[Rezension] „Dieser Kuss war wie moderne Kunst“ – Nathalie küsst

Es gibt Romane, die werden wunderbar zart und fast schwebend erzählt. David Foenkinos Roman der 2011 erschien, gehört sicherlich dazu.  Nathalie und François sind sich auf der Straße begegnet, er schafft es sie zum Lächeln zu bringen, sie bestellen in einem Café. Vor der Bestellung macht er sich die ersten Gedanken: Was nimmt sie wohl, die unbekannte Frau? Kaffee, Cola, Saft?

Ein Fruchtsaft, sagte er sich schließlich, wäre gut. Genau, ein Fruchtsaft, das ist nett. Gesellig und nicht zu aufdringlich. Man fühlt, dass man es mit einem sanften und ausgeglichenen Wesene  zu tun hat. Doch welcher Fruchtsaft? Den großen Klassikern geht man lieber aus dem Weg: Apfel oder Orange, das kennt man zur Genüge. Es sollte etwas ein klein wenig Originelles sein, das dabei jedoch nicht exzentrisch wirkt. Papaya oder Guave, da bekommt man es mit der Angst zu tun. Nein, am besten wäre ein Mittelding wie zum Beispiel Aprikose. Stimmt, jetzt hab ich’s. Aprikosensaft ist super. Wenn sie den nimmt, heirate ich sie, dachte François. (S.11)

Und natürlich nimmt Nathalie den Aprikosensaft und beide sind ziemlich lange sehr glücklich miteinander. Bis François von einer Blumenhändlerin überfahren wird, beim Joggen, einfach so. Drei Jahre lang läßt Nathalie niemanden an sich heran, auch nicht die Leser_innen. Sie arbeitet als leitende Angestellte in einem schwedischen Möbelhaus, versucht sich mit ihrem Chef Charles zu arrangieren, der heimlich in sie verliebt ist. Sie weist ihn ab und arbeitet und arbeitet und arbeitet, besonders an der Akte 114. So lange und so intensiv, dass bald alle um sie herum vergessen, was passiert ist. Doch eines Tages kommt Quotenschwede Markus in ihr Büro. Und es passiert: Der Kuss, der Moment schlechthin. Für Markus ist nichts mehr wie vorher. Warum küsst ihn seine Vorgesetzte, diese begehrenswerte, aber verschlossene Frau? Und Für Nathalie? Kein Klimt-Moment, weit gefehlt und auch keine neuerwachte Lebenslust:

Mit diesem Kuss hatten ihre Neuronen eine jähe anarchische Kungebung abgehalten, dieser Kuss war ein grundloser, unmotivierter Akt. (S.81)

Doch der Kuss ändert alles.  Der unscheinbare Quotenschwede wird auf einmal das Gesprächsthema im Büro, der unmotivierte Kuss setzt etwas in Bewegung. Der Chef tritt auf den Plan – Markus soll nach Schweden versetzt werden und auf einmal setzt Nathalie sich für ihn ein und das gefällt Charles gar nicht…

Nathalie küsst erzählt sehr ausführlich und sanft von dem Gefühl eines Verlustes. Und auch davon, dass es manchmal nur Kleinigkeiten bedarf, um Menschen wieder am Leben teilhaben lassen zu können. Hier ist es eben ein Kuss (und später eine Packung Peez) und der anarchistische Mut, etwas anders zu machen – einfach so. Manchmal braucht es eben keine rational erklärbaren Gründe um zu beschreiben, warum wir etwas tun, dass dafür sorgt, dass alles wieder besser werden kann. Auch wenn Markus und Nathalie nicht sofort ein Traumpaar werden und noch einige Etappen vor sich haben, hat mir dieser Roman sehr gefallen. Nathalies Trauer wird fast leicht, eben zart, erzählt und trotzdem nimmt dieser vielleicht französisch tragischkomische Stil dem Roman nichts von seiner Ernsthaftigkeit und erinnerte mich irgendwie an Die fabelhafte Welt der Amelié. Besonders gefallen haben mir die kleinen Zwischenkapitel, die Foenkinos wie beiläufig einstreut: Beispiel von dummen Sprüchen, die die Leute so gerne hervorbringen; Entfernung zwischen Paris und Moskau; Diskografie von John Lennon, wäre er nicht 1980 ermordet worden usw. Für mich waren diese Einstreuungen kleine lustige Schnipsel, die ich mir auch wunderbar für einen Film vorstellen könnte. Tja und wer hat die Hauptrolle in der Verfilmung von Nathalie küsst? Genau, Audrey Tatou. ;)

Kennt vielleicht jemand den Film?

David Foenkinos – Nathalie küsst. Aus dem Französischen von Christian Kolb. C.H.Beck (2011).

ISBN: 978-3-406-621628

Advertisements

Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s