Come As You Are – Zum 20. Todestag von Kurt Cobain

„Nevermind“ war eine gesprungene Umarmung, mit Anlauf.

(Jens-Christian Rabe in der aktuellen SZ)

Es gibt wenig Musikalben, die mich so fasziniert und begeistert haben, wie Nevermind. Stundenlang habe ich Nirvana gehört, habe mir alle Alben gekauft und sogar Kurts Tagebücher gelesen. Mit Nevermind begann der Aufstieg der Band oder auch der Wandel zur Mainstreammusik, je nachdem wie man die Sache auslegen möchte. Das 1991 erschiene Album mit den Klassikern Smells like Teen Spirit, Come as you are, Polly oder On a Plain verkaufte sich bis heute 30 Millionen Mal und löste bereits 1992 Michael Jackson von der Spitze der Billboardcharts ab. Eine Erfolgsgeschichte. Dabei hat Kurt Cobain den Grunge nicht erfunden. Er war einfach derjenige, der das Image des Grunge am besten transportieren konnte oder wie der New Yorker schreibt:

„Nirvana sounded like nothing on the radio, and then, all of a sudden, everything on the radio sounded like Nirvana.“

Das Video zu Smells like Teen Spirit wurde zum meist gespielten Video auf MTV, das Q Magazine nennt ihn den wichtigsten Song aller Zeiten. Und auch die Enstehungsgeschichte des mystisch klingenden Titels ist mittlerweile eine Legende. Die Sängerin von Bikini Kill, Kathleen Hannah, soll nach einer durchzechten Nacht in Seattle an eine Wand gesprayt haben: Kurt smells like TeenSpirit, dem Deo seiner damaligen Freundin Tobi Vail. Cobain fand den Satz toll und schrieb ihn in seinen Song – keine Ahnung davon, dass Teen Spirit eigentlich ein schnödes Deo ist. Doch die Faszination für Nirvana blieb, trotz Deomarke im Titel. Denn hier erschloss sich noch eine weitere Bedeutungsebene – Teen Spirit, etwas, das den Esprit der Jugendlichen beschreibt. Durch ein bisschen Nichtwissen schaffte der Song eine mystische Aufladung der Konsumkultur. Das war Nirvanas Durchbruch. Auch weil die Band so ganz anders war als die üblichen Popstars: hier trat keine durchgestylte Madonna auf, hier gab es keine ausgefeilte Choreografie wie bei Michael Jackson. Hier gab es einfach nur einen Typen, der im Flanellhemd auf der Bühne hockte, fast schüchtern, und dem die Fans noch nicht einmal ansehen konnten, ob ihm das, was er da gerade tat, wirklich Spaß machte. Und die Fans liebten ihn für diese Desillusionierung, diese Zerrissenheit, dieses Echte. Im Spiegel erschien als Analyse der neuen Subkultur Grunge und deren bekanntester Band Nirvana folgender Hinweis:

„eine Bewegung aus Aussteigern und Karriereverweigerern, die zynisch und leidenschaftlich am Rande der Gesellschaft nach wirklichen Werten suchten“

Aber in Kurts Texten findet sich davon nicht viel. Am markantesten ist vielleicht die Textzeile aus Smellslike Teen Spirit:

„I feel stupid and contagious/ here we are now, entertain us!“

Es gab also tatsächlich eine Zeit, in der Künstler_innen und Sänger_innen darüber trauerten, dass die Konsumkultur und die Popmusik nur noch Unterhaltungszwecken dienlich waren, in der darüber getrauert wurde, dass der Markt zu viel Einfluss nahm, anstatt sich um die Seele des Einzelnen zu kümmern. Kaum vorstellbar, dass eine Katy Perry oder ein Justin Bieber heute eine solche Trauer irgendwann einmal artikulieren würden. Eine Zeit, in der es anscheinend noch etwas gab, was über diese Musik hinausgehen sollte, eine Suche.

„Diese Jahre erscheinen den Leuten wie eine romantische Zeit, während uns damals viele Zynismus vorwarfen. Überall waren diese trotzigen Diskussionen über den Ausverkauf und die Macht der Platten-Konzerne, über Ironie und Aufrichtigkeit. Im Rückblick allerdings kann man wohl sagen, dass all der Zynismus schlicht bedeutete, dass man sich Gedanken machte. Es ging noch um etwas.“

(Stephan Malkmus, Leadsänger von Pavement)

In diesem Jahr ist Kurt Cobains 20. Todestag. Seine Witwe Courtney Love hat 2005 ein Viertel der Rechte an Kurts Musik verhökert, an die Medientante und Millardärin Martha Stewart. Gewinn: 60 Millionen Euro. Vielleicht hören wir heute immer noch Nirvana, weil wir merken, dass es Kurt um etwas ging und das war nicht der schnöde Gewinn. Er wollte etwas Echtes schaffen. Und ihm gelang diese Authentizität, die heute in jeder Castingshow gefordert wird. In seinem Abschiedsbrief schrieb Kurt

„The worst crime I can think of would be to rip people off, bei faking it.“

Feier was du liebst, come as you are, feier das Echte bis zum Schluss. Ich gehe jetzt Nirvana hören.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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