[Rezension] Familientragödie auf Elefantenart – Der weiße Knochen

Cover Der weiße KnochenDie Elefantenkuh Matsch macht sich mit ihrer Herde auf um einen weißen Knochen zu suchen. Laut Elefantensage soll der weiße Knochen die einzige Möglichkeit sein, die lang anhaltende Dürreperiode unter der die Elefantenherden leiden, aufzuhalten. Außerdem soll er auch Schutz vor Wilderern bieten, die auf das Elfenbein der Elefanten aus sind und den Weg zu einem sicheren Ort weisen, an dem alle „Siejenigen“ (so nennen sich die Elefanten selbst) friedlich miteinander leben können.

 Was hier scheinbar als leichte Geschichte, vielleicht sogar für Kinder, daherkommt (immerhin wirbt dieser niedliche kleine Elefant auf dem Cover für absolute Harmlosigkeit), entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als knallharte Familientragödie, die in einer mystisch aufgeladenen Welt angesiedelt ist, die nach ganz eigenen Regeln und Gesetzen funktioniert und in der der Tod allgegenwärtig ist. Ganze Herden wurden schon von den Wilderern getötet. Die Elefantin Matsch wurde von ihrer Ursprungsherde zurückgelassen und muss sich einer anderen Herde anschließen. Die kleinen Elefanten haben alle noch ihre „Kälbernamen“, wie Matsch oder Dattelbett. Erst erwachsene Elefantenkühe erhalten einen Namen, der auf ihre Ursprungsherde verweist. Matsch macht sich viele Gedanken um diese ungerechte Namensänderung, immerhin sind Elefantenbullen – wie ihr Verehrer Langschatten – nicht von dieser Regelung betroffen.

 „Ein Bulle kann hundert Kühe besteigen und darf dennoch für immer seinen Geburtsnamen behalten. ,Das liegt daran, dass Bullen ihr Leben lang Kälber bleiben’, sagte Sie-Schnaubt in ihrer typischen trockenen Art, als Matsch zum ersten mal den Brauch der Umbenennung von Kühen hinterfragte.“ (S.18)

 Es gibt mehrere Familien, mit denen Matsch zu tun hat: die Sie-Ds, die Sie-Ms, die Sie-Schs, die Sie-Bs und Bs und die Wir-Fs (allerdings sind letztgenannte sehr besondere Elefanten, sie sind kleiner als die anderen und alle Visionärinnen, das heißt, sie haben grüne Augen). Matsch ist ebenfalls Visionärin der Elefantenherde, das bedeutet, dass sie zwei Arten von Visionen haben kann: entweder Dann-Visionen, die die Zukunft beschreiben oder auch Dort-Visionen, die zeitgleich ablaufende, aber räumlich getrennte Ereignisse zeigen. Einzig ihren eigenen Tod kann eine Visionärin nicht voraussehen. Ihre Freundin Dattelbett hingegen ist eine Gedankenrednerin, das heißt, dass sie die Gedanken anderer Artgenossen hören kann und nach einigem Üben auch die Gedanken aller Lebewesen. Insekten, Schlangen und Menschen sind allerdings von dieser Kunst ausgenommen. Menschen stellen für die Elefanten die absolute Gefahr, da sie die Herden und damit ganze Familien reihenweise abschlachten, doch es gibt auch Ausnahmen. Manche wollen sie nur beobachten. Die Elefantenkühe haben sich ihre ganz eigenen Theorien zurecht gelegt, warum sich manche Menschen so merkwürdig verhalten:

 „Nun, […] die Erinnerung an die Zeit vor dem Niedergang sei zu ihnen zurückgekehrt und ihnen sei wieder eingefallen, dass sie früher selbst Siejenige gewesen sind. Und jetzt geistert in ihren haarigen kleinen Köpfen die Vorstellung herum, die würden wieder zu dem werden, was sie einst waren, wenn sie uns nur lang genug anstarrten.“ (S.79)

Während Matsch mit ihrer Herde unterwegs ist und allerlei Gefahren bestehen muss, hat sich der Bulle Langschatten ebenfalls auf die Suche nach dem weißen Knochen begeben, außerdem sehnt er sich nach Matsch, obwohl er weiß, dass das ein sehr untypisches Gefühl für einen Elefantenbullen ist …

Mir hat die Welt, die Gowdy sehr eindrücklich und mit besonderen Neologismen beschreibt, trotz anfänglicher Skepsis sehr gefallen. Die Besonderheit des Romans liegt meiner Meinung nach darin, dass die Elefanten eben nicht vermenschlicht werden – stattdessen wird alles dafür getan, den Effekt der Entfremdung so gut es geht, aufrecht zu erhalten. Nicht nur, dass die Elefanten besondere Hymnen im Chor anstimmen, die schon kleine Kunstwerke für sich sind und die besondere Spiritualität der Elefanten zeigen:

 „Hab Dank für einen Glauben der nicht schwankt und Schutz vor Furcht mir gibt. Der mich befreit von Todesangst und doch das Leben liebt. Der alle Zweifel, alle Mühe mitnimmt und in der Not nicht fällt, der steht zur Sie, der Kuh der Kühe, zum Rüssel, der uns hält.“

 Auch die ganze Verpaarungszeremonie ist schon gewöhnungsbedürftig, die Elefanten sind eben keine Menschen, sondern sind weiterhin die wilden Tiere, die wir nicht ganz verstehen können, die aber auf ihre eigene Art spirituelle und philosophierende Wesen sind. Gowdy ist ein sehr schöner Roman gelungen, in den man sich allerdings erst ein wenig einfinden muss. Zum Glück war zumindest bei meiner Ausgabe vorne eine Landkarte abgebildet, so dass ich etwas besser die Wanderung der Elefanten nachvollziehen konnte. Und es gibt einen Stammbaum der unterschiedlichen Familien, so dass auf jeden Fall klar ist, wer wessen Tochter ist. Und ein ganzes Wörterbuch der Elefantensprache (so ist zum Beispiel ein „Zahnstamm“ ein Krokodil und die Bezeichnung „Rüssel“ generell eine Bezeichnung für Tiefsinnigkeit). Viel Rüssel, allen die diesen rührenden Roman lesen.

Barbara Gowdy – Der weiße Knochen. Übersetzt von Ulrike Becker. Verlag Antje Kunstmann 1998.

ISBN: 3-88897-219-1

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Familientragödie auf Elefantenart – Der weiße Knochen“

    1. Danke dir. Ja, das stimmt. Berührend und positiv fremdbleibend, also nicht vermenschlicht oder vereinnahmend, sondern dieses Andere/Fremde/Animalische bleibt bestehen. Das fand ich sehr beeindruckend.

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