[Rezension] Phönix über dem Regenbogen – Alle, alle lieben dich

„Where trouble melt like lemon drops/ away above the chimney tops/ that’s where you’ll find me“

Wenn jemand stirbt und seine Familie und Freunde auf der Beerdigung zusammentreffen, werden häufig nicht nur die Lebensdaten des Verstorbenen heruntergerattert (so hofft man zumindest), sondern es werden eben auch Lieder gespielt. Songs, die an den Toten erinnern, weil es seine Lieblingslieder waren oder weil es Momente gibt, die mit diesen Liedern verbunden werden. Für Lindsay ist es Somewhere over the rainbow, ein Lied, das für ihre Schwester gespielt wird. Niemand weiß, was ihr wirklich passiert ist. Kim ist verschwunden. Einfach so, ohne Erklärung, ohne Grund (Der Originaltitel Songs for the Missing passt viel besser als alle, alle lieben dich). Wurde Kim entführt? Wurde sie ermordet? Oder hat sie vielleicht doch die ganze Zeit ein Doppelleben geführt und sitzt jetzt mit einem Coctail irgendwo am Strand und genießt ihr Leben? Lindsay setzt all ihre Hoffnung auf die letzte Variante, doch dafür gibt es keinen Anlass. Was hilft? Plakate kleben, eine Homepage einrichten, Kontakt zu den Menschen halten, die irgendetwas wissen könnten. Die Polizei ist keine Hilfe und Ed und Fran, ihre Eltern, wissen nicht mehr was sie tun sollen. Sie stürzen sich in einen übereifrigen Aktionismus. Fran tritt im Fernsehen auf, mobilisiert die Nachbarn, ist so aktiv, wie man es sich nur denken kann. Ed hingegen versucht auf eigene Faust die letzten Spuren seiner Tochter nachzuverfolgen, tagelang bleibt er verschwunden. Kims Freund J.P. versucht sich an der Suche zu beteiligen, ist allerdings selbst in einige Drogengeschäfte verstrickt und kann deshalb nicht ganz offen gegenüber der Polizei auftreten. Das alarmiert Fran und sie verbietet Kims Freunden sich weiter an den Hilfsaktionen zu beteiligen, während sie im Hamsterrad des Aktivismus läuft und läuft und läuft. Lindsay hingegen, die die Situation zu Hause kaum noch aushält, beschließt einfach so gut zu sein wie es eben möglich ist. Denn wenn sie perfekt ist, müssen sich ihre Eltern nicht noch mehr Sorgen machen. Und noch etwas, stellt Lindsay fest: sie ist nicht mehr sie selbst, sondern nur noch das Mädchen, dessen Schwester verschwunden ist. Ihre Familie ist nur noch diese Familie, in der jemand fehlt.

Alle, alle lieben dich thematisiert auf eindringliche Weise, wie es ist einen Menschen zu verlieren. Dabei beschränkt sich der Roman allerdings nicht auf die Zeit, die wir häufig in Thrillern lesen, sondern er geht einen Schritt weiter: Es geht um die Zeit nach dem Schmerz und dem Nichtverstehen, es geht um das Jahr nach dem Verschwinden und das Jahr nach diesem Jahr. Zeit wird zu einem Kaugummi, sie zieht sich und zieht sich und nichts wird besser und niemand kann mehr helfen. Wann ist der Zeitpunkt gekommen aufzugeben? Ist es ein Verrat an der Verschwundenen, wenn man einen Sonntag frei macht und keine Plakate mehr klebt? Gibt Lindsay ihre Schwester auf, wenn sie sich auf ihr Leben konzentriert oder ist es das Richtige, die einzige Möglichkeit um nicht durchzudrehen? Stewart O’Nan beschäftigt sich in diesem Roman genau mit diesen Fragen und der brüchigen Normalität, die nach dem Schock eintritt. Es ist kein Tanz auf dem Vulkan, denn die Katastrophe ist schon passiert. Stattdessen bewegen sich alle Beteiligten wie auf brüchigem Eis,  selbst schon eingefroren, ängstlich, dass der nächste Schritt der falsche ist, in dem Bewusstsein, dass es ohnehin nie wieder ein stimmiges Ganzes, eine heile Familie, geben kann. Wenn der Klappentext einen „hochliterarischen Thriller“ ankündigt, liegt er damit daneben. Alle, alle lieben dich ist für mich kein Thriller, sondern vielmehr ein Psychogramm des Schocks, ein Drama, dessen Ende offen bleibt. Das ist nicht einfach zu lesen und das macht keinen Spaß, Hoffnung bleibt für die kleine Schwester nur die Aussicht auf die Uni. Denn da weiß niemand, was ihr passiert ist und nur da kann sie endlich in der Masse untertauchen und verschwinden, damit sie nicht mehr dieses Mädchen sein muss, das nur durch Verlust markiert ist. Damit spricht der Roman eine schonungslose Wahrheit aus: irgendwann bleibt Aufgeben unausweichlich, denn nur so kann Lindsay sich selbst wiederfinden. Untertauchen, sich Unsichtbar machen bedeutet eigentlich wie Phönix aus der Asche wieder aufzusteigen. An ein Morgen zu glauben. Die verschwundene Schwester einmal in den Hintergrund zu rücken. Alle, alle lieben dich operiert durch die schwere Thematik mit feinen Nadelstichen in der Herzgegend. Stillstand bedeutet Tod, das Drama ist noch nicht vorbei und niemals wird es so sein wie vorher. Es gibt sie, diese lebensändernden Ereignisse – aber ein Happy End gibt es hier zumindest nicht.

Stewart O’Nan: alle, alle lieben dich. Übersetzt von Thomas Gunkel. Rowohlt (2009). 416 Seiten.

ISBN-10: 3499254255

ISBN-13: 978-3499254253

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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