[Rezension x 2] Call me Ishmael – Die Karte meiner Träume + Kamtschatka

It is not down in any map, true places never are.

(Hermann Melville: Moby Dick)

Wenn zwei Romanen, die ich hintereinander gelesen habe, dasselbe Moby Dick – Zitat vorangestellt ist, ist diese Beobachtung immerhin merkwürdig genug, um in diesem Beitrag gewürdigt zu werden. What else? Im Zentrum beider Romanhandlungen steht ein Junge, der sich mit absolut unerwarteten und zum Teil schrecklichen Ereignissen konfrontiert sieht, Erlebnisse die überfordern. Doch aufgeben kommt nicht in Frage. Was hilft, um dunkle Zeiten zu überstehen? Karten und geheimnisvolle Orte, Abenteuer, künstlerische Autonomie und Spiel und manchmal auch Wissenschaft und Literatur, und der Glaube daran, dass Freiheit ein erstrebenswerter Zustand ist.

Die Wahrheit, dass alles tiefe, ernsthafte Denken nur das unerschrockene Streben der Menschenseele ist, sich die hohe Freiheit ihrer Meere zu bewahren; dieweil die wildesten Winde zwischen Himmel und Erde sich verschworen haben, uns an der elenden Knechtschaft der Küste scheitern zu lassen. (Moby Dick, S.192)

dkmt_cover-600x384Die Karte meiner Träume von Reif Larsen ist ein wunderbarer Debütroman über T.S. Spivet, einen Ausnahmekünstler, dessen Schicksal es leider ist, in einer verdrehten Familie zu leben. Seine Mutter ist Wissenschaftlerin und widmete bereits Jahre ihres Lebens der Suche nach einem besonderen Käfer, dem Tigermönch. Muttersein liegt ihr weniger. Sein Vater ist Rancher, spricht wenig und scheint sich stets darüber zu wundern, warum sein jüngster Sohn so gar nicht reiten und schießen kann. T.S. ist kein Cowboy und das ist im Nirgendwo von Montana ein Problem. Seine Schwester ist seine große Schwester und nicht unbedingt an den Experimenten des kleinen Bruders interessiert. Und sein Bruder Layton ist tot. T.S. ist Kartograph. Er hält jedes Erlebnis als Diagramm oder als Karte für die Ewigkeit fest, seine Notizbücher füllen fast sein gesamtes Zimmer und nicht nur darin offenbart der Wunderknabe fast autistische Züge.

Ich versuchte, weiterzulesen, doch ich merkte, wie sehr ich mir wünschte, dass es diese innere Landkarte tatsächlich gab, dass wir alle wirklich einen Atlas des Universums in unseren Synapsen vorinstalliert hatten, weil das irgendwie ein Gefühl bestätigen würde, das mich schon mein ganzes Kartographenleben lang verfolgte, seit ich meine erste Zeichnung gemacht hatte, davon, wie man den Mount Humbug hinaufspazieren und Gott die Hand schütteln konnte. (S.236)

Leider ist er auch erst zwölf, weit davon entfernt, von den Erwachsenen für voll genommen zu werden. Doch dann kommt dieser Sommer in dem sich alles verändert: Dr. Yorn, ein guter Freund von Spivet und sein „wissenschaftlicher Vater“ hat seine Zeichnungen in einem Wettbewerb eingereicht. Und zack! Das berühmteste Naturkundemuseum der Welt, das Smithsonian, will seine Zeichnungen haben! Alle Käfer die er für seine Mutter gezeichnet hat, sollen ausgestellt werden. Problem an der Sache: im Museum weiß niemand, dass T.S. kein Forscher, sondern nur ein Kind ist und Dr. Yorn hat vergessen, diesen Umstand zu erwähnen. In einer Nacht-und-Nebelaktion bricht T.S. zu einem Roadtrip in den Osten auf. Er trifft Trucker und Vagabunden, er lernt die Hobo-Hotline kennen und wird Teil des geheimen Megatherierclubs (das ist dieses riesengroße Urzeitfaultier), er wird in Verbrechen verwickelt, redet mit Wohnwagen, sein Gehirn wird in einer dieser lauten Röhren vermessen, es geht um Wissenschaft und Terror und den Präsidenten und außerdem stellt er fest, dass seine Mutter überhaupt nicht mehr den Tigermönch erforscht, sondern ein anderes Geheimnis hat (Stichwort: Frauen in der Wissenschaft). Und außerdem geht es auch um Layton, seinen Bruder, über den die Familie nicht mehr sprechen kann. Doch es dauert seine Zeit, bis T.S. bemerkt, dass sich eben nicht alles in seinem Leben kartographisch darstellen lässt. dkmt_illu1-600x527

Die Reise von T.S. Spivet ist fantastisch erzählt, ein Abenteuer, der Erzähler selbst postmodern. Überall gibt es Doppelgänger_innen, Paratexte, in denen manchmal mehr handlungsrelevantes steht, als in der scheinbaren Haupterzählung; kleine Einschübe, die man Seiten zurück verfolgen muss, wunderbare Zeichnungen, T.S. Spivets Diagramme, Zeichnungen aus seinen Notizbüchern. Die graphische Gestaltung des Romans ist der Wahnsinn und macht unglaublich viel Spaß, so dass ich einige Textlängen gerade auf der Zugfahrt die Spivet in ein Wurmloch führt, verzeihen konnte. Meine Lieblingszeichnung: „wie man eine Schärpe so bindet, dass sie einen Blutfleck verdeckt“. Zwischenzeitlich war es aber ein bisschen zu viel der textlastigen Exkurse, die wie eine  Privatenzyklopädie erscheinen. Dadurch gerät die Geschichte von T.S. zu sehr in den Hintergrund, wenn die Handlung um den Nachwuchswissenschaftler schon wieder unterbrochen wird um irgendwelche Vektorensummen oder die Müllkonzentration in Chicago zu thematisieren. Auch die Instrumentalisierung des jungen Genies durch die profitgeilen Forscher wird mir fast zu oberflächlich abgehandelt. Trotzdem, die graphische Darstellung ist umwerfend und rettet den Text! So ein Buch habe ich noch nie gelesen und am Ende scheitert Spivet sicherlich nicht an der Knechtschaft der Küste. Howdy.

Seit einer Woche läuft die Verfilmung von Amélie-Regisseur Jean-Pierre Jeneaut und Helen Bonham Carter spielt auch mit! <3

Reif Larsen: Die Karte meiner Träume. Fischer Taschenbuch Verlag 2009.

ISBN: 978-3-569-18444-6

Kamtschatka ist ein Roman von Marcelo Figueras, in dem es ebenfalls um ein Abenteuer geht. Allerdings in eine etwas andere Richtung. Rückblickend wird die Auswirkungen der argentinischen Diktatur auf eine Familie in Buenos Aires erzählt, die ohne drastische Schilderungen von Folter und Tod auskommt, aber nicht weniger beklemmend ist.

Ich gehörte zu denjenigen, die sich seit eh und je zu fernen Dingen hingezogen fühlten, wie Ismael aus Moby Dick. Die Entfernung bestimmt die Dimension des Abenteuers, in das man aufbrechen will, je weiter weg der Gipfel, umso größer der erforderliche Mut. […] Papa wäre überrascht, wenn er wüsste, wie sehr das echte Kamtschatka dem Land meiner Träume ähnelt. (14-15)

kamtschatka-9783423136723Es ist April im Jahr 1976, Jorge Rafael Videla ist neuer Präsident Argentiniens, an die Macht gekommen durch einen Militärputsch. Der Zehnjährige wird aus dem Unterricht geholt, seine Mutter sagt, die Familie mache eine Reise, das klingt für den Jungen, der sich fortan einen neuen Namen aussuchen darf und sich nach dem Zauberkünstler Houdini benennt, wie ein großes Abenteuer. Doch die Lage ist ernst: sein Vater verteidigt als Rechtsanwalt politische Gefangene. Das „Verschwindenlassen“ von unliebsamen Regimegegner_innen durch die Regierung und die Angst der Familie bestimmen fortan den Alltag, auch wenn die Eltern ihr bestmögliches Versuchen um das Alltagsleben in einem neuen Haus für Harry und seinen Bruder so angenehm wie möglich zu gestalten. Neue Identität, neue Traditionen, auf einmal gehen alle gemeinsam in die Kirche und Harry wird an einer christlichen Schule angemeldet, eine Schutzzone, zumindest vorerst. Für Harry ist das Leben mit seinem Bruder „Zwerg“ und einem neuen Familienmitglied, genannt „Lucas“, ein einziges Abenteuer. „Lucas“ zeigt ihm, wie man sich – houdinilike- aus Fesselungen befreien kann, „Lucas“ wird der ältere Bruder, den „Harry“ nie hatte. Dass es sich um eine Zwangsgemeinschaft handelt, dass die Erwachsenen weiterhin versuchen politisch aktiv zu sein, dass „Lucas“ selbst von der Polizei gesucht wird, versuchen sie vor den Kindern zu verbergen. Auch Harrys Mutter ist – wie die Mutter von T.S. Spivet – Wissenschaftlerin, anfänglich glaubt sie noch, dass ihr Arbeitgeber, der Fachbereich Physik der Universität, ein neutraler Schutzraum ist. Immerhin handelt es sich hier um Wissenschaft, oder nicht? Doch genau wie ihr Mann, der nicht mehr in seiner Kanzlei sein kann, nachdem Unbekannte das Mobiliar zertrümmerten, ist sie nicht sicher. Die neue Identität ist für Harry ein Spiel, niemand darf ans Telefon gehen, die alten Namen sind Tabu. Inspiriert durch seine Lieblings-Science-Fictionserie Invasion von der Wega hält er stattdessen nach feindlichen Spionen in Menschengestalt Ausschau. Außerdem stellt er fest, dass Ming, der Bösewicht von Flash Gordon und López Rega, der Ratgeber der Pérons, sich verdächtig ähnlich sehen: „Natürlich ohne den Bart und mit kurzen Fingernägeln.“ Die Populärkultur bietet Harry einen Raum, seine Ängste zu thematisieren, während er zu Hause und für Zwerg stark bleiben muss. Das neue Zuhause, eine alte Villa mit grünem Swimmingpool in dem Kröten wohnen, ist für Harry ein Märchenland. Hier spielt er mit seinem Vater sein Lieblingsspiel TEG, Taktiken und Strategien des Krieges. Kamtschatka ist im Spiel TEG eine autarke Macht, die als eigene Nation neben den Großmächten besteht und einen eigenen Platz auf der Landkarte hat:

Kamtschatka ist das extreme, paradoxe Reich; eine Übung im Widerspruch. (S.15)

Der Erwachsene „Harry“ der den Roman erzählt ist in seinen Ausführungen in die Tragödien der Antike oder die Geschichte Argentiniens fast genauso facettenreich wie T.S. Spivet. Und der metaphorische Ort Kamtschatka ist für „Harry“ wie ein Symbol seiner Kindheit und zeigt doch auch, dass uns die kartographische Darstellung manchmal einen Streich spielt:

Auf dem Brett des TEG täuscht die Entfernung zwischen Kamtschatka und Argentinien. Würde man die flachen Dimensionen auf einen Globus übertragen, würde dieser unüberwindliche Weg zu einem Katzensprung. Man muss nicht die ganze bekannte Welt durchqueren, um von einem Ort zum anderen zu kommen. (S.15)

Am Ende ist es auch der Ort der inneren Emigration (immerhin gab es die Militärdiktatur in Argentinien bis in die 1980er Jahre), den der ältere „Harry“ mit der Metapher seiner Kindheit beschreibt, zu einem Zeitpunkt, als die Lesenden schon lange wissen, dass es für „Harrys“ Familie keinen glücklichen Ausweg gegeben hat.

Ich habe lange Zeit an dem Ort gelebt, den ich Kamtschatka nenne, ein Ort, der dem echten Kamtschatka sehr ähnlich ist (wegen der Kälte und der Vulkane, wegen seiner Abgeschiedenheit), aber den es in Wirklichkeit nicht gibt, denn manche Orte stehen auf keiner Landkarte. […] Von da an, zog ich mich jedes Mal, wenn die Partie schlecht lief, nach Kamtschatka zurück, und ich überlebte. (S.315)

Kamtschatka ist ein unglaublich trauriger Roman, der wunderschön und zärtlich erzählt ist und zwischen rückblickender Melancholie und kindlicher Spielerei schwankt. Die einzige Stelle, in der Moby Dick noch einmal erwähnt wird, ist in Kamtschatka ganz am Anfang zu finden:

Sie schauen mich an und sehen Queequeg vor sich, den tätowierten Mann aus Melvilles Buch, der die Statue eines enstellten Gottes anbetet. Wie interessant wäre es, wenn Moby Dick von Queequeg erzählt würde. Aber die Geschichten werden von den Überlebenden geschrieben. (S.13)

Lest dieses Buch! :)

Marcelo Figueras – Kamtschatka. Übersetzt von Sabine Giersberg. Deutscher Taschenbuch Verlag 2008.

ISBN: 978-3-423-13672-3

Menschenrechte und Elisabeth Käsemann:

220px-Soziologin_Elisabeth_KaesemannWer sich außerdem noch für die Militärdiktatur in Argentinien interessiert, vor kurzem lief eine sehr spannende Dokumentation über Elisabeth Käsemann (1947-1977), eine Studentin, die in Argentinien gefoltert und dann hingerichtet wurde. In Gelsenkirchen gibt es heute zum Glück eine Erinnerungstafel für die engagierte Studentin (immerhin besser als nichts). Das Auswärtige Amt und die zuständigen Politiker_innen waren mit einer erfolgreichen Fußball-WM beschäftigt und haben keine Anstrengungen unternommen, die Deutsche, die als linksradikale Terroristin gelabelt wurde, aus der Gefangenschaft zu befreien. Obwohl sogar noch ein argentinischer Pfarrer versuchte zu intervenieren und Kontakt zu den Entführer_innen herstellte und klar wurde, dass die Deutsche umgebracht werden würde, wenn die Botschaft nichts unternimmt. England und Frankreich kauften ihre gefangengenommenen Aktivist_innen übrigens frei. Erst 2011 wurden einige der beteiligten Akteur_innen in Argentinien zu Haftstrafen verurteilt und wahrscheinlich gab es deshalb auch die Motivation zu dieser Dokumentation, die ironischerweise nicht mehr in der ARD-Mediathek zu finden ist (dafür allerdings viele andere, auch ältere Dokumentationen).  [Tja, da wollte ich die Doku: Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.? gerade verlinken, aber auch auf Youtube ist es nicht mehr zu finden… Ist das nicht – merkwürdig? Weiß vielleicht jemand, wo man die Doku noch ansehen kann?] Die Kommentare des damaligen zuständigen deutschen Botschafters in Argentinien sind  widerlich und so sehr zum Kotzen, dass es kaum wundert, dass bei solchen Einstellungen der Tod der Studentin nicht verhindert werden wollte.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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