[Rezension] Jazz, Vodoo und ein Musikgenie – Tiger Rag

Es lebe die Technik! So oder so ähnlich müssen wohl die Musiker_innen jubiliert haben, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erste Aufnahmen ihrer Kompositionen auf einer Edison-Walze verewigten. Vorher gab es zwar tolle Konzerte, aber kein Speichermedium, dass die Musik auch einem größeren Publikum zugänglich machen konnte. Und was war die Musik der Stunde? Jazz! Als Kid Ory, Manuel Perez, Johnny St. Cyr ihre Jazzstücke verewigten, hatten sie ein Vorbild im Kopf, das den bis dahin großartigsten Jazz aller Zeiten spielte und von dem es keine einzige Aufnahme gab. Seinen Ruhm verdankte er allein den unzähligen Fans, die ihm in Bars, bei Umzügen und kleinen Konzerten lauschten und ihm zu seinem Spitznamen „King“ verholfen haben. Die Rede ist von Charles ,Buddy‘ Bolden, einem Musikgenie aus New Orleans, das mit seinem Kornett wahre Wunder vollbracht haben soll. Buddy nimmt mit seiner Band schon 1904 drei Walzen mit dem Song Tiger Rag oder auch allgemein bekannt als Song Number 2 auf. Der Song sollte bald ein Evergreen des Jazz werden. *klick*

Doch irgendwas ist immer und manchmal geht eben alles schief. Die eine Walze wird im Bordell vergessen, die nächste Walze aus Frust von einem neidischen Kollegen in den Fluss geworfen.  Und die dritte Walze wird vergessen. Und der King? Der wird kurz darauf in eine Nervenheilanstalt eingewiesen – Diagnose Schizophrenie. Ihm geht es wie seiner Aufnahme. Seine Fans vergessen ihn und irgendwann wissen auch die Pfleger nicht mehr, wer eigentlich dieser Typ ist, der nie spricht und nur in eine Zimmerecke starrt. Doch die Gerüchteküche um die Aufnahmen brodelt. Hat der legendäre Musiker wirklich vor seinem Tod noch eine Aufnahme gemacht? Denn der King muss doch tot sein – es hat doch niemand mehr von ihm gehört.

Doch es geht nicht nur um Buddy. Ungefähr hundert Jahre später begleitet die ehemalige Jazzmusikerin Devon ihre Mutter Ruby auf eine Reise nach New York. Ruby ist erfolgreiche Anästhesistin, jetzt nicht mehr verheiratet, und soll auf einem Medizinkongress einen Vortrag halten, doch irgendetwas stimmt mit Ruby nicht. Devon, die ihre eigenen Probleme hat (Drogen – und vor wenigen Tagen pickte sie noch Müll am Stadtrand auf), kann nicht glauben, dass allein die Scheidung die Ursache für Rubys Durcheinander ist: Ruby beginnt irgendwelche kräuter- und räucherstäbchenlastige Rituale und erzählt Devon das erste Mal von ihrer Vergangenheit und einer der prägendsten Frauen in ihrem Leben. Doch woher rührt dieses merkwürdige Verhalten? Ist es vielleicht der Tod ihrer Mutter? Als Devon und Ruby einen Anruf von einem unbekannten Anwalt erhalten, geht das Chaos erst richtig los. Er behauptet, Rubys Vater sei in einen der größten Skandale der Jazzgeschichte verwickelt gewesen. Es geht um das mysteriöse Verschwinden der Aufnahmen von Charles Buddy Bolden…

Ein Roman der um die Jahrhundertwende in New Orleans spielt? Wow, her damit. Ohne lange zu überlegen, griff ich zu und kaufte den neuen Roman von Nicholas Christopher in der Buchhandlung meines Vertrauens. Jazz, Jahrhundertwende, New Orleans, eine mysteriöse Geschichte, ein Mutter-Tochter-Road-Trip und ein bisschen Familiendrama – die Mischung klang wunderbar. Leider war ich dann doch nicht so begeistert, wie ich es mir gewünscht hatte und wie es ein Roman, der so viele unterschiedliche Themen zusammenbringt vielleicht auch verdient hätte. Die Musiker, die mit Bolden spielen, wirken sehr stereotyp: Schlägereien, Alkohol, Frauen. Nur wenige sind komplexe Charaktere, die man in dem permanenten Namesdropping nicht vergisst. Christopher schreibt als Fan, als Verehrer von Jazz, als jemand, der umfassend die gesamte Szene darstellen möchte. Und das ist mir etwas zu viel. Manche Kritiker behaupteten, man könne nicht über Musik schreiben. Klar, natürlich habe ich keine Geräusche im Ohr, wenn ich diese Szenen lese:

Wahnwitziges Schlagzeugspiel von Tillman, straffe Soli von Cornish und Frank Lewis. Bolden schloss mit einer ausgedehnten Improvisation, einer sprudelnden, komplizierten Variation des neuen Intros. Er war selbst überrascht, denn bis zu diesem Augenblick hatte er sie nicht in seinem Kopf gehört, und die Band hielt verwundert inne, als er leicht in die Knie ging, die Schultern senkte und ihnen den Rücken zukehrte, um sich dann vorzubeugen und in die Ecke zu spielen, während die Musik in dem blauen Schatten emporfloss, der bis zur Decke reichte. (S.17)

Aber ehrlich gesagt, finde ich auch nicht, dass es darum geht. Es wird ein Gefühl transportiert, eine Atmosphäre, die den Jazz und die Musik von Bolden in diesem Moment ausmachte. Und das gelingt Christopher wunderbar und auch voller Emotionen. Leider ist es das „zu viel“, das mich stört. Die unterschiedlichen Erzählstränge im heutigen New York und im früheren New Orleans laufen nicht so rund zusammen, wie gedacht. Manchmal kamen sie mir so voneinander entfernt vor, dass ich das Gefühl hatte, zwei unterschiedliche Romane zu lesen. Vielleicht hätte es gereicht, sich entweder auf Bolden oder auf das mysteriöse Familiendrama um Ruby zu konzentrieren. So bleibt ein sehr ambitionierter Versuch, Jazzgeschichte (ich nehme jetzt einfach an, dass es sich um tatsächlich ,wahre‘ Jazzgeschichte handelt, einen interessanten Artikel über den angeblichen Ursprung des Tiger Rag gibt es hier) und ein Familiendrama zusammenzudenken, der leider nicht komplett überzeugen kann.

Nicholas Christopher: Tiger Rag. Aus dem Englischen von Pociao. dtv (2014).

ISBN: 978-3-423-26028-2

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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