[Rezension] Viel Klischee und wenig Buch – Ein Buchladen zum Verlieben

Keine komplette Katastrophe kann passieren, so lange man Bücher und Geld hat. (S.12)

Die Schwedin Sara hat eine Brieffreundin in Iowa, das gemeinsame Thema: Bücher. Sara ist ein Bücherwurm hoch zehn, hat Angst vor Menschen und behauptet von sich selbst, die reichsten Beziehungen zu Personen gehabt zu haben, die nicht existierten. Das ist für eine Mittzwanzigerin vielleicht ein bisschen wenig, aber Sara scheint mit sich und ihrem zurückgezogenen Dasein zumindest nirgends anzuecken, und arbeitet auch – weitestgehend glücklich – in einem Buchladen (wo auch sonst). Amy, ein ganzes Stückchen älter als Sara, lädt sie zu sich nach Iowa ein. Doch als Sara endlich ankommt, ist Amy bereits verstorben. Amys Heimatdorf Broken Wheel steht sinnbildlich für den gesamten Verfall der Gegend, das Ortsschild wirkt auf Sara so klein „als bitte es um Entschuldigung für die Störung“ (S. 45) An dem Ort gegründet, an dem den ersten Siedlern ein Reifen durchbrach, scheint sich seit dieser Zeit nicht viel geändert zu haben. Die Menschen sind verschlossen und wer kann, zieht ins Nachbarstädtchen Hope. Und wer jetzt denkt, da hat ja die Autorin wirklich die ganz harte Metaphernkeule ausgefahren Broken Wheel vs. Hope (potztausend – ein sprechender Name), der ist leider noch nicht am Ende dieses Romans angekommen.

ein-buchladen-zum-verliebenUm es kurz zu sagen: ja, ich wollte mich auch in diesen Roman verlieben. Aber irgendwie blieb während des Lesens meine Liebe zum Buchladen leider auf der Strecke. Sara bezieht Amys Haus und entdeckt in einer wunderschönen Szene Amys Bibliothek – ein Träumchen von Bibliothek. Eine wunderbare Bibliothek um Amys Bett herum – und alle Klassiker sind vertreten und sogar Eragon! Wer kann da noch widerstehen? Sara hat eine Idee – dem heruntergekommenen Kaff Broken Wheel fehlt ein Buchladen. Also zerpflückt sie kurzer Hand Amys Bibliothek und renoviert mal eben in zwei Tagen ein leerstehendes Geschäft – zack, Buchladen aus dem Boden gestampft oder viel mehr, öffentliches Buchregal. Denn arbeiten kann Sara ja offiziell nicht, trotzdem gibt es ein Geschäft. Da kann sich die Autorin ja jetzt den wirklich wichtigen Dingen widmen – der Liebe.

Und das gelingt leider überhaupt nicht und driftet schnell in eine simple Aneinanderreihung von Klischee an Klischee. Das Schwulenpärchen besitzt die Kneipe des Ortes, der gutaussehende Nachbar soll mit der unerfahrenen Sara verkuppelt werden (und es kommt zu einer unglaublich peinlichen „wir-hatten-jetzt-aber-eben-keinen-Sex“-Szene – die so wenig elegant beschrieben wird, dass es mir schon fast peinlich war, dieses ganze Gehampel zu lesen), die Frau vom Diner ist ein harter Hund, hat aber ein weiches Herz und eine Knarre unter dem Tresen und der sensible Alkoholiker des Dorfes hat eine zerrüttete Familie. Der Buchladen und Saras Buchempfehlungen sind nur leise Hintergrundgeräusche für eine Potpourri an skurrilen Charakteren – die aber wiederum nicht so skurril sind, dass sie als wirkliche Originale daherkommen, stattdessen wirken die Figuren einfach wenig authentisch, stattdessen holzschnittartig. Und auch Sara fühlt sich mittlerweile als „wäre sie die Hauptperson in irgendeinem ganz normalen Chic-Lit-Roman“ (S.270). Und genau so ist es Sara und deswegen war meine anfängliche Begeisterung auch schnell dahin. Ich mag dich Sara, ich mag dich Sara, wenn du als Buch verkleidet durch den Ort springst und Werbung für den Buchladen machst. Ich mag auch die vielen Buchtipps, die ich durch Amys wunderbare Briefe bekommen haben. Aber insgesamt konnte ich mit dem Roman wenig anfangen.

Gerade eine Beziehung hat mich ganz besonders genervt, da besonders konstruiert (denn ja klar, am Ende müssen ja alle verpartnert werden, gibt keine Singles in dem Dorf, außer die Frau vom Diner und haha, die hat halt ihr Gewehr…). Der junge Mann, augenscheinlich schwul, der dann aber eben doch bi ist und mal eben schnell die christliche Fundamentalistin des Dorfes von ihren Vorurteilen befreien kann – indem er mit ihr eine heterosexuelle Beziehung eingeht. Ja, klar. Irgendwie war ich zu dem Zeitpunkt raus und wollte mir dieses ganze Liebes-hin-und-her, das auch noch unglaublich langsam erzählt wird, nicht mehr geben. Am Ende gibt es einen Heiratsantrag, ein glückliches Dorf und Vorstellungen der arrangierten Ehe aus dem Mittelalter mit dem super sexy, aber super schweigsamen Nachbarn, der sich aber schon in der „Wir hatten aber keinen Sex-Szene“ als ziemliches Tier erwiesen hat. Rawwr. Na, Prost Mahlzeit. Wenn das Chick-Lit ist, dann habe ich da einfach keine Lust drauf.

Am Ende des Romans war ich ziemlich ratlos. Ich erwarte zumindest ansatzweise komplexe Charaktere, wenn ich mich jetzt so zurückerinnere und am Anfang dachte: „Ui, was da wohl noch alles kommt?“ – dann wurden meine Erwartungen komplett enttäuscht. Am Anfang weist Amy Sara in einem Brief auf den Roman Onkel Toms Hütte in und tatsächlich gibt es auch einen Schwarzen im Dorf, John. Und er war ein Freund von Amy, wenn nicht sogar ihr Liebhaber. Hm – könnte man nicht da irgendetwas draus machen? Oder ist da mein Interpretationsmotörchen so ein wenig zu heiß gelaufen? Am Ende bin ich enttäuscht von den vielen unverknüpften und losen Enden, mit denen mich Bivald zurück lässt. Woran starb Amy eigentlich? Was ist die Geschichte von John? Aber nichts. Und wer glaubt, dass die Hochzeit am Ende eine romantische Veranstaltung ist – der hat sich auch hier geschnitten. Alles wird ratzfatz abgehandelt.

Manche Romane fangen ganz wunderbar an – und verlieren im Verlauf der Handlung immer mehr an Bedeutung. Ein Buchladen zum Verlieben ist leider so ein Fall. Dabei klingen die Zutaten so schön: Bücher, eine geheimnisvolle Brieffreundschaft, ein Neuanfang in einem anderen Land; Bücher, die die Menschen verändern. Was ich von diesem Roman mitnehme? Autorinnen, die auch Amy begeistern haben: Tony Morrison oder Joyce Carol Oates, deren Romane ich unbedingt noch lesen möchte. Und vielleicht auch den Roman Grüne Tomaten. Immerhin haben Amy und Sara es geschafft, diese Autorinnen in mein Blickfeld zu rücken. Ein Buchladen zum Verlieben würde ich meiner Brieffreundin aber eher nicht empfehlen.

Katarina Bivald: Ein Buchladen zum Verlieben. Übersetzerin: Gabriele Haefs. BtB 2014. 414 Seiten.

ISBN: 9783442754564

Mein Dank an lovelybooks für die tolle Leserunde und btb für das Rezensionsexemplar!

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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