[Rezension] Seelen im Fegefeuer – Zärtlich ist die Nacht

„Es war so leicht geliebt zu werden, so schwer, zu lieben.“

Dick und Nicole Diver sind das kultivierte, amerikanische Vorzeigeehepaar schlechthin. Zu ihren Sommeraufenthalten an der französischen Riviera gesellen sich nicht nur unterschiedliche amerikanische Künstler_innen, sondern auch unterschiedlichste Exzentriker_innen jeglicher Couleur, die Dick und Nicole umschwirren wie Motten das Licht. Auch die siebzehnjährige Rosemary, eine aufstrebende Filmschauspielerin, befindet sich mit ihrer Mutter im Hotel und genießt den Strand. Auffällig oft sucht sie die Nähe zu Dick und hat sich in den Kopf gesetzt, den charmanten Arzt und Psychiater zu verführen. Dick soll ihre erste große Liebe werden, gut, er hat Frau und Kinder, aber das ist für Rosemary nicht weiter störend. Rosemarys Mutter findet den Plan untadelig, bewundert sie doch wie alle anderen auch, das kultivierte Ehepaar, das gerne mit „Dicole“ unterschreibt. Warum sollte man sich nicht im Licht der Divers sonnen, sie haben doch so viel davon. Rosemary wird in den Kreis der Erlauchten um das Ehepaar aufgenommen und Dick ist einer Liaison mit Rosemary nicht abgeneigt, kann sich aber noch zurückhalten: „Das kann ich Nicole nicht antun“. Rosemary und Nicole werden beste Freundinnen, unabhängig davon, bleibt Rosemarys Mission bestehen, da sie schon seit geraumer Zeit merkt, dass bei den Divers nicht alles so rund läuft wie gedacht. Zudem hat eine Freundin der Divers auf einer Party etwas merkwürdiges beobachtet – irgendein mysteriöses Geschehen im Badezimmer, in das Nicole verwickelt war. Doch welches Geheimnis verbergen die Divers und was hat sie eigentlich gesehen?

Der Roman ist in drei Bücher aufgeteilt und die kurz skizzierte Handlung findet allein im ersten Buch statt. Buch zwei und drei lassen die bisher erzählte Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen – nahezu alle beschriebenen Figuren gewinnen einen doppelten Boden. Nichts ist so, wie wir als Lesende angenommen haben. Wer glaubt, es handele sich um eine simple Dreiecksgeschichte, in der Ehebruch im Vordergrund steht, irrt sich. Steht in Buch zwei die zarte Konstitution von Nicole im Focus, wendet sich Buch drei Dick Diver zu.

„Es ist eine ebenso einfache, wie geistreiche Grundidee des Romans, dass der Zeremonienmeister der oberen Zehntausend ein Psychiater ist“, schreibt Heinrich Detering im Aufsatz Amor und Psyche, der der Diogenes-Ausgabe des Romans beigefügt ist.

Fitzgerald streut uns immer wieder Hinweise ein, die auf die Geschehnisse in den letzten Büchern hindeuten, die aber so leicht zu überlesen sind. Dicks Erfolgsbuch heißt Psychologie für Psychiater und deutet damit schon eine Entwicklung an, die sich innerhalb des letzten Buches vollzieht. Kleiner Hinweis: Dicks letzter Patient, der in seiner Klinik vorgestellt wird, ist ein Psychiater, der einen Nervenzusammenbruch hatte.

Doppelbödigkeit ist das Stichwort des Romans. Keine Metapher ist bedeutungslos, alles wird wieder aufgegriffen. Rosemarys Hauptrolle in „Daddy’s Girl“ verweist auf das Schicksal von Nicole und damit wiederum auf Dick, der im Scherz sagt, er stehe auf fünfjährige Mädchen. Wenn Rosemary in den Gestalten im Dämmerlicht des Aufnahmestudios ihrer neuen Produktion „Seelen im Fegefeuer“ erkennt, ist das fast unauffällig. Aber wenn Dick betrunken auf einer Party von einem „Totentanz“ spricht, in dem sich metaphorisch alle die Hand reichen, und die Band dazu das Lied “ a young lady from hell“ spielt, und ganz am Ende die erfolgreiche Rosemary an den Strand zurückkehrt und Nicole und Dick „wie Gespenster in einem bizarren Tanz“ sieht, dann wird eine unterschwellige Düsternis und Ausweglosigkeit beschrieben, die symptomatisch für den gesamten Roman zu sein scheint.  Auch die nächste Generation scheint vor den psychischen Schädigungen ihrer Eltern nicht gefeit, Dick ist stolz auf seine zwei Kinder, die früh gelernt haben, „nicht ungehemmt zu weinen oder zu lachen“, auch „schlechtes Benehmen sah er ihnen nicht nach“. Doch es gibt Hoffnung, zumindest für die Frauen – Nicole verliebt sich neu und scheint ihr Trauma überwunden zu haben – mit Dick zusammen summt sie den Jazzhit „Thank y’father“ und das ganz ohne ironische Brechung. Und am Ende treffen sich alle wieder am Strand. Doch von hier aus, sieht man zurück an den Anfang, war die Abwärtsspirale bereits gesetzt: „Mit der Ankunft der Divers fiel die Dämmerung ins Tal.“

F.Scott Fitzgerald hat fünf Romane geschrieben, an keinem hat er so lange und so intensiv gearbeitet, wie an Zärtlich ist die Nacht, das nach einem schreiblichen Kraftakt von neun Jahren erschienen ist. Hemingway lobte den Roman als komplexestes und reifstes Werk von Fitzgerald und bezeichnete Zärtlich ist die Nacht als Hauptwerk der amerikanischen Moderne. Das wurde nicht von vielen Kritiker_innen geteilt. Tatsächlich ist kaum klar, worauf die Handlung im ersten Buch hinausläuft. Immer wieder werden die oberen Zehntausend in ihrer Oberflächlichkeit präsentiert, doch wenn man genau hinsieht, deuten sich die Risse und Zerwürfnisse, die in den folgenden Büchern ausgeführt werden, bereits an. Dabei wechselt Fitzgerald inspiriert die Perspektiven, so dass fast jede Figur von innen und von außen betrachtet wird. Das macht den Roman so spannend und faszinierend zu lesen. Vielleicht sogar noch ein zweites Mal.

Fitzgerald, der Zärtlich ist die Nacht 1934 ist allerdings keine unproblematische Person. Der Roman ist autobiographisch inspiriert, Scotts Frau Zelda Fitzgerald litt an dem, was man heute Manische Depression nennt, und es ist zu vermuten, dass ihre Klinikaufenthalte mit Eingang in die Erzählung nahmen, sie wahrscheinlich sogar Inspiration für die Figur Nicole war. Zelda schrieb selbst Romane, z.B. Save me the Waltz (1932), doch viele ihrer Kurzgeschichten wurden aus finanziellen Gründen unter dem Namen ihres Ehemannes veröffentlicht. Einen bitteren Nachgeschmack bekommt die Geschichte nicht nur aufgrund der finanziellen Ungerechtigkeit, sondern auch, weil Zelda bemerkte, dass einige ihrer Tagebucheinträge zum Teil wortwörtlich in Fitzgeralds Werken auftauchten:

Es kommt mir so vor, als ob ich auf einer Seite einen Abschnitt aus einem meiner alten Tagebücher wiedererkannt hätte, welches mysteriöserweise kurz nach meiner Eheschließung verschwand, und auch Bruchstücke aus Briefen, die mir, obschon beachtlich abgeändert, vage bekannt vorkommen. In der Tat scheint Herr Fitzgerald – Ich glaube, so schreibt er sich – der Überzeugung zu sein, dass Plagiat daheim zu beginnen habe.

Obwohl Zelda versuchte, sich durch Schriftstellerei, Malerei und durch das Ballett künstlerisch auszudrücken – eine Freundin hatte ihr sogar ein Engagement bei der Pariser Oper besorgt – wurden diese Versuche von Scott Fitzgerald nicht unterstützt, sogar unterdrückt. Zelda hatte einfach zu oft ihre Probleme mit Hemingway thematisiert, der ihrer Meinung nach ihren Mann zum Trinken verführte, das kam bei Fitzgerald nicht gut an, der ein massives Alkoholproblem hatte. In Folge der Auseinandersetzungen mit ihrem Mann erlitt sie 1930 ihren ersten Nervenzusammenbruch. Sie starb mit nur 47 Jahren bei einem Brand im Highland Mental Hospital in Carolina.

Ein letzter Hinweis an zukünftige Leser_innen: wenn ihr den Roman lesen wollt, lest unbedingt die Fassung von 1934. Nachdem Zärtlich ist die Nacht kein Erfolg bei der Kritik wurde, schrieb Fitzgerald schnell eine zweite Variante, die leserfreundlicher sein sollte. Aus dem Dreiteiler wurde ein Fünfteiler, die Rätsel, die in Buch eins aufgemacht wurden, werden schon am Anfang gelöst. In Amerika blieb die Fassung bis in die 1960er erhalten, in Deutschland ist sie zum Teil heute noch zu finden. Hemingway schrieb damals über die Änderung:

„Es ist als hätte man einem Schmetterling die Flügel ausgerissen und sie so wieder angesetzt, dass er wie eine Biene geradeaus fliegen kann. All der Staub aber, aus dem die Farben sind – die Magie des Schmetterlings – ist verloren.“

F. Scott Fitzgerald – Zärtlich ist die Nacht. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Diogenes (2007). 560 Seiten. ISBN: 978-3-257-23695-8

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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