[Rezension] Oskar und die Puppen – Marina

Marina sagte einmal zu mir, wir erinnerten uns nur an das, was nie geschehen sei. (S.9)

Der Roman Marina ist ein spannendes Schauermärchen, das – natürlich – in Barcelona spielt. Das Zombiestück ist Zafóns fünfter Roman (bereits 1997 geschrieben), der allerdings auf Deutsch erst nach seinen Welterfolgen Der Schatten des Windes, Das Spiel des Engels, Der Gefangene des Himmels und Der Fürst des Nebels erschien. Angeblich soll Marina  Zafóns Lieblingsroman sein und angeblich soll er erst in diesem Roman zu seinem typischen Schreibstil gefunden haben. Dabei baut der Roman allerdings nicht auf die altbekannten Figurenkonstellationen auf: noch kein Daniel, keine Bea, kein Sempere und kein geheimer Buchfriedhof. Und auch wenn atmosphärisch vieles stimmt – so ganz überzeugen können die Horror- und Gruselanleihen im nebligen Barcelona leider doch nicht.

Marina_ - Ruiz Zafon, Carlos_resizedcoverDer fünfzehnjährige Oskar Drai, der in einem Jesuiteninternat lebt und ein wenig verloren durch die Gassen der Stadt stiefelt und sich seinen Tagträumen hingibt, trifft Marina. Das Mädchen lebt in einem alten Villenviertel mit ihrem Vater, einem gealterten Künstler, ohne Elektrizität, ohne zur Schule zu gehen. Der Kater Kafka leistet ihr Gesellschaft und natürlich fortan auch Oskar, der fasziniert von Marinas Schönheit ist. Was als vorhersehbare Teenagerromanze beginnt, kippt allerdings schnell ins Mystisch-Unheimliche, gespickt mit starken Verweisen auf  Schwarze Romantik wie der Erzähler bereits am Anfang andeutet: der unheimliche Blick in das „Dachgeschoss der Seele“ hat es in sich. Zumindest wenn man auf rabiate Horrorelemente steht oder ein Fan der großen Vorbilder des Genres ist. Eine geheimnisvolle Lady in Black, deren Erkennungszeichen ein schwarzer Schmetterling ist, taucht auf. Per Zufall verfolgen die beiden Turteltauben die Fremde und landen in einem Gewächshaus, in dem es von zusammengeschraubten Zombiepuppenwesen nur so wimmelt. Und wer da an E.T.A. Hoffmann denkt und sich an die gruselige Automatenroboterliebe zwischen der wunderschönen, aber leider scheppernden Olimpia und dem armen, dem wahnsinnverfallenden Nathanael erinnert, liegt gar nicht so falsch. Noch ein Hauch Frankenstein darf nicht fehlen – immerhin ist derjenige, der die gruseligen Puppenwesen einst tanzen ließ, ein Prager Arzt – seine Tochter heißt Maria Shelley (!) und sie kann ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Und wem das an Gruselkuriositäten noch nicht reicht: eine entstellte Sängerin („Listen to the music of the nighight“ Naaa? Musicalfans hier? :) ) spukt heimlich durch das Gran Teatro Real, in dem es zum furiosen Showdown kommt …

Der Roman hat mir sehr viel Spaß gemacht. In Marina kommen die unterschiedlichsten Themen zusammen: die Kraft der Erinnerungen, die große Liebe, der ewige Kampf gegen Krankheit und Schicksal, wahnsinnige Forscher, tragische Kommissare, geheimnisvolle Elixiere und unheimliche Monsterpuppenzombies. Gleichzeitig war der Plot allerdings längst nicht so wendungsreich und verschlungen, wie ich es erwartet hatte. Und subtiler Horror? Fehlanzeige. Klar, Barcelona wird sehr atmosphärisch beschrieben, eigentlich liegt die ganze Stadt permanent im Nebel und Oskar und Marina schleichen sich von einer dunklen Ecke zur nächsten. Aber wenn dann die Monsterzombies auftauchen, die durch eine geheimnisvolle Schmetterlingssubstanz zu lebendigen Wesen erweckt werden, dann ist das ein wenig zu viel und eben nicht subtil, sondern eher Horror mit dem Holzhammer. Da sind die späteren Werke von Zafón plotbedingt weitaus komplexer und mit mehr Fingerspitzengefühl und Leichtigkeit erzählt. Die tollen Figuren und das wunderbare Setting im unheimlichen Barcelona sorgen allerdings für mindestens einen Nachmittag voll Lesevergnügen. :)

Carlos Ruiz Zafón: Marina. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. Fischer (2012).

ISBN: 978-3596186242

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

4 Kommentare zu „[Rezension] Oskar und die Puppen – Marina“

  1. Huhu liebe Eva,

    ich habe dich ein paar Mal auf meinen Weltreiseseiten verlinkt. Außer dieser Rezension auch noch „Schiffbruch mit Tieger“ und „Call me Ishmael“. Ich hoffe, dass das ok ist. Ansonsten sag mit bitte einfach bescheid, dann nehme ich die Links direkt wieder raus :)

    Liebe Grüße
    Ciri

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