[Rezension] Warum Botanik und Erotik nicht zusammenpassen… – Hot House Flower

…. aber beide auf -ik enden. Nein, ich war nicht zufrieden mit dem Roman.

51sO3Ctv0SL__SX326_BO1,204,203,200_Was ist bitte an Grünzeug erotisch? Laut Margot Berwin eine ganze Menge. Lila Nova hat gerade ihre Scheidung hinter sich und stellt fest, dass ihre Wohnung doch ziemlich leer und kahl ist, so ganz ohne Mann und ohne Haustier und ohne Grün. Bei einem Spaziergang über den Markt, lernt sie den Pflanzenhändler David Exley kennen. Exley ist ziemlich heiß – und überhaupt einfach nur ein traumhafter Mann und Lila ist hin und weg. Außerdem liefert der Hengst von Gärtner ihr auch gleich alle Pflanzen nach Hause, die sie bei ihm kauft. Ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell, Lila arbeitet nämlich in einer Werbeagentur in New York und verdient nicht schlecht, so dass sie eine ganze Menge Geld für Pflanzen raushauen kann. Wunderbar! Doch dann wird es magisch: eines Abends entdeckt Lila einen Waschsalon, in dem es grünt und blüht, so weit das Auge reicht. Der Besitzer des Ladens, ein Hippie-Guru namens Armand, der eine John Lennon-Brille trägt und auf Lila wie ein „psychedelischer Baum“ (S.37) wirkt, ist selbst das grüne Herz des Waschsalons. Im Hinterzimmer seines Biotops verwahrt er die neun Pflanzen der Sehnsucht: Gloxinie, Palmfarn, Kakaobaum, Prunkwinde, Hanf, Maiglöckchen, Alraune, Chicorée und Stechapfel. Gemeinsam haben sie eine magische Wirkung und lassen den Waschsalon zur Pilgerstätte des Viertels werden, denn alle wollen Armand und seine Pflanzenfreunde sehen. Lila ist total begeistert und Armand schenkt ihr einen Feuerfarn. Denn die hoch wertvollen Pflanzen der Sehnsucht dürfen zwar von Hinz und Kunz des ganzen Viertels gesehen werden, aber Lila muss sich erst würdig erweisen. Sobald ihr Feuerfarn Wurzeln bekommt, darf sie die Pflanzen sehen, deren Bedeutung Armand folgendermaßen erklärt:

„Jede dieser Pflanzen ist ein Schlüssel zu den neun Dingen, die der Mensch am meisten begehrt. Dabei handelt es sich, in beliebiger Reihenfolge, um: Glück, Macht, Magie, Wissen, Abenteuer, Freiheit, Unsterblichkeit, Sex und natürlich Liebe. Und die Ziffer neun ist natürlich auch nicht zu vergessen. Sie hat zahlreiche einzigartige Eigenschaften. Wenn man beispielsweise eine Zahl mit neun multipliziert und die Ziffern des Ergebnisses addiert, kommt dabei immer neun heraus. Aus diesem Grund wird die neun auch die mathemagische Zahl genannt. Das Symbol unverrückbarer Wahrheit. […] Deshalb ist jeder vollkommen, der die neun Pflanzen besitzt. Er wird alles erhalten, was er begehrt, sagt die Legende.“ (S.84)

Lila ist beeindruckt von diesen Hippiewahrheiten und kann nicht anders, als bei ihrem Botanikbaby Exley mit dem Feuerfarn anzugeben. Es folgt ein tolles Date, Lila plaudert über den Waschsalon und Exley, der ein Geschäft mit seltenen Pflanzen wittert und vorher recht zurückhaltend war, entpuppt sich nun als wahrer schlingpflanzenartiger Verführer:

“ ‚Dein Haar wächst aus einer Wurzel, wie bei Pflanzen. Bei guter Pflege wird es länger und glänzender. Du bedeutest mir etwas, mit jeder Körperzelle. […] Ich will dir näher sein, als deine Haut.‘ Er liebte mich ganz langsam. Wand sich in mich hinein, schlug dort Wurzeln, pflanzte sich in mich, als ginge er rückwärts in der Zeit. Er war mir näher als meine Haut. Es war etwas Besonderes, sich mit einem Mann in Gedanken an Pflanzen zu vereinigen.“ (S.100)

So weit, so Magischer Realismus, so „Ich-bin-dir-näher-als-deine-Haut“-creepy. Am nächsten Morgen hat der Schlingpflanzenboy nämlich Armands Wundergewächse aus dem Waschsalon geklaut. Armand verlangt von Lila, dass sie sich auf den Weg nach Mexico macht und seine Pflanzen der Sehnsucht zurückbringt. Exley entpuppt sich aber als sehr viel schlauer, als angenommen. Aber Lila bleibt an ihm dran und trifft auf ihrer Reise in den Dschungel den Halbindianer Diego, der mindestens so heiß ist, wie Exley und noch dazu ein Pflanzenfreund wie Armand und dann trifft sie auch ihr Seelentier, einen Panther…

***************************************************SPOILER************************************************************************

Bis hierhin habe ich die ganze hanebüchene Geschichte eingekauft. Ich habe eingekauft, dass Lila eine wahnsinnig dumme Frau ist, die einfach kein gutes Gespür für Typen hat. Ich habe eingekauft, dass es in New York und Mexiko anscheinend an jeder Ecke irgendwelche Zaubertypen gibt, die es schaffen, dieser erwachsenen und erfolgreichen Frau in Nullkommanichts den Kopf zu verdrehen. Okay, geschenkt. Das lässt Lila aber nicht unbedingt schlau wirken, sondern einfach nur naiv und unauthentisch. Sie hat Humor, das ist toll – das bleibt aber auch ihr einziger positiver Charakterzug (und rettet das Buch auch ein bisschen, genau wie die tollen Illustrationen und die interessanten Kurzinfos über die neun unterschiedlichen Pflanzen – tja, ist schon traurig, würde es weitere Pluspunkte geben, glaubt mir, ich hätte sie genannt). Mein Hauptproblem: Die Protagonistin Lila entwickelt sich nicht weiter. Sie will ihr Leben ändern um die Pflanzen zu finden, wird im Dschungel und in Mexiko mehrfach in lebensbedrohliche Situationen geworfen und was passiert auf Figurenebene? Genau, nichts. Na ja, dann stirbt sie halt fast. Geschenkt, Hauptsache die Pflanzenmagie geht weiter. Und das nervt, denn ich will doch wenigstens das Gefühl haben, dass ich es hier mit einer komplexen Figur und nicht nur mit einer Karikatur zu tun habe. Aber dieses Gefühl wird nicht vermittelt. Na gut, dachte ich mir, konzentriere ich mich eben auf den Plot mit Armand und dem Waschsalon und dem finsteren Exley, hat ja noch Potenzial die Geschichte und auch die Figur des Guru Armand, war mir sehr sympathisch. Bis … ja… ungefähr Seite 320. Also nur noch zwanzig Seiten bis zum Schluss. Man möchte den ganzen Schmodder echt in eine Ecke werfen. Es kommt zum Showdown, der eher nach billiger Actionklamotte aufgezogen wird (Stichwort: Pinata mit Skorpionen…Enough said!) Und dann der Knaller: Exley erzählt Lila was wirklich abgeht. Die dumme Frau hat es ja nicht mitgekriegt. Armand hat sie verarscht. Seine Pflanzen wurden gar nicht gestohlen! Er hat Ableger von jeder der neun Pflanzen in seinem Keller. Tja, schön blöd, Lila. Da riskierst du dein Leben irgendwo in Mexiko und warum? Genau, weil der Guru deinen Schuldkomplex ausnutzt. Ziemlich bescheuert, oder? Also zwanzig Seiten vor Schluss wird die gesamte Suche noch einmal schön ad absurdum geführt und damit natürlich auch die gesamte Geschichte. Begründung des Ganzen: na ja, irgendjemand muss der dummen Frau halt mal den Weg der Weisheit näher bringen und sie einfach mal an ihre Grenzen führen. Was mich bei Elf Minuten von Coelho genervt hat, tritt hier genauso auf: dumme Frau, deren Erleuchtung allein darin liegt, dass der Mann sie über Grenzen ihres bisherigen Erlebens führt. Applaus! Also zusammenfassend: Armand, der Guru, redet Lila einen Schuldkomplex ein, kidnappt sie quasi nach Mexico und erwartet dann noch Dankbarkeit. Dabei macht er am Ende keinen Hehl aus seinen Absichten und bestimmt sogar noch die persönliche Zukunft seines Versuchsobjekts:

“ ‚Was wäre gewesen, wenn ich die Pflanze der Leidenschaft nicht gefunden hätte?‘

,Wir wären so lange hier geblieben, bis es soweit gewesen wäre‘, erwiderte er [Armand] unbarmherzig. ,Die Pflanze der Leidenschaft ist die zehnte Pflanze. Der Beginn eines neuen Kreises […] Jetzt ist sie dein Beitrag zur Legende.‘

,Ich denke vielleicht, dass ich gar nicht mehr nach New York zurück möchte. Ich möchte hier bei dir und Diego bleiben.‘

‚Du fliegst morgen zurück. Ich habe schon einen Flug für dich gebucht.'“ (S. 323)

Also, nichts mit der Liebe in Mexico und Diego. Nein, nein, der Guru wird schon wissen, was richtig für dich ist, du dumme kleine Frau. Ganz ehrlich? So einen Roman brauche ich nicht. Und dass dieser Twist noch am Ende eingebaut wird, entbehrt für mich jeglicher Logik. Schade, der Klappentext klang toll. „Magie, Romantik, Grünzeug und Gier“, wie Publisher’s Weekly schrieb. Tja, für mich eher nichts mit Romantik. Mehr so Magie, Guru und ganz viel emotionale Erpressung. Romantik, also echte Romantik, sieht für mich ganz anders aus.

Margot Berwin: Hot House Flower. Übersetzt von Andrea Fischer. Fischer Verlag 2009. 

9-783596-184613

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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