[Rezension] Ein Held erklärt – Erklärt Pereira

Pereira erklärt, ihm sei eine verrückte Idee gekommen, doch vielleicht, habe er gedacht, könnte er sie in die Tat umsetzen. (S.190)

erklaert_pereira-9783423124249Herr Pereira ist Witwer, spricht heimlich mit dem  Porträt seiner verstorbenen Frau, hat Herzprobleme und wiegt ein bisschen zu viel. Jeden Mittag isst er ein Kräuteromelette und trinkt dazu Limonade, literweise. Da so ein Zustand auf Dauer nicht förderlich für die Gesundheit ist, soll sich Pereira auf Kur begeben. Schwimmen, Bewegung, Thalassotherapie – mal ein bisschen abschalten. Wenn er gerade nicht auf Kur ist, ist Pereira Journalist. Aber nicht so ein investigativer Journalist, sondern Kulturredakteur der Wochenzeitung Lisboa. Sein Hauptthema: Nachrufe verstorbener Künstler_innen verfassen. Für Pereira haben Kunst und Politik nichts miteinander zu tun, er ist in dieser Hinsicht sehr blauäugig, denn im Sommer 1938 verschwinden auch in Lissabon immer wieder Menschen. Kritische Journalist_innen, Künstler_innen, diejenigen, die dem faschistischen System Salazars im Weg stehen. Bespitzelung und Zensur sind an der Tagesordnung.  Manchmal denkt Pereira über den Tod nach, doch dann isst er lieber wieder Kräuteromelette, trinkt Limonade und geht Spazieren. In einer Zeitung begegnet ihm ein Hinweis auf eine interessante philosophische Dissertation über die Frage nach der Wertschätzung des Lebens, die nach Meinung des Autors nur durch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod beantwortet werden könne. Pereira sucht den Philosophen Francesco Monteiro Rossi auf und bietet ihm eine Assistentenstelle. Wenn sich jemand mit Nachrufen auskennen sollte, dann ein promovierter Philosoph. Rossi hat allerdings eine ganz andere Vorstellung von Künstler_innen, die dringend porträtiert werden müssten, als Pereira. Durch die Begegnung mit Rossi beginnt Pereira seine eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen. Und auch die Bekanntschaft mit einer Freundin von Rossi, Marta, sorgt dafür, dass Pereira endlich begreift, worum es geht.

Die Bloggerin erklärt, dass sie dieser Roman sehr begeistert hat. Auch wenn  der Stil am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig war. Der Untertitel ,Eine Zeugenaussage‘ weist allerdings schon auf den größeren Zusammenhang hin. Pereiras Zeugenaussage muss ja fast vor den Regimevertretern stattfinden! Eine ziemlich dramatische Aussicht. Doch vielleicht erklärt Pereira sich auch einem interessierten Freund? Doch warum dann ,Zeugenaussage‘? Die Frage nach dem richtigen Handeln, danach wann eigentlich Widerstand beginnt, wird trotz der offensichtlichen Verhörsituation geschickt ausgelotet, erklärt die Bloggerin. Ein Roman, der sich lohnt, der zum Nachdenken anregt und der viel feinsinniger gesponnen wird, als die Bloggerin gerade erklären kann. Obwohl Pereira sich seitenlang erklärt, erklärt wird seine Zivilcourage doch nicht. Sind es vielleicht Kräuteromelette oder doch Limonade, die Pereiras Verhalten erklären könnten? Am Ende ist es Pereiras Entscheidung, die zählt. Beeindruckend, erklärt die Bloggerin.

Antonio Tabucchi wurde immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, durch zahlreiche andere Preise wurde sein Werk ausgezeichnet. In Italien wurden seine Romane Bestseller, vielleicht auch, weil der Schriftsteller auch immer wieder Kritik an Regierungschef Berlusconi übte. In einem Interview mit Deuschlandradio Kultur beschrieb Tabucchi Berlusconis Italien als Land des ,weißen Totalitarismus‘ . Formal seien demokratische Wahlen zwar möglich, allerdings liege die Konzentration der Macht bei Berlusconi, dem alle Fernsehsender gehörten. Für Tabucchi ein Umstand, der „wirksamer als Zensur“ sei. 2012 ist der Schriftsteller gestorben, sein Verleger Michael Krüger beschreibt ihn als einen ,großen antifaschistischen Denker‘.  Einen Nachruf, den vielleicht auch Rossi hätte schreiben können, findet ihr hier.

Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira. Eine Zeugenaussage. Übersetzt von Karin Fleischanderl. dtv 1997.

ISBN: 978-3-423-12424-9

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

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