[Rezension] Feminismus? Fuck, Yeah! – Weil ein #Aufschrei nicht reicht

u1_978-3-596-03066-8_36605822Im Januar 2013 rappelt’s im Karton und zwar so richtig. Unter #Aufschrei sammeln Frauen ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus, berichten von sexuellen Übergriffen und  V*rg*w*ltigungen. Initiiert wurde der Tweet von Anne Wizorek (@marthadear), die sich mit anderen Twitternutzer_innen (@faserpiratin, @vonhorst) austauschte und spontan den Hashtag am 25. Januar um 0.13 in der Nacht festlegte. Noch in der Nacht beteiligen sich tausende andere Betroffene, berichten über „das komplette Ausmaß von Sexismus und sexualisierter Gewalt“ (S:188):

@KhaosKobold: Der Mathelehrer, der mir sagte ich bräuchte das nicht verstehen, ich würde eh mal Mutti mit Abitur #aufschrei

@totalreflexion: Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge #aufschrei

Danach geht alles relativ schnell, bereits am nächsten Morgen hat Anne Wizorek Anfragen von Journalist_innen und kurz darauf eine Einladung zu Günther Jauchs Sendung im Briefkasten. Der Hashtag war ein absoluter Erfolg und macht sichtbar, was viele nicht wissen wollten: das Sexismus und sexuelle Übergriffe auch in Deutschland zur Tagesordnung gehören. Damit schaffte der Hashtag etwas außerordentliches: eine online geführte Debatte wurde in die offline-Welt überführt und ernst genommen. Die Jury des Grimme Online Awards würdigte den Hashtag und seine Verfasser_innen. Jetzt hat Anne Wizorek ein Buch geschrieben, indem sie sich für einen „Feminismus von heute“ ausspricht und deutlich macht, dass viele Probleme noch lange nicht gelöst sind. In ihrem Buch räumt Wizorek mit vielen Mythen auf, die in der medialen Wahrnehmung immer noch bestehen: nein, Rainer Brüderle war nicht „der“ Auslöser für den Hashtag und nein, niemand muss Emma-Leser_in sein, um Feminismus gut finden zu können. „Den“ Feminismus, und das wird sehr schnell klar, gibt es sowieso nicht (das macht auch ein historischer Abriss über feministische Entwicklungen deutlich) – und Alice Schwarzer ist nicht das Maß aller Dinge.

Ihr Buch besteht aus zwei Teilen und die Aufschrei-Debatte, die ich damals mit großem Interesse verfolgt habe, steht nicht am Anfang der Auseinandersetzung. Stattdessen beschreibt Wizorek auf den ersten 150 Seiten eine umfassende, fundierte und locker geschriebene Einführung in die unterschiedlichsten aktuellen feministischen Debatten, die momentan online geführt werden. Sie räumt mit den vermeintlichen Mythen der Geschlechtergerechtigkeit auf („Aber wir haben doch eine Bundeskanzlerin!?!“), stellt dar, warum eine Quote wichtig ist, schreibt über sexuelle Selbstbestimmung, repressive Schönheitsideale mit einem super Schwenk zu Beyoncé (Yeah!), die Care-Debatte und LGBTIQ. Und das geht ihr so locker von der Hand, dass ich manchmal fast vergesse, wie ernst das Thema eigentlich ist:

Solange wir ein patriarchalisches Gesellschaftssystem haben, befinden wir uns in puncto Geschlechtergerechtigkeit aber meist zwischen Babyschritten vorwärts und Backlash, der uns wieder zurückschleudert. Der Backlash (zu deutsch etwa „Rückschlag“) ist sozusagen der Darth Vader zur feministischen Rebellion. Denn sobald sehr viele Menschen gesellschaftliche Fortschritte einfordern oder diese Veränderungen sogar durchgesetzt werden können, wird es immer auch viele Menschen geben, die an der Uhr drehen und diese auf ,die guten alten Zeiten‘ mit konservativen Wertvorstellungen zurückdrehen wollen. (S.23)

Wizoreks Buch ist nicht nur eine sehr gelungene Einführung in die aktuellen (netz-)feministischen Debatten, die durch eine umfangreiche Linkliste illustriert werden, sondern vor allen Dingen auch ein sehr unterhaltsame Kritik am gesellschaftlichen Backlash, der feministische Entwicklungen, die vor einigen Jahren noch als selbstverständlich galten, heute wieder in Frage stellt. Beispielsweise wenn Frauen, die die Pille danach nehmen als rücksichtslos, naiv und leichtsinnig dargestellt werden („Man muss es immer wieder sagen: Das sind keine Smarties!“ Jens Spahn, CDU via twitter am 13. Januar 2014). Als wären Frauen nicht in der Lage dazu rationale Entscheidungen zu treffen, wenn es um ihre Verhütung und damit ihre Selbstbestimmung geht. Eine solche Haltung geht natürlich wunderbar mit der Auffassung einer neuen Bewegung radikaler christlicher Lebensschützer_innen einher.  In einem sehr ausführlichen Kapitel über sexuelle Übergriffe und Sexismus wird nicht nur mit dem Strohmann-Argument der ominösen Falschbeschuldigungen durch v*rg*waltige Frauen aufgeräumt, es werden auch die unterschiedlichsten Vorfälle der letzten Monate und Jahre aufgerollt, die sich um sexuelle Übergriffe oder ihre Verharmlosung drehen: Kachelmann, Assange, ,Steubenville‘, die Debatte um Blurred Lines von Robin Thicke und der V*rg*waltigungs-„Witz“ von Moderator Klaas in der Sendung NeoParadise.

Einen ziemlich ausführlichen Teil widmet Wizorek auch ihrer eigenen Haltung und ihrer eigenen Entwicklung hin zum Feminismus. Auch wenn die anderen Kapitel weitaus pointierter erscheinen mögen, hat mir dieser Teil besonders gut gefallen. Stichwort: Empowerment.

„Was ich mit alldem sagen möchte, ist: Es braucht nicht erst einen Master in Gender-Studies, um Feminist_in zu werden (auch wenn der Master nicht schadet).“ (S.241)

Weil ein #aufschrei nicht reicht ist kein Buch, das ich in einem Zug durchlesen konnte. Zwischendurch brauchte ich ein paar Pausen – nicht nur, weil es auf Dauer auch sehr anstrengend sein kann, von den vielen Dingen zu lesen, die eben noch nicht richtig laufen, vor allem aber auch, weil mir jedes Kapitel sehr viel Input zum Nachdenken gegeben hat. Da war Kapitel 12 ziemliches großes Kino, in dem unterschiedliche Strategien vorgestellt werden, wie am besten mit Sexismus oder schwierigen Diskussionen umgegangen werden kann (Stichwort: Choose your battles). Auf den Punkt gebracht: Es ist nicht deine Aufgabe, jetzt immer und überall für eine feministische Perspektive aufzustehen – und manchmal kann man das auch einfach nicht und ist frustriert von so viel Unwissen und genervt von Provokationen und dem tausendsten „sich-Erklären-müssen“. Interessant war auch die klare Forderung an männliche* Unterstützer, die vielleicht zunächst als etwas provokant daherkommt, mich allerdings an  den Critical Whiteness-Ansatz erinnert: „Setz dich mit deiner Schuld auseinander“. Wenn Rassismus und Sexismus als strukturelle Problematiken angesehen werden, ist diese Forderung auch nur eine logische Konsequenz.

Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von Heute ist das erste Buch, das ich über den „Twitter“-Feminismus gelesen habe. Sonst bin ich eher auf Blogs, bei Twitter, bei YouTube unterwegs. Es ist super geschrieben und für jeden, der eine kleine Einführung in den aktuellen (Netz-)Feminismus braucht, unbedingt zu empfehlen. Die Aktualität der gesamten Debatte steht dabei außer Frage. Seit einiger Zeit sehe ich sehr gerne die Vlogs von der amerikanischen Kommunikationswissenschaftlerin Anita Sarkeesian (feministfrequency), die sich auf Youtube mit stereotypen Darstellungen von Frauen in Videospielen beschäftigt und zu Frauendarstellungen in der Popkultur forscht. Ein  Thema das Wizorek immer wieder in ihrem Buch aufgreift. Im Oktober 2014 drohten Unbekannte mit einem „School Shooting“, weil Sarkeesian zu einem Vortrag an der Utah State University eingeladen war. Weil die Polizei keine Möglichkeit hatte, das Mitführen von Waffen zu verhindern (so was geht in Utah), musste Sarkeesian den Vortrag absagen.

 Anne Wizorek: Weil ein #aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von Heute. Fischer 2014.

ISBN: 9783596030668

Vielen Dank an lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die schöne Leserunde.

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

6 Kommentare zu „[Rezension] Feminismus? Fuck, Yeah! – Weil ein #Aufschrei nicht reicht“

  1. Tolle rezi, macht neugirig auf das Buch, auch wenn ich mit Twitter und dem ganzen drunherum nichts anfangen kann (muss ich aber auch nicht mehr).

    Dieser Absatz ist dann doch etwas unangenehm auf gefallen:
    _ Interessant war auch die klare Forderung an männliche* Unterstützer, die vielleicht zunächst als etwas provokant daherkommt, mich allerdings an den Critical Whiteness-Ansatz erinnert: “Setz dich mit deiner Schuld auseinander”. _

    Männer sind also in einer sexismus Debatte (oder schlimmer noch einer einer über sexualisierte Gewalt), ah, by default, in irgendeiner Weise schuldig?
    Ich hoffe jetzt mal das dies nicht so gemeint war wie es sich für mich liest. :)

    1. Hallo Gerd,

      wie gesagt, provokant, aber erinnert eben an den Critical Whiteness-Ansatz (Google hilft da weiter)

      S.295:
      „Ja, Schuld klingt nicht schön und irgendwie schlimm, Aber verbündete Männer müssen – ebenso wie sie Sexismus als bestehendes Problem anerkennen – verstehen, dass sie davon profitieren, dass wir in einer sexistischen Gesellschaft leben. Männer sind keine schlechten Menschen, aber wir haben eine Kultur um sie herum geschaffen, in denen die Bedürfnisse von Frauen weniger berücksichtigt werden, gar keine Rolle spielen und ja, die Frauen auch schon mal richtig hasst. Aber, aber, aber … Du hast doch gar nichts gemacht! […] Das mag ja sein, aber Sexismus verschafft auch dir Vorteile. Jedes Mal, wenn dir eher zugehört wird als einer Frau. Jedes Mal, wenn dir ,als Mann‘ mehr zugetraut wird. Jedes Mal, wenn du deswegen belohnt wirst. Unbewusst oder bewusst hast du diese Vorteile bereits genutzt, denn das ist die Welt, in der du aufgewachsen bist und die es dir nicht anders beigebracht hat. […] Wenn dich dieser Umstand wirklich sauer macht (und das sollte er), lass deine Wut nicht an denjenigen aus, die auf Ungerechtigkeiten hinweisen.“

      Danach ihre Forderungen: Setz dich mit deiner eigenen Schuld auseinander, ändere dein Verhalten, setz deine Privilegien ein, um das bestehende System zu ändern.

      lg

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