[Rezension] Ein Land großer Geheimnisse und Schmerzen – Wiegenlied für kleine Ganoven

„Wenn man ein Kind dazu bringen will, einen zu lieben, dann sollte man sich einfach mehrere Stunden im Schrank verstecken. Das Kind wird auf die Knie gehen und beten, dass man zurückkehrt. Es wird einen zum Gott erklären. Einsame Kinder haben vermutlich die Bibel geschrieben.“  (71)

Das Rotlichtviertel Montreals: Die elfjährige Baby lebt zusammen mit ihrem Vater Jules ein extrem chaotisches Leben. Er war erst fünfzehn als sie auf die Welt kam und hat sein eigenes Leben nicht im Griff. Das Geld ist ständig knapp, wie bei allen im Viertel.

Wir waren pleite auf eine Art, wie nur Kinder pleite sein können. Unsere Zehen waren schwarz gefärbt von undichten Stiefeln. Wir hatten entzündete Ohrläppchen und grüne Ränder um die Finger von billigem Schmuck. Niemand besaß jemals auch nur einen Schokoriegel. (22)

Babys Mutter starb kurz nach ihrer Geburt. Seitdem ist Jules heroinabhängig. Damit seine Tochter es nicht merkt, nennen er und seine Freunde die Drogen „Schokomilch“, aber natürlich weiß Baby Bescheid. Immer wieder verschwindet er und lässt Baby mehrere Tage allein. Manchmal müssen sie umziehen, weil Jules, der sein ganzes Geld für Drogen ausgibt, die Miete nicht mehr bezahlen kann. Optimale Verhältnisse sind das nicht. Baby ist dabei, wenn Jules mit seinen Freunden Drogen nimmt. Auch Jules hatte es nicht leicht. Auf Babys Fragen, was mit ihrer Mutter eigentlich passiert sei, kann er nicht antworten. Stattdessen denkt er sich immer wieder ein neues Abenteuer aus, bei dem sie ums Leben kam. Genauso erzählt er immer wieder von seiner eigenen Kindheit und wie er nicht mehr in der Schule mitkam, wegen einer Lernbehinderung.

Ich hörte diese schrecklichen Sachen unheimlich gern, da sie für mich wie Grimms Märchen waren. Die Geschichten über Val des Loups halfen mir, mich besser zu fühlen als andere Kinder. Im Gegensatz zu ihnen war ich aus einem Land großer Geheimnisse und Schmerzen gekommen. (28)

Babys letzte Beschreibung wirkt fast paradigmatisch für den Roman: leicht macht er es den Leser_innen nicht. Immer wieder sagt Jules Baby, dass er ihr Ass im Ärmel sei, anderen würde es noch viel schrecklicher gehen. Und das stimmt. Baby ist nicht wirklich unglücklich in dieser instabilen Situation: sie geht zur Schule, sie schreibt gute Noten, sie liebt ihren Papa Jules und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Wenn es einmal nicht gut läuft, dann kann Baby sich immerhin Situationen vorstellen, in denen alles gut werden wird.

Ich entdeckte einen großen Stein auf der Erde. Ich hob ihn auf und tat so, als wäre er ein verletzter Vogel, und hielt ihn in der Hand und streichelte ihn. Ich redete ihm gut zu, am Leben zu bleiben, flüsterte ihm zu, dass er schon bald wieder fliegen können würde. Dann steckte ich ihn in meine Jackentasche, zu den anderen Steinen, die ich gerettet hatte. (18)

Doch Jules wird krank, er bekommt Tuberkulose und muss wegen des Entzugs auch noch länger im Krankenhaus bleiben. Baby ist sich selbst überlassen, lebt kurzzeitig im Heim, dann bei einer Freundin von Jules und ihren Söhnen. Zum ersten Mal merkt Baby, wie Familie eigentlich funktioniert und fühlt sich wunderbar.

Schließlich stand ich auf und kletterte zu Zachary ins Bett. In dieser Nacht schlief ich tiefer als jemals zuvor. Neben Zachary zu liegen, war wie mitten in einem Kirschkuchen zu schlafen, den man gerade aus dem Ofen geholt hat. (50)

Als sie wieder bei ihrem Vater einzieht, hat sich ihr Verhältnis geändert. Jules ist überfordert mit seiner Tochter, die mittlerweile kein Kind mehr ist. Baby ist durch den Wind: warum hat Jules sie früher gemocht und jetzt nicht mehr? Warum kann sie nicht wieder seine kleine niedliche Tochter sein?

Aber Jules hatte irgendwie aufgehört, mich auf eine bestimmte Art zu lieben, auf die er mich geliebt hatte, als er noch ein Junkie war. Ich wünschte mir, sie hätten ihm im Entzug gesagt, dass es okay war, Zeit mit mir zu verbringen und zu tanzen und Eis zu essen und Cola aus grüngelb gemusterten Teetassen zu trinken. Ich wünschte mir, sie hätten ihm erklärt, dass das alles nicht Teil der Heroinsucht war. (137)

Jules ist vor allen Dingen ein überforderter Vater und jemand, der nicht für Baby da sein kann. Baby fehlt so etwas wie Stabilität, eine echte Freundschaft, eine Mutter, ein Vater, der für sie da ist. Aber so jemanden gibt es nicht. Mit ihrem Älterwerden entfernt sie sich noch mehr von der einzigen Person, die ihr Halt geben kann – Jules. Dabei sucht sie doch nichts anderes als Aufmerksamkeit, jemanden, der sich für sie interessiert. Und diese Aufmerksamkeit gibt es besonders bei Zuhältern und Drogendealern …

Der Roman handelt von sehr viel Überforderung, Einsamkeit und Alleinsein. Besonders von Einsamkeit. Als Baby beginnt abzurutschen, kommt auch noch das Thema Prostitution dazu. Neben Drogen, kaputten Familienverhältnissen und Gewalt also auch noch das Thema Kinderprostitution. Das ist ziemlich harter Tobak. Auch die anderen Kinder im Viertel erleben ähnliches. Sie werden geschlagen, vernachlässigt, ignoriert. Aber Baby geht an diesen Situationen nicht vollends kaputt. Sie ist stark, sie ist klug und irgendwo hat sie auch immer noch Jules, den sie nie komplett aus ihrem Leben streichen möchte, da sich Vater und Tochter doch zu ähnlich sind.

„Jules und ich waren winzige Menschen. Wir waren zart. Wir waren  beinahe zerstört. Wir waren verletzlich. Wie zwei Streber auf einem Schulhof voller Raufbolde hätten wir unsere Briefmarken und Sammelkarten ausgestorbener Tiere tauschen können. Dieser Menschentyp wären wir gewesen, wenn unsere Situation eine  andere gewesen wäre.“ (374)

Heather O’Neill hat in Wiegenlied für kleine Ganoven einen berührenden Roman geschrieben, dessen Faszination darin liegt, dass er trotz der harten, unmenschlichen Situationen leicht und poetisch erzählt wird. Die sprachlichen Bilder, von denen ich hier nur Ausschnitte zitiert habe, sind wunderschön – schlafen in einem Kirschkuchen. Der Kontrast zu den Erlebnissen von Baby wirkt dadurch noch härter und wenn man wirklich darüber nachdenkt, was sie erlebt, ist das Buch einfach nur unsagbar traurig. Und trotzdem bleibt dieses Kirschkuchengefühl die ganze Zeit beim Lesen präsent und das liegt an der geschilderten Vater-Tochter-Beziehung. Die Beziehung von Jules und Baby ist auch hart und verletzend und schwierig, sie reißt aber nie ab, egal, was für einen Mist der andere macht und in welchen Schwierigkeiten er auch stecken mag. Ein tolles Debüt und garantiert nicht der letzte Roman, den ich von Heather O’Neill lesen werde.

Heather O’Neill: Wiegenlied für kleine Ganoven (=Lullabies for Little Criminals). Übersetzt von Ursula Finke. btb 2012.

ISBN: 447-32125790

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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