[Rezension] Apocalypse, now – Herr der Fliegen

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Jasagen.

(Friedrich Nietzsche)

3-596-21462-9_237295Kindern wird gerne nachgesagt, dass sie eine reine Seele, wahlweise auch ein reines Herz haben. Ihre Arglosigkeit und ihre Unschuld sind ein Vorbild für die moralisch verkommenen Erwachsenen. Es hat lange Zeit gedauert, bis sich eine so verklärte Vorstellung von Kindern gesellschaftlich durchsetzte. In Willam Goldings Roman Herr der Fliegen, der 1954 erschien, wird allerdings ein ganz anderes Bild von Kindern gezeigt, ein Mythos wird dekonstruiert, wenn nicht sogar komplett auseinander genommen. Ein bisschen erinnerte mich diese kindliche Radikalität an den Roman Nichts von Janne Teller, in dem am Ende auch die Erwachsenen keine Ahnung haben, was sich am Berg der Bedeutung eigentlich so genau abspielt. Im Roman Herr der Fliegen wird ein anderes Setting gewählt, das allerdings genauso abgeschlossen und unzugänglich für die Erwachsenen ist, wie die verschlossene Scheune: eine Gruppe britischer Kinder im Alter von 6-12 Jahren landet auf einer einsamen Insel im Pazifik (und damit wird schon am Anfang ein typisches Setting für eine Robinsonade gewählt). Die Gründe für ihren Flugzeugabsturz bleiben im Dunkeln, es muss wohl etwas mit einer Atombombe zu tun haben. Schnell wird klar, dass sie sich als Gruppe organisieren müssen, um auf der Insel zu überleben. Was in Lost noch ansatzweise funktioniert, verwandelt sich in Herr der Fliegen in eine Katastrophe.

Anstatt darüber glücklich zu sein, den Flugzeugabsturz überlebt zu haben und gemeinsam an improvisierten Hütten zu bauen, bildet sich bereits am Anfang eine kleine Splittergruppe um ihren Anführer Jack. Die Kinder kennen sich aus einem Chor und machen alles, was Jack von ihnen verlangt. Im gegenüber steht eine anfänglich größere Gruppe um den Jungen Ralph. Ralph ist nicht besonders intelligent, aber sehr hübsch. Und er hat einen entscheidenden Vorteil: er hat ein Muschelhorn gefunden, mit dem er die anderen Kinder zu Versammlungen einberufen kann. Deshalb wird er zum Anführer gewählt. Ihm zur Seite steht der dickliche, asthmatische Piggy, ziemlich intelligent für sein Alter. Wenn Beauty und Brain sich zusammentun, kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?

Seine Stimme klang wie ein Flüstern im Vergleich zu dem rauen Ton des Muschelhorns. Er hob das Horn an die Lippen, holte tief Lust und blies noch einmal. Wieder kam der dröhnende Ton und sprang dann plötzlich, als Ralph noch kräftiger blies, eine Oktave höher. Jetzt war es ein schrilles Schmettern, noch durchdringender als zuvor. Piggy rief etwas, sein Gesicht strahlte vor Freude, und die Brillengläser glänzten. Vögel kreischten und kleines Tier lief durch das Dickicht. Ralph ging der Atem aus; der Ton fiel wieder eine Okatave tiefer, wurde zu einem dumpfen Geblubber, zu einem bloßen Rauschen. (S.24)

Doch die Kinder haben anderes im Sinn. Die Idee von Beauty sich den Regeln der Zivilisation auch unter widrigen Umständen zu unterwerfen, wird abgeschmettert. Die Kinder wollen mit Jack Schweine jagen, sie wollen Fleisch, und keine langweiligen Hütten bauen. Ralphs Idee, ein Feuer zu machen und dadurch Schiffe auf ihre Lage aufmerksam zu machen, missfällt. Irgendjemand muss ja schließlich das Feuer bewachen und warum sollte man sich darum kümmern, wenn es doch endlich keine nervenden Erwachsenen und keine Regeln mehr gibt? Die Situation droht zu eskalieren. Hinweise dafür gibt es genug:

„Das war’n feines Spiel!“

„Ja, nur ein Spiel“, sagte Ralph unsicher. „Ich bin beim Rugby auch mal schwer verletzt worden -“

„Wir müssten eine Trommel haben“, sagte Maurice, „dann wär’s erst richtig.“

Ralph blickte ihn an. „Wie richtig?“

„Ich weiß nicht so wie. Wir brauchen ein Feuer und eine Trommel und dann geht alles im Takt.“

„Und’n Schwein brauchen wir“, sagte Robert, „wie bei ’ner richtigen Jagd.“

„Oder jemand, der das Schwein macht“, sagte Jack. „Einer müsste sich verstellen als Schwein und dann so tun, als ob er mich umwerfen wollte und so -“ (S.161)

Doch bei Spielen bleibt es nicht. Es dauert nicht lange und die kleinen Wilden werfen sich in ihre Kampfmonturen und fallen übereinander her. Das paradiesische Idyll verwandelt sich ratzfatz in die Hölle auf Erden, als die Kinder  anfangen Piggy (Schweinejagd…) und Ralph über die Insel zu jagen. Gewalt, Rache, Ausbeutungsfantasien – die Kinder kennen keine Grenzen.

William Golding hat für den Roman 1983 den Literaturnobelpreis bekommen. Die Message ist einfach und unumstößlich, Homo homini lupus est, das Böse ruht im Innern, wie Simon ganz am Anfang auf der Insel, mit Schaudern, feststellt. Sobald die Zivilisation verschwindet, fallen die Schwachen den Starken zum Opfer, der dicke asthmatische Brillenträger hat keine Chance und diejenigen, die auf Regeln beharren, werden gnadenlos verfolgt. Eine ziemlich bittere Einstellung. Um diese Ausgangsidee zu untermauern, nimmt Golding in seiner Anti-Utopie in Kauf, dass einige Figuren eher schematisch angelegt sind, Gut und Böse sind klar getrennt. Ein, so scheint mir, typisches Verfahren in den 1950er Jahren um die Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zu verarbeiten. Doch die schematische Struktur hat mich kaum gestört. Die Robinsonade funktioniert gerade durch ihre Vereinfachungen und ist eine beeindruckende, pessimistische Parabel über das Wesen des Menschen.

William Golding: Herr der Fliegen (Lord of the Flies 1954). Übersetzt von Hermann Stiehl. Fischer 2012

ISBN: 978-3-596-21462-4

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat mal was mit Literatur- und Kulturwissenschaft studiert. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

2 Kommentare zu „[Rezension] Apocalypse, now – Herr der Fliegen“

  1. Da werden Erinnerungen an meine Schulzeit wach. 1969 haben wir das Werk im Englischunterricht gelesen.Deine Rezension gefällt mir sehr!!!

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