[Rezension] Ein zitronenförmiges Loch im Herz – Goodbye Lemon

„Ich weiß nichts von alledem. Ich weiß nicht mehr, wie mein Bruder Dexter aussah. Ich weiß nicht mehr, wie er roch. Ich weiß nicht mehr, was er liebte und was er hasste. Ich weiß nicht mehr, was an jenem Augusttag am Lake George wirklich geschah. Ich war gerade mal fünf Jahre alt, zu jung, um mich klar und deutlich daran zu erinnern, und nie hat mir jemand etwas darüber erzählt.“ (S.17)

Manche Zitronen sind süß, diese hier sind ziemlich bitter und das traurige Symbol für alles, was schief laufen kann im Leben. Die Tennants sind eine ganz normale Familie. Die Mutter hat einen Putzzwang, der älteste Sohn Pressman hat ein Alkoholproblem und wohnt immer noch zu Hause und der despotische Vater sorgt dafür, dass wenigstens der äußere Schein gewahrt wird, denn er trinkt ebenfalls. Jack, der Ich-Erzähler, hat diesen Ort vor langer Zeit verlassen. Zynisch spricht er vom „Selbstmordpalast“, wenn er an sein Elternhaus denkt. Er ist ausgezogen, hatte fünfzehn Jahre keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Der Grund: Jack hält den „gemeinsamen Schlachtruf der Familie“, das jahrzehntelange Schweigen über den Tod seines Bruders Dexter nicht aus und alles, was dieses Schweigen bereits nach sich gezogen hat. Dreizehn Briefe, die sein Vater an ihn schrieb, blieben unbeantwortet. Jack warf sie ungelesen in den Müll. Er will mit dieser Sippe nichts mehr zu tun haben, nichts mehr mit den Eltern, die nach und nach alle Bilder von Dexter verschwinden ließen, so als hätte es ihn nie gegeben.

Jack hat „ein zitronenförmiges Loch in [s]einem Herzen“ (S.226), doch er  hat sich sein Leben neu aufgebaut – und das nicht zum ersten Mal. Nach einem zweifelhaften Vorfall an der Uni lässt ihn sein Doktorvater fallen. Doch den Karriereknick übersteht er und arbeitet im Obdachlosenheim, wo er Hahva trifft. Es könnte so einfach sein, ein neues Leben aufzubauen. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht einfach abstreifen. Jacks Vater hat einen Schlaganfall, die Familie bittet ihn nach Hause zu kommen. Doch warum sollte Jack ausgerechnet seinem Vater helfen? Die Beziehung ist mehr als schwierig und nach den ignorierten Briefen fast nicht mehr existent. Jacks Vater ist seine Nemesis:

„Lebenslanger Traum: wie mein Vater zu sein. Lebenslanger Alptraum: wie mein Vater zu sein.“ (S.64)

Hahva will Jacks Familie kennen lernen, Jack gibt nach. Hahva ahnt nichts von dem schwierigen Geflecht aus Vorwürfen, Schuld und Verbitterung, das sich über all die Jahre im Selbstmordpalast ausgebreitet hat und sie weiß auch nicht, worauf sie sich bei dieser Reise einlässt. Und das kann sie auch nicht wissen. Jack gibt nicht viel von seiner Vergangenheit preis, ganze Kapitel tragen Überschriften wie „Was ich Hahva erzählen könnte“ – aber Jack erzählt nicht:

„Mein Gott, es stimmt“, sagt sie und nimmt ein Foto vom Kaminsims. „Mein Freund hat tatsächlich eine Vergangenheit. Hier ist der fotografische Beleg.“

„Was du hier siehst, sind vermutlich unwiderlegbare und recht erdrückende Beweise für die Existenz einer – wie lautet doch gleich der Fachterminus – Kindheit.“

„Wo hast du denn so hingebungsvoll posiert?“, will sie wissen. „Vielleicht in einem Camp?“

„Ein Musikcamp, wenn ich mich recht erinnere.“

„Ich wusste nicht, dass du musikalisch bist.“

„Ich stecke voller Geheimnisse.“ (S.27)

Als die Ärzte bei Jacks Vater das Locked-In-Syndrom diagnostizieren, ist die Familie geschockt. Locked-In-Syndrom heißt, er kann nicht sprechen, er ist gelähmt – doch er bekommt alles mit, was um ihn herum geschieht. Ein Zeitpunkt für Jack um endlich Klarheit über Dexters Tod zu gewinnen?

Goodbye, Lemon ist ein sarkastischer Roman über schwierige Vater-Sohn-Beziehungen, über Missverständnisse, über Sprachlosigkeit in Beziehungen und über Familiengeheimnisse. Und darüber, dass man manchmal akzeptieren muss, dass ein „Was wäre wenn“ einfach nicht hilft. Dass es viel mehr kaputt macht, immer wieder über Alternativen zum Jetzt nachzudenken. Ein Roman, der zu der Erkenntnis verhilft, dass man selbst sein Leben in der Hand hat und dass man sich nicht von dem bestimmen lassen sollte, was andere aus einem gemacht haben. Ein Roman darüber, dass manche Vorstellungen von Wahrheit unglaublich schädlich sind. Deshalb auch: ein Plädoyer für Mut, den man braucht, um sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen. Ein wunderbarer Roman darüber, dass wir unser Leben viel zu sehr von zitronenförmigen Löchern bestimmen lassen.

Adam Davies – Goodbye, Lemon. Übersetzt von Hans M. Herzog. Diogenes Taschenbuch 2006.

ISBN: 978-3-257-24028-3

Advertisements

Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s