[Rezension] Schöner scheitern – Die Vermessung der Welt

Es gibt Dinge, die an nichts andererem als sich selbst scheitern. (Franz Kafka: Das Schloss)

Landvermesser haben es nicht leicht. K., Kafkas Protagonist, verirrt sich in einem bürokratischen Durcheinander, das Schloss schwebt irgendwo in einer großen Leere, die er (psychisch) nicht erfassen kann. Dabei war es doch seine Aufgabe das Land zu vermessen und jetzt kommt er nicht voran und hockt in einem alten Gasthaus, während sich die Stimmung der Dorfbevölkerung langsam gegen ihn richtet. Wirklich? Was will K. eigentlich? Dem Lesenden kommen Zweifel: ist K. überhaupt ein Landvermesser? Ist er nicht vielmehr ein Landstreicher, der eben auf seine eigene Art das Land „vermisst“? Wahrscheinlich wurde nach 1922 nie wieder so intensiv über den Beruf des Landvermessers nachgedacht, bis Daniel Kehlmann auf den Plan trat. Als Die Vermessung der Welt 2005 erschien, gab es kaum einen anderen Roman, der so oft besprochen und gelesen wurde. 37 Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste des Spiegel, 2006 das am zweitmeisten verkaufte Buch der Welt, 2007 waren bereits 1,5 Millionen Exemplare verkauft worden. Ein ziemlicher Hype um so ein dünnes Werk, das sich auch noch mit zwei alternden Geistesgrößen der europäischen Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzt, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemeinsam haben.

Im Zentrum der Handlung stehen der Entdecker Alexander von Humboldt und der Mathematiker Carl Friedrich Gauß, beide nicht mehr ganz auf der Höhe, was ihre körperliche Verfassung angeht. Gauß, der am Anfang des Romans nur schwer aus dem Bett zu kriegen ist und nur widerwillig zu einem Kongress aufbricht (nicht ohne seine Frau als „Unglück seiner späteren Jahre“ zu beschimpfen) leidet am Älterwerden und seiner schwächlichen Konstitution. Fiese Zahnschmerzen plagen ihn, aber der Wille zu einer weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichung treibt ihn an. Humboldt, unterwegs in Lateinamerika, pult sich währenddessen die Flöhe aus den Zehen und versucht Berge zu erklimmen. Alles im Dienste der Wissenschaft, der höchsten aller Motivationen. Denn beide Forscher versuchen auf ihre Art eine Vermessung der Welt durchzuführen: Gauß durch Berechnungen mithilfe von Mathematik und Astronomie, Humboldt durch Anschauung und das Waten durch die Stromschnellen des Dschungels. Doch der Grad zwischen Wahnsinn und Genialität ist recht schmal. Beide Wissenschaftler sind lebensfremd, kauzig, merkwürdig – und werden gnadenlos veralbert. Sei es Gauß, der in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt um eine bahnbrechende Formel fanatisch niederzuschreiben oder sei es Humboldt, der die Berge besteigt, bis die Luft so dünn wird, dass er das Bewusstsein verliert oder gerne Läuse in den Zöpfen der Frauen zählt – aus rein statistischen Gründen. Die permanente indirekte Rede ist dabei nur eine weitere Merkwürdigkeit des Romans, an die ich mich aber schnell gewöhnen konnte und die zur ironischen Distanz zum Geschehen beiträgt.

Ebensowenig erforsche ein Vogel die Luft oder ein Fisch das Wasser [sagte Humboldt].
Oder ein Deutscher den Humor, sagte Bonpland.
Humboldt sah ihn mit gerunzelten Brauen an.
Nur ein Witz, sagte Bonpland.
Aber ein ungerechter. Ein Preuße könne sehr wohl lachen. In Preußen werde viel gelacht. Man solle nur an die Romane von Wieland denken oder die vortrefflichen Komödien von Gryphius. Auch Herder wisse einen guten Scherz wohl zu setzen.
Daran zweifle er nicht, sagte Bonpland müde. (S.111)

Doch die Figuren sind keine reinen Sympathieträger, haben ihre Schwächen, ihre Macken, ihre Fehler. Gauß liebt eigentlich eine Prostituierte, zu der er sich immer wieder flüchtet. Und Humboldt? Im Schatten des Bruders, dem großen Bildungsreformator aufgewachsen, bleibt ihm nur die Flucht in die Fremde. So war es ja auch von Anfang an gedacht: einer der Brüder soll die Geisteswissenschaften lernen, der andere die Naturwissenschaften beherrschen. Zufall statt Genie? Oder beides, gepaart mit der strikten Vorstellung der Familie, sich in jedem Fall gesellschaftlich zu fügen. Zerrissene Figuren, alle beide. Zudem verhält Humboldt sich alles andere als heldenhaft gegenüber seinem langjährigen Reisebegleiter Bonpland. Humboldt – weltfremd, schräg, unglücklich, aber besessen von einer Idee. Genau wie der schwächelnde Mathematiker. Auch Gauß wird privat nicht glücklich, verhält sich unnahbar und ungerecht gegenüber seinem Sohn, nimmt in Kauf, dass dieser ins Gefängnis muss und hilft ihm eben nicht. Beide, wie ihr literarischer Vorgänger, Landvermesser K., sind auf merkwürdige Art an sich selbst Gescheiterte. Auch wenn diese Erkenntnis erst spät reift. Und trotzdem mochte ich die beiden verdrehten Gestalten, als ich das Buch zugeklappt habe. Und das lag besonders am unterhaltsamen, ironisch-lakonischen Schreibstil, den Kehlmann in diesem Roman perfektioniert hat. 300 Seiten? Fast ein wenig zu kurz für mich, bitte mehr davon.

Betest du? Nein, flüsterte Gauß, er zähle Primzahlen, das mache er immer, wenn er nervös sei. (S.65)

Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008. 302 Seiten.

ISBN: 978-3-499-24100-0

Meine Rezension gibt es auch auf lovelybooks

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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