[Rezension] Die Gene der Mrs. Generousity – Das größere Glück

Was bedeutet Glück und wie werden wir glücklich? In Powers Roman ist es nicht mehr die Philosophie oder die Literatur, die die Frage des gelungenen glücklichen Lebens beantwortet, sondern die Wissenschaft und das mit katastrophalen Folgen. Die Handlungen dreht sich dabei eigentlich um zwei Hauptfiguren. Zum einen gibt es den vom Leben gebeutelten Dozenten Russel Stone, der nach zwei Veröffentlichungen nicht mehr viel produziert und jetzt in Chicago am Mesquakie College unterrichten darf, allerdings ist das auch seine letzte Chance etwas im akademischen Bereich zu erreichen. Zum anderen, geht es um eine seiner Kursteilnehmerin, die Studentin Thassadit Amzwar. Sie besucht Russels Kurs und neben den anderen Möchtegern-Schriftsteller_innen ist sie die absolute Ausnahme. Sie hat nicht nur Talent, sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist glücklich, immer und überall und ihr Glück wirkt ansteckend. Russel fühlt sich besser, wenn er mit ihr geredet hat, die anderen verkrachten Student_innen im Kurs fangen an, sich gegenseitig zu loben. Thassa wird fortan nur noch ,Mrs. Generousity‘ genannt. Was ist los, mit dieser Frau, die dafür sorgt, dass sich sogar die gestressten Passanten glücklicher fühlen? Woher kommt ihr tiefes Glück, das Teil ihrer Persönlichkeit zu sein scheint? Russel versucht Thassa ihr Geheimnis zu entlocken und erfährt dabei, dass sie vor dem algerischen Bürgerkrieg geflohen ist. Ihr Vater ist erschossen worden, ihr Bruder arbeitslos – warum ist diese Frau so glücklich? Russel vermutet, dass eine schwere Störung hinter diesem ewigen Glück steckt und wendet sich an die Psychologin Candace. Doch auch Candace kann nichts ungewöhnliches an Thassa feststellen, ist sogar selbst glücklich, nachdem sie ihr begegnet ist. Thassa trifft auf Menschen und Thassa wirkt wie eine Droge:

Diese Algerierin hatte etwas Ansteckendes. Ihre Freude war unwiderstehlich: Wie sieben Jahre alt zu sein und in zehn Stunden acht zu werden. Wie mit achtzehn über den Highway zu brausen und im Radio zum ersten Mal einen Song zu hören, der nach Erlösung klingt. Wie mit neunundzwanzig vom Arzt zu erfahren, dass Nachwuchs unterwegs ist. (S.123)

Ein kleiner Bericht schlägt schließlich Wellen: ein Forschungsteam, das schon seit geraumer Zeit nach einem „Glücks-Gen“ forscht, wird auf Thassa aufmerksam. Candace ermutigt sie, sich der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, ohne zu wissen, welchen Kreislauf sie damit in den Gang setzt. In Thassas Körper wird tatsächlich ein „Glücks-Gen“ gefunden. Die Medien überschlagen sich, Talkshows und Wissenschaftssendungen wollen das Glücksmädchen interviewen. An diesem Punkt beginnt auch der Kampf der Wissenschaften: Was bedeutet Glück? Und wenn Glück in den Genen liegt, sollte es dann nicht unser Ziel sein, dafür zu sorgen, dass unser Nachwuchs den richtigen Genpool in sich trägt? Wer weiß mehr, die Philosophie, die Literatur oder eben doch die Genforschung? Leider hat letztere eine weitaus größere Gewinnspanne als die Geisteswissenschaften:

Die Argumentation des Schriftstellers ist allerdings eindeutig: Genetische Verbesserung bedeutet das Ende der menschlichen Natur. Beherrscht man das Schicksal, dann zerstört man alles, was die Menschen verbindet und dem Leben Würde verleiht. Eine Geschichte ohne Hindernisse oder Ende ist keine Geschichte. Wenn man die Beschränkung durch zügellosen Appetit ersetzt, wird alles Sinnvolle zu einem Albtraum. Ein vernichtend respektvoller Applaus hebt an, als sich der zitternde Mann setzt. […] Dann der Genforscher. Sogar auf dem Weg zum Podium wirkt Thomas Kurton charmant. Seine Schultern wippen wie die eines jungen am ersten Tag des sommerlichen Zeltlagers. […] Kurton gibt zu, dass Veränderungen stets Umbrüche bedeuten. „Aber Umbruch ist der Mädchenname dessen, was wir eine große Chance nennen.“ Zum Schluss zitiert er ein Baustellenschild, das er auf der Fahrt von O’Hare am Expressway gesehen hat: Unannehmlichkeiten sind befristet;Verbesserungen sind dauerhaft. Das Publikum im Saal, mehr als bereit zum Mitspielen, lacht beifällig. (S.197)

Thassa wird von den Medien nicht mehr in Ruhe gelassen. Immer mehr Menschen wollen sie sehen, wollen wissen, wie es ihr geht. Gleichzeitig gibt es die ersten Todesdrohungen und Proteste, von denen, die eben keinen perfekten Gen-Pool haben. Auch Candace Chef hat erfahren, dass sie mit dem Glücksmädchen Kontakt hatte und verbietet ihr, Thassa weiter zu sehen, als Psychologin habe Candace einfach falsch reagiert, sie hätte Thassa nie dem Medienzirkus überlassen dürfen. Thassa bittet Russel ihr zur Flucht zu verhelfen, denn sie ist längst nicht so stark wie es scheint…

Richard Powers hat mit Das größere Glück zwar einen Wissenschaftsroman geschrieben, in dem der ewige Kampf zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ausgefochten wird, doch im Mittelpunkt steht nicht die Wissenschaft. Stattdessen sind es die Figuren, die im Mittelpunkt stehen und die ausbeuterische Medienlandschaft. Leider bleibt Thassa eine etwas schwache Figur, deren Glaubwürdigkeit daran krankt, dass sie eben ein Prinzip verkörpert – das Glück, das nicht mehr verschwindet, wenn man es einmal gefunden hat. Ganz egal, was noch im Leben geschehen mag. Und natürlich das Schreiben, als Suche nach dem Glück, nach dem perfekten Moment. Denn der Erzähler macht sich nur zwischendurch bemerkbar, kommentiert das Geschehen (hier ein Treffen zwischen Candice und Russel) und bettet durch diese Authentizitätsfiktion die Handlung in seinen Roman ein, ganz so, wie es Russel in seinem Kurs unterrichtet:

Sie sprechen über ihren beruflichen Werdegang, die Arbeit am Mesquakie, die Viertel im Norden der Stadt, einen Staat, in dem alle an Angst mitverdienen. Beim Dattelpudding erzählt sie ihm vom Übergewicht des Negativen. Natürlich weiß ich nicht genau, ob sie ihm dies beim Dattelpudding oder überhaupt während dieses bestimmten Essens erzählt. Auf jeden Fall berichtet sie ihm zu einem recht frühen Zeitpunkt davon. So viel steht fest – hier muss nichts erfunden werden. (S.132)

Ein Roman, der auf mehreren Ebenen funktioniert und dadurch seine Faszination gewinnt. Nicht zuletzt dadurch, dass der namenlose Schriftsteller, der Russel, Candice und Thassa in seinen Roman einbaut, damit natürlich deutlich macht, wer den Kampf der Wissenschaften gewonnen hat. Am Ende bleibt es Aufgabe der Literatur, Fragen über das Glück zu entscheiden.

Richard Powers: Das größere Glück. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Fischer Taschenbuch Verlag 2009.

ISBN: 978-3-596-18092-9

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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