[Rezension] Sans-Souci aus Pappmaché – Die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers

die-erstaunlichen-talente-der-audrey-flowers-072386114Oh, eine Schildkröte auf dem Cover! „Erstaunliche“ Talente? Das ist im Moment ja irgendwie Trend. Zumindest bei Walter Mitty. Harold Fry macht immerhin eine unwahrscheinliche Reise. Egal.  Mitgenommen, erste Seite gelesen – was soll das denn? Das Romandebüt von Jessica Grant wirkt auf den ersten Blick mehr als konfus. Wer erzählt hier eigentlich die Geschichte? Wer spricht mit wem? Und warum zum Teufel gibt es keine Anführungszeichen? Leserleitung – Fehlanzeige. Stattdessen werden die Leser_innen mit einem großen Schwung in die wirre Gedankenwelt der Protagonistin Audrey geworfen.

Audrey Flowers lebt in ihrer eigenen, wunderlichen Welt – deswegen wird sie von ihrer Familie auch liebevoll Oddly genannt. Warum sie so ist, bleibt ihr Geheimnis, einziger Hinweis: sie gehört zu den wenigen Menschen, die an einem 29. Februar geboren wurden. Folglich hatte sie auch erst sechsmal so richtig Geburtstag, wodurch sie sich – logisch – auch das Recht erworben hat, sich wie ein kleines Kind zu benehmen. Sie lebt mit ihrer Schildkröte Winnifred, die sie von dem Vormieter ihrer Wohnung übernommen hat, ein durchaus sorgenfreies Leben und hat sehr viel Spaß an gelegentlichen Cluedo – Sessions, ein Spiel, das sie seit ihrer Kindheit fasziniert. Winnifred begleitet sie zwischendurch in den Urlaub, Audrey bastelt ihr ein französisches Märchenschloss. Das ist zwar nicht Sans-Souci sondern Pappmaché, klingt für Winnifred aber genauso feierlich und besonders. Nur ein Beispiel für die vielen Wortspiele, die im Roman enthalten sind (der Imbiss heißt Im Biss und so weiter).  Und Audrey ist wirklich sans souci, Winnifred hätte es nicht besser treffen können. Doch dann erhält Audrey einen Anruf ihres Onkels, ihr Dad liegt nach einem Unfall im Koma.

Audrey macht sich auf den Weg nach Hause, von Amerika nach Kanada. Hierhin waren sie und ihr Dad vor langer Zeit ausgewandert, da er es in England, dem „engen Land“ nicht mehr ausgehalten hat. Winnifred wird in die Obhut von Freunden gegeben. Doch als Audrey ankommt, ist ihr Vater bereits tot. Audrey muss nicht nur mit dem Tod ihres Vaters klar kommen, sie begibt sich auch auf die Spur ungelöster Familiengeheimnisse. Welche Aufgabe hat der Anwalt Toff, der ihren Vater gut kannte? Warum galt Onkel Thoby als Schwarzes Schaf der Familie? Warum will ihre Großmutter nicht über Onkel Thoby und ihren Dad sprechen? Und warum hat Onkel Thoby überhaupt bei Audrey und ihrem Dad gelebt? Und außerdem: Warum ist der Typ, der für die Weihnachtsbeleuchtung am Haus verantwortlich ist, so unglaublich süß?

Oddly hat ihre ganz eigenen Vorstellungen von der Realität. In ihrem Kopf lesen Schildkröten Shakespeare – und wie überraschend und schön ist es für die Leser_innen, wenn Winnifred tatsächlich in mehreren Kapiteln zu Wort kommt. Zugegeben, Winnifred wirkt um einiges erwachsener und abgeklärter als Oddly – aber sie ist ja auch älter, hat einen schweren Sturz aus den Fängen einer Möwe hinter sich und Audreys Vormieter überlebt. Außerdem gibt es noch eine Hausmaus, Wedge, die genau so alt ist wie Oddly. Ein stolzes Alter für eine Maus – immerhin 26 Jahre. Für Oddly durchaus passend – immerhin hat ihr Vater später als Biologe gearbeitet und versucht, Alterungsprozesse durch seine Forschung aufzuhalten. Wedge ist der lebende Beweis dafür, dass ihr Vater nicht versagt haben kann. Zumindest nicht als Biologe – aber vielleicht als Vater?

Die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers ist eine unterhaltsame Familiengeschichte, in deren Zentrum eine außergewöhnliche Protagonistin steht, deren Naivität ihresgleichen sucht. Manchmal hat Oddly mich zur Verzweiflung gebracht, manchmal war sie wunderbar. Die Schreibweise, eine Art Stream of Consciousness, ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Gerade der Anfang ist verwirrend, Oddly glaubt, ihr Flugnachbar wolle das Flugzeug kidnappen und sie müsse die Passagiere retten … Doch hat man sich an den Stil gewöhnt, wird Audreys Geschichte spannend. Die Wortwitze sind zwischendurch etwas gewollt („ohgottogott mit Kompott“ – ein Familienwortwitz der Flowers) und dadurch eher anstrengend, die Passagen mit Schildkröte Winnifred retten die wirre Geschichte allerdings und machen unglaublich viel Spaß. Ein insgesamt unterhaltsames Buch, das mich allerdings gerade am Anfang auch einige Nerven gekostet hat. ;)

Jessica Grant: Die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers (= Come Thou, Tortouise). Übersetzt von Thomas Mohr.

Goldmann Verlag 2011.

ISBN: 978-3-442-47665-7

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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