[Rezension] Heimatlosigkeit zwischen den Weltkriegen – Als wir Waisen waren

England, irgendwann im Sommer in den 1930er Jahren. Christopher Banks ist der berühmteste Detektiv Englands, die Londoner Oberschicht gerät in Verzückung, wenn er den Raum betritt oder wendet sich erschrocken ab – aus Angst, er könne ihre Geheimnisse lösen. Banks ist bekannt in der Stadt und schafft es problemlos, sich in den oberen Kreisen der Gesellschaft zu bewegen. Und das ist nicht selbstverständlich. Seinen Erfolg musste er sich mühsam erarbeiten. Bei den zahlreichen Dinnerparties begegnet ihm immer wieder Sara Hemmings, eine Societylady, die sein Interesse weckt. Doch Christopher ist zu langsam und zu beschäftigt mit seiner Arbeit – es kommt wie es kommen muss, irgendwann ist Sara verheiratet und plant die Auswanderung. In Shanghai will sie mit ihrem Mann einen Neuanfang wagen. Ein nicht ganz unproblematisches Unterfangen, immerhin liegen kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Europa und Asien in der Luft und niemand weiß, ob die Situation stabil bleibt. Für Banks kommt dieser Schritt nicht nur aufgrund der politischen Situation überraschend. Er selbst verbrachte seine gesamte Kindheit in Shanghai und zwar nicht irgendwo. Banks lebte im International Settlement, dem Villenviertel der Ausländer_innen. Sein Vater arbeitete für eine britische Firma, die ihre Gewinne mit dem florierenden Opiumhandel einfuhr. Seine Mutter hingegen war Teil einer Aktivist_innengruppe, die sich dezidiert gegen den Opiumhandel aussprach – aus Mitleid mit den Abhängigen und Drogentoten. Doch als Christopher zehn wurde, verschwanden seine Eltern spurlos. Ein Freund der Familie brachte ihn zu seiner Tante nach England, er studierte in Cambridge und konnte sich nach dem Tod der Tante aufgrund der großzügigen Erbschaft seine Anfänge als Detektiv finanzieren. Als Sara sich nun entscheidet nach Shanghai zu gehen, beginnt Banks sein Leben zu hinterfragen und reflektiert über seine Kindertage. Sein damaliger bester Freund Akira wollte ebenso gerne Detektiv werden wie er. Hunderte Male spielten sie die Szene, in der Christopher seine verschwundenen Eltern wiederfindet. Obwohl Banks seit vielen Jahren nichts mehr von Akira gehört hat, folgt er Sara nach Shanghai. Mit dem Ziel, endlich das mysteriöse Verschwinden seiner Eltern aufzuklären.

Aber von mir und meinesgleichen fordert das Schicksal, der Welt als Waisen gegenüberzutreten und viele Jahre lang dem Schatten der verschwundenen Eltern nachzujagen. (349)

Kazuo Ishiguro hat einen Roman geschrieben, in dem es nicht nur um die Auflösung eines rätselhaften Falles geht. Christopher Banks ist eine heimatlose Figur, jemand, der im Ausländerviertel aufgewachsen ist, mit den anderen Diplomatenkindern und der doch trotzdem von seinem besten Freund Akira sinngemäß gefragt wird: „Wer bist du denn jetzt? Wo gehörst du denn jetzt hin? Bist du Engländer? Ein Chinese kannst du ja nicht sein.“ Mit dem Verlust der Eltern offenbart sich der Verlust der Identität. Und damit steht er nicht alleine da. Viele der vorgestellten Figuren sind Waisen, haben ihre Eltern, einen Teil ihrer Sicherheit und Identität verloren. Saras Eltern starben früh, als Banks sein altes Haus in Shanghai besucht, erzählt ihm der alte Mann, der es nun schon seit zwanzig Jahren mit seiner Familie bewohnt, von seiner Adoptivtochter, die eine Waise war und auch Banks selbst adoptiert ein Mädchen, das keine Eltern mehr hat, Jenny.

Als Banks nach Shanghai zurückkehrt, ist vieles nicht mehr so, wie es in seiner Erinnerung war. Das Shanghai der 1920er Jahre gibt es nicht mehr, stattdessen gerät er in die Anfänge eines Weltkrieges. Die Isolation, die er seit seiner Kindheit verspürte, wird umso deutlicher, wenn Banks alte Schulfreunde trifft. Für sie war er der komische Kauz, der Außenseiter. Banks will sich an diese Szenen nicht erinnern können, wird sogar latent aggressiv, als er einen alten Internatskameraden in Shanghai trifft. Vieles scheint nicht so zu sein, wie Banks es den Leser_innen vorgaukelt. Was ist hier Fantasie, was hat Banks tatsächlich erlebt? Tatsächlich war er im International Settlement nie im wirklichen Shanghai, in den Vierteln der armen Bevölkerung. Die entdeckt er erst jetzt, Jahre später, und ist geschockt. Als Kind durfte er die Enklave nicht verlassen, lebte ein abgeschottetes Leben mit einer Kinderfrau und liebevollen Eltern. Doch erst jetzt bemerkt er, dass seine Kindheit nicht so idyllisch war wie angenommen. Sein kindlicher Wunsch, die Welt vom Bösen zu befreien, seine Motivation Detektiv zu werden, wirken auf einmal hilflos. Christopher Banks, der berühmteste Detektiv Londons beginnt zu scheitern und erkennt erst in der Mitte seines Lebens, dass er vor viel zu vielen Dingen, stets die Augen verschlossen hat. Der Zauber der Kindheit ist vorbei, die harte Realität schlägt gnadenlos zu – Banks muss sich seiner Vergangenheit stellen.

Aber siehst du jetzt, wie die Welt wirklich ist? Siehst du, was dir dein angenehmes Leben in England ermöglicht hat? Wie konntest du ein berühmter Detektiv werden? Ein Detektiv! Wem soll das helfen? Gestohlene Juwelen, Adlige, die wegen ihrer Erbschaft umgebracht werden. Glaubst du, das ist alles, worum man kämpfen kann? Deine Mutter wollte, dass du für immer in deiner verzauberten Welt lebst. Doch das ist unmöglich. Am Ende muss sie zusammenstürzen,. Es ist ein Wunder, dass sie für dich so lange bestehen konnte. (327)

Kazuo Ishiguro: Als wir Waisen waren. Albrecht Knaus Verlag München (2000). 349 Seiten.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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