[Rezension] Wir sind alle Individuen – Der Wolkenatlas

Der WolkenatlasDavid Mitchells Wolkenatlas ist kein gewöhnlicher Roman, eigentlich sind es mehrere Romane in einem. Und das Wolkenatlas-Sextett, das dem Roman immerhin seinen Namen gibt, ist anfänglich noch gar nicht so wichtig. Komposition hingegen auf jedenfall – die einzelnen Erzählungen sind ineinander komponiert, Figuren, die sich nicht kennen können, erinnern sich an ähnliche Begebenheiten. Raum und Zeit wird überwunden und manchmal wurde im Zusammenhang mit dem Roman vom Thema Seelenwanderung gesprochen oder wie die NZZ schreibt: „Mitchell kartographiert Seelen und schreibt Weltliteratur.“ Insgesamt sind es sechs Lebenswege, die hier geschickt miteinander verwoben werden.

Bewundere mich, weil ich eine Metapher bin! (S.223)

Die literarische Reise beginnt auf dem Meer, sie beginnt mit dem Pacifictagebuch des Adam Ewing. Der englische Notar soll Mitte des 19. Jahrunderts einen Erben ausfindig machen und befindet sich deshalb auf hoher See. Die Sitten an Bord sind rauh und der einzige Freund, den Ewing hat, ist der Passagier Dr. Goose, der Ewing gegen einen Parasiten behandelt. Als Ewing einem blinden Passagier das Leben rettet und ihn davor bewahrt, dass die Crew ihn über Bord werfen will, hat er einen zweiten Freund gewonnen, doch nichts ist so wie es scheint.

Als ich in die enge Kajüte zurückkam, dankte mir der Wilde für meine Fürsorge u. aß die derbe Hausmannskos, als wäre es ein Präsidentenfestmahl. Ich verriet ihm meine wahren Beweggründe nicht, nämlich, je voller sein Magen, desto geringer seine Neigung mich zu verspeisen, sondern frug ihn stattdessen, warum er mich während seiner Auspeitschung angelächelt habe. „Schmerz ist stark, ja, aber Freundauge mehr stark.“ Ich bedeutete ihm, daß er so gut wie nichts über mich wisse u. ich nichts über ihn. Er zeigte auf seine Augen u. dann auf die meinen, als wäre diese einfache Geste eine umfassende Erklärung. (S.44)

Ich hatte mich gerade an Ewing gewöhnt, Seemannslieder im Ohr (Hurrah, you rolling river…) und wollte Santiano einwerfen um richtig in Stimmung für das Pazifiktagebuch zu kommen – da endet das Tagebuch mitten im Satz. Auf Seite 57. Was passiert denn hier? Überraschung – erstmal nichts mehr mit Ewing.

Zeit für den nächsten Roman Briefe aus Zedelghem. Ein junger englischer Komponist, Robert Frobisher, flieht 1931 vor seinen Gläubigern nach West-Flandern und sucht Unterschlupf bei seinem musikalischen Vorbild Vyvyan Ayes, der ihn zu seinem Assistenten macht. Spontan wird Frobisher der Geliebte von dessen Frau (wie man das halt so macht) und gibt vor, über genug flüssige Mittel zu verfügen und von niemandem abhängig zu sein. Doch weit gefehlt. Die Briefe, in denen sich langsam abzeichnet, dass der Komponist an einem Stück namens Wolkenatlas-Sextett arbeitet (wie die sechs Geschichten eben), richten sich an seinen Geliebten und Geldgeber Rufus Sixsmith (und wieder eine sechs!).

Sixsmith,

gepriesen sei der heilige Rufus, Schutzpatron der bedürftigen Komponisten, gepriesen über alles, amen. Deine Postanweisung kam heute morgen wohlbehalten an – schilderte Dich meinen Gastgebern als senilen Onkel, der meinen Geburtstag vergessen hätte. Mrs. Crommelynck sagte, eine Bank in Brügge werde die Summe auszahlen. Werde dir zu Ehren eine Motette schreiben und das Geld so schnell ich kann zurückzahlen. Schneller vielleicht als du glaubst. Der tiefe Frost auf meinen Aussichten taut ab. (S.80)

Doch allzulange sollen die Lesenden sich auch nicht an Frobisher erfreuen – eine Journalistin ist nämlich im nächsten Roman die Hauptfigur. Halbwertszeiten – Luisa Reys erster Fall beginnt mit Rufus Sixsmith, der mit Luisa in einem Aufzug steckenbleibt. Luisa ist unterfordert in ihrem Job und hat eigentlich auch keine Lust mehr auf das Schmierblättchen für das sie schreibt. Rufus gibt ihr allerdings einen Tipp und mit einem mal ist Luisa hinter einer Story über die finsteren Machenschaften eine Atomkonzers her – blöd nur, dass ihre ,Journalisten‘-kolleg_innen wenig begeistert sind.

„Heißes Eisen, so eine Reaktor-Einweihung“, ruft Nussbaum. „Hört ihr das Gerumpel, Leute? Rollt da etwa ein Pulitzer-Preis auf uns zu?“ „Ach, leck mich, Nussbaum.“ Jerry Nussbaum seufzt: „In meinen feuchtesten Träumen …“ Luisa zögert- Soll sie zurückschlagen, dann zeigst du dem Wurm, wie sehr du dich ärgerst, oder soll sie ihn ignorieren, dann zeigst du dem Wurm, dass er sich einfach alles erlauben kann.“ (S.133)

Und wer dachte, diese Story sei chaotisch, der hat noch nicht den genial-unterhaltsamen nächsten Romanabschnitt Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish gelesen. Cavendish ist Verleger, sehr belesen, und hält sich für den Nabel der Welt. Mit seiner Meinung hält er nicht gerne hinter dem Berg. Momentan blättert er in einem windigen Romananfang über eine gewisse Luisa Reys, den er gnadenlos abwatscht, da die Autorin einfach viel zu „kalkuliert einen auf Kunst gemacht hätte“ (S.213). Auch die obere Aussage über die Metapher stammt von Cavendish und nimmt doch gleichzeitig auf sehr selbstironische Weise das verschachtelte Roman-im-Roman-Prinzip von Mitchell selbst auf. Cavendish landet durch fiese Intrige in einem knastartigen Altenheim, aus dem er sich dringend befreien muss:

Sklaventreiber freuen sich über einsame Rebellen, damit sie jemanden haben, den sie vor den anderen herunterputzen können. In allen Gefängnisbüchern, die ich gelesen habe, sei es Der Archipe Gulag, Brian Keenans Schilderung seiner Geiselhaft im Libanon oder Faustfutter, steht, dass Rechte durch geschicktes Feilschen nach und nach erkämpft werden müssen. Der Widerstand der Gefangenen rechtfertigt in den Köpfen der Gefängniswärtern nur umso härtere Bestrafungsmaßnahmen. (S.238)

Und um Gefangene geht es auch im nächsten Romanteil Somnis Oratio, in dem eine ,Duplikantin‘ von einem Archivar befragt wird. In einem Interview, das mithilfe eines Orators geführt wird und im Ministerium für Testamente archiviert werden soll, schildert die Klonfrau Somni, welcher Verbrechen sie sich schuldig gemacht hat.

Und sobald dieses Interview vorbei ist, begegnet man einem Erzähler der ganz besonderen Art. Ein alter Mann erzählt von seiner Kindheit und aus seinem Leben vor dem ,Untergang‘, vor dem Ende jeglicher Zivilisation, vor dem Ende von Literatur und Kultur, vor dem Ende einer Sprache, wie wir sie kennen. Abends am Feuer werden wieder Fabeln über das Leben erzählt:

Diese Fabel is nix zum drüber Schmunzeln, aber ihr wollt was von meim Leben auf Big Island hörn und das sind die Erinnerungen wo so aus mir rausflutschen. (S.327)

Der Wolkenatlas ist ein über 600 Seiten langes Fest. Ich hatte so viel Spaß an diesem Roman, bin kleinsten Verbindungen hinterhergejagt, habe mich über Mitchells Erzählkunst gefreut und war richtig traurig, als ich mich von Somni und Cavendish und Luisa verabschieden musste. Gerade weil jeder Roman einen ganz besonderen Stil hat, wurde die verschachtelte Geschichte nie langweilig. Die Frage danach, was uns als Menschen ausmacht, bleiben in jeder gesellschaftlichen Entwicklungsstufe erhalten. Und die Prognose sieht nicht gut aus: „Eines Tages muss die ganze räuberische Welt sich auffressen“ hatten schon die Schiffsreisenden (und zukünftigen Sklavenhalter) auf dem Weg zur Kolonie festgestellt, und auch einige Atomkatastrophen später steht es um die conditio humana nicht besser. Die Starken gegen die Schwachen, Korruption, Machtgier – doch es gibt eben auch Ausnahmen, von denen Mitchell erzählt. Dass die Grundidee hinter dem Wolkenatlas – ein Ozean besteht aus einer Menge von Tropfen, eine Menge Menschen besteht aus vielen unterschiedlichen Individuen und die sind alle völlig verschieden, hängen aber alle zusammen und können eventuell den Lauf des Schicksals bestimmen – philosophisch nicht der größte Wurf ist, fällt bei einem so genial geschriebenen und konstruierten Werk kaum noch ins Gewicht.

David Mitchell – Der Wolkenatlas. Übersetzt von Volker Oldenburg. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2007. 668 Seiten.

ISBN: 978-3-499-24036-2

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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