[Rezension] Pralinen, zartbitter – Himmel und Hölle

himmeluhoelle


Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man bekommt.

(Forrest Gump)

Ich mag Kurzgeschichten, aus demselben Grund, aus dem ich Kurzfilme mag. Das Genre des kleinen Formats fordert: auf wenigen Seiten muss ein Problem dargestellt werden, Figuren bekannt gemacht werden und kaum weiß ich, worum es geht, ist der Spaß auch schon wieder vorbei. Der Kurzfilm oder die Kurzgeschichte lässt mir keine Zeit, mich auf die vielen Verstrickungen der Protagonist_innen einzulassen. Ich habe keine Zeit, zu beobachten, wie das Baby mit der Blitznarbe auf der Stirn auf einer Treppenstufe abgelegt wird, um erst sechs Romane später, dem finalen Kampf zwischen „Dem, dessen Namen nicht genannt werden darf“ und meinem Lieblingszauberer beizuwohnen. Kurzgeschichten funktionieren einfach anders. Trotzdem müssen sich Schriftsteller_innen dieses Formats immer wieder anhören, dass ihr Talent für einen Roman wohl nicht gereicht habe. Doch das stimmt nicht. Es ist unglaublich schwer, eine gute Kurzgeschichte zu schreiben, es ist eine Herausforderung. Sie zu lesen, kann ein kleiner Genuss für eine Bahnfahrt sein, besonders dann, wenn man vielleicht gerade keine Nerven und keine Zeit hat, sich auf einen 1000-seitigen Wälzer einzulassen. Sie passen als kleines bitter-süßes Praliné irgendwo in den normalen täglichen Lesegenuss, was allerdings nicht heißen muss, dass sie leicht verdaulich sein müssen. Kurzgeschichten können fordernd sein, kompliziert, immer geschickt komponiert – gerade weil das Format  einen pointierten Schluss fordert.

Gleichzeitig ist es schwer über Kurzgeschichten zu schreiben. Wie soll ich meine Begeisterung mitteilen, ohne das Ende vorwegzunehmen, ohne zu viel zu verraten? Letztes Jahr habe ich eine Kurzgeschichtensammlung von Oringer für die Rory-Gilmore-Leseliste gelesen und war begeistert. Im Mittelpunkt der Erzählungen standen ohne Ausnahme junge Frauen, das Setting hatte manchmal etwas Surreales. Und am Ende gab es – wie erwartet – den großen Knall, die Überraschung, die alles in einem neuen Licht erscheinen lässt. Kurzgeschichten ganz nach meinem Geschmack, mehr ein Centershock (kennt die noch jemand?) als eine Yogurette. Genau so, wie eine Kurzgeschichte sein sollte.

Doch mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher. Alice Munro schreibt anders, weniger Centershock, aber dafür nicht weniger faszinierend. In Himmel und Hölle sind neun Erzählungen versammelt, in denen Frauen die Hauptrolle einnehmen und sich in den unterschiedlichsten Rückblenden erst pikante Details ergeben. Junge Ehefrauen, die nicht wissen, was sie eigentlich von ihrer Ehe erwarten; ältere Frauen, die auf ihre Ehe zurückblicken; Studentinnen, die voller Vorfreude ihrem alten Leben den Rücken kehren. Es sind alltägliche Geschichten, die den Lesenden präsentiert werden, die auch in der Gesamtschau eine gemeinsame Symphonie ergeben.

Die erste Erzählung Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit  (im englischen Original Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage), beschreibt im Titel treffend das Paradigma, in dem Munro ihre Erzählungen unterbringt. Oder anders gesagt: Munros Paradigma ist Forest Gumps Pralinenschachtel. Ich weiß immer noch nicht, was ich da bekomme – aber Zartbitter ist das Mindeste. Dabei hat gerade diese erste Erzählung der Sammlung noch am ehesten  eine novellenartige Struktur: zwei Teenager beschließen aus niederen Motiven (man könnte auch sagen, aus purer Gemeinheit) Amor zu spielen und sorgen durch gefakte Briefe dafür, dass eine verhuschte Haushälterin am Ende glücklich wird. Im Nachhinein ist der Streich „märchenhaft, dabei gleichzeitig banal“, eine Liebesgeschichte in spröden Sätzen, die überhaupt nicht banal daherkommt, so wie keine der Erzählungen.

Die Figuren erscheinen mir nicht kitschig oder weltfremd, stattdessen habe ich das Gefühl, ich könnte ihnen jederzeit auf der Straße begegnen. Und wahrscheinlich würde ich ihnen nicht einmal anmerken, was sie gerade durchmachen. Die anderen Erzählungen bieten folglich auch weniger Grund zu jubeln. Wo der Himmel beschrieben wird, ist die Hölle nicht weit und lauert schon auf den verschlungenen Pfaden der nächsten Erzählung. Neben sämtlichen Facetten des Lebens, die eben auch Krankheit und das Altern umfassen, taucht auch immer wieder der Tod auf. Suizide sind häufig (und überraschend viele Figuren sind Lehrer_innen oder haben zumindest Ambitionen zu unterrichten – aber ich glaube nicht, dass diese Beobachtungen zusammenhängen ;)). Judith Hermann, die ein Vorwort zu einem der Erzählbände von Munro geschrieben hat, beschreibt ihre Erzählungen folgendermaßen:

Es gibt in diesen Geschichten eine hinter dem scheinbar Alltäglichen verborgene Intensität, einzelne, kleine Momente, die so etwas wie einen tröstlichen Begriff vom «Stattdessen» schenken können: Wir er­warten etwas vom Leben, und das bekommen wir nicht; wir be­kommen aber stattdessen etwas ganz anderes. Und die Kunst ist, das zu begreifen und auch wertzuschätzen. *klick*

Gerade diese Beobachtung fand ich sehr treffend. In Oringers Geschichten liegt am Ende ein totes Kind unter dem Baum. Bei Munro erwarte ich das tote Kind oder die intensive Phase der Rebellion oder was auch immer mit diesem besonderen Moment, den ich miterlebe, vielleicht verbunden werden könnte. Doch es passiert – nichts. Der Moment in seiner ganzen Einzigartigkeit führt nicht zu einer Veränderung, man arrangiert sich eben und es ist nichts Schlechtes, was dabei herauskommt. Es geht eben weiter. Trotzdem ist etwas bahnbrechendes passiert, das sich allerdings nur im Inneren der Figuren zeigt. Oder wie Andreas Schäfer in der Berliner Zeitung schreibt:

Jede Kurzgeschichte kennt den Und-jetzt-Moment, in dem die Handlung, die Stimmung, das Selbstbild der Figuren umschlägt, in dem Motivketten neu sichtbar werden, Anspielungen sich als solche entpuppen und zu einem überraschenden Sinnzusammenhang schließen. *klick*

*SPOILER* In der Erzählung Was in Erinnerung bleibt, versucht eine Frau durch ständiges Umdeuten und Neudenken einer längst vergangenen Affäre mit diesem Seitensprung klarzukommen. Erst nach dem Tod des Ehemannes geht ihr auf, was ihr damaliger Geliebter eigentlich wirklich zum Abschied gesagt hat (und ja, jetzt tu ich es doch, entschuldigt!):

Sie ging einen Schritt auf ihn zu, um ihm einen Kuss zu geben – bestimmt etwas ganz Natürliches nach den letzten Stunden -, und er hatte gesagt: ,Nein.’ – ,Nein’, sagte er. Das tue er nie. (S.401)

Erst mit jahrelanger Distanz stellt sie fest, dass sie eben doch keine echte Alternative gehabt hätte, dass auch dieser kurze Ausbruch nur ein scheinbares Glück war. Dass es für ihn, diesen Menschen, der ihre Tagträume jahrzehntelang bestimmt hat, eben nie eine Alternative war, mit IHR zusammenzuleben.



Man kann diese Erkenntnis deprimierend finden und nicht akzeptieren (wollen), wie Birgit von sätzeundschätze ausführlich darlegt. Man kann sie aber auch fest umklammern und in diesen wunderbaren Erzählungen versinken und nach und nach diese bitter-süßen Pralinen aus voller Seele genießen. Wenn ich euch noch nicht davon überzeugen konnte, dieser genialen Schriftstellerin, die 2013 als 13. Frau (!), den Nobelpreis für Literatur bekam, eine Chance zu geben: Jonathan Franzen hat in der Welt genau erklärt, warum Munro Lesen ein absolutes „Muss“ ist, weil sie „das beste ist, was die zeitgenössische Literatur Nordamerikas zu bieten hat„. Und auch sonst gefällt mir sein Artikel sehr.  Viel Spaß!

Alice Munro: Himmel und Hölle. Neun Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zernig.

Fischer Taschenbuch Verlag 2013. 544 Seiten.

ISBN-13: 9783596510252  ISBN-10: 3596510252

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Autor: the lost art of keeping secrets

29. Hat einen M.A. in Literatur- und Kulturwissenschaft. Verliebt.Verlobt. Verheiratet.

3 Kommentare zu „[Rezension] Pralinen, zartbitter – Himmel und Hölle“

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