[Rezension] Fantasie gefährdet den Charakter – Abbitte

Wisst ihr noch, früher, in den Sommerferien? Sechs Wochen Zeit, um einfach nichts zu tun. Stattdessen wurde viel gefaulenzt, gelesen, vielleicht mal eine Geschichte geschrieben. Viel Zeit, um seine Gedanken schweifen zu lassen, viel Zeit um ein bisschen herumzuspinnen, während man in der Sommerhitze lag. In Ian McEwans Roman Abbitte geht es genau um diese kritische Zeit des Sommers, ohne dass der Roman eine leichte Sommerlektüre wäre. Alles andere als das. Es ist schwül in diesem Sommer, die Verwandten treffen von überall her auf dem Anwesen der Familie Tallis ein und irgendwie ist es nicht nur das Hitzeflimmern in der Luft, das dafür sorgt, dass allen etwas schummrig wird. Ein bisschen ist es wie in einem locked-door-mystery: Familie und Freunde sind versammelt, das Verbrechen kann nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es liegt eine Spannung in der Luft, die auch beim Lesen unerträglich wird. Ist es nur der Sommer, ist es nur die Hitze? Passiert das gerade wirklich, was wir schon die ganze Zeit vermuten? Doch zunächst ist es wichtig zu überlegen, wer sich da alles trifft, in diesem heißen Sommer im Jahr 1935, so kurz vor Kriegsbeginn. Zunächst das Ehepaar Tallis: sie, ständige Migräne, gestresst, viel zuhause. Er hingegen hat den wichtigen Job, bringt das Geld nach Hause und auch wenn er schon einmal abends länger fortbleibt, wen stört das schon, sie sicherlich nicht. Das Paar hat drei Kinder: Cecilia, die gerade ihren Abschluss in Cambridge gemacht hat, Leo, den Augenstern der Mama, und die Jüngste im Bunde, die dreizehnjährige Briony, die Dreh-und Angelpunkt der unfassbaren Ereignisse auf dem Anwesen werden wird. Leo hat seinen Kumpel Paul mitgebracht, vermögender Erbe einer Schokoladenfabrik. Als weitere Familienmitglieder sind Kusine Lola, knappe fünfzehn Jahre alt und ihre Zwillingsbrüder anwesend. Außerdem ist da noch Robby, der begabte Sohn der Putzfrau, dem Papa Tallis – beeindruckt von den Fähigkeiten des jungen Mannes – das Medizinstudium finanziert. Eine nette Gesellschaft, die sich versammelt hat, oder etwa nicht?

Szene aus dem gleichnamigen Film mit Keira Knightley (2007) Gefunden bei feenzauberbuchnews.blogspot.com

Da Leo lange Zeit nicht zu Hause war, wittert Briony ihre große Chance. Ohnehin ist die pubertierende Dreizehnjährige ganz der Meinung, dass die Erwachsenen sie endlich einmal Ernst nehmen sollen. Besonders ihre Eltern, ihre arrogante und viel hübschere Kusine und ihr Bruder, der sie leider immer noch für ein Kind hält. Außerdem auch Robby, denn Briony ist heimlich in ihn verliebt. Und welch passende Gelegenheit. Die ambitionierte Schriftstellerin Briony sitzt an einem Theaterstück, das als Höhepunkt des Tages für den heimkehrenden Bruder Leo aufgeführt werden soll. Nur so kann sie sich beweisen, endlich. Ihre Hoffnung: man wird sie ernst nehmen, nicht nur als Erwachsene, sondern auch als ambitionierte Künstlerin. Das Skript für Die Heimsuchung Arabellas liegt bereit, Kusine Lola und ihre Zwillingsbrüder sollen die Rollen übernehmen. Briony ist bei der ganzen Aktion hingegen Hauptdarstellerin und Regisseurin in Personalunion. Leider ist Lola doch irgendwie besser für die Rolle geeignet, Briony begnügt sich zähneknirschend mit der Rolle der Regisseurin. Denn das liegt ihr, genau wie das schriftstellerische Talent. Briony ist ein Mädchen mit sehr viel Fantasie, aber auch mit sehr viel Starrsinn:

Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, daß die Welt genauso und nicht anders zu sein hat.

Briony ist anstrengend, verquer. Ihre Lieblingsautorin ist Virginia Woolf. Sie experimentiert mit dem Stilmittel Stream of Consciousness und bildet sich ein, irgendwie an das Vorbild heranzukommen.  Das Werk Die Wellen ist für Briony ein künstlerischer Triumph. Sie selbst die nächste Virginia? Mehr als das. Briony hat eine sehr exklusive Auffassung von Literatur. Ihrer Meinung nach gleichen sich Realität und erdachte Wirklichkeit. Hauptsache ein besonderer Moment wird erdacht – und ihr eigenes langweiliges Leben wird den entscheidenden Wendepunkt erhalten. Alle Macht der Fantasie. Doch das ist eine explosive Mischung in diesen Sommertagen. Briony lässt ihre fantastische Fiktion Wirklichkeit werden. Und genau deshalb läuft die gesamte Situation aus dem Ruder. Eigentlich ist jedes weitere Wort über die Handlung zu viel des Guten. Und ich versuche nicht zu viel zu verraten.

Abbitte, d.h.  Sühne oder Buße, ist das Element, das die Geschichte, die in drei Teilen erzählt wird, zusammenhält. Eine Szene am Brunnen, ein Liebesbrief, der von der verkappten Schriftstellerin fehlinterpretiert wird – und die Katastrophe ist perfekt.  Während der Spannungsbogen kaum zum aushalten ist und das Unfassbare geschieht, zerstört Briony das Leben dreier Menschen und belastet Robby schwer.

Im zweiten Teil werden Robbys Erlebnisse im zweiten Weltkrieg geschildert. Der Traum vom besseren Leben, vom gesellschaftlichen Aufstieg, ist geplatzt. Nach dem Sommer 1935 bei der Familie Tallis konnte er nie wieder Fuß fassen. Im dritten Teil tritt die Täterin wieder auf: Briony tut Abbitte, sie arbeitet als Krankenschwester, versorgt Kriegsverletzte. Doch ihre Tat kann sie nicht ungeschehen machen. Gerade dieser Teil war wirklich nicht leicht zu lesen. Finsterste Verletzungen, sterbende Soldaten – noch kein so ekliges Detail wird von McEwan ausgelassen. Und trotzdem konnte ich kaum aufhören zu lesen. Der Roman entfaltet eine massive Sogkraft und ist dabei so intelligent und beeindruckend komponiert und bis zum Schluss durchdacht, dass ich ihn fast noch einmal lesen muss. Ich wollte nicht, dass der Roman aufhört und habe die fast sechshundert Seiten in weniger als einer Woche gelesen. Neben der Frage nach Schuld und Verantwortung, Reue und Vergebung, Familie und Freundschaft, behandelt McEwan auch die Frage: Was kann Literatur eigentlich? Der Epilog von Abbitte, der den gesamten Roman in einem neuen Licht erscheinen lässt, ist dabei der fulminante Schlussakkord zu einem der besten modernen Romane, den ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Danke, Rory-Gilmore-Leseliste! ;)

Ian McEwan: Abbitte (=Atonement). Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes (2004). 544 Seiten.

ISBN: 9783257233803

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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