[Rezension] Philosophie on the Road – Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten

Das Motorrad an dem man eigentlich arbeitet, ist man selbst. (S.344)

Manche Bücher packen Leser_innen auf eine ganz besondere Weise. Robert M. Pirsig ist da keine Ausnahme und doch ist an diesem Roman, einer Mischung aus Autobiographie und philosophischer Abhandlung, vieles so ungewöhnlich und besonders, dass ich gar nicht anders kann, als mich an einer Rezension zu versuchen. Worum geht es eigentlich? Ein Vater macht mit seinem Sohn Chris eine Motorrad-Reise quer durch die USA. Irgendetwas scheint zwischen den beiden vorgefallen zu sein. Die Stimmung ist nicht ausgelassen, der Junge hat eigentlich keine Lust, aber der Vater zwingt ihn zu dieser Fahrt. Zwischenzeitlich scheint der Sohn Angst vor seinem Vater zu haben und auch der Vater ist um es platt zu formulieren, sicherlich kein einfacher Mensch. Von John und Sylvie, einem befreundeten Paar, das die beiden begleitet, ist der Vater, der als Ich-Erzähler das Geschehen präsentiert, ebenfalls genervt. Sie verstehen nicht, worum es geht.

3-596-22020-3_239927Dieses Nichtverstehen nimmt der Ich-Erzähler zum Anlass, seine philosophische Weltsicht auszubreiten. Während der Fahrt nimmt er die Lesenden mit auf eine „Chautauqua“, eine Art wandernde Sommerschule und Form der Erwachsenenbildung, die Unterhaltung und Bildung kombinierte und in den USA seit dem 19. Jahrhundert populär wurde. Und ein bisschen ist der Roman dann auch wie eine Vorlesung, wenn der Ich-Erzähler sein philosophisches Handwerkszeug auspackt. Seine Grundannahme besteht zunächst darin, dass es einen Unterschied zwischen technischer und romantischer Weltauffassung gibt. Dabei ist für den Erzähler, die technische Weltauffassung ganz dem Titel des Romans entsprechend, die zugänglichere. Über die Einzelteile des Motorrads, die nur im Zusammenspiel funktionieren, entfaltet Pirsig ein Gedankenfeuerwerk der besonderen Art. Wo wären wir ohne die Technik? Und was macht eigentlich einen guten Mechaniker aus? Ohne dass Pirsig den Zusammenhang explizit macht, werden Zen-Philosophie und die meditative Vertiefung in den Jetzt-Zustand als grundlegend für die Arbeit eines guten Mechanikers gesetzt, der sich aufmerksam und hingebungsvoll seiner Maschine widmet und ein Problem lösen kann, weil er die Welt nicht als statisch, sondern als dynamisch wahrnimmt.

Es gab im Leben des Ich-Erzählers jemanden, der diesen Zusammenhang sehr gut verstanden hat, er hieß Phaidros. Der Ich-Erzähler versucht Phaidros hinterher zu fahren, denn Phaidros ist dieselbe Tour die das Vater- und – Sohn – Duo fährt, selbst schon einmal gefahren. Phaidros umschwebt die Szenerie wie ein Geist, so dass der Ich-Erzähler sich gezwungen sieht, ein bisschen mehr über Phaidros Leben zu berichten.

Phaidros war Collegelehrer und zwar eher einer der radikalen Art. Im Zentrum seiner Überlegungen stand nicht nur die Idee, den verschmähten Sophisten ihren rechtmäßigen wichtigen Platz in der Philosophiegeschichte zurück zu erobern und sich damit gegen Sokrates und Aristoteles Vorstellung der Dialektik zu wenden, er beschäftigte sich auch explizit mit Rhetorik (klar!) und mit dem Begriff der Qualität. Qualität ist für ihn kein statischer Begriff, sondern immer ein „Ereignis“. Auch im College in Montana versuchte er seinen Student_innen diese Begrifflichkeiten klar zu machen, indem er unterschiedliche Aufsätze auf ihre Qualität hin untersuchte. Und obwohl das Seminar sehr einstimmig sagen konnte, welcher Aufsatz der stilistisch bessere war, scheiterte die Gruppe an der Festlegung von Qualitätskriterien. Auch an anderen Dingen scheiterte das College oder viel mehr der visionäre Geist Phaidros, der die Uni wieder zu einer „Kirche der Vernunft“ machen möchte, statt zu einem Ort des Bulimie-Lernens: was würde wohl passieren, wenn er den Studierenden einfach das gesamte Semester über keine Noten mitteilen würde und sie nie wüssten, wo sie stehen? Werden die Studierenden dann nicht besser? Und hilft das nicht nach der Suche nach Qualität? Für die guten Studierenden ist Phaidros schräge Universitätsdidaktik kein Problem. Die anderen machen sich Sorgen und müssen mitziehen – werden so aktiver im Seminar. Das klingt erst einmal positiv. Doch es gibt auch negative Folgen: manche kommen gar nicht mehr, eine Studentin bekommt unter dem ständigen Druck einen Nervenzusammenbruch. Das Experiment war gescheitert, Phaidros musste zur herkömmlichen Benotung zurückkehren.

Doch die Betrachtung der Qualität gab Phaidros nicht auf. Er vertrat die Annahme, dass es ein sogenanntes prä-intellektuelles Qualitätsbewusstsein geben würde – wir wissen eben, wann etwas gut ist und meistens beruhe unser Urteil dann auf besonderen Erfahrungen von Qualität, die wir früh in unserem Leben gemacht haben. Doch dabei bleibt es nicht. Während der Reise versucht der Ich-Erzähler immer wieder diesen Qualitätsbegriff zu übertragen: auf die Wartung des Motorrads.

Als der Ich-Erzähler anfängt merkwürdige Lücken in seinem Verhalten zu entdecken und sein Sohn ihm berichtet, dass er nachts im Zelt gesprochen haben soll, er sich aber an nichts mehr erinnern kann, wird eine schockierende Beziehung zwischen Ich-Erzähler und Phaidros enthüllt, die der gesamten Reise eine neue Wendung gibt.

Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte ist ein besonderes Buch, das übrigens von 121 Verlagen abgelehnt wurde, bevor es endlich in den Druck ging und zu einem Hippieklassiker avancierte. Neben Philosophie und Motorradtechnik, werden auch sehr drastisch die Folgen einer Elektroschocktherapie beschrieben, die mich mehr als verstört zurückgelassen haben. Auch wenn ich nicht alle Überlegungen nachvollziehen konnte und der Stil manchmal eine echte Herausforderung war (zugegeben – alles verstanden habe ich nicht), hatte ich nach dem Lesen das Gefühl, sehr viel von diesem Roman mitnehmen zu können. Auch wenn ich ebenfalls glaube, dass der Ich-Erzähler seinen Sohn mit dieser Reise stellenweise fürchterlich gequält hat – so nach dem Motto: Wir müssen jetzt diesen blöden Berg rauf, egal, wenn du zwischendurch zusammenklappst – und ich das auch beim Lesen als wenig angenehm empfunden habe. Wie geht man denn bitte mit so einem Vater vernünftig um? Die Perspektive des Sohnes kennen wir eben nicht. Das Nachwort des Romans hat mich ziemlich traurig zurückgelassen. Der Roman wurde 1974 veröffentlicht, nur fünf Jahre später wurde Pirsigs Sohn Chris auf dem Weg von der Meditation nach Hause erstochen.

Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte. Fischer 1999.

ISBN: 3-596-50156-3

Meine Rezension gibt es auch auf lovelybooks.de

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Philosophie on the Road – Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“

  1. Ich glaube ich muss das Buch wieder einmal lesen. Ist schon lange her, dass ich es gelesen habe, und vieles von dem, was du schreibst, kommt mir beinahe unbekannt vor. Das ist keine Kritik, sondern einfach Folge davon, dass jeder Leser ein Buch auf andere Art und Weise liest und die Erinnerung tut ja dann ein übriges.

    1. Liebe mützenfalterin,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich hatte ihn auch gar nicht als Kritik aufgefasst – gerade dieser Roman ist ja so voll von Gedankenanstößen und Ideen, dass ich natürlich die genommen habe, die mir am nächsten waren (und von denen ich auch glaube, dass ich sie verstanden habe ;)). Vielleicht ist es wirklich manchmal ganz hilfreich, ein Buch noch einmal zu lesen. Vielleicht auch nur um zu verstehen, was man früher so faszinierend an bestimmen Romanen gefunden hat. lg

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