[Rezension] Junkie-Dilemma – Trainspotting

Was bedeutet eigentlich Trainspotting? Das ist Slang für Züge gucken, bedeutet aber eigentlich, sich die Zeit mit unnötigen und sinnlosen Tätigkeiten zu vertreiben. Zeitverschwendung. Und das macht man nicht alleine, sondern häufig mit anderen, das macht eben mehr Spaß. Das ist dann aber wieder Zeitverschwendung, sagt zumindest die Gesellschaft. Für die Junkies, die im Mittelpunkt dieses Romans stehen, ist aber nicht nur die Gesellschaft schwierig, eigentlich sind es alle, die sie vom Stoff fernhalten:

Freunde sind die reine Zeitverschwendung. Dauernd versuchen sie einen auf ihr Niveau sozialer und sexueller Mittelmäßigkeit herabzuziehen.

Junkiefreundschaften sind keine Freundschaften. Rents, Sickboy, Tommy, Second Prize und Begbie leben in Edinburgh Anfang der 1990er Jahre. Ihr Leben dreht sich hauptsächlich um Stoff und die Frage danach, wie man schnellstmöglich den nächsten Schuss finanzieren kann. Die gesamte Clique ist abhängig oder auf dem besten Weg in die Abhängigkeit und Drogen sind der einzige gemeinsame Nenner, der die „Freundschaften“ zusammenhält, auch wenn Rents behauptet, dass sei früher anders gewesen. Tatsächlich gibt es wenig Gemeinsamkeiten, hier und da ein Bierchen, hier und da ein Fußballspiel, doch der Hauptgrund des Zusammenseins ist der gemeinsame Drogenkonsum. Vor allen Dingen Begbie, ein gewalttätiger Alkoholiker, ist ein Problem für Rents:

Das mit dem Lügen war einfach, wir alle logen, wenns um  Begbie ging. Die Lügen, die wir uns und anderen erzählten, hatte ne ganze Menge Begbie-Mythologie begründet. Wir spielten eine große Rolle darin, ihn zu dem zu machen, was er war.

Mythos: Begbie hat Sinn für Humor. Wahrheit: Begbies Sinn für Humor speist sich ausschließlich aus den Unglücksfällen, Rückschlägen und Schwächen anderer, meistens seiner Freunde. (S.112)

Und an Unglücksfällen oder einfach nur Unfähigkeit mangelt es der Clique nicht. Geht es nach der Welt, die uns Irvine Welsh hier präsentiert, scheint es überhaupt nur ganz wenige Gestalten in Leith zu geben, die tatsächlich clean sind. Die Folge sind ausschweifender Sex (oder zumindest der Versuch, dank Heroin läufts halt nicht mehr so), Angst vor Aids, ungewollte Schwangerschaften, Gewalt (auch gerne gegenüber Frauen) und der ständige Kontakt mit Dealern, Knast und finanzielle Unsicherheiten. Der Roman, der aus den unterschiedlichen Perspektiven der Junkies geschrieben ist und ein Fixerleben vom Beginn der Sucht, über den Versuch des Entzugs zu Hause bis zum vermeintlich tragischen Ende, durch seine Zwischentitel durchexerziert (Stress – Rückfall – Wieder Stress – Vermasselt – Exil – Trautes Heim – Abgang), erhebt eben nicht den moralischen Zeigefinger. Stattdessen wird die Faszination für „H“ von jedem der recht kaputten Typen geteilt, die allerdings durch ihre Lebenswege exemplarisch dafür stehen, wie man es eben nicht machen sollte. Rents, dessen Gedankengänge den Lesenden immer vertrauter werden, nimmt eindeutig die Rolle der Hauptfigur ein:

Nimm deinen besten Orgasmus, nimm das Gefühl mal zwanzig und du bist noch immer meilenweit davon entfernt. Meine trockenen, knirschenden Knochen wurden vom zärtlichen Streicheln meiner wunderschönen Heldin Heroin weich und flüssig. Die Erde drehte sich, und das tut sie heute noch.  [Rents] (S.21)

Ich liebe nichts (außer Stoff), ich hasse nichts (außer den Mächten, die mich davon fernhalten), und ich fürchte nichts (außer nichts zu nehmen). [Rents] (S.34)

Rents, der zumindest anders als Begbie nicht gewalttätig ist, sondern nur versehentlich mit einer Minderjährigen ins Bett steigt, sorgt dafür, dass auch sein Kumpel Tommy, nach einem Krach mit seiner Freundin, anfängt Heroin zu nehmen. Mit fatalen Folgen, doch Rents ist das in dem Moment egal. Stattdessen monologisiert er vor Tommy über die Sinnlosigkeit des Daseins ohne Heroin und die Weitsicht die man durch den Stoff gewinnt. Junkiegequatsche, auf das Tommy allerdings total abfährt:

Das Leben is doch langweilig und sinnlos. Am Anfang haben wir alle möglichen großen Hoffnungen, aber dann kneifen wir. Wir merken, daß wir alle sterben müssen, ohne wirklich Antworten auf die wichtigen Fragen bekommen zu haben. Wir entwickeln alle möglichen verdrehten Vorstellungen, die die Wirklichkeit unseres Lebens bloß auf verschiedene Weise interpretieren, ohne daß wir über wichtige Dinge, die großen, die wirklichen Dinge auch mehr wissen. Eigentlich leben wir doch bloßn kurzes, enttäuschendes Leben, und dann sterben wir. Wir füllen unser Leben mit allem möglichen Scheiß voll, Karriere und Beziehungen, und machen uns vor, daß das alles nicht total sinnlos ist. Äitsch is ne ehrliche Droge, weil sie alle diese Illusionen zerstört. (S.122)

Als Tommy abhängig wird, kann Rents kaum glauben, dass er so gute Überzeugungsarbeit geleistet hat. Doch es wird noch komplizierter für Rents, denn unerwartet kommt die Clique an viel Geld.

Mir hat der Roman, trotz seiner sprunghaften und nicht immer klar zu durchschauenden Struktur gut gefallen, die letztlich ja nur abbildet, mit wem wir es zu tun haben: mit absolut kaputten Chaoten, die dazu noch ständig drauf sind. Kohärentes Wahrnehmen, geschweige denn Erzählen, ist da eben nicht mehr drin. Zugegebenermaßen hatte ich ständig die Bilder des Kultfilms von 1996 unter der Regie von Danny Boyle vor Augen, die mir schon sehr geholfen haben, das Geschehen etwas zu sortieren. Und gerade die Textstellen, die mir um Roman sehr gefallen haben, kommen fast ausnahmslos im Film vor. Durch das ShortCuts-Verfahren wirkt der Film allerdings einfach fixer, es gibt mehr Action, die Musik ist toll und Ewan McGregor, der Rents spielt, natürlich auch und das alles bei einer weitaus sortierteren Handlung. Wobei mir erst beim nochmaligen Ansehen aufgefallen ist, dass Tommy von Kevin McKidd gespielt wird, den ich als bekennender Serienjunkie (irgendeiner Sucht frönt jeder – übrigens nur eins der vielen Argumente von Rents, die für „H“ sprechen) eigentlich nur als Doktor Owen Hunt kannte. Aber zwischen der Verfilmung und Grey’s Anatomy liegen halt auch ein paar Jährchen. Trotzdem, der Roman lohnt sich, auch wenn das Gefühl der Junkies, das Chaos, das Durcheinander, für mich besser durch den Film transportiert werden konnte. Das liegt an den absurd witzigen Dialogen, super Textpassagen, die auch noch wiederholt werden („Choose Life…“), der tollen Musik und den überzeugenden Schauspieler_innen. Wer etwas Geduld mitbringt, keine Angst vor etwas ausgefalleneren literarischen Verfahren hat und sich gerne auf die Jagd nach witzigen, aber auch desillusionierten bis schwarzhumorigen und zum Teil auch gewaltverherrlichenden Textstellen machen möchte, die ein ebenso überzeugendes Milieubild abgeben wie der Film, ist mit dem Roman sicherlich genauso gut bedient.

Irvine Welsh – Trainspotting. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins (1996). Aus dem Englischen von Peter Torberg.

ISBN: 3-8077-0337-3

Meine Rezension gibt es auch auf lovelybooks.

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gefunden hier: http://www.wallchan.com/wallpaper/41513/download/
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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

1 Kommentar zu „[Rezension] Junkie-Dilemma – Trainspotting“

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