[Rezension] Schöne neue Welt… – Schimmernder Dunst über CobyCounty

„Winter is coming …“ – ein Schreckensszenario in einer der beliebtesten und erfolgreichsten Serien aller Zeiten. Dabei bleibt offen, was dieser Winter eigentlich bedeuten soll. Sehr viel Dunkelheit, Gefahr und wahrscheinlich fällt John Schnee von der Mauer, die er beschützen soll. In jedem Fall können wir uns eventuell etwas unter diesem bedrohlichen Chaos vorstellen. In CobyCounty, einer Art riesigen Wellness-Oase in einem nicht genauer lokalisierten Utopia (ein amerikanisiertes Europa?), ist es hingegen der Frühling, der da kommen wird. Hier leben Künstler_innen, Autor_innen und wahrscheinlich auch Blogger_innen in einem ewigen Glanz der eigenen Selbstbespiegelung. Alles ist gold bis dekadent und jeder wartet auf den Frühling, denn da geht es los, zumindest für die „Spätjugendlichen“, wie der Ich-Erzähler Wim sich und seine Bekannten beschreibt.

Die älteren Bewohner von CobyCounty gehen immer davon aus, dass der Frühling für uns Jüngere mit prägenden Neudefinitionen einhergeht. Als würden uns die Wochen zwischen März und Mai zu völlig unsoliden Figuren transformieren. Vermutlich denken sie es, weil es so in diversen Kultur- und Businessmagazinen nachzulesen ist. Über den Frühling in CobyCounty gibt es regelmäßige Reportagen mit szenischen Einstiegen: „Gegen zehn am Morgen hat das junge Paar aus Bristol UK noch lange nicht genug vom Tanzen am Strand.“ Und auf diese Sätze folgen dann immer Statistiken, die kaum zu glauben sind, und danach wieder Beschreibungen, die sich mit den eigenen Eindrücken merkwürdig vermengen. (S.12)

Und dieser Frühling ist eigentlich ziemlich toll: neue Tourist_innen, neue schöne Menschen, die auch ein Hauch des sterilen Glücks des Nicht-Orts für sich beanspruchen. Wim, seines Zeichens Literaturagent und sein bester Freund Wesley kennen nichts anderes. Sie haben noch nie an einem anderen Ort als CobyCounty gelebt, sind beide ehemalige Studenten der School of Arts and Economics und auch wenn es erst so klingt, nein, das sind in CobyCounty keine Gegensätze. Wim hat Neues internationales Literaturmarketing studiert, Wesley hat sich mit Kunstgeschichte seit 1995 beschäftigt.

Heute haben wir Jobs, die vielleicht in keiner anderen Stadt der Welt so gut bezahlt sein könnten. Als Agent für junge Literatur sind meine Klienten teilweise noch minderjährig, ich streiche in ihren Texten Fehler an und verhandle später mit Verlagen über Vorschüsse und Royalties. Die Texte meiner Teenagerautoren sind voll sprachlicher Wucht und sie zeigen uns älteren Jugendlichen, wie sich das Leben der jüngeren Jugendlichen heute anfühlt: Denen scheint ihr Schul- und Ferienalltag mittlerweile wie ein irrer, existenzieller Rausch vorzukommen, nicht mehr wie die leicht ironische Romantic Comedy, die Wesley und ich noch durchleben mussten. (S.15)

Eigentlich könnte alles so weiterfließen und weiter schimmern in dieser Stadt. Wie seit zwei Jahren Tradition läuft der kritische Dokumentarfilm Schimmernder Dunst über CobyCounty im Programmkino, die Regisseurin gewann den Spezialpreis in Cannes und seitdem gibt es noch mehr Tourist_innen in der Stadt. Doch dann wird alles anders. Am Valentinstag zieht ein Sturm auf. Wesley, dessen Mutter sich dem Neospiritualismus zugewandt hat, hat eine merkwürdige Vorahnung. Sie sieht Wesley und Wim im Sand des Traumstrandes einbrechen, Wim verlässt fluchtartig die schimmernde Blase. Und dann geht es los, eine Art Weltende. Erst der Sturm, dann kommt es zu einem Unglück an der Hochseilbahn – doch kann es das überhaupt geben, Endzeitstimmung in der perfekten Welt?

Es gibt diese Dinge, die scheint man sofort zu kennen, aber bei genauerem Hinsehen bemerkt man dann doch die Unterschiede. Wims Welt kommt mir so bekannt vor und doch ist eigentlich alles anders. Und ganz ehrlich, wer musste bei diesem Zitat oben nicht auch an die Hegemann denken und „ihren“ oder Strobos Axolotl-Rausch? Außerdem entstanden für mich sofort Parallelen zu Schöne neue Welt (eventuell auch nur weil ich beide Romane hintereinander gelesen habe?), die an den Status dieser merkwürdigen Nicht-Welt CobyCounty geknüpft sind. Wims Freundin heißt Carla, als es nicht mehr so gut läuft mit den beiden, gibt es auf einmal CarlaZwei. Sie unterscheiden sich nicht so sehr und wenn, spielt es auch eigentlich keine Rolle. Irgendwie klonartig, diese Carla. Und obwohl es in CobyCounty kein Soma gibt, trinken alle ständig Eistee und sind auf eine ganz merkwürdige Art und Weise abgeklärt. Wim stellt einen besonderer Tisch in die Küche, um für seine Klient_innen, die zu Besuch kommen, einen authentischen Gegenstand zu präsentieren – an einem ansonsten seelenlosen Ort? Und wenn doch eigentlich alles gut ist, in diesem Universum: Warum ist Wim so unendlich melancholisch gestimmt? Von Kritikfähigkeit gegenüber der Dekadenz dieser Welt ganz zu schweigen.

Obwohl Leif Randts Debütroman 2011 ziemlich abgefeiert wurde, ist dieser geniale Roman bisher an mir vorbeigegangen. Und Lob gab es von unterschiedlichster Stelle: die FAZ lobt einen „fast epochalen Generationenroman“, die De:Bug sieht CobyCounty als „hippste[n] Ort des Universums“, außerdem wurde Randt auf den Tagen der Deutschen Literatur mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet. Mich hat der Roman ebenfalls begeistert und nachdenklich gestimmt. Vielleicht war es dieser generell melancholischen Stimmung geschuldet, die auch dadurch entsteht, dass Wim und seine Freunde eigentlich auf das Weltende warten. Und dann, dann ist es wie immer in CobyCounty, wie immer an diesen dystopischen Orten, an denen es keine Entwicklung gibt. Doch obwohl an der Oberfläche nichts passiert, sind Wim und CarlaZwei sich einig, über die Auswirkungen des Sturms. Vielleicht eine Art Versöhnung mit der Vergangenheit, eine Art neues Realitätsbewusstsein. Und irgendwie auch ein Zurück-in-die-Kindheit, nur ein kleiner Schritt für die vielen Spätjugendlichen. Aber in CobyCounty ganz ohne existentiellen Rausch:

„Erinnerst du dich, wie es war, alleine zu Hause zu sein?“, fragt CarlaZwei.

„Ja, ich erinnere mich gut. Und es hat mich schon oft traurig gemacht, dass man dieses Gefühl eigentlich nicht mehr herstellen kann, seit man in einer eigenen Wohnung lebt.“

„Ich finde durch den Sturm ist dieses Gefühl ein bisschen zurück.“ (S.190)

Leif Randt: Schimmernder Dunst über CobyCounty. Berlin Verlag Taschenbuch 2011.

ISBN: 978-3-8333-0854-3

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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