligen Wohnung der Familie zurückgeblieben und versucht irgendwie zu überleben. In der Stadt gibt es keine Lebensmittel mehr. Auf Befehl Hitlers wurde Leningrad von 1941 bis 1944 von der Wehrmacht systematisch ausgehungert, indem alle Lebensmitteltransporte verhindert wurden. Die offiziellen Lebensmittelrationen sinken auf 125 Gramm – pro Tag, pro Einwohner_in. Die Menschen fallen einfach in den Straßen um oder versuchen Bücher zu essen, die sie als Kuchen braten. In Lews Stadt gibt es keine Tauben und keine Haustiere mehr, alles was essbar ist wird gegessen. Eines Abends bemerkt Lew, dass ein deutscher Soldat mit einem Fallschirm abspringt und er versucht mit seinen Freunden an die Lebensmittelration des Soldaten zu kommen. Blöderweise wird er von der russischen Armee festgenommen, weil er den Schnaps des Soldaten trinkt, anstatt den Toten zu melden und die Lebensmittelration abzugeben. Gerade als Lew glaubt, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat, lernt er im Gefängnis einen freundlichen Deserteur kennen, Kolja. Kolja, ehemaliger Student der Literaturwissenschaft und selbst unentschlossener Schriftsteller, verbringt mit Lew den vermeintlich letzten Abend in der Zelle. Am nächsten Morgen werden Lew und Kolja allerdings überraschenderweise nicht erschossen, ganz im Gegenteil, sie bekommen einen Spezialauftrag. Der Oberst möchte, dass die beiden etwas zur Hochzeit seiner Tochter beitragen. Lew und Kolja, der arisch aussehende Deserteur und der jüdische Plünderer, haben eine Woche Zeit um im ausgehungerten Leningrad 12 Eier zu besorgen – ansonsten droht der Tod…

Benioff schreibt nicht nur einen krassen und intensiv recherchierten Roman über den zweiten Weltkrieg, sondern auch eine gelungene Coming-of-Age-Geschichte. Eine dramatische und lustige Geschichte über Freundschaft, Verrat, Gefahren und den Versuch, irgendwie mit den schrecklichen Ereignissen klar zu kommen, ohne durchzudrehen. Dabei hat die Aufgabe des Oberst schon fast „verrückter Hutmacher-Qualität“, während Lew und Kolja ihr Leben riskieren. Die Geschichte von Kolja und Lew ist eine Geschichte über Freundschaft unter den allerschwierigsten Bedingungen. Obwohl sich beide erst einen Tag kennen, müssen sie gemeinsam eine Aufgabe lösen, die eigentlich unmöglich erscheint. Dabei müssen sie nicht nur dem Hunger und der Kälte trotzen, sondern begeben sich auch immer wieder in unterschiedlichste Gefahrensituationen. Sie werden nicht nur von den anderen Einwohner_innen der Stadt bedroht, die aufgrund des Hungers schon zu Kannibal_innen werden, auch die Suche an sich gestaltet sich schwierig. Doch so eine Aufgabe schweißt auch zusammen. Lew entdeckt in Kolja einen erfahreneren Freund, der ihm, besonders was Mädchen angeht, einige Tipps geben kann. Denn Kolja ist noch nicht einmal geküsst worden und wartet insgeheim auf die Richtige. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, er gefällt sicherlich auch Lesenden die Romane im Stil der Bücherdiebin mögen. Ich werde jetzt Comedian Harmonists hören…

David Benioff: Stadt der Diebe. Übersetzt von Ursula Maria Mössner.  Heyne (2009).

ISBN: 978-3-453-40715-2

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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