[Rezension] Von der ewigen unstillbaren Gier – Jesabel

Ich gebe zu – ich bin ein Musicalfan. Mein liebstes Musical war lange Zeit Tanz der Vampire und die beste und tragischste Figur in dieser Geschichte ist der arme Graf, der sein ganzes Leid in einem ziemlich überzeugenden Solo “ Die unstillbare Gier“ thematisiert: „Gäb’s nur einen Augenblick des Glücks für mich, nähm ich ewiges Leid in Kauf, doch alle Hoffnung ist vergebens, denn der Hunger hört nie auf. […] Ich will ein Heiliger oder ein Verbrecher sein und bin doch nichts als eine Kreatur, die will was sie nicht kriegt und die zerreißen muss, was immer sie liebt.“ Gladys Eisenach ist dem Grafen gar nicht so unähnlich und könnte die Schwester des Vampirs sein. Wie alle Wesen der Nacht strebt sie nach ewiger Schönheit und gehört zu den reichsten und begehrtesten Frauen der Stadt. Sie ist ein Machtmensch und genießt es, so viele Männer wie möglich zu verführen: „Genau das liebte und reizte sie, ständig musste sie sich ihre Macht über die Männer beweisen.“(66). Doch irgendetwas muss schief gegangen sein: die Erzählung setzt ein, als Gladys in Paris vor Gericht steht, da sie ihren Liebhaber Bernard ermordet haben soll. Die Menge der Schaulustigen ist riesig und jeder hat eine Meinung zu Gladys:

„Was für eine Enttäuschung! Dabei hieß es doch, sie sei so schön. Aber sie sieht aus wie eine alte Frau … – Seien sie nicht ungerecht …. Nach vielen Monaten Untersuchungshaft, ohne den Hauch von Schminke auf dem Gesicht, ganz zu schweigen von der Reue, da möchte ich doch mal sehen, wie Sie aussähen … – Danke … – Sie hat Stil, das lässt sich nicht leugnen. Sie ist zart. Sehen Sie nur ihre Hände, wie schön sie sind … Diese Hände, die getötet haben … Alles, was recht ist, ab einem bestimmten Einkommen tötet man nicht so leicht …“ (39)

Zeugenvernehmung folgt auf Zeugenvernehmung. Ein Mitbewohner des Getöteten berichtet, dass Bernard am letzten Abend seines Lebens mit einem Zitat aus der letzten Tragödie von Racine Athalie (1691) auf Gladys verwies  : „Des Nachts erschien mir meine Mutter Jesabel..“ Thema des Racine Epos, die auf dem Alten Testament beruht: die Königinmutter befördert sich nach der Ermordung des Königs selbst auf den Thron ermordet eigenhändig alle Nachkommen des Sohnes um sich ihre Machtposition zu sichern. Doch was hat das kryptische Zitat mit Gladys zu tun? Es gelingt nicht, Licht ins Dunkle zu bringen, ein Motiv für die Tat scheint zu fehlen, doch die Zeugenaussagen weisen eindeutig auf Gladys als Täterin hin, die zu fünf Jahren Haft verurteilt wird. Erst jetzt erfahren die Leser_innen nach und nach, wer Gladys eigentlich ist. Vom ersten Ball als junges Mädchen ist da die Rede, von der schwierigen Mutter, die nur mit Morphium betäubt im Bett lag, und dann wird tatsächlich auch ihre Tochter erwähnt, die, wie aus den Zeugenvernehmungen bekannt, an einer Lungenkrankheit in einem Sanatorium in der Schweiz verstorben sein soll. Doch je weiter die Erzählung fortschreitet, desto mehr wird das Bild von Gladys als schöne, bewundernswerten Frau dekonstruiert. Bereits als Jugendliche versucht sie den Ehemann einer anderen zu verführen, der ihr sagt, dass sie bereits jetzt „kokett und gefährlich“(63) sei. Sie heiratet einen Grafen, trennt sich und hat eine Beziehung mit einem Bankier und bekommt eine Tochter. Die Männer umschwirren sie wie Motten das Licht: „An Schwüre, flehentliche Bitten, Tränen war sie so gewöhnt wie ein Trinker an Wein; sie war ihrer nicht überdrüssig, sondern brauchte ihr süßes Gift als einzige Nahrung, die sie am Leben hielt.“(67) Doch je älter ihre Tochter wird, desto mehr spürt auch ihre Mutter den Zahn der Zeit, obwohl sie weiterhin wie knapp dreißig aussieht – und ihr das eigentlich auch schon zu alt ist. Ihre Tochter Marie-Théres versucht ihr die Angst vor dem Altern zu nehmen, scheitert aber auf ganzer Linie. Als Marie-Therés sich heimlich verlobt, ist Gladys außer sich. In ihrem Wahn und ihrer Angst vor dem Alter hat sie die Realität komplett aus den Augen verloren. Zeit vergeht eben und Gladys wird nicht mehr lange der Welt erzählen können, dass ihre Tochter noch ein Kind sei, wenn diese verheiratet ist. Gladys Narzissmus ist größer, als die Sorge um das Glück ihrer Tochter. Kurzerhand verbietet Gladys die Hochzeit und verlangt, dass das Paar noch mindestens drei Jahre warten müsse. Und wenn die Königin gesprochen hat, dann werden Befehle eben ausgeführt. Auch wenn am Ende das Leben ihrer Tochter der Preis für Gladys‘ Gier und Narzissmus ist…

Jesabel ist ein Roman, der mich auf ganzer Linie überzeugen konnte. Gladys Charakter wird so ausführlich dargestellt, ihr Narzissmus so komplex nachgezeichnet, dass ich an einigen Stellen nur fassungslos den Kopf schütteln konnte. Die Erzählung ist geschickt komponiert und ein einziges Vergnügen, das erschreckende Untiefen der menschlichen Psyche offenbart.  Oder um es mit dem Grafen aus Tanz der Vampire zu halten: „Doch die wahre Macht, die uns regiert, ist die schändliche, unendliche, verzehrende, zerstörende und ewig unstillbare Gier!“

Iréne Némirovsky – Jesabel (Original: Jézabel, 1936). Übersetzt von Eva Moldenhauer. btb-Verlag 2008.

ISBN: 447-28170003

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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