[Rezension] Das Leben des Zaunkönigs – Open City

Was bedeutet es also, wenn man in der Geschichte eines anderen Menschen der Bösewicht ist? (S.313)

Julius ist Psychiater in New York und nimmt uns in Open City mit auf einen Stadtspaziergang der ganz besonderen Art. Julius verließ mit 16 Nigeria um in die USA auszuwandern, und behandelt jetzt als erfolgreicher Psychiater, die Menschen, denen es überhaupt nicht mehr gut geht. Und Julius ist schwarz. Im ersten Teil „Der Tod ist eine Vervollkommnung des Blickes“ begleiten wir Julius auf seine abendlichen Streifzüge durch New York. Auf seinen Spaziergängen begegnet ihm immer wieder Alltagsrassismus der aller widerlichsten Art. Entweder sind es spielende Kinder, die ihm N-Wort hinterher rufen oder es sind Menschen, die ihn aufgrund seines Äußeren vereinnahmen wollen. Wie der Museumswächter Kenneth im Folk-Art-Museum:

Ich habe mal einen Mitbewohner gehabt, damals in Colorado, der war auch Nigerianer. Yemi hieß der. Ich glaube, er war Yoruba, afrikanische Kultur hat mich schon immer interessiert. Bist du auch Yoruba? Kenneth fing an, mir auf die Nerven zu gehen. (S.75)

Doch Julius, der Entwurzelte, setzt unbeirrbar seine Spaziergänge fort, trifft spannende Menschen, interessiert sich für Museen, für Kunst, für die Oper – obwohl die meisten Zuhörer_innen ,weiß‘ gelesen werden und er auffällt. Er fällt nicht nur auf, er bleibt einsam. Statt etwas von seinen Gedanken preiszugeben, erläutert Julius aber lieber die Geschichte der gestrandeten Wale von Manhattan, das scheint weniger schmerzhaft zu sein:

Als etwa zweihundert Jahre später ein junger Mann aus Fort Orange den Hudson herunterkam und sich auf Manhattan niederließ, entschloss er sich, sein Magnum Opus über einen Albino-Leviathan zu schreiben. Der Autor, zeitweise Gemeindemitglied der Trinity Church, nannte sein Buch Der Wal; der zusätzliche Titel Moby-Dick wurde erst nach der Erstveröffentlichung hinzugefügt.

Open-City--Roman-9783518789001_xxlDoch das Thema race lässt Julius auch unterschwellig nicht los, allerdings verweigert er sich der offenen Positionierung. Nur beiläufig wird die Geschichte eines Bekannten erwähnt, der aus dem Sudan geflohen ist. Auch über Julius‘ Erfahrungen in Nigeria wissen wir wenig, allein eine schockierende Erinnerung an eine fürchterliche Prügelstrafe an der Nigerian Military School wird mit den Lesenden geteilt. Eine Grausamkeit, die Julius auf eine unnachahmliche Art trotzdem noch als heimlichen Sieg verkauft – immerhin sei er so zu einer Legende an der Schule geworden. Julius‘ langjähriger Mentor und Englischprofessor, einer seiner wenigen Kontaktpersonen in New York, erkrankt schwer. Julius gibt die Besuche auf. Verweigert auch hier eine aktive Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens. Stattdessen steht jetzt sein eigenes Leben auf dem Spiel, am Hudson River äußert er erste Selbstmordgedanken: „Es wäre so leicht, dachte ich, gleich hier sanft ins Wasser zu gleiten und in die Tiefe zu sinken.“ (S.77).Was ist los mit diesem Typen, frage ich mich beim Lesen, was verheimlicht er uns? Er, der doch gegenüber seinen Patient_innen eine wahnsinnig souveräne und sichere Haltung hat? In der Psychiatrie von allen geschätzt wird?

In den Herbstferien reist Julius nach Brüssel, vorgeblich um seine Oma ausfindig zu machen, zu der er keinen Kontakt mehr hat. Doch auch hier nur lose Enden, Spontan-Sex mit einer Touristin und immer wieder der Verweis auf die Partei Vlams Belang, eine rechte Partei, die nach rassistischen Angriffen in Brüssel durch Skinheads sogar noch Zulauf bei den Wahlen erhielt. Julius kapselt sich ab, liest Didions Das Jahr magischen Denkens oder Barthes‘ Die helle Kammer. Zufällig lernt er Farouq kennen, der Dolmetschen für Arabisch, Englisch und Französisch studiert und ein Internetcafé betreibt. Hier versucht Faruoq seine Vision der besten aller möglichen Welten zu leben: ein Ort, an dem die Menschen friedlich zusammen treffen können. Doch auch Farouq ist mit vielem schon gescheitert, ursprünglich wollte er Kritische Theorie studieren, der nächste Edward Said werden, doch dann kam der elfte September 2001 und Farouq vermutet, dass ihm allein aufgrund rassistischer Stereotype die Promotion verweigert wurde. An einem Abend kippt die Stimmung, Farouq und ein Freund äußern klare Israel-Kritik, Julius ist unsicher, versucht sich zurückzuhalten und sich auf seinen Elfenbeinturm zurückzuziehen. Er trifft Farouq nicht wieder.

Ich wollte ihm sagen, dass wir uns in den Vereinigten Staaten mit scharfer Israel-Kritik auch deshalb zurückhielten, weil sie schnell in Antisemitismus kippte, verzichtete aber darauf, weil ich wusste, dass sich meine Angst vor Antisemitismus, genau wie meine Angst vor Rassismus, so tief eingegraben hatte, dass sie längst prärational geworden war. (S.163)

Doch es ist nicht nur die Begegnung mit Farouq die Julius verunsichert. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm, irgendeine Schuld kann er nicht loslassen, das fällt besonders bei Passagen auf, in denen er anderen Einwanderern begegnet:

Diese Menschen waren wie junge Leute überall sonst auf der Welt. Und ich spürte die Beklemmung, die mich – auch wenn sie manchmal kaum wahrnehmbar ist – immer überkommt, wenn ich junge Männer aus Serbien oder Kroatien, Sierra Leone oder Liberia treffe. Ein Argwohn, dass auch sie getötet und erst später gelernt haben könnten, wie man den Eindruck erweckt unschuldig zu sein. (S.183)

Verräterisch, dieses „auch“. Gehört Julius auch zu diesen Männern? Im zweiten Teil des Buches „Ich habe in mir selbst gesucht“, rückt das Thema Suizid wieder in den Vordergrund. Ein Freund von Julius berichtet von seinen Selbstmordgedanken. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass der Erzähler so viel von Anderen spricht, um nicht von sich selbst sprechen zu müssen, um seine eigene Schuld, seine eigenen Suizidgedanken hier nicht thematisieren zu müssen. Die Auflösung dieser Schuldfrage, deren Folge eventuell auch die Suizidgedanken sind, war für mich ein absoluter Schlag in die Magengegend. Erst am Ende erfahren wir, was Julius getan hat. Und müssen uns im selben Atemzug fragen: Was hat uns der eloquente und kultivierte Psychiater nicht noch alles verschwiegen? Seine letzte Möglichkeit ein Statement abzugeben, seine letzte Chance etwas wieder gerade zu rücken oder sich für uns wieder als derjenige zu präsentieren, der er am Anfang scheinbar gewesen ist, verhallt ungenutzt. Am Ende ist es wieder eine Anekdote aus New York, die er erzählt, statt endlich einmal Stellung zu beziehen. Es geht um einen Ornithologen, der die toten Vögel zählt, die ausgerechnet am universellsten Zeichen für die USA, das man sich denken kann, ihr Leben ließen: an der Freiheitsstatue.

Am Morgen des 13. Oktober fand man hundertfünfundsiebzig Zaunkönige. Sie hatten die Wucht des Aufpralls nicht überlebt, dabei war die Nacht davor nicht sonderlich windig gewesen und auch nicht besonders dunkel. (S.333)

Open City ist ein grandioser Roman, der seine Überzeugungskraft aus der Ambivalenz des Hauptcharakters gewinnt und mich lange nach dem Lesen noch beschäftigt hat, mich immer noch beschäftigt. Nicht nur wegen dieser unglaublich eleganten Art der Komposition, einen modernen Flaneur des 21. Jahrhunderts als Vermittler zwischen Kunst und Musik zu schalten, der uns en passant mitteilt, welche kulturellen Werke sich lohnen. Und nicht nur, wegen dieser brillianten und wunderschönen Sprache. Und nicht nur, wegen der deutlichen und harten Beschreibungen von Alltagsrassismus, die sich „weiß“ gelesenen Menschen wohl kaum vollständig erschließen können wird. Open City hat in dieser Art der Auflösung ein wenig von Filmen wie Fight Club oder The Machinist, die mit genialer Treffsicherheit gerne als „mind-fucking movies“ angepriesen werden. Und diese Qualität merke ich auch in Open City. Wie kann das sein, frage ich mich, dass dieser mir so sympathisch gewordene Psychiater, so ein Mensch ist? Was wurde mir noch verschwiegen? Was kann ich dir, Julius, noch glauben? Absolut zu Recht wurde der Roman 2013 mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet.

Teju Cole – Open City. Übersetzt von Christine Richter-Nilsson. Suhrkamp Taschenbuch 4486 (2012).

ISBN: 9-783518-464861

Meine Rezension gibt es auch auf lovelybooks.de

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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