[Rezension] Drogen, Tod und Hysterie – Pippa Lee

pippa leeEs gibt kein richtiges Leben im falschen, das wusste schon Adorno. „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“, fragt sich der Talkshowphilosoph Precht in einem seiner Bestseller. Precht und Adorno weisen mit ihren Überlegungen dabei genau in die Richtung, die Pippa Lee im Verlauf des Romans zu finden versucht. Auch wenn ihr Ariadnefaden dabei ziemlich wilde Kreise und Zickzackwege aushalten muss, begibt sich die Protagonistin endlich mit Mitte Fünfzig auf eine Sinnsuche, die ihre Leben in Frage stellt. Der Zeitpunkt könnte allerdings nicht ungünstiger gewählt sein: Pippa ist gerade eben mit Ehemann Herb, der schmucke dreißig Jahre älter ist als sie, in ein Senior_innendorf gezogen. Das macht man halt so, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das „Runzeldorf“, wie Pippa den Ort liebevoll nennt, ist auch gar nicht so schlecht. Doch dann beginnen sich langsam mysteriöse Zwischenfälle zu häufen – ein Unbekannter verwüstet die Küche. Nach dem ersten Schock und einem Blick auf das Überwachungsvideo wird allerdings klar: „Runzeldorf“ ist ein sicherer Ort, die Verwüstungen begeht Pippa im Schlaf. Beginnende Demenz oder psychischer Stress? Herb schickt Pippa zum Arzt, der ihr zunächst zu Ruhe rät und ihr dann Beruhigungspillen verschreibt. Die Kinder werden nicht informiert, alles bleibt beim Alten. Pippa hat genug Zeit um über ihr Leben nachzudenken und lässt alles noch einmal Revue passieren.

Die tablettenabhängige Mutter, ihre erste große Liebe mit 17 – er ist Lehrer. Dann der Rauswurf von Zuhause, Experimente mit Drogen. Exzesse. Erlebnisse, die sie im Nachhinein abstoßend findet und vor denen sie ihre Kinder, gerade ihre Tochter Grace, immer schützen wollte. Und gerade deshalb hat sie ihre Tochter immer etwas auf Abstand gehalten – nur nicht zu viel Nähe zulassen, nur nicht zeigen, wie ähnlich sich Mutter und Tochter sind. Bloß nicht die Kontrolle verlieren! Pippas Angst vor der Diagnose lässt sie an ihrem Leben verzweifeln. Ein Leben, das sie nur noch mühevoll zusammen halten kann. Ein Leben, in das sie eigentlich gar nicht passt und das sie nie so gewollt hat. Das Grübeln beginnt. Wer ist eigentlich Pippa Lee und was hat sie an diesem Ort verloren? Als ihr in einem dieser verwirrten Zustände der Sohn der Nachbarin über den Weg läuft, ist nichts mehr so wie früher…

Große Erwartungen und zerplatzte Träume, Stabilität und Exzess – Pippa, die nach außen das beschauliche Leben einer Hausfrau mimt, ist eigentlich jemand ganz anderes, aber hat es ihr gesamtes Leben lang verpasst, sich selbst zu finden. Das, was wir präsentiert bekommen, ist so etwas wie eine Midlifecrisis, denn „Runzeldorf“ soll der letzte Wohnort von Herb sein. Doch wie passt Pippa da herein? Durch ihre Lebensreflexion entsteht ein anderes Bild von Pippa, ein Bild, das wir als Lesende nur schwer mit der Pippa vom Anfang des Romans zusammenbringen können. Sie ist eben nicht nur das Heimchen am Herd, sie kann und ist so viel mehr. Und da drängt sich die Frage auf, wie vielen Leuten es wohl noch so geht. Wer wohl noch alles feststellt, dass mit Mitte Fünfzig noch lange nicht Schluss ist. Der sich eben nicht schon lebendig begraben lassen will, sondern das Carpe Diem aus der Mottenkiste holt. War da nicht was, mit 17, 19, 20, 25? Was ist mit den ganzen Lebensträumen? Pippas Leben bietet viele Überraschungen, leider sind einige Episoden etwas zäh erzählt, Pippa scheint noch weniger greifbar als ohnehin schon und das  hemmt die Lesefreude. Nichtsdestotrotz lohnt es sich weiterzulesen: der große Showdown, der Pippas Abhängigkeit zu Herb festzuschreiben scheint, steht noch bevor.

Für Lesende, die Lust auf einen leicht erzählten Roman haben, aber auch nicht dramatische Momente jeglicher Art scheuen (und hier wird wirklich einiges aufgefahren). Pippa Lee hat nichts von der Drastik von Trainspotting, aber Exzess und Sinnsuche sind wichtige Elemente der Handlung. Fazit des Romans: Never judge a book by it’s cover – you’ll never know who the next Pippa Lee will be. ;)

Rebecca Miller – Pippa Lee (2008). Aus dem Amerikanischen von Reinhild Böhnke. S.Fischer Verlag. 368 Seiten.

ISBN: 978-3-596-18065-3

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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