[Rezension] Opa gegen die Windmühlen – Don Quijote nach flix

So leicht geben wir uns nicht geschlagen, nicht wahr, Dulcinea?

Miguel Cervantes Roman über den Ritter von trauriger Gestalt, der auf deutsch unter dem Titel Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha zu finden ist, ist ein Klassiker.  Alonso Don Quijote de la Mancha – seines Zeichens eigentlich kein Ritter, aber großer Fan von Ritterromanen und das macht einen ja auch schon irgendwie zu einem Ritter – ist mit dem Pferd Rosinante unterwegs, sein treuer Kollege Sancho Panza mit einem Esel. Gemeinsam erleben sie unterschiedlichste Abenteuer – und wer kennt nicht den Kampf gegen die Windmühlen, das Abenteuer des Junkers schlechthin? Ein gutes Beispiel, das zeigt, dass die wahren Feinde der beiden Kumpanen nicht unbedingt in der Realität existieren müssen. Der Roman von Cervantes wurde bereits 1605 veröffentlicht, von 1799 – 1801 wurde eine deutsche Übersetzung von Ludwig Tieck herausgegeben, die, bis 2008 als Susanne Lange sich einer Neuübersetzung widmete, als kenntnisreichste und beste Übersetzung galt. Der Comickünstler flix nähert sich diesem wunderbaren Abenteurer nun auf ganz neue Art.

Flix adaptiert dabei nicht nur die Erzählung, sondern komponiert sie neu und nimmt sich spannende Freiheiten gegenüber der klassischen Vorlage heraus, so dass ganz neue Bedeutungsebenen dazu gewonnen werden. Don Quijote lebt in flix‘ Variante nicht irgendwo auf der iberischen Halbinsel, sondern in MeckPom. Aus Toboso wird Tobosow, ein verlassener Ort, in dem der Rentner Quijote sich selbst zum Vorkämpfer gegen den geplanten Windpark stilisiert. Demos, Leserbriefe an den Märkischen Volksfreund (mit besonderem Hinweis auf den schädlichen Einfluss den Comics auf junge Gemüter haben) – der Rüpelrentner hat viel zu tun und gibt niemals auf.

Quelle: www.bazonbrock.de Flix/Carlsen Verlag 2012
Quelle: http://www.bazonbrock.de Flix/Carlsen Verlag 2012

Doch Gefahr droht aus ganz anderer Ecke – seine Tochter befindet, dass ihr Papa mittlerweile dement wird und nicht mehr für sich selbst sorgen kann. Und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen – sieht der Don doch langsam überall Raubritter (auch wenn es sich um Windpark-Investoren handelt). Quijote, dessen Freund Sancho Panza bereits verstorben ist, soll in die Seniorenresidenz Cervantes umquartiert werden. Als Übergangslösung wohnt er bei seiner Tochter und lernt seinen Enkel kennen – ein achtjähriger, der – Schreck, lass nach! – Comics liest und dazu auch noch verkleidet als Batman durch die Gegend springt. Opa ist not amused, entdeckt aber bald, dass sein Enkelsohn und er doch einige Gemeinsamkeiten haben. Robin kann die Monster auch sehen, gegen die sein Opa kämpft. Außerdem hat er einen kleinen Esel, auf dem er sich fortbewegt, während Quijote seine Rosinante hat. Dass Robins Mama/Don Quijotes Tochter an Stelle der Tiere nur schnöde Fahrräder sieht, muss die beiden ja nicht stören. Nach dem Robin seinen Opa aus dem Seniorenheim befreit hat, machen sie sich gemeinsam auf, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen und natürlich gegen das Böse zu kämpfen. Denn, wie der große Abenteurer Don Qijote de la Mancha sagt:

Die Limette hat noch Saft!

don quijote

Flix hat mit der Graphic Novel Don Quijote eine wunderbare Variante eines Klassikers geschaffen, der in unsere Zeit übertragen wird. Nachdem ich vor einiger Zeit Held von flix gelesen habe und hellauf begeistert war, geht es mir mit dieser Rittergeschichte genauso. Die Figuren werden liebevoll entwickelt und sind toll gezeichnet. Mit Witz und Charme zeigt flix dabei, dass Cervantes Heldenepos auch heute spannend sein kann. Denn was verbindet den alten Don Quijote mit dem Rüpelrentner von heute? Seine Fantasie und sein Mut, Dinge ändern zu wollen – auch, wenn das nicht immer alle verstehen können. Das Duo Großvater/Enkel erweist sich als (fast) unschlagbar und zeigt, dass es jenseits von vielzitierten Generationenkonflikten, die Fantasie ist, die unterschiedliche Generationen verbindet. Ein Buch, in dem Fahrräder zu Eseln, Pferden und Fledermäuse werden können und das mir kontinuerlich Spaß gemacht hat, selbst wenn ich auf den letzten Seiten auch ein kleines bisschen sentimental geworden bin.

 Neue Comics und Ankündigungen neuer Projekte findet ihr auf der www.der-Flix.de (sehr zu empfehlen).

Flix – Don Quijote. Hamburg: Carlsen Verlag 2012.

ISBN: 978-3-551-78375-2

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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