[Rezension] – My library was dukedom enough?! – Die Shakespeare-Schwestern

die_shakespeare_schwestern-9783458358350_xxl„Me, poor man, my library was dukedom enough!“ (William Shakespeare – The Tempest)

Rosalind, Bianca und Cordelia sind in einer bücherverrückten Familie groß geworden. Der Vater erforscht – oder viel mehr verehrt – den englischen Großmeister der Literatur und konnte nicht anders, als seine drei Töchter nach Shakespeares Figuren zu benennen. Abgesehen von dieser Leistung fällt er nicht weiter störend auf und kommuniziert mit seiner Familie nur noch über Shakespeare Zitate, die er bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit einstreut. Rosalind, Bianca und Cordelia hatten eine schöne Kindheit, performten im zarten Alter von sechs Jahren bereits den Auftritt der drei Hexen aus Macbeth und verließen dann das Elternhaus um ihre eigenen Wege zu gehen. Dabei waren sie auch nicht traurig darüber, die anderen längere Zeit nicht zu sehen. Oder um es mit dem Zitat des Covers zu sagen: „Wir lieben uns. Wir mögen uns nur nicht besonders.“ Doch die Liebe zum gelesenen Wort bleibt bestehen. Als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt, treffen die drei Hexen/Schwestern im Elternhaus aufeinander und müssen sich irgendwie arrangieren. Dabei schleppt jede von ihnen ein Geheimnis mit sich herum, dass sie den anderen auf keinen Fall auf die Nase binden möchte…

Zugegebenermaßen hat mich das Cover des Romans und eine euphorische Rezension einer anderen Bloggerin dazu gebracht, diesen Roman zu lesen und ich habe mich auch durch den intellektuellen Touch dieser tragischen Geschichte angesprochen gefühlt. Shakespeare-Zitate und gute Sätze über das Leben mit Büchern fielen anfangs zuhauf und gefielen mir gut:

„Die Laster unserer Familie – Unordnung und Literatur – in einem abendlichen Stilleben eingefangen. Wir sind noch nie organisierte Leser gewesen, die ein Buch auch nur irgendwie logisch zu Ende lasen.“ (S.34)

Genau wie die Auswahlkriterien für einen guten Liebhaber, die auf gewisse Weise ja nur konsequent sind:

„Denn trotz seines Geldes, seines guten Aussehens und all seiner anderen theoretisch positiven Attribute war er kein Leser, und, tja, sagen wir es einfach so, das ist die Sorte Blödheit, die wir nicht bereit sind hinzunehmen.“ (S.90)

Auch wenn sich die Schwestern in diesem Punkt einig sind, ansonsten könnten sie nicht verschiedener sein: Rose, die Älteste, managt alles und stellt ihr persönliches Glück hintenan, damit die Familie zufrieden ist. Außerdem ist ihr Mann berufsbedingt in London und sie kann sich nicht aufraffen, alle Segel abzubrechen und ihm zu folgen. Bean, die mittlere Schwester, hat etwas zu viel Zeit im New Yorker Nachtleben genossen und in der Folge einen eklatanten Werteverlust erlitten: der schöne Schein ist für sie das Wichtigste und deshalb verstrickt sie sich nicht nur in Probleme mit Männern, sondern auch in Probleme finanzieller Art. Und Cordy, die jüngste der Schwestern, die die Uni geschmissen hat und als Groupie ein Hippie-Leben führte und auf „verzweifelte Suche nach verlorener Kerouac’scher Herrlichkeit“ (S.103) von Bett zu Bett hüpft, steht ebenfalls vor einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben. Gemeinsam sind sie wieder zu Hause und versuchen der Situation um ihrer kranken Mutter irgendwie Herr zu werden, am besten mit Hilfe der Literatur:

„Wir glauben, in gewisser Weise haben wir das alle unser ganzes Leben lang gemacht – nach dem einen Buch gesucht, das uns den Schlüssel zu uns selbst in die Hand gibt, uns in eine fertig entwickelte Persönlichkeit schlüpfen lässt wie in ein möbliertes Zimmer, das man mieten kann. Als könnten wir hineinspazieren, uns umsehen und zu der grauhaarigen Vermieterin hinter uns sagen: „Wir nehmen es.““ (S.289)

Doch natürlich ist alles nicht so einfach und auch für mich als Leserin kippt die Stimmung. Vom dukedom und der Literatur ist dann nicht mehr die Rede, sondern von der Trauer darüber, dass die ganzen Kerle nur die doofen zwanzigjährigen Blondchen flachlegen wollen und man selbst keine Chance mehr hat. Und wenn du meinst, es geht nicht mehr – kommt dann halt von irgendwo ein wahnsinnig gut aussehender Pfarrer her, der sich den verlorenen Schäfchen annimmt. Das ist auch alles noch eine Zeit lang ganz unterhaltsam, immer hin werden auch en passant viele  Fragen aufgeworfen, die die Lebensführung der Schwestern betreffen: Wie will ich eigentlich leben? Will ich selbst Karriere machen oder meinem Ehemann hinterher reisen? Will ich dieses Kind bekommen? Gefällt mir dieses Leben in New York? Warum habe ich den Drang mich immer für andere aufzuopfern? Aber irgendwann passiert dann das, was ich eigentlich nicht mehr erwartet hatte. Jeder angedeutete Konflikt, jedes Problem wird mit einem Kitschaufguss am Ende in für alle Beteiligten ansprechender Art und Weise gelöst. Zur Weihnachtszeit (!) treffen die Schwestern wieder auf einander und es sind nicht nur alle glücklich, auch der grummelige Opa liebt das unerwünschte Enkelkind und die Mutter ist dank Wunderheilung vom Krebs genesen. Das geht mir nicht nur alles zu schnell, da fehlt mir auch ein wenig Reibungsfläche und der Hauch von Realität – der ja nicht immer schlecht sein muss. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass in den Shakespeare-Schwestern einfach zu viel Potenzial der angedeuteten Konflikte verschenkt wurde, um den Leser_innen ein Wohlfühl-Happy-End zu servieren. Ummantelt von einem Hauch von Intellektualität, der aber auch nur angedeutet bleibt und sich letztlich in einer Aneinanderreihung von Shakespeare-Zitaten verliert. Bei diesem Titel und den tollen bibliophilen Beschreibungen am Anfang hatte ich wirklich etwas mehr erwartet. Vor allen Dingen, dass der Fokus eben doch mehr auf Büchern und Büchereien und vielleicht auch Herzogtümern liegt. Schade.

Eleanor Brown – Die Shakespeare-Schwestern. Übersetzt von Christel Dormagen und Brigitte Heinrich. Insel-Verlag 2012.

ISBN: 447-32147350

 

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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